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-Marburg, Donnerstag, 8. Januar 1880
XV. Jahrgang
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Sricheint täglich außer au den Werktagen imch Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JlluftrirteS SouutaaSblatt" durch die Ervedition Buchdrucker«») bezogen % dian, durch bte Postämter des Deutschen Reiches 3 Mark 50 Pf,, l-xcl. Bestellgebühr). — Jnfertionsgebühr für die gespaltene Säle 10 Psa. $ Alle m der Sxpedrtron zu erthe,lende Auskunft und Annahme von Udreffen werden 35 Pf«, berechne! ° vie
Anzeigen nimmt emgegen: die Expedition d.vlatteS, sowie d.Annoncen»Bureaur von Th, Dietnch & Co. in staffel und Hannover; Th. Dietnch in Frankfurt a.M.; Haasenstein & Bögler in Krankfurt a. M., Berlin, Leipzig, Cöln tu; Rudolf Stoffe in Berlin, Frankfurt a. M rr.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d.vlatteS sowie d. Annoncen-Bureaux von GL- Daube &6o. in Frankfurt a. M; JSger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. ♦ daselbst; Jnvalidendmck in
Berlin; W. ThieueS in «berseld: 6. Schlotte in Bremen.
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ür das 1. Quartal 1880 werden von allen Postanstalten (aus dem Lande von den Landpostboten) Beftellirvgerr aus die
Bberhessische Zeitung mit deren Gratisbeilage JllustrirteS Sonntagsblatt angenommen, und bitten wir dieselben baldigst machen zu wollen.
Die Exped. d. Oberh. Zeitung.
Tagesbericht.
Die Budgetkommisston des Abgeordnetenhauses wird sich nach den Ferien sofort mit dem Gesetzentwürfe wegen Verwendung der aus den etwaigen Überschüssen von Reichs- steuem an die preußische Staatskasse überzuführenden Beträge zu beschäftigen haben. Zum Referenten für diesen Entwurf ist, wie die „Germ." erfährt, der Abg. Stengel bestellt. Als Korreferent fungirt Abg. Rickert.
Die soeben im „Journal Telegraphique" zu Bern, dem amtlichen Organe der Telegraphenverwaltungen, erschienene internationale Telegraphenstatistik für das Jahr 1878 gibt über die Ausdehnung der Telegraphenanlagen in den größeren europäischen Staaten folgende Nachweise. Es betrug Ende 1878 die Zahl der Telegraphenämter, einschließlich der dem Privatverkehr dienenden Eisenbahn- Telegraphenstationen: in Deutschland 8222, in Großbritannien 5259, in Frankreich 4772, in Oesterreich-Ungarn 3444, in Rußland 2326, in Italien 2145; die Länge der Drahtleitungen: in Deutschland 219,990, in Großbritannien 183,44'', in Frankreich 165,616, in Oesterreich-Ungarn 138,848, in Rußland 143,796, in Italien 82,676 Kilometer. Hiernach steht Deutschland sowohl hinlänglich der Anzahl der Telegraphenanstalten als auch der Länge der Drahtleitungen jetzt allen europäischen Ländern voran. Scheidet man aus der angegebenen Zahl der Telegraphenämter die Eisenbahn-Telegraphenstationen aus, so bleiben an Staa'S-Telegrapheuämtern für Deutschland 5496, Großbritannien 3858, Frankreich 3241, Oesterreich-Ungarn 1473, Italien 1422 und Rußland 979. Zur Vermittelung der telegraphischen Korrespondenz waren an Telegraphenapparaten verschiedener Systeme in Deutschland 10,575, in Großbritannien 12,097, in Frankreich 6886, in Rußland 5167, in Oesterreich-Ungarn 3207 und in Italien 2318 Apparate in Gebrauch. Die Stückzahl der Telegramme betrug 1878: in Großbritannien 24,613,364, in Deutschland 14,540,553, in Frankreich 14414,457, in Oester-
Äunft und Wahrheit.
Original-Rovellette von Ferdinand Gilles.
-Fortsetzung.)
