Är. 17.
Marburg, Mittwoch, 21. Januar 1880
XV. MkM,
Anzeigen nimmt entgegen: Me Expedition d.Blattes, sowie d.Lnnoncen-Bureaux von Th. Dietrich & So. in Aaffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; haafenftein & Bögler in faontfurt a M., Berlin, Leipzig, Cöln rc.; Rudolf Moste in Berlin, Frankfurt a. M ic
GcheWe jritiimi.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d.Blattes sowie d.Anuoncen-Bureaur von £. Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Snöalibenbanl in Berlin; W. ThieneS in Elberfeld: L. Schlotte in Bremen.
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiettagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JlluftrirteS SonntagSblatt" durch die Expedition (Ko ch'sche Buchdruckeret) bezogen »ark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr). - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adresien werden 25 Pfg. berechnet.
Tagesbericht.
Die „Nordd. Allstem. Ztg." erklärt die Nachricht von dem Demissionsgesuche der Regierungsräthe Dr. Sell und Wclflhügel (Reichsgesundheitsamt) für eben so aus der Lust gegriffen, wie diejenige von der Demission Professor Finkelnburgs.
Die Nachricht verschiedener Blätter, der Botschafter Graf St. Ballier werde in nächster Zeit nach Paris gehen, um an den Sitzungen des Senats theilzunehmen, ist, bestem Vernehmen nach, unbegründet. Graf St. Ballier beab- fichtigt, Berlin nicht zu verlassen, bevor die noch unentschiedene Frage über sein Verbleiben auf dem hiesigen Posten erledigt ist. — Gestern Abend fand bei Graf St. Ballier ein Diner zu Ehren des Botschafters Fürsten Hohenlohe statt, welchem auch der Herzog von Ratibor, Graf Hatzfeld, Fürst Lobanoff, Minister v. Radowitz, v. Oubril, und Gras Herbert Bismarck beiwohnten.
Der „Reichsanzeiger" schreibt: Nach einer telegraphischen Meldung des Generalkonsuls Zempsch aus Apia vom 29. December, ist nach freundschaftlicher Vermittelung der König Malietoa von ganz Samoa anerkannt worden. Damit hat der Streit zwischen den beiden Regierungsparteien seine Endschaft erreicht. Das inmittelst zwischen Deutschland, England und der amerikanischen Union erfolgte Uebereinkommen den König Malietoa amtlich anzu- «kennen und durch ihre Vertreter seine Regierung bei der Herstellung eines geordneten Staatswesens zu unterstützen, wird wesentlich dazu beitragen, den WiedcrauSbruch von Ruhestörungen in dem Jnselstaate zu verhüten.
Meldung der „Pol. Corresp." aus Konstantinopel' Man hat Grund anzunrhmen, daß Savfet Pascha, der mit dem Sultan eine lange Besprechung hatte, wieder an die Spitze eines neuen Cabinets treten dürft«
Deutsche- Reich.
0 Berlin, 19. Januar. In der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses wurde die Gesetzvorlage betr. den Ankauf der Rheinischen und der Berlin-Potsdamer Eisenbahn dem Anttage des Dr. Grimm, welcher Namens der con- servativen Partei sprach, entsprechend, der Eisenbahncommission überwiesen. — Die Debatte über das hessische Loos- Holzgesetz fand eine Zahl von 5 hessischen Abgeordneten auf der Tribüne. Im Einverständnisse mit seinen Landsleuten eröffnete Dr. Grimm die Verhandlungen mit einer ausführlichen Darlegung der Rechts- und Thatverhältniffe und sand in seinen Ausführungen und dem Anträge, die Sache an die Agrarcommission (durch 7 Mitglieder verstärkt) zu überweisen Seitens der Abg. v. Griesheim, Helwig, Zimmer-
Der Selbstrichter.
Charakterskizze von Emil Richter.
(Fortsetzung.)
