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Jilarßutg, Sonntag, 25. Januar 1880
XV. Mrganp
zuzeigen nimmt entgegen: bie Expedition d. Blattet, sowie d-Annoncen-Bureaux mh Tb. Dietrich & Co. in jiaffel und Hannover; Th. Dietrich in gtantfurt a.M.; haaienkein L Bögler in Kontfurt a M., Berlin, Zeip-ig, Cöln ic.; Rudolf Äoffk 10 Berlin. Stans-
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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte» sowie d. Annoncen-Bureaux von 9. L. Daube & Co. in Frankfutt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhanoi, daselbst; Jnvalidendanl in Berlin; W. Thiene» in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen-
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_______ Die Ex-ed. d. Oberh. Zeitung.
Deutsches Reich.
Berlin, 22. Jan. Der Kaiser hat das Entlassungsgesuch der commandirenden Generäle des 8. und 11. Corps, v. Gäben und v. Bose, sowie des Gouverneurs von Cob- lenz, General v. Beyer, nicht angenommen, sondern in einem überaus huldvollen Schreiben an dieselben betont, wie er, der Kaiser, die Generale, die so Großes geleistet, noch länger der Armee zu erhalten wünsche. Dagegen ist das wiederholt eingereichte Entlassungsgesuch des commandirenden Generals des 5. Armeecorps, v. Kirchbach, angenommen worden. — Gestern und heute war hier das Gerücht von dem Tode der Kaiserin von Rußland verbreitet. Nach von »ns an gut informirter Stelle eingezogenen Erkundigungen können wir dieses Gerücht glücklicherweise als irrthümlich bezeichnen. Die letzten aus Cannes hier eingetroffenen Nachrichten melden sogar von einer gelinden Besserung in dem Befinden der hohen Frau. — Heute Mittag fand im Palais Sr. K. H. des Prinzen Carl, als Herrenmeister der Balley Brandenburg des Johanniter-Ordens ein Ordens- capitel statt, in welchem II. KK. HH. die Prinzen Friedrich Carl und Albrecht, der Ordenskanzler Graf zu Stoll- berg-Wernigerode, die Commandatoren Graf zu Dohna, Graf v. Gortz, Frhr. v. ^Zedlitz, v. Holtzbrink, Graf zur Lippe, Prinz Hugo von Schönburg, v. Thielan, Graf v. Bismarck, Graf v. Arnim, Graf v. Brockdorf, Herwarth v. Bittenfeld, der Ehrencommendator Frhr. v. Manteuffel, der Ordenshauptmann v. Treskow unv der Ordenshaupt- ttami v. Klützow theilnahmen. Nachmittags hat der Herrenmeister die Herren zu einem Diner eingeladen, an dem außerdem von dem Prinziichen Hofstaate die Gräfinnen von der Schulenburg und von Schwanenfeld, der Hofmarschall Graf v. Denhoff und der Adjutant Major von Unruhe Theil nahmen. — In Abgeordnetenkreisen drehte sich die Diskussion heute ausschließlich um die neue Militärvorlage — Abänderung des Reichsmilitärgesetzes, welche gestern dem Bundesrath vorgelegt worden ist. ES ist selbstverständlich, daß dies neue Ereigniß einen gewalttgen Sturm in den Kreisen der Linken hervorrief, welche ganz vergessen
Der Selbstrichter.
Charakterskizze von Emil Richter.
(Fortsetzung.)
11.
Die Ermordung Alberts erregte Schrecken und Theil- »ahme in den weitesten Kreisen. Die geheimnißvollen Umstände derselben uiib daß sie geschehen am Vorabende deS Wr Taufe seines ersten Sohnes bestimmten Tages, erhöhte noch den Eindruck. Aus großer Ferne kam man am Tage dis Begräbnisses, um der tiefbeklagten Familie Beileid zu bezeigen. Denn in dieser Gegend erstrecken sich die Familien- Nlsammenhänge weithin und das Gefühl landsmannschaftlicher Zusammengehörigkeit ist ein lebendig empfundenes. Sber vergeblich war alles Bemühen, den Mörder zu entdecken ; aller Eifer der Behörden und alle Energie der gerichtlichen Untersuchung braßte nichts Hu Tage. Alle Per- lvnen, bis weit hinauf in das Gebirge, welche im Rufe der Eöllddieberei standen, sahen sich strenger, zum Theil mit langwieriger Haft verbundener Untersuchung ausgesetzt; jedoch ahne den mindesten Erfolg. Einer der Betroffenen nach dem anderen mußte außer Verfolgung gesetzt werden und Üblich blieb nichts übrig, als die Untersuchung ergebnißloS kinzustellen.
