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Kr. 305

JRarßurg, Mittwoch, 31. Dezember 1879.

XIV. Ja-rgau-

OIittlicWe jfitmiß

zrantfurt a. M., Berlin, geizig, Cöln re.; Rudolf Neffe in Berlin, Frank- hip » ic

Kai eigen nimmt nngegen: die Expedition d.vlatte-, sowie d-Annoncen-Bureaux gon Th, Dietrich & Co. in jtaffcl und Hannover; Th

Anzeigen nimmt entgegen die Gxpeditton b. Blatte» sowie d. Annoncen-Bureaux von ®. L- Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Herrnann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Thiene» in Elberfeld; 6. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für da» Quartal mit der wöchentlichen BeilageJ»uftxirteS SonntagSblatt" durch die Expedition (Koch'fche Vuchdruckerei) bezogen Wart, durch die Postämter des Deutschen Reiches 3 Wart 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr). - JnsettionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf,. Für in der Expedition zu ertheileude Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

flkür das 1. Quartal 1880 werden von allen V Postanstalten (auf dem Lande von den Land- postboten) Bestellungen auf die

Kberhessische Zeitung

mit deren Gratisbeilage

Zllustrirtes Sonntagsblatt angenommen, und bitten wir dieselben baldigst machen zu wollen.

In Nr. 1 des nächsten Jahres beginnt im Feuilleton: Kunst und Wahrheit Original- Novelle von Ferd. Gilles.

ssäT* Mit der Nr. 1 wird ei« Kalender fiir 1880 ausgegeben.

Die Exped. b. Oberh. Zeitung.

Rückblicke.

I Wiederum hat die Erde ihren Kreislauf nahezu vol- 1 lendet und ihre Bewohner stehen an der Wende eines Jahre« in der Weltgeschichte ein kleiner Abschnitt und str Einzelne ein solcher von großer und ernster Bedeutung. 1 Gehört doch das scheidende Jahr 1879 zu denen, die in mehr alS einer Beziehung Großes für die Geschicke der s Völker auf ihren Blättern zu verzeichnen haben. In un­serem engeren und weiteren Vaterlande ganz besonders hat e6 einen Umschwung gebracht, dessen weittragende Folgen kaum zu ermessen find. Die Gründung und der erste Ausbau des ersehnten Deutschen Reiches fand bei wohl- cHefüllten Kassen statt, Gesetze reihte» sich an Gesetze, Frei- l Hellen auf Freiheiten wurden geschaffen, bis endlich die trüben Schatten heranziehenden Ungemachs Halt geboten. So kann e« nicht weiter gehen, ertönte es von allen Ein­sichtigen, und in erster Linie aus dem Munde des Lenker« wiseres StaatSwesenS.

Der Reichskanzler hatte schon längst gefühlt, wie drückend, ja beschämend für das große und mächtige Deutsche Reich es sei, bei den leeren Kassen der Einzelstaaten seine Existenz- mittel zu erbitten, daS mußte Anders werden; und Ander« konnte e« erst werden, al« sich im Reichstage eine Majori- tätsverschiebung vollzog, die ein offenes Auge und einen «»getrübten Blick für die großen Wirthschaftsprojekte deS Reichskanzlers hatte. Die vaterländische Industrie sollte geschützt werden und es sollten nicht für Dinge, die wir ebenso gut, wie unsere nachbarlichen großen Jnvustriestaaten zu liefern vermögen, unsere Goldstücke ins Ausland wan­dern. Auch unsere Landwirthschaft bevurfte denjenigen J Staaten gegenüber, die mit geringeren Kräften größere Erndten erzielen, deS Schutzes; aber auch sonstige Ver­brauchs- und Luxusgegenstände sollten uns Zolleinnahmen 1 bringen, aus denen das Reich seine Einnahmen unab- ; I hängig von den Einzelstaaten schaffen konnte. Ja es sollte das umgekehrte Verhältniß eintreten, statt seither daS Reich seine Einnahmen von den Einzelstaaten erhielt, sollten jetzt 1 diese zu ihren eigenen Kosten noch an den Einnahmen des Reiches parttzipiren. Daß diese großen tief einschnei­denden PlänS de« Reichskanzler« feste Gestalt annahmen, daß sie in Fleisch und Blut übergingen, da« war die =erfte große co nservative That seit Aufrich- ; ftung de« Deutschen Reiches, ohne Makeln und Handeln um diese oder jenepolitischen Garantieen" voll­zog sich dieselbe. Und der angefachteconservative Hauch" i erhob sich zum Winde und ging über die Häupter derer hinweg, die wie so manchesmal auch dieseSmal mit ihrem t GeschreiReactton in Politik, Kirche und Schule, Handel «id Wandel" daS Volk irre zu machen suchten, doch deS j Volkes gesunder Sinn hörte diesmal nicht auf sie, und stützte die Männer seine« Kaisers, die er erwählt, die Ge­schicke des deutschen und preußischen Volkes zu leiten; daß sich dieses int scheidenden Jahre vollzogen, ist keine der geringsten Gaben, die uns Gott der Herr hat zu Theil iverven lasten und der Segen, der daraus entspringt, wird i :tin fühlbarer fein für die nächste und spätere Zukunft Unseres Staatslebens.