Also ich bin kein Freischütz — hast Du es nicht gesagt, soeben? — und Julius Stimme wurde stark und zitterte so eigen, daß Albert nun begriff, das Gespräch gelte Dingen, die am besten begraben blieben. — Also ich bin kein Freischütz — und doch, vor Jahr und Tag, wer sagte denn da, Du weißt zu wem, ich sei ein Freischütz, jagte in allen Gehegen nach der fettesten Beute? War das kin ehrliches Freien, versprochen, geschworen in die Hand dvm 23ruber dem Bruder.
Da lachte Albert. Zwar war er einen Augenblick erschrocken, als ihm Julius im hellen Zorn und in gewaltigster Erregung zeigte, daß er sein Geheimniß kenne — aber auch Uur einen Augenblick. — Der Thor, dachte er was will er bamit? Er sollte schweigen, denn ich habe doch erreicht, was üh erreichm wollte, und verlache ihn.
Albert lachte wirklich, und er lachte aus vollem Herzen; er lachte während Herz und Züge des Bruders in Erstarrung übergingen. Endlich mäßigte er sich; aber er Mte immer noch; und brach in die Worte aus: Bei Weibern gilt jeder Vottheil.
Nach diesen Worten entstand eine tiefe Panse. Auch «ldert brach sein Lachen ab, als wäre er sich mit einem Mal bewußt geworden, was er gesagt hatte, und wieVer- uichlung schlug es an sein Ohr, als Julius monoton und iiarr, sagte:
Weißt Du, waS Du gesagt hast?
, Albert antwortete nicht; er begann zu empfinden, daß hier keine Zeit mehr zum Lachen, und ohne zu ahnen, was er
mann, Rübsam volle Unterstützung. Der Minister Dr. Lucius bestritt auf Grund der von den Ober'orftbehörden und dem Oberpräsidenten — wie erzählt wird — abgefaßten Berichten die Thatsache, daß Beschwerden der Einwohner von Hessen in der That beständen und die Richtigkeit der von Dr. Grimm angeführten Thatsachen, worin letzterer ihm jedoch widersprach und die Beschwerden vollständig aufrecht erhielt. DaS „Berliner Tageblatt" verspottet das „einige Volk der Hessen" im Landtage, nun natürlich — für diese Art Leute sind ja 300,000 M. nichts, wenn sie aus anderer Leute Säckel kommen. In die Agrarcommission sind gewählt von hessischen Abgeordneten die Herren Dr. Grimm, v. Griesheim, Helwig, Rübsam, Zimmermann. Dr. Grimm ist Berichterstatter.
•• Berlin, 19. Januar. Der Minister der öffentlichen Arbeiten hat wiederum verschiedene wichtige Verfügungen erlassen, welche der Uebergang der in dem Gesetz vom 20. December v. I. bezeichneten Bahnen an den Staat mit sich bringt. In einer Verfügung vom 13. d. wird gesagt, daß fortan diejenigen Gebühren außer Ansatz bleiben, welche bisher für die Benutzung der an den Anschlußpunkten mir den älteren Staatsbahnen belegenen Bahnhöfe zur Ueberführung von Gütern tarifmäßig erhoben wurden, insoweit die Berechnung solcher Gebühren lediglich durch die seitherige Verschiedenheit des Bahneigenthums veranlaßt war. Die älteren Staatsbahnen und die neu hinzugekom- menen für Rechnung des Staats betriebenen Bahnen sind überall als ein einheitliches Unternehmen anzusehen und Gebühren der bezeichneten Art nur insoweit beizubehalten, als die Berechnung derselben auch auf einem einheitlichen Bahnnetz durch besondere lokale Verhältnisse ausnahmsweise gerechtfertigt erscheint. Von diesem Gesichtspunkte werden die betreffenden tarifarischen Bestimmungen einer Revision zu unterziehen und etwaige Anträge auf den Fortbestand von Ueberführungsgebühren binnen sechs Wochen zur Genehmigung vorznlegen sein. — Unter demselben Datum (13. d.) ist eine zweite Verfügung ergangen. Nachdem am 1. Januar auf den