Ät. 3.
Marburg, Sonntag, 4. Januar 1880
XV. Jahrgang
Anzeigen nimmt cmgegen: die Expedition d.vlatte-, sowie d.Amwncm-Bureaux von Th, Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenftein & Bögler in Frankfurt a- M., Berlin, Leipzig, Cöln tu; Rudolf $toife in Berlin, Frankfurt a. M- k.
ObkkhksWk ZritMA.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte» sowie d-Annoneen-Bureaux von G- L- Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jägerische Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W- Thiene» in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen-
Erscheint täglich außer en den Werktagen nach Sonn- und Feiettagen. Preis für daS Quattal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS SonutagSblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 2!r Wart, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Wart 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr). — Jnsettionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf».
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ür das 1. Quartal 1880 werden von allen Postanstalten (auf dem Lande von der^ Landpostboten) Bestellungen auf die
Dberhessifche Zeitung mit deren Gratisbeilage JllustrirteS Sonntagsblatt angenommen, und bitten wir dieselben baldigst machen zu wollen.
Die Sx-ed. d. Oberh. Zeitung.
Tagesbericht.
Der „Reichs-Anzeiger" publicirt die vom 31. Decbr. datirte, vom Stellvertreter des Reichskanzler» Graf Stolberg und dem österreichischen Botschafter Graf Szechenyi in doppelter Ausfertigung unterzeichnete Erklärung über die Berlängerung des deutsch-österreichischen Handelsvertrages bis Ende Juni unter den bereits bekannten Einschränkungen.
Die „Rordd. Allgem. Ztg." bezeichnet die Zeitungs- Nachrichten über die Größe Les'früheren kurhessischen Hausfideikommisses als weit übertrieben; die Grundstücke ergeben nicht nur keine Revenuen, sondern erforderten sehr bedeutende Unterhaltungskosten. Das Kapitalvermögen betrage nur ca. 6 Millionen Thaler, wovon Landgraf Friedrich von Hessen auf Grund des Verttages vom 26. März 1873 202,240 Thaler beziehe.
Gegenüber der Mittheilung der „Germania" aus Westphalen, daß den Standesbeamten seitens eines Landrathsamtes die Weisung zugegangen sei, bei Anmeldung von Geburten und Sterbefällen sich nach vom Namen des Geistlichen zu erkundigen, welcher die Taufe bezw. Beerdigung vorgenommen, und Anzeige zu erstatten, wenn der betreffende Geistliche zur Vornahme der kirchlichen Handlung nach den Maigesetzen nicht berechtigt gewesen sei, kann die „Nordd. Allg. Ztg." nach eingezogener Information auf das bestimmteste versichern, daß keinem einzigen Kreise Westphalens Weisungen wie die obigen zugegangen seien. ______________
Die „Nordd. Allgem. Ztg." bringt eine Reihe statistischer Notizen über den Handelsverkehr mit den Südsce- Jnseln, die Produktion Der Samoa-Inseln und die Bedeutung der deutschen Factoreien und Plantagen auf letzteren; das Blatt fügt dann noch hinzu: zahlreiche Aeußerungen der Presse und Vereine bewiesen, daß es auch im deutschen
Knast »ad Wahrheit.
Original-Novellette von Ferdinand Gilles.
(Fortsetzung.)
