Einzelbild herunterladen
 

ftr« 39.

Marburg, Sonnabend, 7. Februar 1880

xv. Jahrgang

Lungen nimmt entgegen: ttk Expedition b.Blatt ei, sowie d-Annoncen-Bureaux oon Th. Dietrich & So. in Mel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt aM.; Bsenstein & Bögler in rlfurt a- M., Berlin, zig, LSln rc.; Rudolf Koste in Berlin, Frank­furt a. M re.

OlikcheM ji'itnug

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blattes sowie d-Annoncen-Bureaur von S. 8-Daube L So. in Frankfurt a. M; Jägerische Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvalidendanl in Berlin; W- LhieueS in Elberfeld: 6. Schlotte in Bremen-

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiettagen. Preis für das Quattal mit der wöchentlichen BeUage „Ulnftrirte» EonntagSblatt" durch die Erpedition («o ch'sche ® * Buchdruckereij bezogen Wart, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 8 Wart 50 Pfg. (e$cL Bestellgebühr). - JnsertwnSgebühr für bte gespaltene Zelle 10 Psg.

Für in der Expedition zu ettheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 85 Pfß. berechnet. _________

Die Freizügigkeit.

Die Freizügigkeit sollte angeblich ebenso wie die Ge- werbefreiheit zum Besten der Gewerbtreibenden dienen. Thatsächlich aber sind beide Gesetze gerade für die Gewerbe die allergefährlichsten geworden. Denn die Gewerbefreiheit kam eigentlich nicht den Gewerbetreibenden, sondern den Cavitalisten zu gut, diesen war eS nun erlaubt, jede» ge­winnreiche Gewerbe als Handelsgeschäft zu betreiben, ohne es je gelernt zu haben. Die Folge war, daß weder die Handwerker mit den ins Große betriebenen Capitalisten- Geschaften noch die alten Fabrikanten mehr mit den Aktien­gesellschaften concurriren konnten. Was half den alten Handwerkem die Freiheit, auch jedes beliebige Gewerbe zu betreiben? Was hilft's dem Schlächter, wenn ihm die Möglichkeit gegeben ist, auch noch ein Tapezier- und dem Schuster, wenn ihm gestattet ist, auch noch ein Malerge­schäft zu etabliren, während ihnen dagegen eine ganze Reihe von Fleischwaaren- bezw. Schuhwaarenhändlern durch ihre Concurrenz das eigene Geschäft ruiniren? Als das Gesetz einzesührt wurde, sagten die liberalen Blätter, um das Volk dafür zu gewinnen: durch die Gewerbefreiheit würden auch die, welche zwar nicht im Stande wären, eine Meister­prüfung zu bestehen, aber doch ganz tüchtige Arbeiter wären, die Möglichkeit erhalten, ein selbstständiger Geschäft zu ttabliren, und je mehr Geschäfte, desto größer die Concur­renz und je größer die Concurrenz, desto billiger und besier würde da« Publikum dann seine Bedürfnisse befriedigen können. Thatsächlich ist aber das Gegenthell eingetreten: er ist seit Einführung der Gewerbefreiheit Alles theurer und das Meiste ist auch schlechter geworden. Vorthcil haben von diesem Gesetz nur die Leute gehabt, welchen ein genügendes Capital zu Gebote stand und die sich liicht ge- nirten, jedes beliebige Geschäft zu treiben, also die Maga­zin-, Wanderlager- und die Geldhändler. Ganz ähnlich ist eS mit der Freizügigkeit. Auch diese hat dem soliden Ge­werbebetrieb nichts genützt, sondern ist ebenfalls nur dem mobilen Capital so wie den Hausnern und Vagabunden zu Gute gekommen. Was hilft eS dem seßhaften Hand­werker, dem Bäcker, Schlächter, Tischler, wenn man ihm die Freiheit giebt, sich an jedem beliebigen Orte niederzu­lassen? Er kann nicht, wie der vagircnde Handwerksbursche sein Felleisen oder der Hausner seinen Kasten oder Quer­sack, seine Werkstatt auf den Buckel nehmen und damit hausirend im Lande herumwandern. Ihm kann nur helfen, wenn am Orte selbst seinem Geschäfte die nöthige Förde- rung zu Theil wird. Aber wenn eine Anzahl auswärtiger Gelvleute in seinen Wohnort ziehen und Concurrenzge- schäfte anfangen, wie das in hundert Fällen geschehen ist, so liegt eS aus der Hand, daß die gepriesene Freizügigkeit eben so wenig wie die Gewerbefreiheit dem Gewerbebetrieb zu Gute kommt. Die Freizügigkeit hat aber noch den Nachthell, daß sie die Handwerkerjugend an das Vaga­

