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Kr. 13

Marburg, Freitag, 16. Januar 1880

XV. Jahrgang

(njeigen nimmt entgegen: He Expedition d.vlattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Raffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M., Berlin. Leipzig, Cöln rc.; Rudolf Rosse in Berlin, Frank­furt o. M re.

OIittlicsW jritmiii.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blattes sowie d.Annoncen-Bureaur von ®. L- Daube & Co. in Frankfutt a. M; Jäger'sche Buchhandlung das elbst;

Hermann'sche Buch Handl, daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. ThieneS in Mberfeld; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktage nach Sonn- und Feiettagen. Preis für das Quattal mit der wöchentlichen BeilageJllustrirteS Sonntagsblatt" durch die Expedition (Koch'fche Buchdruckeret) bezogen 2^ Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. sexcl. Bestellgebühr). JnsettionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf«. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Die Wauderlager.

Die preußische Regierung hat ihrem Landtage ein Gesetz zur Besteuerung der Wanderlager vorgelegt. Die Steuer soll ähnlich wie die Wirthshaussteuer den Gemeinden zu Gute kommen. Die Wanderlager sind schon lange ein schweres Kreuz für die seßhaften Geschäfte. Da rückt so ein Wanderlager in den Ort, zieht durch die unverschämteste Reclame, wie sie ein am Orte wohnender Geschäftsmann sich gar nicht erlauben kann, das Publikum an und drängt ihm seine Ausschußwaaren, die der Wanderlager-Jnhaber in irgend einer Fabrik oder von einem vor dem Bankerotte stehenden Geschäfte, welches noch vor der Zahlungseinstellung möglichst Alles zu Geld machen wollte, sehr billig gekauft hat, zuSchleuderpreisen" auf und das Publikum meint nichts Besseres thun zu können, als von den billigen Maaren so viel als irgend möglich auch weit über den Bedarf hinaus kaufen zu können. Geschäftsleute sitzen daneben und haben das leere Zusehen, ihre Geschäfte stehen leer und doch müssen sie hohe Communalsteuern zahlen und sind mit ihrer Existenz auf das Geschäft in dem Orte angewiesen. So werden durch die Wanderlager die soliden seßhaften Geschäfte ruinirt und das Publikum wird dreifach geschädigt; die Waaren, welche es kauft, sind zwar billig, aber sie sind noch in höherem Maße schlecht als sie billig sind, und schlechte Waaren sind immer die theuersten. Was nichts kostet, wird auch nichts geachtet. So werden die Waaren nicht geschont, es wird 2-3 Mal so viel gebraucht, als wenn der erste Ankauf guter Waaren etwas theurer ist; die Leute gewöhnen sich durch das Wanderlager an das Geldausgeben über das Bedürfniß hinaus und an den lieverlichen Gebrauch vonSchundwaaren", wie diese deutschen Ausschußwaaren im Auslande genannt werden. Außerdem aber werden die Handwerker und Fabrikanten genöthigt, schlechte Waaren anzufertigen, weil sich das Publikum an dasbillig und schlecht" gewöhnt hat. So geht auch die Tüchtigkeit und Solidität der Gewerbe unter dem Druck der Wanderlager mit Ausschußwaaren zu Grunde. Da­durch verliert dann auch das Gewerbe den Ruf seiner Tüchtigkeit im Auslande, und in wie hohem Grade das deutsche Gewerbe unter dem Einflusie der schlechten Massen- production während der Gründerjahre seinen alten guten Ruf der Solidität eingebüßt hatte, hat uns die Weltaus­stellung in Philadelphia gelehrt.

Es ist also im Interesse des Publikums wie des Ge­werbes und des soliden Handels, daß diese Art Geschäfts­betrieb, wie die Waarenlager und Waarenauctionen, unter­drückt werden. Die vorgeschlagene Steuer soll diesem Zweck dienen; aber es erscheint uns fraglich, ob dieses wirklich erreicht wird, so lange der Hausirhandel, von dem die Wanderlager und Wanderauctionen ja nur eine besondere Form stnd, nach wie vor erlaubt bleibt. Werden die

Der Selbstrichter.

