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Marburg, Mittwoch, 15. Januar 1880

XV. Mrgaap

Reichstag die für dieDeutsche Seehandls-Gesellschast" vom Reiche geforderte Zinszarantie von wirklich 3 pCt. auf 10 Jahre genehmigt haben wird. So bald dies ge­schehen, übernimmt die neue Gesellschaft das ganze Geschäft als Eigenthum. Die Schatzung desselben wird durch einen Delegirten der neuen Gesellschaft und als unparteiischer Obmann, einen Delegirten des Reichsamts des Innern, geschehen. Der Reichskanzler hat von diesen Abmachungen, wie von den Statuten derDeutschen Seehandels-Gesell­schaft" Kenutniß genommen, uud sich über Beides sehr günstig geäußert; sollte deilnoch der Reichstag wider Er­warten die Zinsgarantie des Reiches nicht genehmigen, so tritt am 1. Mai d. I. bis dahin sind die Zeichner an ihre Zeichnungen gebunden dieDeutsche Seehandels- Gescllschaft" sofort wieder in Liquidation. Als Liquida­toren werden dann die jetzigen Begründer des neuen Unter­nehmens fungiren, und die Zeichner erhalten die einge- zahltcn Beträge (von 15 pCt.) bis zum 1. October d. I mit laufenden Zinsen a 4 pCt. zurück.

Meldungen derPolit. Corr." Das in Konstanti­nopel verbreitete Gerücht von einem förmlichen Bruch zwi­schen der Pforte und Griechenland in der Grenzfrage ist unbegründet; die Wiederaufnahme der directen Berhaud- lungen ist jedoch zweifelhaft. Die von Bulgaren am Christtage in Philippopel gewaltsam occupirle griechische Kirche ist der dortigen griechischen Gemeinde wieder über­geben worden. Montenegro weigert sich, Commissäre zur Entgegennahme der Cessionsurkuude über das abzutre­tende Gebiet zu ernennen, und verlangt zuvor die Ent­waffnung bei Bevölkerung von Gustnje und die Heimbe- förderung der in Gustnje angesammelten Albanesen.