Staatsbahnen theils westlich von Berlin, thells, soweit Berlin-Stettin in Betracht, östlich, übereinstimmende Tarife für die Beförderung von Leichen, Fahrzeugen und lebenden Thieren mit durchweg gleichen Einsätzen eingeführt sind, liegt eS im allgemeinen Interesse, daß die nämlichen Tarife auch auf der Köln-Mindener und der Magdeburg-Halberstädter, einschließtich der Hannover- Altenbeckener Bahn baldigst zur Anwendung kommen. Gleichzeitig wird zur Abkürzung der Transportdauer die direkte Abfertigung der ViehtranSpotte den königlichen Eisenbahn-Direktionen zur Pflicht gemacht. Diese direkte Abfertigung wird durch die Berechnung der nämlichen Einheitssätze auf großen Staatsbahnnetzen auf das erheblichste erleichtert. Die abfertigende Dienststelle bedarf hierzu im Allgemeinen nur die Kenntniß der kilometrischen Entfer-
och hören werde, fühlte er sich plötzlich seinem Bruder gegenübergesetzt, wie einem tödtlichen Richter. Aber peinliche Sekunden vergingen bis dieser fortfuhr:
Du Hafts gesagt; Du hasts gethan, und ich — Habs auch gethan! —
WarS ein Blitz, der bei diesen Worten Albert erleuchtete? ein Blitz der ihn erleuchtete und zugleich erschlug? und wars nicht der gellende Hall des Nachdonners in dem seine Worte erklangen, als er in vollem Erfassen deS Schreckens auSrief:
Was hast Du gethan?
Ja, erwiderte Julius nun so kalt, als wäre er in Eis getaucht und als wäre er fern von jeder Erregung, ja Du sollst es wissen, es ist mein Wille, daß Du eS weißt, dürr und klar, daß Dir kein Zweifel bleibt: Ich habe getheilt mit Dir — wenigstens getheili mit Dir, was mir allein gehörte und waS mir nur Deine Falschheit und Niedertracht entreißen konnte.
Aber kaum, daß das letzte Wort-gesprochen war, da leuchtete ihm ein wirklicher Blitz entgegegen, eine Kugel sauste ihm am Ohr vorüber und ohne Pause sogleich die zweite. Die Frivolität Albetts war jäh umgeschlagen in rasende Wuth. Seine Büchse flog empor und beide Ladungen feuerte er ohne Sinnen auf Julius ab und stürzte sogleich in unbändiger Raserei auf ihn, der ungetroffen fest stehen blieb, um ihm die eigene Büchse zu entreißen. Doch Julius schleuderte sie weit zurück. Es begann nun ein tödtliches Ringen. Zuerst wehrte sich Julius nur; als aber Albert ihn ungestüm am Halse faßte, um ihn zu ersticken, vergalt er Gleiches mit Gleichem und es zeigte sich, daß er der Stärkere war. Bald stürzten Beide zu Boden, aber Julius behielt die Oberhand; mit eiserner
nung von der Aufgabestation bis zur Bestimmungsstation. Insoweit ausnahmsweise die abfertigende Dienststelle zur direkten Expedition der genannten Transportgegenstände bis zur Bestimmungsstation nicht im Stande sein sollte und deshalb eine Umexpedition auf einer Zwischenstation nöthig werden sollte, kommen im Wechselverkehr der unter Staatsverwaltung stehenden Bahnen die in dem Tarif enthaltenen Expeditionsgebühren für die Zwischenstation nicht zur wiederholten Berechnung, sondern werden vielmehr nur zum einfachen Betrage, und zwar zur Hälfte je für die Aufgabestation und die Bestimmungsstation erhoben. Nach diesen Bestimmungen soll thunlichst vom 1. Februar ab verfahren werden. Eine Verfügung vom 15. Januar fordert die Direkttonen der Staatsbahnen auf, ungesäumt in Verhandlungen über die Umformung des Betriebs innerhalb des Staatsbahnnetzes treten zu wollen. Insbesondere kommt es auf folgende Punkte an: 1. In welcher Weise ist der StationS- und Expeditionsdienst auf den Uebergangsstationen zu verändern