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Marburg, Dienstag, 13. Januar 1880

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Charakterskizze von Emil Richter.

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*) Nachdruck verboten.

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den höchsten Idealen und Ideen erfüllt und befruchtet, während der Naturalismus die schlechten Leidenschaften wach ruft, welche den Geist abstumpfen, verderben, auf Irrwege und ins Verderben leiten.

Seit der ftanzöstschen Revolution sehen wir in Deutsch­land das Ringen des Christenthums mit dem von Frank­reich importirten Naturalismus, der mit dem Christenthum auch das Deutschthum bekämpft und die Kraft des deutschen Geistes durch öden Rationalismus und Materialismus schwächt und verdirbt. Mit dem christlichen Geiste erwacht überall auch der nationale deutsche Geist. Und die Männer, welche den deutschen Geist wieder zur Vertiefung in die deutsche Geschichte angeregt haben, waren christliche Männer, wie der Freiherr v. Stein, Arndt, Görres und die Herausgeber der Monnmeuta Germanicae. Wir erin­nern ferner an Dilmar, der wie kein Zweiter uns die Schätze unserer deutschen Literatur wieder erschlossen und der gebildeten deutschen Welt wieder Geschmack und Sinn für die Herrlichkeiten der altdeutschen Literatur beigebracht hat, an die Gebrüder Grimm, an Wackernagel, den Historiker des deutschen Kirchenliedes. Und auch der Sinn für deutsches Gewerbe, deutsche Kunst ist besonders von christlichen Kreisen unserem Volke wieder erschlossen worden. Wie lange wurden alle diese deutschen Bestrebungen von liberalen rationalistischen Kreisen bespöttelt. Der fade Liberalismus, der sich in der deutschen Presse eine Macht geschaffen hatte, kannte keine höhere Weisheit, als die ftanzöstschen und englischen naturalistischen und rationalistisch-deistischen Ideen mit ihrem oberflächlichen StaatSbürgerthum, ihrer Gleichmacherei und ihrem politischen Schablonenwesen, welches dem deuffchen Volke auf dm Leib gezwängt wurde.

Noch heute hat der Liberalismus keine eigenen Ge­danken, Alles mtlehnt er von Frankreich und England. Bei allen politschen Fragen und Einrichtungen ist seine erste Frage: Wie macht man das in England? welches für ihn jetzt seit dem französischen Kriege an Frankreichs Stelle getreten ist. Und jetzt, wo der deutsche Geist wieder erwacht und seine Vorbilder für die sozialen Einrichtungen wieder in der deutschen Geschichte sucht, ist es der Libera­lismus, welcher diesem Streben entgegentritt. Wir erinnern nur an die Jnnungsbestrebungen unserer Handwerker. Und kaum hat unser deutsches Kunstgewerbe angefangen, sich von dem faden seichten französischen Stile zu befreien und sich in die großen Vorbilder der deutschen Vergangen­heit zu vettiefen, da sucht man es wieder davon abzuwenden und auf die Vorbilder des allen Griechenchums zu ver­weisen. In unfern Kunstläden wimmelt es von NachbU- dungen griechischer Formen und wir sind in Gefahr, durch eine oberflächliche Nachäfferei des GriechenthumS wieder von dem eingeschlagenen rechten Wege der Vertiefung in unsere deutsche Geschichte und den deutschen Geist abzu­herangezogen und zur Entladung brachten. Noch heute erzählt man weit und breit davon als von einer Geschichte, die sich erst gestern zutrug, und doch sind schon Menschen- aller darüber eingegangen.

Wenn sie so sitzen in den langen Winterabenden, nicht ermüdet durch die harte Tagesarbeit des SommerS, die Frauen und Mädchen beim Rocken, die Männer träumerisch in den Ecken hinten» Ofen oder am Tisch, und eS noch nicht spät genug ist, um den Einen zur Fidel greifen zu lasten, um dm Anderen Lust zu machen zum Walzer oder zum Zwettritt auf engstem Raume, und auch noch nicht spät genug zum Pfänderspiel oder wie sie alle heißen, die Erfindungen gegen die Langewelle des Winters, — und wenn trotz des Schnurrens der Spinnräder die Sttlle bänglich wird, da mag ein frischer Mädchenmund wohl rufen: „Ihr Leute, erzählt doch Etwas?*

Aber da, wo oft in Jahren nichts geschieht, da ist schwer erzählen! Nun, man hört auch das Alle gern; und so oft man sie hörte, man rückt immer aufs Nme gespannt lauschend zusammm, beginnt endlich Einer die Geschichte von den Zwillingen.

