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xv. Mrgang

Marburg, Dienstag, 17. Februar 1880.

Rr. IO

OberMche jtitiiiiß

firfieint täalich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertage». Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JlnftrirteS Lonntagöblatt" durch die Expedition («och'sche SrscherM täg^ch °UM an «n "durch die Postämter des ätsche!, Sri** IMMh. BMellgebühr). - J°s°rtwnsgEr für die gespaltene Zeile 10 ff*.

Für in der Expedition zu ertheitende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 35 Pf*, berechnet. _____________

Die Cnlturdebatte im A-geordnetenhanft.

Das Abgeordnetenhaus hat sich acht Tage lang mit dem CultuSetat beschäftigt. Die Debatten waren stellen­weise sehr erregte, ja stürmische. Das Centrum machte noch einmal seinem ganzen Widerwillen und Ingrimm gegen den Culturkampf und seine Produkte Lust; aber eS richtet seine Angriffe nicht sowohl gegen die an der Spitze der Regierung stehenden Personen, sondern gegen die Sachen und wurde nur da persönüch, wo ihm Männer entgegen traten, welche bei ihm in besonders üblem An­denken stehen, wie der Gründer des culturkämpserischen .deutschen Vereins", Herr Prof. v. Sybel und der ehema­lige Cultusminister Dr. Falk. An dem Reichskanzler gingen sie mit großer Vorsicht vorüber, dem Minister v. Puttkamer bewiesen' sie sogar ihr Vertrauen und als der Abgeordnete Moore sich im Eifer der Rede einmal gegen Herrn v. Puttkamer vergaß, suchte Herr Windthorst die Sache sofort wieder in Ordnung zu bringen. Einen wahr­haft stürmischen Charakter nahm die Debatte an, als der Abg. v. Sybel dem Centrum den Vorwurf machte, es habe bei Verlesung eines Kaiserlichen Erlasses durch den Abg. Petri ein „schallendes Gelächter" angestimmt und er dieses Gelächter auf den Erlaß bezog. Später mußte er selbst zugeben, daß er nicht ein „schallendes Gelächter" ge­hört, sondern nur ein „Lächeln" gesehen habe. DaS Crn- trum war über diesen Vorwurf höchst entrüstet und be­hauptete, es sei überhaupt nicht gelacht worden und wenn Jemand eine lächelnde Miene gemacht habe, so sei es ge­schehen nicht über den Kaiserlichen Erlaß, sondern über die Art und Weise, wie Herr Petri diesen Erlaß vorge- lrsrn und für feine Zwecke benutzt habe, überdies s« eS sonderbar, daß Herr v. Sybel den Leuten auch ansrhen wolle, worüber sie lachen. Herr v. Sybel war freilich auch gereizt durch die persönlichen Angriffe des Abg. v. Schorlrmer, der überhaupt viel zur Verschärfung und Ver­bitterung der Debatte beitrug. Für dir Simultcnschule s versuchten die beiden Abgg. Scyffardt eine Lanze zu brechen; allein auch ihre Vorträge bewiesen, daß, wie der Cultusminister v. Puttkamer mit Recht bemerkte, di« beiden Herren für eine verlorene Sache kämpften. Es konnte den Abg. Stöcker nicht schwer werden, dem Abg. Seyfsardt auf sein Loblied über die Krefelder Simultan« schulen zu entgegnen, daß gerade Krefeld den schlagendsten Beweis liefere, wie die Simultanschulen nicht Frieden, sondern Streit bringen und Gegensätze wachrufen. Be­züglich des Culturkampfes überhaupt machte der Minister j v. Putttamer die wichtigen Mittheilungen, daß die Ver­handlungen mit Rom noch im Gange feien und die Be­deutung von Vorverhandluugm hätten, daß aber die eigent- [ liche Beendigung des Streites auf dem Boden der LandeS- s gesrtzgebung, also durch eine Revision der Maigesetz- statt-

sinden würde. Die conservative Fraction erklärte durch Abg. v. Hammerstein, daß sie diese Gesetzesvorlagen ab- warten und sich dann dieselben vor Allem darauf ansehen werde, ob die evangelische Kirche keine neue Schädigung durch dieselben erleide. Das Auftreten deS CultuSministerS v. Puttkamer war rin äußerst taktvolles und Auges und hat viel dazu beigettagen, die Möglichkeit einer endlichen Beilegung des Streites zu fördern, ohne den berechtigtm Ansprüchen deS Staates irgend etwa* zu vergeben.

