Zentralbureau des Reichskanzlers den amtlichen Verkehr desselben mit den Chefs der einzelnen Reichsämter zu vermitteln hat. Das Reichskanzleramt hat in Folge dieser Organisationsveränderungen allmählig eine Einschränkung seines Geschästskreises erfahren, mit welcher die fernere Beibehaltung seiner bisherigen Benennung nicht übereinstimmen würde. Denn es ist nicht mehr das Amt des Reichskanzlers in dem Sinne einer Zentralstelle für die Bearbeitung der gesammten Reichsangelegenheiten, sondern es ist eine der vorhergenannten aus ihm hervorgegangenen Meichsäinter kombinirte Behörde. Zu seinem Ressort ge- en gegenwärtig: die auf den Bundesrath, den Reichstag und die Reichstagswahlen bezüglichen Geschäfte, die allgemeinen Angelegenheiten der Reichsbehörden und der Reichsbeamten, die Aufsicht über den Disciplinarhof und die Disciplinarkammern, die Jndigenats-, Heimaths-, Nieder- lassungs-, FreizügigkeitS- und Auswanderungssachen, die Handels- und Grwcrbeangelegenheiten, die Geschäfte, welche das Bankwesen, die Versicherungen, die Maße und Gewichte betreffen, die Angelegenheiten des geistigen Eigenthums und der Patente, die See- und Flußschifffahrt und Flößerei, die Medizinal- und Veterinärpolizei, die Angelegenheiten der Presse und Vereine die Militär- und Marine-Angelegenheiten, soweit dieselben die Mitwirkung der Civilver- waltung erfordern, insbesondere Ersatzwesen, Mobilmachung und Naturalleistungen, Transport- und Etappen-Angelegen- heiten, Familienunterstützungen, ' Civilversorgungen und Landesvermessung, die Anerkennung und Classifizirung der höheren Lehranstalten in Bezug auf die Wirksamkeit ihrer Zeugnisse für die Zulasfung zum Einjährig Freiwilligen Militärdienst, die Reichsstatistik und endlich diejenigen Reichsangelegenbeiten, deren Bearbeitung nicht anderen Behörden übertragen ist. Das Reichskanzleramt besitzt mithin bezüglich der Reichsangelegenheiten ungefähr die Zuständigkeit, welche in Preußen das Ministerium des Innern besaß, ehe für Unterrichts-und Medizinal-Angelegenheiten, für Handel, Gewerbe und Landwirthschaft besondere Ministerien gebildet wurden. Damit die Stellung dieser Behörde zu den übrigen Reichsämtern und der ihr zugewiesene Wirkungskreis in ihrec Benennung einen zutreffenden Ausdruck finden, ist mittelst allerhöchsten Erlasses vom 24. December der Name Reichskanzleramt durch die Bezeichnung „Reichsamt des Innern" ersetzt worden. Dem Vorstand dieser Behörde ist nach Analogie des dem Vorstand des Auswärtigen Amts beigelegten Prädikats der Titel „Staatssekretär des Innern" verliehen worden. — Der Bundesrath hat in seiner Sitzung vom 23. December beschlossen, 1. daß das in Ausführung des Reichsgesetzes vom 19. Juli 1879 erlassene Regulativ, betreffend die Steuerfreiheit des Branntweins zu gewerblichen Zwecken zum 1. Juni 1880 mit der Wirkung in Geltung zu setzen sei, daß alle bisher geltenden Bestimmungen über denselben Gegenstand in Wegfall kommen, ,g. die Rückvergütung der Branntweinsteuer bei der Aus- jrhr von Essigsprit in das Ausland, vom 1. Januar 1880 o nicht mehr stattfinden zu lassen. Der Finanzminister -at nun unterm 26. Dezember an die Provinzialstcuer- nrektionen eine bezügliche Verfügung mit näheren Aus- sührungsbestimmungen zu dem gedachten Bundesrathr- beschlusse erlaffen.
Bromberg, 23. Decbr. Eine traurige Weihnachts- Ueberraschung ist zahlreichen bei den hiesigen Land- und Amtsgerichten bisher beschäftigt gewesenen Diätaren zu Theil geworden und mit ihnen einigen 80 Leidensgenoffen im Oberlandesgerichts - Bezirk Posen. Es ist diesen Beamten, unter denen sich vielfach Familienväten befinden und die zum Theil eine länger als zehnjährige Arbeit im Justizdienste hinter sich haben, folgendes Rescript zugegangen: „Auf Grund einer Verfügung der Herren Vorstandsbeamten des Königlichen Oberlandesgerichts zu Posen benachrichtigen wir Sie, daß Ihre gegenwärtige Beschäftigung mit dem 31. d. M. aufhört. Gleichzeitig fordern wir Sie auf, umgehend dasjenige Gericht zu bezeichnen,
wenn also zu der Menge von Vorzügen, die Du mir aufgezählt hast, noch ein kindlich unschuldiges Herz kommt, so will ick nicht anstehen, zn behaupten, das Mädchen sei glücklich!"
