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Marburg, Sonnabend, 17. Januar 1880

XV. Iahrgavp

Lungen nimmt rmgegen: hie Grprdttto» d.Blattet, sowie d.Annoncen-Bureaur von Th. Dietrich & Co. in Haftel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; haasenstein & Bögler in Frankfurt a. M., Berlin, gelpziz, E2ln Rudolf Moffe in Berlin, Krank» hztt a. <R re.

(Olirrlirffifilic jritmiii

Anzeigen nimmt entgegen dteExpeditto» d. Blatte» sowie d.Annoncen-Bureaux von L- Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Invalidendank in Berlin; 88. Thiene» in Clberfeld; 6. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagni nach Sonn» und Feiettagen. Preis für da» Quattal mit der wöchentlichen BeilageJüuftrirtrS SouutagSblatt" durch die Expedition (Koch'schr Buchdruckeret) bezogen dkark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Mr m der Expedition zu ectijeilenbe Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Tagesbericht.

Die Budget - Commission des Abgeordnetenhauses ge­nehmigte die Borlage bet. den Nothstand in Oberschlesten mit folgenden Abänderungen: Viehfutter und Saatgut sollen nur als Darlehen gegeben werden. Bei Vertheilung der Mittel zur Beschaffung von Viehfutter und über die Entbindung von der Ersatzpflicht wegen Leistungsfähigkeit sollen nicht die Kreisausschüffe, sondern der Oberpräsidcnt nach Anhörung der SelbstverwaltungS-Organe entscheiden. Im Uebrigen wurde die Vorlage unverändert angenommen und Abg. v. Minnigerode mit der mündlichen Bericht- Erstattung beauftragt.

Die Commission zur Vorberathung des Forst- und Feldpolizeigesetzes hat ihre Berathungen auch zum zweiten Male beendet und diesmal den bei der letzten Berathung im Plenum zu Tage getretenen Wünschen so viel als thunlich Rechnung getragen. Die Commission hat nament­lich den §. 10 dahin abgeändert, daß das Gehen nur über diejenigen Aeckcr verboten ist, welche bestellt und an- gesaamt sind, und weiter in dem §. 42 die Bestimmungen über da» Suchen von Beeren und Pilzen in den Wäldern dahin umgeändert, daß da, wo dasselbe auf Grund be­stehender Gerechtsame seither gestattet war, es auch ferner in Kraft verble beit solle, an den anderen Orten soll da­gegen dem Besitzer oder der Polizeiverwaltung durch be­sondere Verfügung gestattet sein, ein besonderes Verbot zu erlassen. _______________

Aus Abgeordnetenkreisen wird geschrieben: Daß die konservative Fraktton der königlichen Regierung die zur Beseitigung des RothstandeS in Oberschlesten geforderten sechs Millionen Mark in der Hauptsache bewilligen wird, ist vorauszusehen; hinsichtlich derjenigen Maßregeln aber, welche der Herr Finanzminister in seiner Rede am 9. d. Mts. als geeignet bezeichnete, der Wiederkehr dieses Roth- standeS vorzubeugen, müssen die Konservativen sich die volle Freiheit ihrer Entschließungen vorbehalten. Ob die in Aussicht genommenen Eisenbahnbauten im Verhältniß der aufzuwendenven Kosten den erhofften Nutzen bringen können, wird sorgfältig geprüft werden müffen. Welche Schwierigkeiten sich der vorgeschlagenen Drainage in den Weg stellen, hat der Herr Minister selber anerkannt; ob diese Schwierigkeiten überhaupt zu überwinden sein werden, steht dahin. Wenn der Herr Minister es aber weiterhin als durchaus nothwendig bezeichnete, das Netz zu zerreißen, mit welchem die oberschlesische Bevölkerung von Wucherern umgeben sei, so kann er in diesem Punkte der Zustimmung jedes Konservativen gewiß sein. Ist ja doch gerade von konservattver Seite immer und immer wieder darauf hin- gewiesen, daß die möglichste Beschränkung des Wuchers

Der Selbstrichler.

Charakterskizze von Emil Richter.