Es ist ost vorgekommen, daß ein vielumworbenes Mädchen ihr Herz einem Manne schenkte, der nicht um sie zu werben, der sie vielmehr zu vernachlässigen schien. Ferner ist es oft geschehen, daß sich bei Dilettantenvorstellungen „Liebhaber" und „Liebhaberin" in einander verliebten. So war denn auch unter deu Herren unseres Theatervereinö einer, der sich stets sehr gemessen gegen Elise benahm, ihr im Gegensätze zu den Andern nicht die Kur machte und ihr somit auch niemals lächerlich vorkommen konnte. Merkwürdigerweise spielte gerade dieser Eine die Rollen des ersten Liebhabers und zwar mit jugendlichem Feuer und wohldurchdachter Pointe; er war entschieden eine Hauplkraft des Vereins — dabei ein feiner uns hübscher Mann. An diesen verlor Elise ihr Herz und sie liebte ihn bald um so leidenschaftlicher je weniger er ihre Empfindungen zu erwidern schien. Schien! denn auch er liebte sie, liebte sie mit jedem Pulsschlage, von dem ersten Tage an, da er sie sah; aber er mochte sich nicht in den Troß mischen, der um ihre Gunst buhlte. Er hielt zurück mit seiner Liebe und beseelte mst seiner Leidenschaft nur um so mehr die dichterischen Figuren, die er aus der Bühne interpretirte.
Der Leser kennt ben jungen Mann bereits, es ist Arthur von Hellwig, der mit seinem Freunde Hasttg bei der Gründung des Vereins eine Hauptrolle gespielt hatte. Er interessirte sich lebhaft für den Verein; denn derselbe sollte ihm die Leiter werden, auf welcher er den Gipfel seines Glückes ersteigen wollte — durch sein Spiel wollte er Elisens
Volke als nationale Pflicht anerkannt werde, die wichtige Positton auf Samoa dem deutschen Handel zu erhalten. Es dürfe hierauf die Hoffnung begründet werden, daß der Antrag auf finanzielle Förderung desjenigen Unternehmens, welches die Erhaltung der in der Südsee gewonnenen kommerziellen Stellung bezwecke, bei den Vertretern der Nation Anklang und Annahme finden werde.
Deutsches Reich.
Berit», 2. Januar. Die heute ausgegebene Nummer der „Prov.-Corresp." bringt an ihrer Spitze nach Voranschickung der bekannten Vorgänge, in welchen sie innerhalb unserer Kaiserfamilie und in der Entwickelung unserer neuen Zollpolitik einen „Rückblick auf das Jahr 1879" folgendes ausführt: Während der Abschluß der Zollreform bei dem größten Theil der Nation eine lebhafte Befriedigung hervorrief, erhoben sich im Lager des Freihandels und der mit ihm verbundenen Interessen lebhafte Vorwürfe und ungünstige Prophezeihungen, die sich namentlich auch die angebliche Schmälerung der Reichsgewalt durch die Beibehaltung der Matrikularbeiträge zum Ziel ersahen. Während aber diese Vorwürfe ertönten, meldeten sich bereits die ersten Anzeichen einer beginnenden wirthschaftlichen Besserung. Da im Herbst die Erneuerung des preußischen Abgeordnetenhauses bevorstand, so konnte die Staatsregierung nicht umhin, von den Wählern vor Allem die Erklärung zu fordern, ob sie wollten, daß ihre Abgeordneten die von der Slaatsregierung auf dem Boden des Reichs begonnene Zoll- und Steuerpolitik auf dem Boden des preußischen Staats zu befestigen.und weiterführen zu helfen hätten. Dieser Gegenstand des Wahlkampfes hatte zur Folge, daß die Wähler eine große, der Wirthschastsresorm zugeneigte Mehrheit in daö Abgeordnetenhaus sendeten, während der freihändlerisch gesinnte Theil der nattonalliberalen Fraktion größtentheils nicht wiedergewählt wurde. Dieser Ausfall der Wahlen veranlaßte den Versuch, auf künstliche Weise die Furcht vor einer allgemeinen Reaktion hervorzurufen, unter welcher man vorgab, die Rückkehr zu überlebten politischen und sozialen Einrichtungen sich ernstlich vorzustellen. Der Versuch verschwand, als der Kaiser in der Thronrede die Aufgaben der Landtagssession angekündigt hatte: die Konsolidation des preußischen Staatsbahnnetzes, die Fortführung der im Reich begonnenen Steuerreform und die Fortführung der Verwaltungsreform. Die Konsolidation des Staatsbahnnetzes hat durch die Annahme der Vorlage über den Erwerb vier wichtiger Privatbahnen für den Staat den entscheidenden Schritt gethan und den ersten, in das vergangene Jahr fallenden Theil der Landtagssession schon durch diesen Beschluß zu einem furchtbaren und bxdeutungsvollen Abschnitt der parlamentarischen Arbeit gemacht. Die Steuerreform, deren Ziel die Einschränkung des Drucks der direkten Steuern durch Eröff-
Herz rühren! Es war ihm das schneller gelungen, als er hoffen mochte, aber er ahnte das nicht. Wie wollte er es auch ahnen; denn Elise war bei all ihrer Liebenswürdigkeit ein stolzes Frauenherz, sie verrieth ihm auch nicht mit einem Blick, daß sie ihm gut war, obwohl sie entschlossen, ihm entgegen zu kommen, wenn er sich ihr nähern sollte. Doch er blieb höflich und kalt, sein Glück in der Ferne suchend, während Fottuna ihm längst schon holdselig in nächster Nähe lächelte.