„Fehlgeschossen, alter Schwede, fehlgeschossen!"
„WaS, sie wäre unglücklich? Diese beneidenSwerthe Schönheit wäre nicht auch ein beneivenswerthes Glückskind?"
„Nein, sie ist namenlos unglücklich!"
„DaS ist mir unbegreiflich! Arthur betrachtete bcn Freund mit mißtrauischem Erstaunen. „Wenn heutzutage, fuhr er fort, auch Alles möglich ist, in diesem Falle ist die Wahrscheinlichkeit doch gar zu sehr ausgeschlossen. Beliebtest Du somit nicht zu scherzen, so erkläre Dich näher."
„Ich habe Dir gleich zu Anfang zu verstehen gegeben, daß ich Deiner Phantasie, die von allen Kollegen so viel gerühmt wird, eine Aufgabe aufgeben wolle. Sage mir also wie ist es möglich, daß das Mädchen, welches, wie ich Dich dieß nochmals versichern will, so war ich Karl Hastig heiße, ganz so leibt und lebt, wie ich es Dir geschildert habe, namenlos unglücklich sein kann?"
„Du giebst mir eine Nuß zu knacken, die für meine Zähne zu hart ist; auch bin ich zu sehr moderner Mensch, um mein Gehirn an einem psychologischen Räthsel zu zermartern besten Auflösung ich mir einfach sagen.lasten kann. Mache also keine weiteren Umstände!"
„Deine Phantasie läßt Dick also richtig im Stich. Nun, so laß Dir erzählen: Das zauberische Mädchen heißt Elise Brinkmann und fft eine sehr intime Freundin meiner Braut. Sie ist die einzige Tochter eines steinreichen Großfabrikanten
welchem Sie vom 1. Januar k. I. ab zur unentgeltlichen Beschäftigung überwiesen zu werden wünschen."
Breslau, 29. Dezbr. Der Nothstandsausschuß der verbündeten vaterländischen Frauenvereine hat im Verlauf der Weihnachtswoche seine Arbeit rüstig fortgesetzt und seine Thätigkeit mit Erfolg gefördert, so daß in den Noth- ftandsdistrikten durch die Zweigvereine bisher 83 Volksküchen und Suppenanstalten neu errichtet werden konnten welche bis jetzt einen Zuschuß von 64,490 Mark aus bett Sammlungen des Nothstands-Ausschusses erhalten haben. An Nahrungsmitteln und alten Kleidungsstücken sind durch denselben allein in der letzten Woche 21 Frachtkollis in die bedrängten Kreise versandt worden, während von neu gefertigten Stücken 3000 Hemden, 2000 Paar wollene Strümpfe und 1000 wollene Jacken dorthin abgegangcn sind, so daß die Gesammtausgabe inclusive der, den einzelnen Hülfscomite's gewährten Unterstützungen die Höhe von 100,000 Mark erreicht hatte, als die Konferenz am 27. d. Mts. zur Berathung und Beschlußfassung über weitere Maßnahmen zusammentrat. Auch aus fernen Gegenden sind Unterstützungen eingetroffen. So sind von dem Kaufmann Herrn Carlos Pflücker aus Lima in Peru, einem geborenen Schlesier, 1000 Mark eingegangen, ans Warschau 1000 Brode nach Kattowitz gesandt worden und aus Ulm nächst 39 Packeten mit Kleidungsstücken im Ganzen 928 Laib Brod unterwegs, welche letzteren von den Mannschaften des Infanterie-Regiments König Wichelm und der Batterie deö 1. Württembergischen Feld-Ariillerie-Regiments aufgebracht worden sind. Bis jetzt sind im Laufe deS Monats Dezember durch den Nothstands-Ausschuß nahezu 210,000 Mark zur Vertheilung gekommen.