Charakterskizze von Emil Richter.

(Fortsetzung.)

Es loderte da die Leidenschaft noch auf in verzehrender und fieberhaft brennender Flamme; aber nach und nach gewann ein stiller Zug der Selbstbeschaulichkeit die Ober­hand. Regungen des Stolzes stützten ihn, und wenn ihn auch diese hinführten an den Rand bitterer Verachtung der Nächsten, sie brachten ihn zugleich dahin, dem Kommenden kalt entgegenzugehen. Als dann der Hochzeitstag herankam, fühlte er sich gestählt genug, demselben nicht auSzuweichen, wie ihn die ersten leidenschaftlichen Wallungen getrieben hatten. Sein Wille war fest geworden; er wollte innerlich wie äußerlich sich mtt dem, was nun unabänderlich ge­worden war, abfinden. Jede Stimme, die ihm fprach von dem, was vielleicht verborgen liege-, unterdrückte er. ES waren ihm Dämonen schattenhafte Spiegelungen der Phan­tasie, die ihm wohl das Leben in Erregung zu setzen ver- wochten, die ihm aber keine Gewißhett bringen konnten. >lm ihretwillen wollte er der Welt nicht das Schauspiel der Familien-Spaltung bieten; er wollte nicht zeigen, daß ** den Bruder beneide oder ihm grolle, weil er glücklicher gewesen war, als er; und der, von der alle seine Unruhe hergekommen war, wollte er nicht zeigen, daß sie ihn un­heilbar verletzen könnte. Er wollte ihr, entgegentreten in

ernsten Abgemessenheit, die er sich ihr gegenüber für Ee Zukunft vorgesetzt hatte; denn war ihm gewiß, daß

entstehenden Familienbeziehungen, wenn sie nicht von ^ubegiun ganz zerrissen würden, mannigfache Berührungen Unvermeidlich machen müßten; und wie er sich nun in die Hauptsache geschickt, so wollte er sich auch in die Neben­

Wanderlager besteuert, so werden die Inhaber derselben mit ihren Waaren Hausiren gehen und das Hausiren ist die allerschlimmste Form des Handels. Die Wanoerlager stnd doch immer noch öffentlich und daher noch zu con- troliren, das Publikum braucht ja auch nicht hinzugehen, wenn cs nicht will; aber der Hausirer überfällt die Leute in ihren eigenen Wohnungen und sucht ihnen da unter vier Augen mit Aufbietung all seiner Ueberredungskunst seine Waaren aufzudrängen. Und während beim Waaren­lager in der Regel Baarzahlung herrscht, so daß die Leute also immer nicht mehr kaufen können, als sie Geld haben, so ist mit dem Hausirhandel gewöhnlich das Borgen ver­bunden. Auch wenn die Leute kein Geld haben, drängt ihnen der Hausirer doch seine Waaren auf, aus diesen Borggeschäften entwickelt sich dann der Wucher.

Der Hausirhandel und der Wucher gehen in der Regel Hand in Hand und alle Maßregeln gegen den Wucher und gegen die Wanderlager werden nicht viel helfen, wenn man sich nicht entschließt, die Axt an diese Wurzel deS Uebels, den Hausirhandel, zu legen, ihn im Allgemeinen zu verbieten und nur in besonderen Fällen zu gestalten. Es wäre daS freilich gegen das Prinzip der Gewerbefreiheit, wie sie unsere Gewerbeordnung proclamirt hat; allein dieses Princip ist auch falsch und so lange dieses nicht aus der Gewerbeordnung beseitigt ist, werven alle Mittel, den schlechten Gewerbebetrieb zu beschränken, nicht viel helfen. Die Wanderlagersteucr werden die Wanderlagerer ebenfo zu umgehen oder auf die Producenten ihrer Waare und aus die Käufer derselben avzuwälzen suchen, wie die Schankwirthe die Schanksteuer auf die Producenten und Consumenten der Getränke. Die Gewerbeordnung zu än­dern ist nun freilich nicht Sache des Landtags, sondern des Reichstags, allein der Landtag kann doch die Regierung auffordern, eine solche Reform beim Bundesrathe in An­regung zu bringen. Wir stnd nicht gegen die Wander- lager-Steuer; möge man sie immerhin als ein Mittel, das Uebel zu beschränken und diese Wanderlagerer ebenso wie die seßhaften Geschäftsleute zu den Lasten der Gemeinde, aus der sie Vortheil ziehen, heranzuziehen, in Anwendung bringen; aber wir glauben nicht, daß dadurch der eigent­liche Zweck: den schlechten Geschäftsbetrieb zu beseitigen, erreicht wird. Dieser Zweck aber muß klar und bestimmt in'S Auge gefaßt werden.