So waren schon sechs Monde vergangen und immer noch hielt Arthur seine Stunde nicht für gekommen. Elisens Leidenschaft aber war allgemach aufs Höchste entbrannt Sie litt unsäglich durch sein zurückhaltendes Benehmen. Er war. im Gespräche mit ihr stets ritterlich und seine Worte klangen oft so herzlich und so warm, daß Elise wohl glauben mochte, er sei ihr zugethan; um so mehr aber war er für sie befremdet, daß er nie das Wort „Liebe" aussprach und sich räthselhafterweise fortgesetzt in derselben respektvollen Entfernung vor ihr hielt, auch wenn er hätte die Gelegenheit wahrnehmen können, sich ihr zu nähern. Er erschien ihr in doppelter Gestatt: als ihr Partner auf der Scene war er ganz Leidenschaft, da war er so, wie sie wünschte, daß er ihr in Wirklichkeit entgegentreten möchte, — aber so wie er die Bretter verlassen hatte, kehrte er den modernen Kavalier hervor, stets höflich, galant und aalglatt, schien jede wärmere Empfindung ihm zu fehlen; sie wußte oder hoffte vielmehr, daß da» nur eine Maske wäre, um sein wahres besseres Innere nicht den spottsüchtigen Augen einer profanen Welt preiszugeben. Doch wozu ist es nöthig, seufzte sie oft, daß er diese Maske trägt! —
Auch die folgenden Monate brachtm keine Aenderung;
nung neuer indirekter Einnahmen ist, muß hauptsächlich auf dem Boden des Reich» weitergeführt werden. Inzwischen hat die Staatsregierung zwei Vorlagen eingebracht, welche durch Zuführung neuzuschaffender Einnahmen an die Gemeinden letztere der Nothwendigkeit überheben sollen, die Last der Zuschläge zu den direkten Staatssteuern immer noch zu erhöhen. Von großer Bedeutung für das innere Staatsleben Preußens sind die vier zur Weiterführung der Verwaltungsreform dienenden Gesetzentwürfe, welche dem Landtag Anfangs Dezember vorgelegt worden sind und bereit Berathung im Hause bet Abgeordneten alsbald nach dem Wiederzusammentritt desselben bevorsteht. Sie stellen sich eine gleichmäßige Einrichtung der allgemeinen Landesverwaltung und der Verwaltungsgerichtsbarkeit im ganzen Staat zur Aufgabe und sollen die Einführung der kommunalen und obrigkeitlichen Selbstverwaltung in den Provinzen, in welchen dieselbe noch nicht besteht, vorbereiten und den Weg dazu sichern. Auf dem Gebiet der auswärtigen Politik ist bas vergangene Jahr burch Ereignisse ersteulicher Art unb voraussichtlich von nachhaltig guter Wirkung für Deutschlanb bezeichnet. Die zunehmende Freundschaft zwischen dem deutschen Reich und der Oesterreich-Ungarischen Monarchie hatte einen sichtbaren Ausdruck in dem Vertrag vom 11. Oktbr. 