Stuttgart, 28. 28. Dez. Die Kälte, welche in ganz Württemberg herrscht, ist weit bedeutender, als die von 1829. Das Thermometer variirt schon seit vier Wochen zwischen 15 bis 22 Grad unter Null, höchstens, daß es sich einmal in den Mittagsstunden auf 10 bis 8 Grad versteigt. Stuttgart dürfte dieses Jahr in Nord-, Süd- und Westdeutschland diejenige größere Stadt fein, welche am meisten von der Kälte zu leiden hat. Die Wasserleitungen und Kloakenröhren sind eingefroren und meistens gesprungen. Wenn Thauwetter eintritt und ihr Inhalt wieder flüssig wird, kann man es nicht hindern, daß Wasser und andere unnennbare Flüssigkeiten daS Mauerwerk der Häuser durchsickern, was Epidemien im Gefolge haben wird. Der Schnee liegt im ganzen Lande sehr hoch, doch sind die Landstraßen für die Schlittenfahrt wenig praktikabel, da bei uns im Herbst beschottert wird, und die noch nicht gehörig niederaefahrenen Steine überall Hervorlungen und ein Hinderniß sind, daß mit Schlittenkufen darüber hinweggefahren werden kann. Mit Wagen kann auch nicht gefahren werden und so ruht namentlich in einigen Theilen des Oberlandes der Verkehr vollständig. — Der Württembergische Kriegerbund blickt auf ein Bestehen von noch nicht ganz drei Jahren zurück und darf sich rühmen, schon 400 Vereine mit über 20,000 Mitgliedern in sich zu schließen. Der Zweck der Verbindung ist der, durch Ansammlung von Kapitalien den dereinst alt und dürftig gewordenen Mitgliedern eine mäßige Leibrente zu garanttren; dann aber auch fortlaufend einmalige Unterstützungen an bedürftige Mitglieder zu geben. Der Kriegerbund hat seine Fonds schon auf 10,000 Mk. gebracht , trotzdem 90 pCt. der Beiträge zu einmaligen Unterstützungen ausgegeben wurden. Se. Majestät der König, sowie Se. Hoheit Prinz Hermann zu Sachsen- Weimar wenden dem Kriegerbnnd ihr höchstes Wohlwollen zu, unter solchen Auspizien gewinnt das Institut Ehre, Ansehen nnd materielle Erfolge nach allen Seiten. Das Bundesorgan ist „Der Württembergische Kriegerbund", der in einer Auflage von 3500 Exemplaren erscheint. — Von den in Württemberg bestehenden Kriegervereinen. sind bis jetzt noch etwa 200 dem Kriegerbund nicht beigetreten; einzelne derselben huldigen noch einem nicht gerechtfertigten und eine durchaus wohlerzogene Dame. Der Stolz ihrer Eltern, der Abgott der ganzen Familie ist sie aber dennoch namenlos unglücklich."
Hastig hielt er inne und blickte die Promenade hinauf, zu der sie plaudernd gelangt waren.
„Zum Teufel, so erzähle doch »eiter!" sagte der Andere ungeduldig.
Jener hörte nicht daraus.
„Arthur, siehst Du jene beiden Damen dort?" fragte ar bann.
„Jawohl, bie Eine ist Deine Braut nnb die Andere —
„Die Andere ist unsere unglückliche Schöne. Komm', ich werde Dich sofort vorstelleu!"
„Mensch, hier auf der Straße?"
„Nun warum nicht! Die Damen werden's nicht Übel nehmen!"
„Gut denn! Aber sage mir vorher, warum dieses himmlisch schöne Mädchen unglücklich ist!"
„Wie kann ich das jetzt noch! Meine Braut hat mich schon bemerkt und würde es komisch finden, wenn wir uns hier noch lange unterhalten wollten. Gieb auf alles Acht, was bie Dame sagt, und Dein mit juristiscker Findigkeit fombiuirenber Scharfsinn wird Dich nicht im Stiche lassen."
„Weiß Gott, ein interessantes Problem! Ich werde Dir nachher die Lösung des Räthsels mitiheilen."
Die beiden Herren, zwei junge Referendare, standen im nächsten Augenblicke den bezeichneten Damen gegenüber. Thekla Gumprecht, Haftig's Braut kannte Arthur v. Hell-
Ausschließungsprinzip, indem sie jeden, der 1870/71 nicht als Kombattant mitgemacht hat, abweisen und ihre Verbindung geradezu auf den Aussterbeetat setzen. Doch noch einige Jahre und der württembergische Kriegerbund wird seine segensreiche Thätigkeit über das ganze Land bis in die kleinsten Dörfer verbreiten. Ein Band wird das in Waffen geübte junge Volk und seine alten Streiter auch int bürgerlichen Leben umschlingen. Betont muß werden, daß auf den bisher stattgefundenen Delegirtentagen der Kriegerbund mit Begeisterung feine loyale, dem Kaiser, dem König und den Gesetzen treue Gesinnung erklärt hat. — Von dem Bildhauer Paul Müller wird für die königlichen Anlagen eine neue Marmorgruppe, Eberhard im Schoße eines Hirten ruhend darstellend, angefertigt, zu welcher der Block aus den Steinbrüchen von Carrara unter großen Mühseligkeiten gerade am Christabend in Stuttgart ankam.
AMaad.