(Fortsetzung.)

Das Mädchen war hübsch und vielleicht auch anziehend; afc« das beachtete Julius nicht einmal, er dachte selbst nicht mehr an sich; er folgte dem Drange augenblicklicher Aufregung, die dem Nebenstehenden jedoch als aufgehende sder schon hochgetriebene Leidenschaft erscheinen mochte, dato machten Alle darüber ihre Glvffen: die Einen unter uwerer Freude, die Andern unter Neid, Eine aber unter

Gluth auflodernder Leidenschaft.

Als Julius nun endlich, schon spät in der Geister­stunde, wie man scherzhaft und halb abergläubisch sagt, kiumal hinausgetreten war in den Garten, um ein wenig Abkühlung vor der glühend gewordenen Erhitzung zu suchen, und nun zurückkehtte, stieß er in dem nur spärlich erleuch­teten Gang, der vom Hofe nach dem Hausflur führte, plötz- «ch auf die Braut, die, während daneben der Hochzeitsjubel uoch in hohen Wogen tobte, allein und fast geisterhaften «nsehens ihm entgegentrat und plötzlich vor ihm stehen dlteb.

Julius wollte zurückweichen; aber er blieb wie gebannt Unter dem Blick, der ihm durch die Dämmerung entgegen« buchtete. In höhnischer Leidenschaftlichkeit blitzte ihn uu. Und als Bertha selbst schon zurückgeflohen war, stand rr noch immer, wie zu Stein geworden. Was wollte sie als es zische:d zwischen den zusamme.igedrückten Mahnen hervordrang: So war es wirklich wahr? so &<lt er wirklich wahr!!

Es war kein endliches Ermannen, als Julius nach ^>gcr starrer Weile davon schritt. Nicht hinein wieder in

eine Lebensfrage für unser ganzes Volk sei. Jede Maß­regel, welche geeignet erscheint, die Macht des Wuchers zu brechen, wird von der konservativen Partei jederzeit unter­stützt werden.

Hinsichtlich des Schanksteuer-Gesetzes vernehmen wir, daß die Regierung auf ihrem eingenommenen Standpunkte verharrt und denselben nach keiner Seite erschüttert findet. Insbesondere werde die Regierung die Versteuerung von Bier und Wein in gleicher Behandlung nicht aufgeben und eine wesentliche Herabsetzung der Steuerbeträc schwerlich acceptiren. (Dann wird freilich die ganze Vorlage fallen, wie es bis jetzt den Schein gewinnt. D. R.)

DieNordd. Allgem. Ztg." schreibt: In der fran­zösischen Presse wird von Parteistandpunkten aus die Be­hauptung geltend gemacht, als ob die deutsche Regierung dem jetzigen französischen Cabinete gegenüber irgendwelche Schritte gethan habe oder zu thun beabsichttgte, welche mit der Zurückhaltung den inneren Angelegenheiten Frankreichs gegenüber, wie sie die deutsche Friedenspolitik von Anfang an beobachtet, nicht in Einklang ständen. Wer die deutsche Politik Frankreich gegenüber seit dem Frieden nur ober­flächlich beobachtet habe, dem könne die Sorgfalt nicht ent­gangen sein, mit welcher der Reichskanzler jede Einmischung, ja jeden Anschein einer Einmischung in die innere Politik Frankreichs vermieden habe. Daß die gegenwärtige deutsche Politik auf Erhaltung des Friedens gerichtet sei, sei seit dem Congresie bona fide kaum mehr anzuzweifeln. Deutsch­land sei in dieser Beziehung mit Recht vorsichtig gewor­den durch die unberechtigten Klagen überGerman in« fluence" in England und über angebliche deutsche Ein­flüsse in Rußland. DieNordd. Allg. Zig." glaubt deß- halb auch nicht, daß der Reichskanzler die deutschen Artikel über die jüngste französische Krisis, welche er inspirirt haben solle und worin man sogar seinen Styl erkennen wollte, mit Vergnügen gelesen oder gar darin eine Unterstützung seiner Politik erkannt habe. Die Ab­neigung gegen jede Einmischung in die inneren Angele­genheiten Frankreichs, welche daö Ergebniß der Achtung vor Frankreichs Unabhängigkeit sei, werde auch ferner für die deutsche Politik maßgebend bleiben. Bezüglich der Versuche einzelner Parteien Frankreichs, die Unter­stützung Deutschlands zu gewinnen, welche in früheren Jahren von der Vertretung Frankreich durch den Grafen de Saint Vallier vielleicht stattgefunden hätten, kennt die Nordd. Allgem. Ztg.", wie sie hinzufügt, die intimeren Beziehungen nicht, ist aber überzeugt, daß dieselben, wenn ste überhaupt stattgefunden, in der Richtung des 16. Mai und eines Staatsstreiches gelegen haben könnten, aber durchaus nicht im Interesse einer der jetzt mit einander ringenden Parteien. Jedenfalls müßte sie resultatlos ge- das Hochzeitshaus, sondern hinaus in die finstere Nacht; hinaus wieder, wie so oft zuvor nach dem Niederholz in die Einsamkeit. Er dachte nicht mehr an den Hochzeitsjubel. Er dachte nur noch an das zischende Wort; er grübelte darüber und grübelte noch, als er endlich am frühen Morgen tief verstört und verschlossener als je heimkehrte.