1878 gefunden, durch welchen die im Artikel V des Prager Friedens von Preußen übernommene Verpflichtung, die nördlichen Distrikte des Herzogthums Schleswig auf bett Wunsch der dortigen Bevölkerung an Dänemark zurückzugeben, aufgehoben wurde. Dieser Vertrag ist im Anfang des vergangenen Jahres zur öffentlichen Kenntniß gebracht worden. Als unser Kaiser im Spätsommer zur Kur in Gastein weilte, empfing er am 9. August den Freundschasts- besuch des Kaisers Franz Joseph. Als später der Reichskanzler ebenfalls die Kur in Gastein gebrauchte, erhielt er am 27. August den Besuch des Ministers der auswärtigen Angelegenheiten der Oesterreich-Ungarischen Monarchie, des Grafen Andraffy. Um diesen Besuch zu erwiedern traf der Fürst Bismarck am 21. September in Wien ein, das er am 24. wieder verließ. In den Tagen dieses Aufenthalts ist es zwischen dem Kaiser Franz Joseph und dem Grafen Andraffy einerseits und dem Kanzler des deutschen Reiches andererseits zu einem eingehenden Meinungsaustausch gekommen, bei welchem eine vollkommene Ueberein- stimmung der Ansichten über die Bedürfnisse der beiden Nachbarreiche constalitt worden ist. Die Kunde von dieser Uebereinstimmung hat aus die öffenlliche Meinung von Europa den Einfluß einer Bürgschaft des Friedens von wohlthätiger Wirksamkeit geübt. Man hat erkannt, daß, wenn zwei mächtige Reiche in der Mitte des Welttheils mit ihrer Lage zufrieden sind und den Wunsch hegen, die Bedingungen derselben in der allgemeinen Lage des Welttheils erhalten zu sehen, darin eine Gewähr enthalten ist
benn obwohl Arthur längst entschlossen war, eine Annäherung zu wagen, so hatte sich ihm immer noch keine günstige Gelegenheit bazu geboten, oder richtiger, er hatte sich immer noch von Elisens königlichem Wesen zurückschrecken lassen — unb boch war Schüchternheit sonst nicht seine schwache Sette. —
Elise nahm sich sein Schweigen,sehr zu Herzen unb verzweifelte fast vollständig an seiner Gegenliebe. Sie wurde still unb ernst; in ihrer Brust schlug ein unglücklich lieben« bes Mädchenherz!
Um so leidentchaftlicher zeigte sie sich als Darstellerin, zumal brachte sie die jugendlich sentimentalen Partien mit einer Natürlichkeit zur Geltung, die Stauen erregte. Sie fühlte ja Vieles, dem sie Ausdruck verlieh, selbst so tief, und mancher Schmerzensschrei, den sie als Künstlerin ausstieß, kam ja heiß aus ihrem tiefinnerften Herzen Ihr jungfräuliches Gemüth fühlte sich tief verletzt und forderte Genugthuung, und diese fand sie nur in der Kunst der Darstellung. Da hauchte sie ihr sehnendes Herz und ihre schmachtende Seele den Gestalten ein, welche sie mit ihrem Talente verkörperte: die poetischen Figuren wurden die Dolmetscher ihrer Herzenssprache. Doch wer sollte sie verstehen? Arthur der nach der Veränderung in Elisens Stimmung, erst recht den günstigen Zeitpunkt für noch nicht gekommen hiett, er verstand sie weniger als alle die anderen, die ihr gleichgültig warm!
Es war gerade ein Jahr nach jener Dilettanten - Vorstellung, bei welcher Elise zum ersten Male auf trat, als sie eines Abends noch um die Mittemachtsstunde, halb entkleidet auf ihrem Bette saß unb, das von dunkeln Locken umrahmte Gesicht in beiden Händm vergraben, heiße Thränen vergoß.