bundenleben gewöhnt, welches der Ruin der sttllichen wie gewerblichen Tüchtigkeit derselben ist. Unbekannt, unbeob­achtet, ohne jeden sittlichen bewahrenden Einfluß zieht ein so großer Theil der Arbeiterjugend im Lande umher und geht dabei leiblich, sittlich und gewerblich zu Grund. Es laufen so viele Vagabunden im deutschen Reiche herum, daß man ganze Armeecorps aus ihnen bilden könnte. Von den 25,000 vagabundirenden bettelnden Handwerksburschen u. s. w., welche sich im vorigen Jahre in Basel bei der Gesellschaft gegen den Haus- und Gassenbettel und auf der Armenherberge einfanden, waren 19,000 Deutsche! Im Jahre 1848 rekrutirten sich bekanntlich die badensischen Freischärler und die großstädtischen Barrckadenhelden meist auS den vagabundirenden Handwerksburschen, wie sie auch damals vermöge der Freizügigkeit im Theuerjahre 1847 im Lande herumgezogen waren. Die Städte und nament­lich auch die in der Nähe derselben gelegenen Ortschaften leiden unter der Freizügigkeit noch schwerer als das flache Land. Von dem Nachbardorfe Ilversgehofen bei Erfurt wurde in der „Neuen Erfurter Ztg." kürzlich mitgetheilt, daß dieses Dorf 1816 nur 141 Einwohner zählte, 1867 764, 1871 schon 932, 1875 aber bereits 2447 und jetzt 3100. Die Bevölkerungszahl ist also erst mit Einführung der neuen Gewerbeordnung so colossal gestiegen. Dadurch ist dieses sonst wohlhabende Dorf völlig ruinirt worden. Die zugegangene Bevölkerung ist armes Volk, welches keine oder nur äußerst wenige Steuer zahlt und zu den Ge­meindekosten so gut wie nichts beiträgt. Die Gemeinde aber hat nun vier neue Schulstellen begründen, sonstige große, mit der Ausdehnung des Ortes zusammenhängende Ausgaben, namentlich auch für Armenpflege machen müssen, so daß die Eommunalsteuem die Höhe von 200 Prozent der Staatssteuern erreicht haben. Die wohlhabenden Leute werden durch die hohen Abgaben ruinirt und die arme zu­gezogene Bevölkerung sitzt nun arbeitslos da und darbt, so daß das früher wohlhabende blühende Dorf jetzt eine Brutstätte der Armuth und der gräßlichsten Nothstände ist. Aehnlich geht's wohl noch vielen Orten. Die in der Welt umherwandernden Freizügler verkommen sittlich und wirth- schastlich und die Gemeinden, wo sie sich niederlassen, sind genöthigt, ihren Kindern für Schulen zu sorgen und ihnen auch, wenn sie 2 Jahre dagewesen sind, Armenunterstützung zu gewähren. Wo solche schwere Pflichten den Gemeinden aufgelegt werden, da muffen ihnen doch auch Rechte zum Schutz gegen Mißbrauch ihrer Pflichten gegeben werden. Daran aber fehlt eS, und so ist nach jeder Seite hin eine Revision dieses Gesetzes dringend nöthig.

Tagesverrchtt

Der Kaiser hat für die auf dem Schachte Meißen bei Minden Verunglückten und deren Hinterbliebenen eine Unterstützung von 1000 Mark bewilligt.