Nach und nach breitete die Zeit ihre mildernde Decke duch über diesen Vorgang. Die Nächstbetheiligten, die offenbar schrecklich unter demselben gelitten hatten, begannen, sich & beruhigen. Julius hatte ohnedies, nachdem die Schrecken °es ersten Wiedersehens und der Beerdigung des Tobten dvrüber waren, seine Fassung wiedergewonnen und behauptet. Wie hätte man sich auch denken können, baß die sichere Festigkeit die mau an ihm kannte, die tiefe Jnner-
zu haben scheinen, daß die in dem neuen Gesetz vorbereitete Vervollständigung unseres Heeres schon vor 7 Jahren in Aussicht gestellt war und schon lange durch die Eintheilung unserer Armee angezeigt worden ist. Hoffen wir, baß bieser heut wehenbe Sturm verlaufen werbe wie bet „Sturm im Wasser- Glase." — Von besonderer Wichtigkeit und tiefeingreifender Bedeutung der Militär-Verordnung sind die Bestimmungen im § 3 über die Ersatzreserve erster Klasse. Die Nothwendig- keit der beabsichtigten Verstärkungen wird in den Motiven, welche sich viel mit der Möglichkeit eines Krieges gegen eine französisch-russische Alliance beschäftigen, durch folgende vergleichende Zusammenstellung der Friedensformationen begründet: Jnfanteriebataillone Deutschlands 469, Frankreichs 641 Bataillone und 326 Depot-Komp., Rußlands: 897, Eskabrons Deutschlands: 465, Frankreichs: 392, Rußlands: 406, Feldbattetien Deutschlands: 300, Frankreichs: 437, Rußlands 3737z, Fußartillerie-Kompagnien rc. Deutschlands: 116, Frankreichs: 57, Rußlands: 210, Pionier-Kompagnien Deutschlands: 74, Frankreichs: 112, Rußlands: 96.
Dresden, 21. Jan. Es spricht für den guten Kern der Dache, baß bie konservative Strömung trotz mancher Abzugsquellen hier in Sachsen doch nicht abnimmt. Die Wanderversammlungen bet konservativen Vereine nehmen ihren regelmäßigen Fortgang unb schließen sich ihnen immer neue ©lieber an. Einer sehr ansehnlichen Betheiligung erfreute sich neulich die Wanderversammlung bes „Konservativen Vereins für bas Erzgebirge", welche in Oeberan abgehalten würbe, unb zu ber Gesinnungsgenossen nicht nur aus ben umliegenden Städten, sondern auch aus weiterer Ferne, wie aus Lengefeld, Neustäbtel bei Schneeberg, ja aus Dresben eingetroffen waren. Besonbers erfreulich ist es, wenn biese Versammlungen stark aus ben Fabrikorten, in betten die Sozialdemokraten dominirten, besucht werden. Der gegenseitige Meinungsaustausch und die Referate über ben guten Fortgang bet konservativen Bewegung in ben verschiebenen Gegenden heben beit Muth unb zeitigen manche gute Frucht. Dahin möchten wir auch bie Vereinigungen mit ben Liberalen bezüglich ber Wahlen in den Landtag und Reichstag zählen. Ein solcher Fall liegt jetzt aus Glauchau vor, wo demnächst in Folge des Rücktritts bes Sozialdemokraten Bracke eine Neuwahl für ben Reichstag nothwendig wird. Es haben sich in dieser bisherigen Domaine ber Sozialisten die Vertrauensmänner ber konservativen unb liberalen Richtung dahin geeinigt und einstimmig beschlossen, den im Glachaner Landkreise im vergangenen Jahre in den sächsischen Landtag gewählten Rittergutsbesitzer unb Premierlieutenant Gelbke aus Gesau, von freiconservativer Richtung für den Reichstag aufzustellen, und zu diesem Zwecke durch die Vorstände des konservativen Bezirksvereins in Glauchau und deS Glauchauer Reichsvereins ein Wahl-Centralkomits bilden