2.

Damals war das breite Haus mit dem hohen Giebel, das nahe am unteren Ende des Dorfes den weiten Hof verdeckt, noch nicht weiß getüncht; aber schon damals war es das größte Haus des Ortes; es verrieth, daß es Reich- thum berge; und der Strom von Freiem, die von Nah und Fern seinem Thor zuströmten, seitdem die einzige Tochter in Lüttichs Hause begehrenswerth geworden, sagte, daß man nicht nur in der Nachbarschaft wußte, welcher Hort hinter den grauen Mauern zu heben war.

(ForljetzuvL folgt.)

Wo die große Straße in nördlicher Richtung dahin M, so schnurstracks, daß sie unmittelbar nach dcm Nord- l führen könnte, überwindet sie nur einige Höhen und rchschneidet dann ein weiteres ebenes Land, das erst in - ößerer Feme wieder durch eine Gebirgskette begrenzt ist i bic stelle der landwirthschaftlichen Mannigfalttgkeit verlassenen Gebirges mit seinen lieblichen Wiesen- Mern und malerischen Felsgmppen, ist vollkommene Ein­zigkeit getreten, und so förbersam dieselbe auch dem gensreichen Walten der Ceres ist, dem Auge wird sie °'d ermüdend und dem nach Abwechselung suchenden Geist ginnt die Umgebung endlich zum Inbegriffe der Lange- »irle zu werden. Die wogenden Komfelcer, in welche wie R ein unendliches Meer die ebenso unendliche Pappelallee

Anzeigen nimmt entgegen bieSjcpebittott b. Blatte- sowie b. Annoncen-Bureanx von @. L- Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhanbl. daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W- Thiene- in Merfeld; C. Schlotte in Bremen.

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Reiset ? Straße eingebettet erscheint, bringen bie Phantasie zur Verzweiflung, unb wenn hie unb ba, weit rechts ober links, - öi lR spitzer Kirchthurm auftaucht, so ist er dem zuletzt ge- henen so ähnlich, daß der erdrückende Gedanke der Ein- 'rmigkeit endlich Alles verschlingt. Wie die Landschaft ° die Menschen!

Wo möchte da Romantik blühen unb bie Leidenschaft

*te stillen Winkel finden? Diese gestreckten Leute, so schlank —— ihre Thürme, mit den Hellen Haaren unb mit ben

'Eliso Hellen gleichgiltig blickenben Augen — wie kämen g Zur Leidenschaft, die sich unter Donnergetöse entladen B9 in den engen Thalwindungen des Gebirges unb wieder- M-ien zwischen ben felsigen Klüften, gleichend einem Ge-

in tiefer Nacht? Mag nicht selbst ein Gewitter auf

Hy eigen nimmt tmgegen: btt Expedition b.Blatte», sowie dAnnonceu-Bureaux von Th, Dietrich & Co. in staffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein & Bögler in zrankfutt a. M., Berlin, Leipzig, Cölu ic; Rudolf Stoffe in Berlin, Frank­furt <l M. ic.