30,000 Mark überwiesen werde. Diesem Beschlüsse ist in dem neuen Etat pro 1880,81 zunächst durch Einstellung diese» Betrages unter die einmaligen Ausgaben entsprochen worden. ___________

In der verstärkten Agrarkommission erstattete Abg. Dr. Grimm als Referent einen umfangreichen und gründ­lichen Bericht über das sogenannte Hessische LooSholzgesetz. Die Ausführungen gingen von der Darlegung auS, daß eS sich um ein Recht der hessischen Untertanen handle, welches dem Schutze deS Gesetzes anverttaut sei. Aner­kannt wurde der in der Gesetzvorlage enthaltene Gedanke, an Stelle der Holztaxe deS Gesetzes vom 28. Juni 1865 eine Taxe treten zu kaffen, welche sich selbst ohne den großen Apparat der Gesetzgebung regulire, dagegen wurde verlangt, daß nicht die unsicheren Erhebungen von 1865, sondern der bestimmt berechnete Durchschnitt der letzten 10 Jahre der künftigen Taxe dergestalt zu Grunde zu legen sei, daß die LooSholztaxe stets 40 Procent weniger betrage als der DurchschnittSverkaufSwerth des HolzeS. Zugleich wurde verlangt, daß eine gesetzliche Regelung in Betreff der Reviere und der Holzqualitäten stattfinde, welche stcherstelle, daß die berechtigten Gemeinden unbedingt bei der Versorgung mit Holz nach dem Durchschnttte der Ent­fernung und der Qualität deS Holzertrages behandelt wür­den. Seitens des Vertreters der Staatsregierung wurden diese Ausführungen bestritten, jedoch von der Commission fast einstimmig die Anträge deS Referenten angenommen, welche eine Aendemng des Gesetzes nach obigen AuSführun- gen bedingten.

Neber den friedfertigen Inhalt der deutschen Thronrede spricht sich die „Times", wie schon kurz berichtet, im gün­stigsten Sinne auS. Das Cityblatt widmet dem Gegen­stände einen längeren Leitarttkel, an deffen Schluffe es heißt: Man darf der Aufrichtigkeit der deutschen Re­gierung in Bezug der ausgesprochenen Besorgniß für die Erhaltung b«8 Frieden» wohl Glauben schenken. Sie ist im Innern mit einer ernsten Arbeit beschäftigt, welche durch den Ausbruch eine» Krieges sicherlich unterbrochen und vielleicht in gefährlicher Weise gestört werden würde. Man darf nicht vergessen, daß das Kaiserreich noch keines­wegs ganz konsolidirt ist; wenn der Krieg von 1870 dessen Konsolidirung beförderte, so ist damit noch nicht gesagt, daß ein anderer Krieg den gleichen Effekt haben würde. Jede« Friedensjahr macht Deutschland stärker und erlaubt ihm, mit weniger Besorgniß der Zukunft entgegenzusehen. Graf Moltke sagte im Jahre 1870 offen heraus, daß Deutschland in sechs Monaten erlangt habe, was e« fünf­zig Jahre zu hüten haben werde; diese Sicherheit aber bietet den Frieden und nicht den Krieg. Das große Ziel eines deutschen Staatsmannes muß es sein, achtungsvolle

TaZesdericht.

Dem BundeSrathe ging der Freundschaft«-, Handel«-, SchifffahrtS- und Confularvertrag zwischen Deutschland und dem Königreich der Hawaii-Inseln zu, ferner der Antrag deS Reichskanzlers auf Ermächtigung, über einen Freund­schafts-, Handel«-, SchifffahrtS- und Consular - Vertrag zwischen Deutschland und Mavagascar mit der Hova- Regiemng zu verhandeln, auf der Grundlage, daß dadurch dm deutschen Reichsangehörigen auf Madagascar dieselben Rechte wie dm Angehörigen anderer Staaten, besonder« auch das Recht zur Erwerbung von Grundbesitzt, zuge- fichert werde.