lichkeit seines Charakters, die ihm schon in früheren Jahren ein über sein Alter weit hinausgehendes Ansehen gegeben hatten, ihn jemals hätte ganz verlassen können! Die Schmerzausbrüche beim Anblick seines tobten Zwillingsbruders kamen, bas empfanb Jeder, trotzdem er sie zu verbergen suchte, und Jeder begriff auch sein noch tieferes Zurückziehen auf sich selbst, sein fast vollkommenes Abschließen in vollkommene Einsamkeit zu Zeiten, wo fast alle Welt nach der schweren Alltagsarbeit im frohen Zusammensein sich vergnügte. Weniger rasch erholte sich von dem Schlage die Mutter der Brüder^ Sie verging, nachdem sie aus ber Ohnmacht deö ersten Schreckens sich erholt hatte, mehrere Tage lang fast in Thränen; dann sank sie am Tage des Begräbnisses, in dem Augenblick wo Julius wortlos vor sic hintrat, abermals in tiefe Ohnmacht. In seltsamer Weise hatten sie seine Augen getroffen; sie, und sie allein, las darin ein schreckliches, ein tödtliches Geheimniß. Mit Gewaltsamkeit drängte eS sich ihr auf bie Lippen unb doch, diese verschlossen sich nicht minder gewattsam vor dem Furchtbaren. Der Tobte war ihr Sohn — aber war es nicht auch ber, ber vor ihr staub, wenn er gleich, — so rief bie fürchterliche Stimme — bes Anderen Mörder war?
Die Ohnmacht löste ben Zwiespalt, unb als bie Arme toieber erwachte, ba war sie so schwä r, baß sie zuerst kaum ba« schreckliche Bewußtsein, in bent sie dahingesunken war, wiederfand. Dann aber, als ihre Gebauten sich zur Festigkeit gesammelt hatten, ba mußten sie um so tiefer verschlossen werben, um so tiefer eingebannt und überdeckt durch eine äußerliche Ruhe, von welcher das Herz nicht weit genug entfernt sein konnte.
Von alledem empfand Bertha nichts. Auch sie wat nicbergemorfen worden durch ben ersten Schreck unb sie
zu lassen. Gegen Herrn Gelbke, einen in ber dortigen Gegend sehr geachteten und beliebten Mann, werden bie Sozialbemokraten mit ihrem Kandidaten Auer, trotzdem dieselben darauf pochen, daß derselbe schon einmal ein sächsisches Neichstagsmandat vertreten hat, schwerlich anf- kommeti können.
Stuttgart, 19. Jan. Nachdem das Justizministerium an ben Vorstanb ber württembergischeu Anwaltskammer eine Aufforberung erlassen hatte, bie Kammer möge sich über bie Frage der Amtstracht ber Rechtsanwälte gutachtlich aussprechen, hat bie Kammer bei bem heutigen Zusammentritt unter bem Vorsitz bes Oberlanbesgerichts- Präsibenten v. Kern beschlossen: 1) Die zwangsweise Einführung einer Anwaltstracht burch Anorbuung ber Justizverwaltung ist gesetzlich unstatthaft. 2) Ein Bebürsniß für Einführung ber Robe ist nicht vor- hanben.