Anstellung eines Geheimen Registrators (4200 M.) und eines Kanzleidieners (1350 M.), theils durch eine Er­höhung der Position zur Remunerirung von Hülfsleistungen (um 3200 M.) und der Position zur Unterhaltung des Dicnstgebäudes der Reichskanzlei (um 5000 M.). Der Etat für das Auswärtige Amt weist auf als Einnahme 436,780 M. (19,610 M. mehr als im Vorjahr), als fortdauernde Ausgaben 6,503,890 M. (167,965 M. mehr) und als einmalige Ausgaben 230,000 M. (140,000 M. weniger). Unter den fortdauernden Ausgaben ist hervor- zuheben, daß für den Staatssekretär 60,000 M. gefordert werden, 24,000 M. mehr als im Vorjahr, und zwar mit Rücksicht darauf, daß das bisherige Gehalt für die mit diesem Posten verbundene Repräsentationspflicht ganz unzu­reichend sei. Der bisherige Inhaber des Postens, der ver­storbene Minister v. Bülow, sei in der Lage gewesen, all­jährlich sehr erhebliche Summen aus eigenen Mitteln zu­zusetzen. Unter den Veränderungen in demjenigen Theile des Etats, welcher von den Gesandtschaften und Konsulaten handelt, ist besonders hervvrzuheben die Forderung von 33,700 für ein Generalkonsulat in Bahia. Seit der Er­hebung des Prinzen von Battenberg auf den Fürstenthron von Bulgarien ist dort bereits ein Generalkonsulat errichtet worden, dessen Kosten bisher aus dem zu solchem Zweck bestehenden Dispositionsfonds gedeckt sind. Neu sind ferner das Generalkonsulat zu Sidney und die Konsulate zu Apia und Montevideo. Bei den einmaligen Ausgaben kommen 120,000 M. für die innere Einrichtung des Botschafts­hotels zu Wien und 150,000 M. für die Ausgrabungen in Olympia in Wegfall; dagegen wird entsprechend einem Anträge des Reichstags die Subvention der zoologischen Station in Neapel um 30,000 M. erhöht. Der Etat für den Rechnungshof endlich beziffert sich auf 45 M. Ein­nahmen, 460,618 M. fortdauernde und 20,000 M. ein­malige Ausgaben. Letztere betragen 15,000 M. weniger, da für die Revision der französischen Verpflegungsgelder nur noch 10,000 M. statt 25,000 M. im Vorjahr er­forderlich sind. Dem Bundesrath ist ferner die allge­meine Rechnung über den Landeshaushalt von Elsaß- Lcthringen für das Jahr 1875 nebst den dazu gehörigen Spezialrechnungen uud den Bemerkungen des RechiiungS- hofs vorgelegt worden. Der Justizminister hat unterm 31. Dezember v. I. eine Verfügung an die Präsidenten der Oberlandesgerichte und die Oberstaatsanwälte wegen der Art der Gehaltszahlung an die bei den Amtsgerichten und Staatsanwaltschaften der Oberlandesgerichte und Land­gerichte angestellten Beamten, sowie über die Berechnung der den Hinterbliebenen dieser Beamten zu gewährenden Gnadenbeträge erlassen. Diese Verfügung ist nunmehr vom Finanzminister zur Kenntnißnahme und Beachtung an die königlichen Regierungen, die Finanzdirektion in Hannover und die Ministerial-, Militär- und Baukommission sie den Stachel der erfahrenen Verletzung noch tiefer sich in das Herz gedrückt zu sehen. Dann wünschte sie oft, es möge beiden ihren Söhnen begegnen, was anderen be­gegnet war, sie möchten beide heimkommen, ebenso ver­spottet wie Die, welche vor ihnen leer abgezogen warm : so wenig faßbar ihr dies eigentlich auch war. Aber was hätte auch ihr Wunsch genutzt; sie vermochte jetzt nichts mehr über ihre Söhne, von denen endlich Jeder nur noch Emen Gedanken hatte. Und als sich die Entscheidung zu nähern schien, als die Erbin auch zwischen den Brüdern zu wählen begann, so schwer ihr die Wahl zu werden schim, als die Zunge der Waage, wie der Mutter zittemdes Herz selbst mit fühlte, sich mehr und mehr auf Julius Seite zu neigen begann, da sah sie mit Schrecken aus den Augen Alberts, von denen sie nie gemeint hätte, daß sie so leuchten konnten, die Blitze des Hasses auf den Bruder hernicber- schießen.

Nun zwang sie sich mit ihrem Wort zwischen die Söhne zu treten, sie und ihre Liebe zu beschwören. Und es schien, ihre Worte seien bezwingend. Die Brüder reichten sich und der Mutter die Hände und versprachen feierlich, daß Keiner dem Anderen, wenn er in ehrlichem Werben die Erbin ge­winne, feindlich sich zeigen wolle.

In ehrlichem Werben! sagte Julius und seine Augen blickten lief und voller Nachdruck in die des Bruders.

In ehrlichem Werben.... erwiderte Albert; aber brach es dabei nicht hervor aus den Augen so falsch wie nie zuvor und verschlang völlig den ehrlichen Schein, der so sehr zu bestechen wußte.

läcrtfetying folut.j

Der Selbstrichter.

Charakterskizze von Emil Richter.

(Fortsetzung.)

Und wer endlich als zukünftiger Wächter derselben er­koren werden würde, das war die gespannt gestellte Frage, die je mehr Aufregung verursachte, je länger ihre Beant­wortung verschoben blieb. Denn je mehr Freier kamen, je mehr holten sich Körbe, und nur zwei blieben beharrlich, nur zwei schienen bei der Erbin zu steigen, während sonst «ner nach dem andem hoffnungslos hinwegzog. Aber dadurch ward die Spannung nicht vermindert, sie wuchs ü» Gegentheil zu ungeduldiger Besorgniß heran.