der deutschen Abteilung auf der Weltausstellung in Syd­ney hat Herr Geh. Rath Reuleaux an ben Haubelsminister folgenben Bericht erstattet: „Den voraussichtlichen Erfolg der bentschen Betheiligung betreffenb, bin ich so glücklich, Ew. Excellenz melben zu können, baß betreibe ein befrie­digender zu werben verspricht. Was zunächst bie Leistungen Deutschlanbs anbelangt, so hat bie geübte Ausschließung der minder Leistungsfähigen in Verbindung mit dem wach gewordenen industriellen Ehrgeiz der Nation es bewirkt, daß nur sehr wenig geringwerthige Produkte deutscher Industrie erschienen sind, der überwiegend größte Thell steht über dem Mittel, ein kleiner Theil sehr hoch. Es ist fast über­all zu bemerken, daß die Nation eine Anstrengung gemacht hat; noch nie hat Deutschland auf einer Weltausstellung : so gut ausgestellt. Die durch unglaublich schlechte Lieferun­gen fast verderblich gewordene Vernrtheilnng deutscher Waaren, die man „german rubbish" zu nennen beliebt, verstummt täglich mehr während des Fertigwerdens der !Abcheilung, und schon sind Stimmen laut, welche mit der größten Anerkennung von unserer Abtheilung sprechen. Das mit Kennerschaft bewaffnete Auge entdeckt allerdings noch hie und da Reste übler Gewohnheiten; allein das allgemeine Publikum sieht diese Schäden nicht, empfängt vielmehr den günstigen Totaleindruck. Ich behalte mit vor, über die bemerkten Mängel iu der Presse Andeutun­gen zu geben. Ueber den erzielten moralischen Erfolg, dessen Wichtigkeit meiner Meinung nach nicht zu unter­schätzen ist, indem er das Ansehen der Natton stärkt und unsere Industrie anspornen wird, scheint auch ein materieller Erfolg in bestimmter Aussicht zu stehen; die Verkäufe mehren sich täglich; ich gestatte mir als Beispiel folgende Fälle anzuführen. Die Goldwaaren von Wilkens und Langer wurden am ersten Tage ihrer Ausstellung im Ganzen verkauft; fünf Mal verkauft ist das Orchestrion rji^on Imhoff und Mückle, bie Heiligen-Figuren von Meyer T* m München waren eine Stunde nach der Enthüllung ver- € kauft und zwar mit 10 pCt. Preisaufschlag. Ich hatte ^aaerr 'fir ben Gegenstand einen besonders guten Platz gewählt ßeituna unb denselben entsprechend decorirt, um dem vorgefundenen Koack lan5 verbreiteten Vorurtheil zu begegnen, „als unterdrückte Deutschland die katholische Religion." Verkauft sind auch bereits einige Möbel, obwohl die Aufstellung noch nicht vollendet ist. Im Möbelfach sind wir hier un­bestritten die Ersten. Die Befreiung vom ftan-

• ?östschen Möbelstyl, welche in den letzten Jahren bei un6 Kirchzudringen begonnen hat, trägt ihre Früchte. Mit Er- leeüE01111611 ^gt man, daß das in dieser Beziehung belächelte 1881 Deutschland Geschmack besitzt. Großes Lob erntet auch fW unsere Weißzeug - Industrie. Auch in dieser stehen wir ■ unbestritten hoch obenan; unsere Fabrikanten haben durch

treffliche Auswahl und elegante Ausstattung einen vorzüg­lichen Erfolg erzielt. Leider fehlen unsere Neusilber- und Alfenid-Produkte gänzlich. Hätten wir sie würdig vorge- führt, so würden wir den Engländern und Amerikanern mit bestem Erfolge einen Theil des Marktes, der sehr be­deutend ist, streitig gemacht haben. Jetzt hat Frankreich durch Christofle mit Glück einen Keil eingeschoben; für Melbourne^ist die Vorführung dieser Waarengattung be­sonders zu empfehlen. Unsere wollenen Decken aus Fla­nelle stehen sehr hoch und rechnen zu den besten auf der Ausstellung."