Die Präsidentenwahl im Reichstag hat unbestreitbar eftrc Niederlage der nationalliberalen Partei bewiesen. Trotz aller Unterstützung der „Wilden" gelang es dennoch der Partei nicht, mehr als 89 Stimmen auf ihrm Kandidaten zu vereinigen. Daß das Resultat der Wahl in diesem Sinne aussallen werde, haben wir vorhergesagt und war für Jeden, der die Patteiverhältnisse im Reichstage kennt, kein Geheimniß. Wenn die Nattoncckliberalen ttotzdem Herm v. Bmnigsm als ihrm Kandidaten aufstellten, so war das vollständig gerechtfertigt, indem die Partei da­durch ein geschloffenes Auftrttm als Partei dokumentirte. Wmn aber dann diese Partei bei dm späteren Wahlen der Vicepräsidmten Wahlenthaltting übte, indem sie weiß« Stimmzettel abgab, so war da« ein Armuthszeugniß, daL sie sich selbst ausstellten, und zeigt am deutlichsten die Muthlostgkeit, welche in ihren Reihen ausgebrochen, und die von Tag zu Tag im Zunehmen begriffen. Al« daS Centrum bei früheren Wahlen in der Minorität sich be­fand, setztt sie bei allm Wahlm stet« ihren Prästdent- schaftSkandioaten dem Gegner gegenüber. Die Wahl de« Grasen Arnim ist übrigm« al« ein Ausdruck der Hoch­achtung aufzufaffm, der ihm persönlich von den Cvnser- vativen dargebracht wurde.

Der Reichstag hatte in seiner lehtm Session den Be­schluß gefaßt, dm Reichskanzler zu ersuchm, bei Ausstel­lung des nächstjährigen Reichshanshaltsetats darauf Bedacht zu nehrnm, daß der zoologischen Station des Dr. Dohm in Neapel ein erhöhcter Zuschuß im Gesammtbetrag« von

Eine silberne Hochzeit.

Erzählung von Ferdinand Gilles-

(Schluß.)

Er blickte seiner vor Freude sprachlosen Frau lange in’« Auge, bann griff er nach ihrer Hand, drückte sie fest in der seinen und sprach mit leise bebender Stimme:

„Hast Du mir verziehen, Theres«?"

Sie finkte den Blick, schwieg eine Weile und hob dann wieoer, «chrnüthig lächelnd, «e« Auge zu dem Fragendm empor.

„Laß daS!" sagte sie, „laß die Vergangenheit ruhen, wir -find beide gleich thöricht gewesen und haben berde auch gleich bitter unsere Thorheit gebüßt. Ob Du im fernen Westen ein ruheloses Leben fristetest Hnd ob ich hier in aller Stille mein Leid zu begraben, suchte: der größte Schmerz für ein liebendes Herz ist die Trennung von dem Geliebten!"

„Therese, ich habe schwere« Unrecht an Dir wieder gut "zu machen. Ich habe Dich zu entschädigen für eine zwanzigjährige Seelenpein, und in diesem Augenblicke ver­größerst Du meine Schuld, verdoppelst sie durch Deine Grvßrnuth." Rhemfeld sprach diese Wotte mit einer ge­wissen Beschämung, wie wenn es ihn als Mann schmerze, so großmüthig« Verzeihung bei einer Frau zu finden, welche et so unendlich schwer gekräntt hatte. Therese schien das zu bemerken. Sie schloß ihn weinend in ihre Arme und flüsterte ihm zu: .

„Laß ruhen das Geschehene und sprich nicht mehr von langst vergessenen Dingen; wir wollen ein neues Leben beginnen und wieder — glücklich sein, Kuno!"

„Ja, das wollm wir!" rief Reinfeld mit vor Freud«

der Prophet, der uns dieses Glück geweissagt hat, nicht selbst mehr Zeuge deffelben fein kann — er fiel als Held!"

„Ich weiß eS!" sagte Rheinfeld ernst, und eine Thrän« fiel von seiner Wimper. „Er war ein wackerer Mann, der es treu mit unS gemeint hat. Sein Andenken soll un« heilig bleiben!"