Die Beiden, die allein beharrlich blieben und niemals wie Andere mit einem unverblümten Korb entlassen wurden, waren Brüder Zwillingsbrüder sogar, und ihr eigener Hof, der, »enn auch nicht so groß und reich wie der von Lültichshause, doch auch von behäbigem Wohlstand sprach, lag nur wenige Schritte von jenem mtfernl; sie kannten Bertha, die Erbin, von Jugmd auf und unversehens waren sie aus Nachbargespielen sehnsüchtige Liebhaber geworden.

Auf den ersten Blick erkannte man die beiden als Swillingsbrüder. Aber trotz einer merkwürdigen Aehnlich- 'eit bemerkte man doch bei genauerem Blick an ihnen die üefsten Verschiedenheiten. Beide waren blond und blau- «lgig, und beide waren scheinbar von derselben breiten Gesichtsbildung wie der ganze Menschenschlag dieser breiten hegend; auch daß Julius etwas kleiner gedrungener von Gestalt war, als Albert, bemerkte man erst, wenn beide Nebeneinander standen; jedoch wenn man sie fleißiger mit ®^anber verglich, so war eS, als ginge ein eigener Wandel

ihnen vor. Der Gesichtsauödruck, der Blick, für Jeden

Deutsches «eich.

Berlin, 12. Januar. Dem Vernehmen nach steht die Einbringung des Entwurfs eines Viehseuchengesetzes beim Bundesrath unmittelbar bevor, nachdem der früher bereits ausgearbeitete Entwurf mittlerweile der Begut­achtung von landwirthschaftlichen Sachverständigen unter­zogen worden. Hinsichtlich der Lage des ReichShaus- haltsetatS ist zu berichten, daß die Zutheilung der Spezial­etats an die für die Vertretung zuständigen Ausschüsse des BundeSraths begonnen hat und daß nach Lage der be­züglichen Arbeiten die vollständige Vorlage des Etats an de" Bundesrath unverweilt zum Abschluß gebracht werden wird. Vorläufig liegen drei Spezialetats vor: Der Etat für den Reichskanzler und die Reichskanzlei, der Etat für das Auswärtige Amt und der Etat für den Rechnungshof des deutschen Reichs. Der erstgenannte Etat beziffert sich auf 118,870 M. in Ausgabe, 15,090 M. mehr als im Vorjahre. Die Mehrforderung erklärt sich, von kleineren Abweichungen abgesehen, theils durch die beabsichtigte weitere sonst derselbe, erschienen nun in tiefster Veränderung trotz aller Aehnlichkeit.

Albert blickte so unschuldig und doch so schlau hinaus in die Welt, daß man bald erkannte, daß er da seinen Nutzen jederzeit zu finden wissen werde, und daß er wohl wisse, dwie dienlich ihm sein unschuldig-ehrlicher Ausblick sein müsse, wenn er ihn geschickt brauche. Dagegen hatte Julius' Auge weder den ehrlichen Ausdruck, noch den schlauen Hinterhalt des schlankeren Bruders. Dasselbe zeigte sogleich eine größere Tiefe; es deutete auf einen mehr verschlossenen als schlauen Sinn, und vielleicht auf eine Leidenschaft, die wenn auch fest verhalten, nicht minder im Hintergründe lauerte, wie die Schlauheit seines Bruders hinter dem Schein feines offeneren Blickes.

Beide Brüder waren halbverwaist, wie die einzige Erbin. Aber wie in deren Haus der Vater noch mit vollbewußter Kraft regierte, so waltete in dem der Brüder mehr ver­mittelnd zwischen mancher Heftigkeit, welche die nach und nach mehr in das Bewußtsein tretende Nebenbuhlerschaft der Zwillinge schon heraufrief, nur noch die Mutier, die mit steigender Bangigkeit zufah, wie die Eifersucht zwischen den Brüdern wuchs und die Tag und Nacht vergeblich auf ein glückliches Ende sann.

