Ur. LS.
Äiaclrurg, Mittwoch, 28. Januar 1880
xv. Mw
Sn,eigen nimmt entgegen: He Sxpedttto« d.vlatte», sowie d-Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Gaffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Laasenstein & Bögler in Frankfurt a M., Berlin, Leipzig, Eöln rc.; Rudolf Nosie in Berlin, Frankfurt a. M tc.
Wechesslschk jrihiiio
Anzeigen nimmt entgegen die Expeditton d. Blatte» sowie d- Annoncen-Bureaux von G-8-Daube & Co. in Frankfutt a. M; JLger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvalidendanl in Berlin; W- Thiene» in Elberfeld; 6. Schlotte in Bremen-
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Die Exped. d. Oberh. Zeitung.
Tagesbericht.
Der Kaiser empfing gestern Nachmittag um 1 Uhr dm russischen Botschafter in Berlin, Herrn v. Oubril, in feierlicher Audienz zur Entgegennahme seines Abberusungs- schreibenS. Der neuernannte russische Botschafter Saburoff ist gestern Morgen, von dem Personal der Botschaft empfangen, in Berlin eingetroffen.
Fürst Bismarck ist gestern Abend um 6 Uhr in Berlin eingetroffen.
Bon dem vortragenden Rathe im Ministerium des Indern, Geh. Rath Herrfurth, und dem HülfSarbeiter in demselben Ministerium, Landrath Studt, ist eine Finanz- statistik der Kreise des preußischen Staates für das Jahr 1877—78 veröffentlicht worden. Nach derselben betrugen in dem genannten Jahre die Ausgaben sämmtlicher Kreise 45,277,071 Mark (gegen 1869 ein Mehr von 19,545,780 Mark). Sämmtliche Kreise der Provinz Hessen-Nassau hatten Ausgaben im Betrage von 141,224 Mark (90,116 mehr gegen 1869). An Kreissteuern wurden in der Monarchie erhoben 22,797,812 Mark (11,541,194 mehr gegen 1869), in Hessen-Nassau 75,968 Mark (47,933 mehr gegen 1869). Natürlich haben die Kreise auch Einnahmen aus eigenem Vermögen, Grundstücken, Gebäuden, Werth- papieren u. s. w. Daö Vermögen sämmtlicher Kreise in der Monarchie betrug 43,204,594 Mark, in der Provinz Hessen-Nassau 45,132 Mark. Die Schulden sämmtlicher Kreise belaufen sich auf 93,366,008 Mark, in der Provinz Hessen-Nassau auf 45,132 Mark. Die Schulden sämmt- licher Kreife haben sich seit 1869 vermehrt um 28,970,533 Mark, in Hessen-Nassau um 38,517 Mark.
Die vom Cultusminister dem Landtage vorgelegte Denkschrift über die Bekämpfung des Lehrermangels in Preußen hat den Zweck, mitzutheilen, was von Seiten der Regierung geschehen ist, um dem Beschlüsse des Landtags von 1871 zu genügen, welcher die Regierung aufforderte,
Der Selbstrichter.
Charakterskizze von Emil Richter.
(Fottsetzung.)
13.