„Zu spät! zu — spät!" flüsterte fle und brachte zum Entzücken der Zuschauer und Hellwigs mit nur immer mehr Staunen erregetwer Natürlichkeit Luisens „Sterben" zur Darstellung.
Doch die Zuckungen wollten gar kein Ende nehmen und setzten stch auch noch fort, als Ferdinand schon vor dem „Leichnam" kniete. Die Heldin, die bereits „tobt" fern sollte, ächzte und stöhnte fort und fort, so daß es Hellwig sowohl, wie auch den Zuschauern bald vor der schrecklichen Wahrheit dieser Szene zu grauen begann. Das frühere Entzücken verwandelte stch in ein allgemeines Ent- fefcen. Die Herren rennten hin und her und viele Damen fielen in Ohnmacht, darunter Frau Brinkmann, welche ohne chren Mann im Saale war. 'Es entftanb eine Anfügung und eine Verwirrung, als wenn das jüngste Gericht hereingebrochen wäre.
Unter den Anwesenden waren zum Glücke zwei Aerzte, me alsbald den VergistungSfall erkannten und danach ihre Maßregeln trafen. Das unglückliche verliebte Mädchen hatte bevor es zum zweiten Male trank, mit Geschwindig- «it das kleine Fläschchen. welches wir in der vergangenen Jia$t kennen lernten, seines Inhalts in die Limonade ent« «ert. ES war zum Glück nur eine schwache Phosphorlösung. $ie lauwarme Milch, welche Elise literweise eingeflößt wurde, lhat ihre Schuldigkeit, und bald war jede Gefahr vorüber. —
Begreiflicher Weise machte der Vorfall viel von stch *<ben, er machte um so mehr Aufsehen, da eS gerade Die
reichMngarn 8,392,483, in Rußland 5,741,731 und in Italien 5,670,843 Stück. Die vorstehenden Zahlenangaben legen von der fortschreitenden Zunahme des telegraphischen Verkehrs im Allgemeinen und von dem An- theile, welchen Deutschland im Besonderen an diesem Aufschwünge genommen hat, ein erfreuliches Zeugniß ab.
Der in Zürich erscheinende „Socialdemokrat", das „Internationale Organ der Socialdemokratie deutscher Zunge", führt eine sehr ungenirte Sprache. In seinem Weihnachtsartikel macht er stch zunächst lustig über die freisinnige TageSpreffe, welche anläßlich des Friedensfestes von Liebe und Friede und Versöhnung redet und diese „altersgrauen Ladenhüter hervorhole" und dem Volke „aufzubürden" suche . . . Dann fähtt das Blatt sehr unzweideuttg fort: „Nicht Frieden wollen wir, sondern Krieg — Krieg gegen das ganze Gebäude von Unrecht, Schmach und Elend, da« sich heutige Staats- und Gesellschastsorganisation nennt; und der Krieg soll nur mit unserem Siege enden." Im weiteren betont das Blatt, daß es eine „Versöhnung zwischen der alten Welt der Klaffenvorrechte und der neuen socialistischcn Welt nicht gäbe; von Versöhnung wollen die Herren Socialdemokraten erst reden, wenn „die Zwing- Herren alle zu Boden liegen" und so weiter. „Unsere Feinde thun wohl", heißt es in dem Artikel weiter, „wenn sie uns zu verderben trachten; denn als Sieger werden auch wir sie nicht nur niederschmettern, sondern fit vernichten und nicht rühm, bis auch das letzte Atom des staatlichen, wirtschaftlichen und geistigen HerrscherthumS im Winde zerstoben ist.....*
DaS „Reuter'sche Bureau" meldet aus Konstanttnopel von gestern: Der brittsche Boffchaster Layard erhielt ein von ihm in der Angelegenhett Kölle v-rlangteS formelles aufklärende« Schreiben des Polizeiministers und erklärte dasselbe für vollkommen zufriedenstellend. Zugleich einigte sich Layard mit der Pforte, daß Achmed Tewfik nicht nach Asien, sondern nach einer Insel mit christlicher Bevölkerung verwiesm wird. Die Differenz zwischen Layard und der Pfotte ist soweit vollständig ausgeglichen. — Eine De« pesche des Generals Robert« aus Kabul vom 4. d. Mt«. meldet: Die Stadt ist vollständig ruhig. Es wurde eine Amnestie proclamirt, von welcher nur die Führer des Aufstandes ausgeschlossen wurden.