Von tiefer Sorge und tiefem Zwiespalt ward darum ihr Herz zerrissen. Es erfüllte sie mit Stolz, daß unter allen Freiern, die bei der Erbin erschienen, ihre Söhne als die einzigen nicht längst auch heimgeschickt worden waren; aber sie dachte mit Bangen daran, was geschehen könne, wenn, was ihr Herz hoffte, Einer der Ihren nun den letzten Preis davontrage, und der Andere heimkehren müsse, wie die Anderen, und, unglücklicher als diese, den glücklichen Augen des Nebenbuhlers täglich begegnen müsse, um durch

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blattes sowie d.Annoncen-Bureanx von G- L. Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvaliderwank in Berlin; W. ThieneS in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen.

Tagesbericht.

DieNordd. Allgem. Ztg." erklärt die Meldungen verschiedener Blätter über Personalveränderungen in der Verwaltung der Staatöeisenbahnen für mehrfach theils un­richtig, theils ungenau. Zutreffend fei, daß Offermann als Präsident der königlichen Bahndirection in Köln und der bisherige Vorsitzende der Saarbrückener Eifenbahn­direktion für die Direction in Stettin designirt feien. Un­richtig sei, daß die Verwaltung der Saarbrückener Bahn mit der Verwaltung der Köln-Mindener Bahn verbunden werden solle. Die Directionen von Bromberg, Breslau und Elberfeld blieben von den Veränderungen ganz unbe­rührt. Der Directionsbezirk Berlin werde keine Erweite­rung, sondern durch die Ueberweisung der Bahnstrecke Berlin-Blankenheim an die Frankfurter Direction eine Verkleinerung erfahren. Von einer durch ein hiesiges Blatt gemeldeten Versetzung von etwa 40 Directionsrnit- tzliedern sei keine Rede.

Die deutsche Seehandels-Gesellschaft zur Erhaltung der Godeffroy'schen Besitzungen auf den Samoq-Jnseln hat sich am Sonnabend conftituirt. DasD. M. B." be­richtet darüber Fotzendes: Sonnabend Nachmittag hat sich die neueDeutsche Seehandels-Gesellschaft" unter den Aufpicien der unter Leitung der Königlichen Seehandlung vereinigten Gruppe von Banken und Banquiers thatsächlich conftituirt, da in letzter Stunde noch das berühmte Ham­burger Handelshaus John Berenberg, Goßler u. Co. dessen Chef bekanntlich ein Schwager des Herrn Cesar Gvdeffrvy jun. ist derselben beitrat. DieDeutsche Seehandels-Gesellschafl" gründet auf derDeutschen Han­dels- und Plantagen-Gesellschast der Südsee" eine Aclien- Gesellschaft, deren gesummtes Nominal-Eapital von fünf Millionen Mark zwar Eigenthum der zur Zeit in Zah- lungsstockung sich befindlichen Hamburger Firma I. C. Godeffroy u. Sohn, aber gegenwärtig bei den Herren Baring Brothers u. Co. in London gegen laufende Tratten lombardirt ist. DieDeutsche Seehaudels-Gesellschast" wird ein Nominal-Capital von acht Millionen Mark haben, daffelbe wird am 15. und 16. Januar al pari zur Zeichnung aufgelegt werden und die Subscribeuten haben sofort 15 pCt. ihrer Zeichnung in baar einzuzahlen. Heute schon ist mit vollkommener Sicherheit voraus zu sehen, daß das Actienkapital entweder überzeichnet oder doch voll gezeichnet werden dürfte. Die eingehenden 15 pCt. = 1,200,000 Mk. werden der alten Gesellschaft gegen Hypothecirung des ihr gehörigen Eigenchums zur Befriedi­gung ihrer schwebenden Verbindlichkeiten kleineren Betrages überantwortet, während die größeren Gläubiger so na­mentlich die Herren Baring Brothers u. Co. in London mit ihren Forderungen so lange zurücktreten, bis der

Anzeigen nimmt emgegen: He Expedition d.vlatte», sowie d-Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenftein & Bögler in Frankfutt a. M., Berlin, Leipzig, Cvln rc.; Rudolf Stoffe in Berlin, Frank­furt a. M re.