Tage-bericht.

Das Ordensfest wird am nächsten Sonntag in ge­wohnter Weise begangen werden. Wie dieVoss. Ztg." bemerkt, sind es dann gerade 70 Jahre, daß das erste derartige Fest, an welchem die Erweiterungs-Urkunde für die preußischen Orden und Ehrenzeichen erschienen, began­gen worden. Wie diesmal fiel der 18. Januar (1810) dinge schicken. Endlich war es die Rücksicht auf die Mutter die immer noch tief bange war, trotz äußerer Ruhe, und die innerlich fast dieselben Gedanken trug wie Julius, denn sie kannte ihre Söhne am besten welche ihn be­stimmte, jeden Anstoß zu vermeiden.

Nicht minder bange hatte die Frage um das, was Julius thun würde an dem Tage, der Alles abschließen mußte, auch Albert gemacht. Tiefere Unruhe als seit dem Jawort seiner Braut irgend Etwas, hatte ihn die Beant­wortung zur Einladung der Hochzeit, die wie hergebracht, vom Brautvater auch an den Bmder des Bräutigams ge­kommen war, gemacht. Er gab sich keine Rechenschaft über diese Unruhe, er dachte nicht an chre erste Quelle er empfand sie nur. Hätte Julius abgelehnt; wäre ihm schrecklich gewesen er allein wußte warum, und er zit- terte, den Gedanken auszudenken.

Als nun aber der brüderliche Entschluß gefaßt war, konnte Albert doch nicht triumphiren. Nur den Trost des bösen GewiffenS hatte er. Alles war fest und unabänder­lich bestimmt. Was konnte Julius thun, wenn er vielleicht einmal erfahren sollte, wie es zugegangen war, daß sich das Blatt gewendet hatte? Es war nicht einmal zu fürchten, baß er es überhaupt erfahren werde. Albert kannte den Charakter seines Bruders und seine Braut; darauf hatte er seinen Plan der Hinterlist gebaut. Es war gewiß, daß die Verschlossenheit, in welche Jullus seine Gefühlsregungen einzubannen pflegte, ihn immer hindern werde, auch spater, wenn die Verhältnisse ihn wieder in näheren Verkehr mit Bertha führen würden, auf die Beziehungen und Gefühle der Vergangenheit zurückzukommen. Bertba aber war in ihrer Leidenschaftlichkeit und in ihrer weiblichen Eitelkeit zu tief verletzt, um fürchten zu lasten, daß sie Julius gegen-

auf einen Sonntag, und eS war an diesem Tage, daß die in demselben Jahre noch dahingegangene Königin Luise dem Feste beiwohnte. Damals umgaben Palmenzweige ihr Gedeck bei der Tafel, und zur Erinnerung an die Königin prangen noch jetzt bei diesem festlichen Anlasse Palmen auf der königlichen Tafel. Seit 1816 hat das Fest, mit Aus­schluß der Kriegszeiten, regelmäßig stattgefunden.

Der Bundesrath hat in seiner Sitzung vom 16. Dec. 1879 beschlossen, daß für gefärbte, gebrauchte, leere Petro­leumfässer Privat-Transttlager ohne amttichen Mitverschluß unter einstweiliger Abstandnahme von der Jdentifizirung der einzelnen zum Lager abgefertigten Fässer bewilligt werden können.