Deutsches Reich.
Berti«, 6. Januar. Vorgestem Morgen 7 /- Uhr verschied im Alter von 84 Jahren Dr. August Wilhelm Heffter, Mitglid deS Herrenhauses und Kronsyndicus, Geheimer Ober-Tribunalsrath a. D., ordentlicher Professor des Rechts und Senior der Juristenfacultät an der hie- stgen Universität. Geboren am 30. April 1796 zu einzige, bildschöne und vielvergötterte Tochter des reichen Brinkmann war. Was mochte sie dazu bewogen haben? so fragte alle Welt, und Niemand konnte Antwott stehen. Das Motiv zu Ellsms romanttschem Selbstmordversuch blieb ein ungelöstes Rithsel. Weil sich nun aber Niemand einen vernünftigen Grund denken konnte, der Elise hätte bewegen können, sich das Lebm zu nehmen, so kam die öffentliche Meinung schließlich zu der Annahme, daß hier ein mißlicher Zufall, ein verhängnißvoller Jrrthum, obgewaltet habe. Natürlich waren die Frmnde und Freundinnen der Familie Brinkmann eifrig bemüht, oie Leute in dieser Annahme zu bestärken.
Am beklagenSwerthesicn war übrigens bei dieser ganzen Wffaire —-Elisens Mutter, die gute Frau Brinkmann. Im Theater war sie ohnmächtig geworden, und wie man sie wieder zu sich gebracht und ihr ihr arme« Kind wiedergegeben hätte, da waren es neben der schmerzlichen Ungewißheit über die Motive Elisens zu der entsetzlichen Thal, die bitteren und ungerechten Vorwürfe ihres ManneS, der alle Schuld auf ihr Haupt laden wollte, die ihre Seele folterten und ihr Gemüth mit namenlosem Jammer erfüllten. Sie sollte schuld fein, daß Elise Mitglied des Lheaterverein« geworden, sie sollte Elisens Neigung für die Bühne genährt und unterstützt haben und darum auch allein verantwortlich sein für den so schrecklichen Vorfall! Noch spät in der Nacht saß die Mutter mit rvthgeweinten Augen am Krankenlager ihrer Elise — wie schwer sie litt für ihr heißinniggeliebtes Kind, das sagten deutlich ihre schmerzontstellten Züge. Doch ein Mutterherz, welches leidet für fein Kind, ist ein verschleiertes Heiligthmn, von dem der profane Blick mit ehrfurchtsvoller Scheu sich weg- wenden soll . . .
Schweinitz, studirte Heffter in Leipzig, wurde 1820 Assessor bei dem neuerrichteten Appellationshofe in Köln, dann Rath bei dem Oberlandesgericht in Düsseldorf. Seine Schrift „Athenaische Gerichtsverfaffung" erwarb ihm 1823 eine Professur an der Universität Bonn. Von da ging er als Professor der Rechte nach Halle, 1833 nach Berlin. Von seinen zahlreichen Schriften seien hier als die bedeutendsten hervorgehoben: Institutionen des römischen und deuffchen Civilprozeffes (Bonn 1825) und das europäische Völkerrecht der Gegenwart (Berlin 1844). Heffter war einer der größten Juristen des Jahrhunderts, der eigentliche Begründer des modernen Völkerrechts. Heffter war ein edler Charakter, über Lob oder Tadel der Menschen war er erhaben; er war ein treuer, fester Mann, lauter wie Gold und ein frommer gläubiger Christ. So wird er geschildert, von denen, welche die Ehre hatten, den seltenen, freundlichen Mann zu fernen. — Der Bericht des Chefs der Admiralität General v. Stosch über den Untergang der Pauzerfregatte „Großer Kurfürst" wird vor dem Zusammentritte des Reichstages veröffentlicht und damit weiteren Forderungen in dieser Angelegenheit ein Ziel gesetzt werden. — Außer General v. Kirchbach hat auch General v. Bose, Commandeur des 11. Armeecorps, gelegentlich der Neujahrsbeglückwünschung des Kaisers seinen Abschied gefordert. General v. Stiehle, DivisionS-Com- mandeur in Magdeburg, soll die 1. Garde-Division erhalten. — Die Reichsregierung gedenkt vorläufig weder zum Unterstützungswohnsitzgesetz noch zum Freizügigkeitsgesetz eine Novelle vorzulegen; dagegen will man der Frage wegen verschärfter Bestimmungen gegen den Wucher näher treten.