Es war für Julius nun gewiß, darauf hatte ihn fein einsames Grübeln geführt, daß Albert nicht in ehrlichem Werben, wie sie sich gegenseitig versprochen, die Braut '.= Wonnen hatte; und der Gedanke, daß sein Bruder falsch und treulos gegen ihn gehandelt, verließ ihn nicht mehr. Haß und Verachtung gegen Albert begannen jetzt sein Herz zu füllen, und der Gedanke an Rache begann sich einzu- schleichen. Aber er verschloß den Gedanken aufs Tiefste. Er heuchelte Ruhe und Gelaffenheit gegenüber der Mutter, die freilich durch fein plötzliches Verlassen der Hochzeit sehr beunruhigt worden war, die aber auS Furcht, eine vielleicht kaum vernarbte Wunde wieder aufzureißen, nicht wagte, ein Wort über die geschehenen Dinge und das, was kommen sollte, zu verlieren; sie ahnte wohl, daß Julius seine Lei­denschaft noch nicht überwunden habe, und eS kam ihr fast schreckhaft vor, wenn er feinem Bruder, der doch noch täg­lich von seinem neuen Sitz herüberkam, so unbefangen freundlich begegnete, daß dieser, dem im Anfang noch das Gewissen geschlagen hatte, sich völlig beruhigte und keinerlei Bangigkeit mehr hegte. Die Augen der Mutter sahen tiefer; sie ahnte, daß Julius jetzt heftigere Leidenschaft als zuvor verschlossen trage, und ste empfand stets die größte Bangig­keit, wenn er Nächte laug draußen blieb im Niederholz. Er fei auf dem Anstand, erwiderte er dann wohl auf ihre liebevoll-vorwurfsvolle Frage. Aber niemals brachte er ein getroffenes Wild mit heim, und es war nicht immer ge­

wesen sein und würde das auch zweifelsohne bleiben, welches immer die Stellung der betreffenden Partei in der inneren französischen Politik sein möchte.