DieProv.-Corresp." schreibt unter der Ueberschrift Die zuständige Behörde für die preußische Kirchenpolitik": In Rom soll seit Anfang des Jahres ein BlattAurora" erscheinen, dem man Eingebungen aus dem Vatikan zu­schreibt. Ein kürzlich von derGermania" mitgetheilter und in andere Zeitungen übergegangener Artikel der ^Aurora", betiteltBismarck und der Vatikan", führt den Satz aus, die auf dem Gebiete der preußischen Kirchen­politik schwebenden Ausgleichsversuche seien in ihrem Aus­gang lediglich von Fürst Bismarck abhängig. Die kirchen­politische Gesetzgebung Preußens ist aber entsprechend den geordneten Ressortverhältnisten von dem Kultusminister, allerdings im Einverständniß mit dem Gesammtministerium und auf Grund königlicher Ermächtigung im Landtage ein­gebracht, vertheidigt und zur Annahme geleitet worden. Auf diesem Wege kann die preußische Kirchengesetzgebung auch allein die etwaige Weiterentwickelung erfahren. Ueber die Beschwerden der katholischen Kirche sich zu unterrichten, das Ob und Wie der etwaigen Abhülfe zu erwägen und die entsprechenden Maßregeln zuerst im Slaatsministerium und dann nach eingeholter Allerhöchster Zustimmung im Landtage vorzuschlagen, würde die Aufgabe des preußischen Kultusministers sein. Die preußische Kirchengesetzgebung ist ein Zweig der innerstaatlichen preußischen Politik auf dem Gebiete, dessen Bearbeitung dem Kultusminister in erster Linie obliegt. Es ist demnach ein vergebliches Be­mühen, den deutschen Reichskanzler als den alleinigen oder auch nur hauptsächlichen Träger der Verantwortlichkeit hinstellen zu wollen, welche wesentlich auf andern Schultern ruht. Dieser Argumentation scheint eine auffällige Un- kenntniß, vielleicht auch absichtliche Verkennung der preu­ßischen Staatsverhältnisse zu Grunde zu liegen. Fürst Bismarck ist der verantwortliche Leiter der deutschen Reichs­politik. Die Angelegenheiten der inneren preußischen Poli­tik gehören lediglich soweit zu dem Kreise seiner Zuständig­keit, als er in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des StaatsmiuisteriumS für die unter seiner Mitwirkung und über auf den wundesten Punkt zurückkommen werde. Albert glaubte fest, daß Bertha's Neigung zu Julius in Haß um­geschlagen sei. Sie wollte ihn nicht mehr sehen. Zuerst war sie rasch verreist und nach der endlichen Rückkehr verbarg sie sich vor ihm. Als dann von der Hochzeit und den HochzeitSgästen die Rede war, erschrak sie bei der Erwäh­nung von Julius; sie mußte sich ftettich sagen, daß seine Anwesenheit sich von selbst verstand. Deshalb sprach sie davon, man sollte vom Gebrauch abgehen und nur eine stille Hochzeit halten. Ernstlich konnte sie dies jedoch nicht meinen; wie hätte das auSgesehen! ES mußte beim Her­kommen bleiben. Die Einladungen wurden also gemacht wie sich's für das HauS schickte.

4.

Am Hochzeitstage sah also Julius die Braut zum ersten Male wieder seit der unbegreiflichen Wandelung, welche sie ihm entriffen und dem Bruder zugewandt hatte. Es gelang ihm, seine Festigkeit, wie er sich vorgesetzt, zu bewahren; schwer ward eS ihm dennoch, als er sab, wie Bertha unter dem Einfluß seines Blickes in heftige Bewegung gerieth.

Von dm HochzettSgästm merkten dies nur wenige. Die Erregung einer Braut am Hochzeitstage setzt ohnedies Niemand in Verwunderung. Auch dem Bräutigam fiel Nichts auf und ihn kümmerte nichts mehr. Er hatte fein Ziel erreicht und stand fest auf demselben; Niemand konnte ihn verdrängm.

Julius selbst, obwohl erschüttert in seiner Festigkeit, beherrschte sich dennoch. Er konnte das Hochzeitshaus nicht verlassen, ohne Aufsehen und Befremden zu erregen; aber er zog sich zurück auf eine Gruppe lustiger junger Leute,