München, 21. Januar. Der „A. A. Z." wirb geschrieben: In ber gestrigen Sitzung des Finanzausschusses der Kammer bet Abgeordneten wurde die Einstellung von 5000 Mark für ein Jahr ber XV. Finanzperiode ins Budget für bie Stabt Brückenau, welche um eine Unterstützung aus Staatsfonbs eingekommen war, genehmigt. Obwohl ber Minister sich principiell gegen solche Unterstützungen aussprach, glaubte et boch hier für einen Aus- nahmsfall sprechen zu sollen; ihm schlossen sich mehrere Ausschnßmitglieber beibet Fractionen an. — Behufs ber Vorberathung des Gesetzentwurfs, ben Branntwein-Aufschlag betreffenb, wird eine aus Mitgliedern ber beiden Fractionen der Abgeordnetenkammer gebildete freie Vereinigung zusammentreten, und bereit Berathungen werben an einem der nächsten Tage beginnen können. Der königl. Staatsminister ber Finanzen Herr v. Riedel soll sich bereit erklärt haben, diesen Berathungen beizuwohnen. — Bei ber heutigen Berathung des Etats ber Telegraphen- Anstatt im Finanzausschuß ber Kammer ber Abgeordneten hat sich bie Mehrheit für bie von ber Staatsregierung beabsichtigte Erhöhung bes Tarifs von 3 auf 5 Pfg. für das Wort ausgesprochen, während sich bie liberalen Mitglieder bes Ausschusses gegen bie Erhöhung erklärten.
Metz, 20. Januar. Ein Eisenbahnunfall, welcher bie schlimmsten Folgen hätten haben können, ereignete sich am vergangenen Sonntag unfern von Metz, inbetn ein Personenwagen des von hier nach Luxemburg abgelaffenen stark besetzten Personenzuges entgleiste unb eine Strecke weit, an brei Bahnwärterhäuschen vorbei, außerhalb bet Achimen geschleift wurde. Nur ber äußerst festen Koppelung bes Wagens ist es zu danken, daß ber Wagen nach der Entgleisung nicht umstürzte unb bie nachfolgenden Wagen mit in's Verderben riß. Von dem Fahrpersonal konnte das erschütternde Geschrei der in Lebensgefahr schwebenden Insassen des entgleisten Wagens bei bem @e3 warb erschüttert durch das Furchtbare des Ereignisses. Aber ihr fehlte die Theilnahrne des Herzens. Mit täglich steigendem Widerwillen hatte sie an der Seite Alberts gelebt, mit täglich größerer Gleichgiltigkeit hatte sie ihn betrogen; in manchen Stunden kam es ihr selbst vor wie Haß unb tödtlicher Zorn, ber sie wünschen ließ, durch irgend Etwas von ihm gerissen zu werden. Und nun wat dies Etwas gekommen, plötzlich und furchtbar; ba war es ihr, wie so schreckhaft das Ereigniß mit ihren Gedanken zusammentraf, einen Augenblick, als habe sie dasselbe veranlaßt, als wären ihre Gedanken draußen gewesen auf dem Felde ber Thal unb hätten biese begangen.
Aber nachdem sie au8 ihrer Ohnmacht erwacht unb nachbem ber Todte begraben war, nachdem bie stürmischen Angriffe von außen geenbet hatten, kehrten ihre Gedanken und Wünsche in aller Fülle zum Leben zurück; unb bald genügte auch bie Beschäftigung mit Kind und Haushalt ihr nicht mehr; sie war jung und hatte volle Lust am Leben.
Wie bas ganze Frauengeschlecht ber Landschaft war Bertha hochmüthig auf ihren Reichthum und eitel auf sich selbst. Fuhr sie zum Markt, so trug ihre Kleidung das Gesucht-Einfache, wodurch bie reichen Bäuerinnen sich vor ben anderen hervorzuthnn bemühen, unb ihr äußeres Benehmen zeigte zu Zeiten bie Geziertheit bie jeden Augenblick in baS Lächerliche überzugehen droht. Unter alledem aber verbarg sich eine tiefe Leidenschaftlichkeit, bie, wenn sie einmal entflammt war, sich burch kein Hernmniß brechen ließ.
Unter allen Freiern, bie zuvor sich um sie bewarben, war Julius der AuSerwählte, unb sie meinte sich seiner gewiß.
(Fortsetzung folgt.)