Mit fester Hand und festem Sinn war Julius seinen Weg gegangen, llnerschüttert noch behauptete er, was er für sich selbst festzestellt hatte. Ihn kümmert nicht die äußerliche Meinung; er dachte nicht an das Gesurr von Recht und Unrecht, in dem die Menschen ihr feiges Niederbeugen vor der Gewallsamkeit bejammern, entschuldigen Und beschönigen, und er war fern von den kalten Belüpfe- lungen, in denen die Welt die Geschehnisse markirte. Er halte sich sein eignes Bewußtsein gebildet, das Bewußtsein, mit ihm sei das Recht des Herzens; das einzig wahre Menschliche Recht, das beginne mit dem ersten Herzensschlag Und endige mit dem letzten und das zu behaupten die erste Menschliche Pflicht sei. Dies Recht und die Behauptung dieses Rechtes hatte ihn zum Conflikt geführt; er war Sieger im Kampfe geblieben, wie hätte er unterliegen können. Wenn die Welt von einem Mord sprach, wußte ste den Hergang? Ec ließ sie bei ihrer Meinung; sie hatte der Streitsache fern gestanden, fo hatte sie auch nicht» zu khuu mit dem Austrag derfelben. Dachte sich Julius, er hätte den Streit mit seinem Bruder, den Frevel, dm ihm Reser angethan, vor die Welt gebracht — so hörte er auch schon den spöttischen Hohn sich entgegenklingen, das Gelächter öder den geschickten Handstreich, durch den Albert sich in hm Besitz der reichen Erbin gesetzt hatte! Was war ihm selbst bu reiche Erbin? Julius dachte nicht an sie und an den Reichthum, den er vereinigen werde, wenn er in das ^vppelerbe seines Bruders eintrete. Er dachte nur an
„dem dringenden Bedürfniffe nach Errichtung neuer und Erweiterung bestehender Schullehrer-Seminarien schneller als bisher abzuhelfen." Die Präparandenanstalten, deren Preußen im Jahre 1870 nur 76 zählte, wurden bis 1879 auf 110 vermehrt. Die Zahl der ausgebilveten Lehrer aber ist in diesem Zeitraum von 5006 (1870) auf 9404 (1879) gestiegen, welches Ergebniß durch Errichtung von Parallelklassen an den Lehrerbildungsanstalten erreicht wurde. Im Jahre 1970 kam je ein Seminarist auf 4727; im Jahre 1879 auf je 2717 Einwohner. Jetzt werden jährlich 3100 Lehramtskandidaten verfügbar. Im Jahre 1873 waren von 52,056 ordentlichen und außeror- Lehrstellen 3616 vacant oder nicht vorschriftsmäßig besetzt. Im Jahre 1877 waren von 56,680 Lehrstellen noch immer 4581 Stellen unbesetzt oder nicht vorschriftsmäßig besetzt. Wenn man aber die Bestimmung, daß nicht mehr als 80 Kinder auf einen Lehrer kommen sollen, und daß in mehr- klassigcn Schulen noch unter diese Zahl heruntergegangen werden soll, festhält, so ist der Lehrermangel noch viel größer. Eine hierauf bezügliche Untersuchung aber hat ergeben, daß die Zahl der überfüllten Klaffen 8087 beträgt und daß zur Beseitigung dieses Uebelstandeö 8477 Lehrkräfte erforderlich sind und zwar würden 3990 Lehrer zur Beseitigung der „vorzugsweise dringenden Nothstände" verlangt. Unter diesen dringenden Nothständen versteht man die, wenn mehr als 120 Kinder auf 1, mehr als 200 auf 2 und mehr als 280 auf 3 Lehrer kommen. Nimmt man nun diese 8477 erforderlichen Lehrer zu den oben genannten 4581 hinzu, welche zur Besetzung erledigter Stellen thatsächlich gebraucht werden, und veranschlagt man die Zahl der vorschriftsmäßig geprüften Lehrer (von 1873—1877) auf 3488, dann erst erhält man die richtige Ziffer von 15,546 mangelnden Lehrkräften, die im Laufe der 6 Jahren bis auf 9645 herabgemindert werden konnten. Trotz diesen Klaffenüberfüllungen haben 5600 schulpflichtige Kinder keinen Unterricht wegen Mangels an Schulräumeu erhalten können. Von 1873—79 sind die Lehrerstellen um 6795 vermehrt worden, wodurch die überfüllten Klassen entlastet werden konnten. Die Zahl der unbesetzten Stellen hat sich um 106 vermindert, so daß jetzt von 800 Schulklassen je eine ohne jede unterrichtliche Versorgung existirt. Es ist also, wenn auch viel geschehen ist, noch sehr viel zu thun.
Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" widerlegt die von verschiedenen Blättern gebrachten Arttkel der „Deutschen wirthschaftlichen Correspondenz" über die angebliche Verschärfung der Steuereinschätzungsgrundsätze in Betreff der Steuerheranziehung von beim Vater wohnenden erwachsenen, noch unversorgten, aber erwerbsfähigen Töchtern, und fügt hinzu: nach den im Landtage abgegebenen Erklärungen liegt der Finanzverwaltung nichts ferner als die
Eines: an sein ursprüngliches Recht; vor diesem mußte jetzt alles Andere verlöschen.
Aber bei keinem Zuge seine» sicheren Thuns verletzte Julius die Voraussetzungen des öffentlichen Bewußtseins, unter dessen Augen er sich immer fühlte. Doch dabei hatte er leichtes Spiel. Mochte fein Standpunkt von dem der Welt noch so verschieden sein, von beiden aus konnte man zu demselben Ziel gelangen. Wenn da etwas auffallen konnte, fo war es vielleicht die Vermeidung alles Geräuschvollen, die sich Julius angelegen sein ließ; aber dies entsprach wieder vollständig seinem ernsten und zurückhaltenden Charakter, wie ihn Jedermann kannte.
Ohne großen Lärm, aber doch mit jenem festlichen Gepränge, das der Anlaß schicklich heißt, vollzog Julius seine Hochzeit mit der Wittwe seines Bruders. An dem Tage dachte er an Nichts, als an das Errungene. Es schien sogar, als trete er zum ersten Mal in seinem Leben heraus aus sich selbst; und die Hochzeitsgäste, die ihn von jeher kannten, meinten, er sei ein Anderer geworden; sie erblickten in seinem Wesen den Widerschein eines Glückes, der sie in Erstaunen setzte. Und vor diesem beugte sich selbst die Mutter des Lebenden und des Tobten. Ihr zwiespältiges Herz, das ein schreckliches Geheimniß barg, ein Geheimniß, das nicht minder schrecklich war, obgleich es doch nur ein Geheimniß der Meinung blieb ohne Halt an Thatsachen, gewann zum ersten Mal Ruhe in dem Sturm, in dem es seit dem unheilvollen Morgen unablässig hin und her gewogt war. Leuchtete aus diesem Äuge der Blick des Brudermör: erö? Konnte ein Bruder so unbefangen fein an dem Tage, wo Alles an die Vergangenheit mahnte, wenn das Schrecklichste der Verbrechen auf ihm lastete? Nein, es war undenkbar; und auch sie, die Mutter des
Anspannung der Steuerschraube, die sich namentlich unter den gegenwärtigen Verhältnissen als ein gänzlich verfehltes, undankbares Unternehmen Herausstellen würde.
Die WahlprüfungS-Commifston des Abgeordnetenhauses beantragt, die Wahlen der Abgg. v. Wedell-Piesdorf und Schmidt (Sangerhausen) im Wahlkreise Sangerhausen- Eckartsberga zu beanstanden.
Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" berichtet aus Eydtkuhnen: Zum Regierungs-Jubiläum des Kaisers von Rußland werden die Grenze passtren: Der Prinz von Wales, der Großherzog von Mecklenburg-Schwerin, der Großherzog von Hessen und Prinz Alexander von Hessen; ob der König oder die Königin von Württemberg kommt, steht noch nicht fest. Sämmtlichen Herrschafte reisen mit großem Gefolge. Von Berlin wird in Vertretung des Hofes Prinz Friedrich Karl erwartet; außerdem Deputattonen aller Regimenter, deren Chef der russische Kaiser ist.