Die Stimmung, welche in russischen Militärkreisen gegen Deutschland herrscht, ist kürzlich in Kalisch zwischen russischen und preußischen Offizieren zu einem sehr bedau­erlichen Ausdruck gekommen. Wir haben bis jetzt keine Notiz davon genommen, nachdem aber die auswärtigen Blätter die Sache veröffentlicht haben und dieselbe bereits auf den diplomatischen Weg gelenkt sein soll, so thellen wir den Sachverhalt in der Form, wie ihn derHamburger Korrespondent" erzählt, mit. Die anderen Berichte lauten in der Sache ebenso:Von Alters her findet zwischen den Offizieren der Grenzgarnison ein meist auch durch dieJso- lirtheit der Lage begünstigter Verkehr statt. Das eine Mal sind es die preußischen Offiziere, welche die Kollegen der benachbarten russischen Garnison zu sich zu Gaste laden, das andere Mal folgen die preußischen Offiziere der Ein­ladung ihrer russischen Standesgenossen. So waren denn »or Kurzem Offiziere der Kalisch zunächst gelegenen preu­ßischen Grenzgarnison dorthin zu einem Diner geladen. Bei Nachtisch nahm die Unterhaltung eine politische Wen­dung und einige von den russischen Offizieren, denen der Wein die Zunge gelöst hatte, scheuten sich nicht, die Tages- fragen in Jargon der Petersburger Panslawistenblätter zu behandeln. In Kurzem kam eS so weit, daß die russischen Offiziere mit dem Degen in der Hand auf ihre preußischen Gäste eindrangen. Nur mit der größten Mühe gelang es dem Oberst, das Schlimmste zu verhindern und die preu­ßischen Offiziere in feine nahe Wohnung zu bringen f von wo aus sie unter einer Bedeckung von 30 Husaren an die Grenze geleitet wurden, da der Oberst fürchtete, die wüthen- den (russischen) Offiziere möchten ihren Gästen auf dem Rückwege nach der Grenze auflauern, um ihr Müthchen an ihnen auszulassen." Wenn man diese Geschichte mit dem Gedanken an das Sprüchwort:in vino veritas! lieft so hat sie eine beunruhigende Bedeutung. Gleichzeitig wirft sie ein eigenthümlicheS Licht auf die russischen Begriffe von Gastfreundschaft. Deutsche Offiziere einlaben und sie dann überfallen daS ist für* deutsche Begriffe etwas stark.

DiePolit. Corresp." meldet auS Konstantinopel: Gestern wurde hier der erste Bericht über den Zusammen­stoß bei Gusstnje veröffentlicht. Der Gouverneur von Kos­sow telegraphirt, die Montenegriner hätten am 7. d. M. das Dorf Meta bei Plawa angegriffen und 200 Stück Vieh geraubt. Dieselben seien am 8. d. M. auf Gusstnje und Plawa marschirt, deren Bewohner lebhaften Widerstand leisteten. Nach hartnäckigem Kampfe hätten die Albanesen die Ortschaften Velika, Ipek und Czanitza wieder genommen, hingen, wenn er am Morgen zurückkehrte, seiner Verstö- rung Herr zu werden. Mit Sorgen sah die alternde Frau darum in die Zukunft und unausgesetzt ward sie geschreckt von der Angst, ein Zufall könne das innere Feuer zum Ausbruch bringen. Mit Sorge blickte sie dabei auf die Schwiegertochter, die ihr nicht minder sonderbar vorkam. Doch dies war vielleicht Täuschung; denn Albert schien glücklich; er merkte offenbar nichts von den Herzensregungen in feiner Umgebung und begann, sich'« in feinem neuen Verhältniß bequem zu machen.

5.

Mehr als eine Woche war vergangen feit der Hochzeit als Julius Bertha zum ersten Male wieder begegnete. Er hatte es vermieden, die jungen Leute zu besuchen, und auch Bertha war nicht in das elterliche Haus ihres Mannes gefommen.

Di- Begegnung geschah völlig unversehens für beide, als eben Julius, die Büchse übergeworfen, aus der Garten- thüre heraustrat, um, wie jetzt allabendlich, feinen stillen Winkel un Niederholz aufzusuchen. Bertha war ebenfalls aus ihrem Garten, der nur einige Schritte weiter hinauf lag, hinausgetreten, und stand auf dem Hügel vor dem Weg, von wo aus ein kleiner Blick auf die Bach- und Wiesennie- derung, über welche der Weg nach dem Niederholz dahinführt, sich eröffnete; sie war zum ersten Male allein feit der Hochzeit. Ihr Mann war nach der Stadt und konnte erst spät ru- rückerwaritt werden. 4

Die junge Frau schrack auf, als durch die einsame Siille der Dämmerung das Geräusch der sich öffnenden und schließenden Gartenthüre an ihr Ohr drang. Sie wandte sich, und obgleich sie den Herrannahenden nicht so-