bezw. zu vereinfachen? Nachdem durch den Erlaß vom 29. November v. I. an» geordnet worden, daß auf den Uebergangsstattonen im Verkehr zwischen Staats- und unter Staatsverwaltung stehenden Bahnen nicht mehr doppelte Personale zur No- tirung des Waarenübergangs und zur technischen Revision der übergehenden Wagen in Thätigkeit bleiben, sondern daß diese Funktionen seitens einer der beteiligten Verwaltungen Mgleich für die übrigen anschließenden Bahnen allein wahrgenommen werden sollen, werden sich ähnliche Vereinfachungen auch bezüglich anderer zum StationS- und bxpeditionsbienst gehörigen Obliegenheiten auf den lieber« gangsstationen durchführen lassen. Hierbei darf der Umstand, daß einer einzelnen unter Staatsverwaltung stehenden Bahn in Folge derartiger Umformung ein bisheriger pekuniärer Vortheil entzogen wird, nicht als Hinderungsgrund für die Einführung einer Maßregel angesehen werden, welche das Gesammtintereffe der Staatsbahnverwaltung zu fördern geeignet ist. 2. In welcher Weise ist eine zweckmäßigere Ausnutzung der Locomottven sowie des Wagen- und Lokomotivpersonals zu erreichen? Die Diensteintheilung für die Lokomotiven und das gesammte Zugpersonal ist, abgesehen von einzelnen Ausnahmen, bisher danach sestge- stellt worden, daß die Endstation der Bahnstrecke einer Verwaltung zugleich den Endpunkt für die dienstliche" Funktionen des genannten Personals und der Lokomotiven bildet. Voraussichtlich kann aber bei bett über den Bereich einer Verwaltung hinaus durchgehenden Zügen oder aus aneinander grenzenden kürzeren Bahnstrecken verschiedener Verwaltungen, auf welchen die für jede derselben vorhandenen Personale und Betriebsmaterialien nicht genügend beschäftigt werden, eine wesentliche Vereinfachung des Betriebs und eine erhebliche finanzielle Ersparniß dadurch erzielt werden, daß das Personal und die Lokomotiven ohne
—- ■- ............. I I
Festigkeit drückte er auf den verhaßten Gegner, ohne an ben Bruder zu denken. Endlich ließen dessen Arme nach sie sanken zurück aber Julius klammerte die feinigen nur noch fester.
Endlich — endlich kam er zu sich. Er fühtte, daß aller WiderstaUd erloschen.war, und, als er sich erhoben hatte, als er, beruhigt sich über Albert hinbeugte, sah er den Tod am Platze. Nicht das Bewußtsein trieb ihn, Albert nun anzurufen und zu rüttteln, sondern der Instinkt ließ ihn prüfen, ob der Todte wirklich tobt sei. Er war todt.
8.
Julius stand vor der Leiche deS BmderS, die Arme gekreuzt und in tiefem Sinnen auf jene Herniederblickmd.
Es erhob sich eine schuldtönende Stimme in ihm, keine Stimme, die ihm zurief: Er war Dein Bmder und Du bist fein Mörder! Eine merkwürdige Beruhigung vielmehr war über ihn gekommen. Er sah sich am Abschluß eines Kampfes, der ihn so lange zerrissen hatte und der ihm nie als friedlich lösbar erschienen war. WaS er seit einem Jahre erfahren hatte und was seitdem geschehe» war, hatte ihm de» Bruder aus dem Herzm gerissen, hatte eine Welt voll Schmach zwischen ihn und sich gelegt und hatte endlich mit furchtbarer Gewalt, ohne daß er es unmittelbar so zu leiten gesucht hatte, klar gemacht, daß kein Weltraum weit genug mehr, sie zu trennen, daß nur der Tod mächtig genug sei zur Lösung des Konflikts, der in tiefer Unbe- greifllichkeit ein Konflikt der Liebe blieb — denn erschien er nicht eben deßhalb für Julius von vornherein so tief in Blut getaucht, weil der Gegner ihm der Natürlich-Nächste auf Erden war.
(Fortsetzung folgt.)