Im „Schwäbischen Merkur" lesen wir, die „deutsche Militärvorlage" betreffend, Folgendes: Die Heeresleitung verlangt zu Ausgleichung des auf Seiten unserer mög­lichen Gegner bestehenden Uebergewichte« an HeereSstärke, in Zahl der Mannschaften und Geschütze, hinreichende Ver­mehrung in unserem Heere. ES wird Niemand zu be­haupten wagen, daß die Männer, von wlechen diese Forderung ansgeht, keine Fachmänner in des Wortes wei­tester Bedeutung und nicht befähigt seien, die objektiv rich­tigste Kenntniß der Sachlage zu haben. Es wird Nie­mand ihnen mit Grund den Vorwurf machen können, sie überschätzten einerseits die Kraft der Gegner, indem sie die eigene unterschätzten. Andererseits wäre eS der schnödeste Undank, Männern gegenüber, die so wichttge Dienste der Nation geleistet haben, an ihrem Pattiottsmus zweifeln und sie verdächtigen zu wollen, als ließen sie sich von anderen Motiven als denen der dringendsten Nothwendig- teit leiten, indem ste eine Vermehrung der HeereSlasten als unabweisbar bezeichnen. Da die Kriege nicht mehr wie in vergangenen Zeiten mit Söldnerheeren, sondern mit den ungeheuersten Einsätzen von VolkSkraft an Men­schen und Vermögen geführt werden, so ist in jedem neueren Kriege die Existenz der unterliegenden ThelleS auf das Schwerste bedroht. Die Vernachlässigung von Vorbereitungen, die von kompetenter Seite als unumgäng­lich nöthig gefordert werden, wäre geradezu ein Verbrechen an den höchsten Gütern der Nation. Da die Wenigsten verblendet genug sind, dies nicht einzufehen, so ist nicht zu befürchten, daß sich ein namhafter Widerstand gegen die Wünsche der überwiegenden Mehrheit der Nation bei dm Verttetern derselben im Reichstag finden werde. DaS Ausland wird indeß den Verhandlungen hierüber im Reichstage mit athenlloser Aufmerksamkeit lauschen, und wir wollen zur Ehre Deutschlands hoffen, daß der Grad­messer des deutschen Pattiottsmus nicht unter dem unserer westlichen Nachbarn stehen werde.

Die „Politische Correspondenz" meldet ans Risch, die Skupschtina werde um Mitte Februar geschlossen werden.

Deutsche» «eich.

•« Berlin, 5. Februar. Während nach dem bis­herigen Zolltarif Reis zur Stärkefabrikation unter Kon- trole zollfrei war, unterliegt derselbe nach dem neuen Taris einer Abgabe von 1,20 M. für 100 Kilogramm. In Folge dieser Aenderung bedürfen die bisher gültigen Vor­schriften über die Gestattung der zollfteieu Einfuhr von Reis zur Stärkefabrikatton einer Modifikation. Dem Bundesrath ist nun ein Entwurf von Bestimmungen, be­treffend die Zollbegünstigungen der Reisstärkefabrikation zur Beschlußnahme vorgelegt worden. Nach denselben sollen

Eine silberne Hochzeit.

Erzählung von Ferdinand Gilles.

(Fortsetzung.)

Zwei Tage nachher kam er wieder und dann immer regelmäßig die Woche zwei- bis dreimal. Beim Weggehen — er blieb nie, bis Rheinfeld aus dem Dienst kam — schärfte er Theresen stets ein, ihrem Manne ja nichts von seinem Besuche zu sagen. „Zu dieser Bitte bewegt mich etwas ganz Besonderes," setzte er einmal hinzu, „und dann ist auch Kuno's stille Freude vorbei, wenn meine Besuche nicht mehr den Schleier geheimnißvoller Verschwiegenheit deckt." r _

Mißtrauen war, wie bemerkt, Theresen fern, sie war harmlos genug, sich von den Machinattonen des Assessors bethören zu lassen und sagte ihrem Manne auch ferner nichts von dem Besuche seines Freundes. Dalberg war ja auch in seinen Reden stets anständig, ohne sich das Geringste zu Schulden kommm zu lassen. Wo sollte sie also Grund zu irgend welchem Argwohn haben. Er sprach von Theater, Kunst, Stadtneuigkellen und dergleichen. Und doch, ein unbefangener Beobachter würde bald aus Dal­bergs Unterhaltung feine Absicht erkannt haben; denn Dalberg ließ eS in seiner gewandten Erzählungsweise nicht fehlen an scherzhaften, aber natürlich deceuten Anspielungen.