Wie«, 30. Decbr. Das „Fremdenblatt" meldet: DaS Protokoll bezüglich der Uebernahme der Rudolfsbahn in Staatsbetrieb ab 1. Januar ist gestern im Handelsministerium seitens des Verwaltuugsrathcs der Rudolfsbahn und bet Vertreter bet Regierung unterzeichnet worden. Zum Bettiebsverwaltet, welchem das gesammte Betriebs- und Vetwaltungspersonal untergeordnet ist, wurde General- Jnspector Regierungsrath v. Perl bestellt. Das „Fremden? blatt" hält in Berücksichtigung der ganzen Verhältnisse der sequestrirten Bahn keinen anderen Abschluß für denkbar, als daß spätestens nach 3 Jahren der Ankauf der Rudolfsbahn durch bcn Staat erfolgen werde. — Der Verwaltungsrath der österreichischen Bodencreditanstalt beschloß, auch diesmal am 1. Januar keine Abschlagszahlung zu leisten, sondern die Fixirung der gesammten Dividende der Generalversammlung anheimzugeben. — An die Kreditanstalt, bie Bodencreditanstalt, bie Unionbank und die Anglo-Bank erging heute eine Einladung des Finanzministers zur Ueber- reichung einer Offerte bis zum 4. Januar auf bie zu begebenden 15 Millionen Gulden Papierrente.
Paris, 29. Decbr. Daß das neue Cabinet schneller zu Stande kam, als man gehofft, verdankt man der gestrigen Dazwischenkunft Gambetta's. Alle Combinationen Freycinel'ö waren daran gescheitert, daß Grevy Waddington an der Spitze des Ministeriums erhalten wollte und er außerdem keinem der 55 ein Portefeuille geben wollte, welche gegen das frühere Cabinet bei der Amnestiesrage gestimmt hatten. Gambetta, dem es hauytfächlich darauf ankam, Waddington zu beseitigen, einigte sich schnell mit Grevy. ^Tiefer ließ Waddington fallen, worauf jener versprach, daß er ein Cabinet unterstützen werde, welches theilweise aus Mitgliedern der Linken und des gemäßigten Theils der Union Republicaine bestehen würde, d. h. alle die, welche in der Amnestiefrage gegen das Ministerium gestimmt, aus bet ministeriellen Combination ansgescklossen blieben. Gestern Abenb um 5 Uhr war Frrycinet mit der Aufstellungsliste fertig. Magnin, der in Folge der Weigerung Challemel- Lacout's zum Finanzminister bestimmt worden war, war in Paris nicht anwesend, er gab aber telegraphisch sofort feine Zustimmung. Um 8 Uhr versammelten sich die neuen Minister bei Freycinet und begaben sich dann nach dem Elysee, wo die Decrete unterschrieben wurden, die heute Morgen int Amtsblatt erschienen. Die republikanische Linke, selbst bas linke Centrum versprachen dem Cabinet Unterstützung. Der Temps schreibt: „Herr Waddington konnte keinen beruhigenbeten Nachfolget finden als Herrn Freycinet. Wir sagen; Herr be Freycinet ist für den Frieden; alle Cabinette Europas werden es bemerken, und es gibt keinen fremden Gesandten in Paris, der dies nicht weiß. Herr Cazot, der neue Justizministtr, genießt die allgemeine Sympathie. Herr be Freycinet konnte keinen besseren Erben für sein Portefeuille finden. Der General Farre hat noch keine Beweise geliefert und man setzt die größten Hoffnungen wig schon; letzterer war also nur noch mit Fräulein Brinkmann bekannt zu machen.
Das Wettet w ar großartig schön, gar nicht, wie es iS bet letzten Zett Mode gewesen; die jungen Damen kamen aber erst eben von Hause, um sich ein Stündchen in frischet Luft zu ergehen und bie beiden Referendare waren für den Rest des Tages frei von allen Dienstobliegenheiten — was lag also nähet, als daß man zusammen einen größeren Spaziergang unternahm? —
Hellwig war entzückt von Elise. Als er später wieder mit Hastig allein war, meinte dieser, ihm lächernd auf die Schulter klopfend:
„Nun, hast Du das psychologische R-chsel gelöst?"
„In der That", antwortete Hellwig erregt, „Fräulein Brinkmann schwärmt leidentschastlich für bie Bühne und ist unglücklich, weil ihre Eltern ihr nicht gestatten wollen, sich ber Kunst zu widmen.
„Ja, das ist eö, Dein Scharfsinn hat seine Probe bestanden. Aber findest Du eine derartige Schwärmerei nicht originell?"
„Durchaus nicht, es ist die moderne Romantik!"
„Dieser modernen Romantik bringt Fräulein Brinkmann den schönsten Theil ihres Lebens, ihre Jugend, zum Opfer."
„Schade um das Mädchen!" meinte Hellwig träumerisch.
Die beiden Freunde nahmen Abschied von einander und verschwanden in entgegengesetzter Richtung.
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