Ueber die Freigabe des Dampfers „Luxor" durch Peru schreibt die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung": Die Erwägungen des obersten peruanischen Gerichtshofes seien noch unbekannt, würden wohl aber mit der Auffassung der Angelegenheit übereinstimmen, welche die deutsche Regierung veranlaßte, der Rechte der Besitzer des „Luxor" sich diplomatisch anzunehmen. Erfreulicherweise war diese Vermittelung vollauf ausreichend, um den deutschen Interessen auch in diesem Falle zu Recht zu verhelfen.
Reuter's Bureau meldet aus Konstantinopel: Der englische Botschafter Layard protestirte in seiner neuerdings abgegebenen Antwort auf die letzte Mittheilung der Pforte gegen den Anspruch derselben, Ausländer verhaften zu dürfen, falls sie die betreffende Gesandtschaft innerhalb 24 Stunden davon benachrichtige. Layard bestreitet, daß Köller ein Buch gegen den mohamedanischen Glauben verbreitet habe. Köller habe dieses Buch nicht besessen; dasselbe sei übrigens schon vor 18 Jahren gedruckt. Die Untersuchung^ habe ergeben, daß Tewfik nur von der ehrenhaften Seite, bekannt sei. SavaS Pascha antwortete hierauf, er habe 'beseelt von dem Wunsche, die guten Beziehungen zwischen der Türkei und England nicht zu beeinträchtigen, Layard aufgefordert, die erste Note zurückzuziehen, um ihm deren Widerlegung zu ersparen; er wolle die Thatsachen, worüber widersprechende Aussagen vorlägen, nicht neuerdings diSkuliren, wolle selbst die bedauernswerthe Jnsinuatton LayardS, daß die türkische Polizei das fragliche Buch mit unter die beschlagnamten Papiere Köllers gesteckt habe, unberührt lassen. Was die Prinzipienfrage betreffe, so lasse die Pforte Missionäre zu, vorausgesetzt, daß deren Propaganda keine Agitation ver-
Lebenden und des Todten, fühlte nach langer Zeit die Wiederkehr einer Ruhe, die noch nicht die Zufriedenheit des Glückes war, in der sich aber zum ersten Mal die Trauer um das Vergangene mit der Befriedigung an der Gegenwart vermählen konnte. Ihr war jeder Sohn gleich lieb gewesen und schrecklich hatte ste empfunden, als sie zwischen ihnen sich den Spalt der Feindschaft öffnen sah.
Selbst als sie endlich mit Aufbietung all ihre» mütterlichen Einflusses den Söhnen den Weg der Versöhnung gezeigt, da war sie nicht des Gefühls, daß dieser Weg Jene nicht lange vereinigt führen werde, ledig geworden; sie war dann glücklich gewesen, als Alles ohne Sturm verlaufen war, trotzdem sie tief laS im Herzen der Brüder und trotzdem sie tief empfand, wie schmerzlich das Glück des Einen dem Andern zu Herzen ging. Was dann geschah, entging ihr freilich. Selbst ihr Mutterblick reichte nicht hinab in die Unendlichkeiten einer verschlossenen Seele, die Gewißheit empfangen hatte, daß sie um ihr eigenstes, ihr unbestreitbarstes Recht frevelhaft betrogen worden, und die nun in furchtbarer Selbstverhöhnung Gleiches mit Gleichem vergalt, die aber vergeblich rang, damit auch zur Selbstbefriedigung zu gelangen; die endlich nicht anders mehr konnte, als das letzte Wort zu sprechen und Auge in Auge mit dem gehaßten Feind, und wenns der Zwillingsbruder war, auszutragen, was Recht behalten sollte, die schelmische Falschheit oder der bewußte Trotz auf das, was ihm nun jener zum Spott doch gehörte. ~
Als ihr dann der fürchterlichste Schrecken entgegenttat, da erwachte freilich die Ahnung auch daran und der entsetzlichste Gedanke verfolgte sie wachend und im--
Traume — nicht leichter sie stachelnd, indem sie ihn bekämpfe» und zu verbannen suchen mußte! Wie hätte sie