Als er an dem bewußten Nachmittag kurz vor 4 Uhr wieder eintrat, war Therese in die Motive eine« Romans vertieft, den Dalberg ihr ein Paar Tage vorher mitgebracht hatte. Es war ein Opus in dem von Wilhelm Hauff so glänzend bekämpten Stile des seligen Clauren.

Therese war von der Lektüre sichtlich erregt, was dem Assessor nicht entging. „Heute oder nie!" sagte er sich.

„Ich will nicht stören, gnädige Fran; wenn Sie weiter lesen wollen, so werde ich mich mtt Ihrer gütigen Erlaub- niß sofort wieder empfehlen", sprach er, sich höflich ver­beugend.

„Nein, bitte, bleiben Sie, Herr von Dalberg Sie stören mich durchaus nicht. Ich bin eben zu einem Kapitel­schluffe angelangt und werde meine Lektüre morgen sort- setzen. Der Roman ist sehr spannend geschrieben, nur befremdet mich der Stll bisweilen. Auch scheint mir manches zu phantastisch, ich meine, der Dichter müßte sich mehr an das wirkliche Leben halten", antwortete Therese, indem sie das Buch bei Seite legte.

„Sie haben Recht, gnädige Fran", meinte der Assessor verbindlich, „ein Dichter muß sich Ms nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit richten, er muß das Leben schildern, wie eS ist, er darf uns keine (Situationen vorführen, die nicht dem wirklichen Leben entsprechen; er muß bei der Wahrheit bleiben, wenn seine dichterischen Gebilde uns voll befriedigen sollen. Nur fragt eS sich, wo fängt die Wahr­heit an und wo hört sie auf? Das menschliche Leben ist sehr wechselvoll und mannigfaltig, und ich meine, je mehr Jemand Gelegenheit gehabt, das Leben in feiner bunten Mannigfaltigkeit kennen zu lernen, desto mehr wird er ge­neigt fein, die Grenzen der dichterischen Wahrheit möglichst weit zu ziehen. Wenn Sie daher gestatten, gnädige Frau, daß ich Ihnen widerspreche, so möchte ich behaupten, daß manche Situationen, die Ihnen in diesem Romane als phantastisch und unwahr erschienen sein mögen, dennoch durchaus der Wirklichkeit entsprechen."

„Ich habe Sie nicht ganz verstanden, Herr Assessor", entgegnete Therese; „aber ich meine, ein Dichter wäre bann wahr, wenn er nie unserer Vernunft widerspricht."

„Wenn dem so wäre, so müßten alle Menschen stets der Vernunft gemäß handeln und reden, was doch gewiß nicht der Fall ist; denn die meisten Menschen sind meist in ihren Gedanken, Worten und Werken unvernünftig."

„Demnach würde also das Unvernünftige der beste Vorwurf für den Dichter fein; so meinen Sie doch?" warf Therese schlagfertig ein.

„Das nicht, gnädige Frau", erwiderte Dalberg, „der Dichter muß Vernunft und Unvernunft so mischen, wie dies thatsächlich im menschlichen Leben der Fall ist. Wenn der Dichter uns nur vernünftige Menschen vorführen wollte, so würde er weder komische noch auch tragische Situationen Herstellen tonnen."

„Ich habe weder das befttetten wollen, noch auch das Gegentheil behauptet", sagte Therese, „wenn ich sagte, ein Dichter dürfe nie unserer Vernunft widersprechen, so heißt das nicht, Alles was er vor unS geschehen läßt, müsse von den Gesetzen der Vernunft diktirt sein, sondern eS heißt, der Dichter muß uns daS Leben so schildern, wie unsere Vernunft uns sagt, daß eS wirklich ist."

„Auch dem muß ich mich widersetzen, doch hoffe ich, daß Sie mir deßhalb nicht zürnen werden. Die mensch­liche Vernunft ist nämlich nicht so positiv und objektiv, daß nicht auch sie in die Schule des Lebens gehen müßte und der Ausbildung durch Erfahrungen bedürfte. So kann z. B. dem Einen ein Beweis vernunftgemäß genügen, wogegen ein Anderer durch tausend Vernunfsgründe ent­kräftet, was die Vernunft des Ersteren unangefochten ließ."

„Und daraus wollen Sie folgern?"

(Fortsetzung folgt.)