Osnabrück, 5. Januar. Durch den Minister der getstltchen Angelegenheiten ist nach dem „Hann. Konr." die Frist für die Wiederbesetzung de« zu Ende Juli 1878 erledigten hiesigen bischöflichen Stuhles weiter bis zum 1. Juli d. I verlängert und in Folge dessen die Ernennung eines Kommiffarius zur Verwaltung des bischöflichen Vermögens unterblieben.
Schwert«, 5. Januar. Unser Großherzog besuchte vorgestern das hiesige Land-, sowie das Amtsgericht und ließ sich, wie die „Meckl. Ln." mittheilen, sämmlliche bei den Gerichten beschäftigte Beamte und Diätare vorstellen.
Arolsk«, 6. Januar. Der zweite Sohn des Königs von Schweden, Prinz Oscar, ist heute Vormittag, unter dem Namen eines Grafen Gripsholm reisend, hier eingetroffen und int fürstlichen Schlöffe abgestiegen. Der 20 jährige Prinz bcgiebt stch von hier, wo er mehrere Tage bei seinen hohen Verwandten zubringen wird, zu längerem Aufenthalt nach Frankreich. Ihm zu Ehren sollen hier Hofjagden und ein Hofball stattfinden. Die regierende Fürstin fft die Schwester der Königin Sophie von Schweden geborene Prinzeß von Naffau. — An dem
Lassen wir Mutter und Kind dieses schläft, und jene hält Wache an seiner Ruhestätte. —
Und wie nahm Hellwig den traurigen Vorfall auf? wird der Leser fragen.
Auch er durchwachte die Nacht, schlaflos an seinem Fenster sitzend und in die düstere Nacht hinan« starrend. Sein Freund Hastig suchte ihn am frühen Morgen auf und fand ihn dumpf brütend noch auf derselben stelle hockend, wo am vergangenen Abend der Schweigende sich niebergelaffen hatte.
Hastig war am Abmd bemüht gewesen, die Ursache seiner Schwermuth von ihm zu erfragen; aber ein schmerzlicher Blick, ein bitteres, verzweiflungsvolles Lächeln war die einzige Antwort gewefen, die ihm auf tausend theilneh- menbe Fragen zu Theil geworben. So hatte Hastig ben Freund verlassen, unb jetzt am Morgen sand er ihn in derselben Stimmung. Sein Bett war unberührt unb es War nur zu augenscheinlich, baß Hellwig, dessen Auge matt Unb glanzlos und dessen Antlitz bleich und entstellt, die Nacht wachend am Fenster zugebracht hatte. Hastig besann sich deßhalb nicht lange, sondern entkleidete behutsam unb bettete ben schwer erschöpften, körperlich unb geistig völlig indifferenten Freund zur Ruhe. Er Halle daS Richtige getroffen, denn Hellwig entschlummerte alsbald, um vom Traumgott die Phantasiebilder seine Seele beleben zu lassen.
»Dem Himmel fei Dank!" flüsterte Hastig und ent- fernte sich leise auf ben Fußspitzen. In der Thür blieb er stehen unb blickte noch einmal zurück. „Was mag er nur haben," sagte er, „still unb schweigsam ist er nun schon lange; aber so habe ich ihn noch nie gesehen. Er muß krank, schwer krank sein und ich will nicht länger zögern, den Arzt zu benachrichtigen."