Anknüpfend an diesen Bericht können wir mit Recht sagen, die Wurzeln der Kraft liegen für jedes Volk in seiner Geschichte und die gesunde Politik und Staatskunst schöpft ihre beste Weisheit aus der Geschichte, sucht die Quellen des geschichtlichen Lebens rein und frisch und die Verbindung des Volkslebens mit denselben ungetrübt und ungestört zu erhalten. Die Ausländerei war schon lange unser Unglück; seit wir alle Kraft darauf verwendet haben, das Ausland nachzuahmen, ging die schöpferische Kraft des deutschen Volkes verloren. Im Mittelalter, wo die Nation aus der Tiefe ihres eigenen Geistes schöpfte, brachte sie Großes hervor und leuchtete allen Völkern voran. Unser deutsches Handwerk, die deutsche Baukunst, die deutsche Dichtkunst, die Malerei blühten, und auf allen diesen Ge­bieten hatten wir einen deutschen originalen Stil. Schon feit dem 30jährigen Kriege, in welchem Deutschland so greulich verwüstet wurde, haben wir angefangen, Aus­länderei zu treiben. Die Abhängigkeit von Frankreich wurde seitdem immer größer und auf allen Gebieten wur­den wir die Affen der Franzosen. Die besten deutschen Männer haben schon damals schwer darüber geklagt und das deutsche Nationalbewußtsein wieder zu wecken gesucht, allem vergebens. Die getobeten Kreise fingen immer mehr an, sich deutscher Sitte, Art und Sprache zu schämen und ftanzösisches Wesen nachzuahmen. Am tieften und schlimmsten vergifteten den deutschen Geist die von Frank­reich in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ein« geführten naturalistischen Ideen. Dadurch verloren wir auf allen Gebieten unsere deutsche Originalität und erst, nachdem in den napoleonischen Kriegen so namenloses Ver­derben durch Frankreich über Deutschland gekommen war, raffte der deutsche Geist sich auf und suchte nicht bloS das äußere, sondern auch das geistige wälsche Joch abzuwerfen. Welch schönes, verheißungsvolles Erwachen des deutschen Geistes zeigte die Zeit der deutschen Freiheitskriege! Und wo er hervorbrach, der deutsche Geist, da zeigte er sich zu­gleich im Bunde und befruchtet vom Geiste des Christen- chums. ES ist das Herrliche des christlichen Geistes, daß er nirgends, die wahre Natur, den natürlichen Geist, die Individualität des Menschen zerstört, sondern reinigt, ver- ebelt, vertieft, stärkt, zu regem Streben wachruft, ihn mit dieser platten Fläche nur erscheinen als der abaeblaßte Schatten seines Bruders im Gebirge — gerade wie das endlich auftauchende kleine Gehölz rechts von der Straße nur ern spindeliger Abglalsch der düsteren Wälder, die oben über die Gebirgskämme hinwegziehen und die Höhen- flachen bedecken! Erscheint nicht auch wirklich das kleine Gehölz hlnemgetragen in das Saatenmeer wie etwas Fremdes, weit hinweg gehöriges? .Und der schlanke Obelisk, der vielleicht hundert Schritte vor dem Wäldchen empor­ragt, kann er bedeuten, was oben im Gebirge so oft uns solche Steine bedeuten: die Erinnerung an ein erschüttern­des Ereigniß aus dem Kampfe zwischen Leidenschaft und Leidenschaft, wo die ttefglühenden Augen in Haß und zorni­ger Erregung ftnkelten — ? Was wird hier Anderes gewesen sein, als ein Gefecht, geschlagen von fremden Heeren?

Und doch will der Stein für nichts so Alltägliches em Mal sein! Nein, was er erzählt, ist voll ttefer Leiden­schaft und so düster, wie es sich nur immer in finsterer Nacht und tiefer Abgeschiedenheit verbergen mag. Wohl sind die Donnerwetter, bie alltäglichen, auf dieser Ebene bie abgeblaßten Brüder der Donnerstürme int Gebirge; aber zu Zeiten mag es doch auch ein solches daherbraufen so bös und fürchterlich, daß es das Herz vor Entsetzen erzittern läßt und mit Regengüssen, welche vaS ausgedehnte Dorf, das sich nahe hinter dem Wäldchen mit feinen ein­stöckigen, weißgetünchteu Häusern, die das Bild felbstgenüg- samer Behäbigkeit barbieten, an bie Straße anlehnt, tief in Fluthen setzen mögen. Ein solch' unheimliches Gewitter war's in ber Thal, das zwei von diesen blauen gleichgiltig scheinenden Mädchenaugen, von denen man kaum begreifen kann, wie sie jemals Erregung zeigen, ober erwecken können