Acht Tage später, am 28. Mai 1877, strömten der Wohnung des Dr. Tipper zahlreiche Gäste — Tipper hatte eS sich nämlich ausbedungen, daß die Feier in seinem Hause stattfinden sollte — zu Fuß und zu Wagen zu. ES waren die grvßattigsten Vorbereitungen getroffen worden, und sösier daS ganze Städtchen war auf den Beinen.

Bei bet Kirchenfeier war das große HauS gedrängt voll von neugierigen Menschen, die sich alle nicht genug darüber wundern konnten, daß ein Paar, welches seine silberne Hochzeit feierte und schon Großvater und Groß­mutter war, noch so schön und stattlich auSsah. Und in der fcljat, Kuno und Therese waren wie verjüngt — eS war eine wahre Lust, dieses Jubelpaar, das 20 Jahre von einander getrennt gewesen, jetzt wieder als Braut und Bräuttgam vereint zu sehen! Rheinfeld, der seinen mächtigen Vollbatt, den er aus Amerika mitgebracht, bis auf den martialischen Schnurrbart hatte abnehmen laffen, erschien, wie seine Frau, mindestens um 10 Jahre jünger, al« er wittlich war. Die Beiden hätten mit Ehren als ein Paar gelten können, welches sich überhaupt erst vermählte — und doch waren sie schon Eltern und Großeltern!

Zn dem Festmahle waren die ersten Familien des Städtchen« geladen worden, auch der hohe Beamte, der sich einst bei Therese einen Korb geholt; er hatte ihr lange geschmollt, aber jetzt war er auSgesöhnt, er begriff ja, daß fie wittlich nicht anders hatte handeln können. Ja, eS

strahlendem Blick und «endete sich dann um nach feiner Tochter und deren Mann.

„Du also bist meine Tochter, meine Therese", sagte et zu der jungen Frau, Ja, Du bist daS verjüngte Bild Deiner Mutter, so sah sie aus, ganz so, al« wir von ein­ander — schieden! Komm' an das Herz Deines Vaters, mein Kind. Ich habe oft und viel an Dich gedacht und habe oft zum Himmel gefleht, daß.er Dich glücklicher möge werden lassen, wie Deiifi Mutter. Ich sehe, der Himmel hat mein Gebet erhört; betrti in Deinen Augen lese ich's, daß Dein Herz zufrieden ist, daß Du glücklich hist als Gattin und Mutter."

Er umarmte und küßte sie, umarmte dann auch den Doktor nnd herzte seine Enkel.

„Und Du kleines, liebes Ding", sagte er zu Ella, „bist die Veranlassung —"

Tipper blickte ihn bebedfam en und Rheinfeld schwieg; nach einer Weile wandte er sich wieder an feine Frau und sprach:

„Weißt Du euch, Hebe Therese, daß «» in acht Tagen gerade fünfundzwanzig Jahre werden, feitbem wir uns verheirathet haben?"

„Fünfundzwanzig Jahr«?!"

„Ja, fünfundzwanzig 1 ES war am 28. Mai 1852!"

„DaS trifft sich zu schön," sagte Tipper, „so können wir also über 8 Tage Eure ftlberne Hochzeit feiern!"

„O, daran hatte ich noch gar nicht gedacht!" wandte sich Frau Rheinfeld an ihren Mann, „wir halten über 8 Tage Hochzeit und werden, wie der brave Hauptmann Buchholtz einmal sagte, als Großpapa und Großmama noch wieder Flitterwochen durchmachen. Schade nur, daß

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte« sowie d.Annoncen-Bureaux von ®. L- Daube & Co. in Frankfurt a. M; JSger'sche Buchhandlung daselbst,; Hermannffche Buchhaudl. daselbst; Jnvalidendaist in Berlin; W. ThieneS in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen.

fmtigen nimmt entgegen: He Expedition b.Blatte«, (ggrie d.Annoncen-Bureaux ggn Tb- Dietrich & Co. in gaflel und Hannover; Th Mrich in Frankfurt a.M.; -aasenstein & Bögler in tfinksurt a. M., Berlin, s>i»iig, Cöln ic.; Rudolf flrffe in Berlin, Frank- hitf e. W ic.