Ein weiterer und nächster Ausfluß dieser Annahme bet Wirthschaftsrefvrmen unseres Reichskanzlers für das Deutsche Reich war eS, daß er seine Schritte nach dem uns :«n nächsten stehenden Staate Oesterreich-Ungarn lenkte i -Und hier ein Verhältniß anbahnte, das in der alsbald folgenden Zusammenkunft der Kaiser Franz Jvsef und | Bülheim einen weltgebietenden Charakter annahm, dessen

Folgen von unseren Nachbarreichen alsbald verstanden wurden. Rußland gab durch seinen Thronfolger einer friedlichen Politik Ausdruck und Dänemark verließ seinen Schmollwinkel, wie dies Schweden schon früher gethan; sie mußten einsehen, daß Deutschlands Kaiser nach Außen conservative Politik nur erstrebt, ja, daß er das schwer Errungene seinem Volke erhalten will, daß ihm fein Volk hierin in guter wie in schwerer Zeit voll und ganz zur Seite steht, dazu hat auch die Geschichte des Jahres 1879 einen erneuten Beweis geliefert. Scheiden wir darum von ihm in Frieden, trotz aller Roth und vielem Herzeleid, das es sonst über die Menschheit gebracht Gottes Liebe und Allgüte wird auch dieses irdische Leid überwinden helfen, wenn wir allezeit ihm vertrauen und auf ihn bauen, ja bann wird die Zukunft eine freudige und das Neue Jahr 1880 Allen ein gesegnetes fein.

Tagesbericht.

Der deutsch-belgische Handelsvertrag vom 22. Mai 1865 ist heute mit Anschluß der die Tarifbestimmungen enthaltenden Artikel 7 und 8, welche vom 1. Januar 1880 an außer Kraft treten, bi« zum 30. Juni 1880 verlängert worden.

DieNordd. Allgem. Ztg." erklärt es für unbegründet, daß die preußische Regierultg sich jemals um die Mitwir­kung der polnischen Revolutionspartei bemüht habe, um einen Theil polnischen Gebietes zu erlangen, und fährt fort:Die Möglichkeit einer solchen Abtretung ist aller­dings feit dem Tode Kaiser Alexander's I. wiederholt an­geregt woroen, aber nur durch russische Initiative in anti­polnischem Sinne, zur Erleichterung 6er Beherrschung der Polen. Namentlich ist von Seiten des Kaisers Nikolaus der Gedanke einer Abtretung nicht nur deS linken Weichsel­ufers, sondern auch Warschaus dem hochseligen König Friedrich Wilhelm IV. gegenüber mehr als einmal und zuletzt im Laufe deS Krimkrieges angeregt worden, aber stets ohne Anklang zu finden, weil der König nicht geneigt war, da« Verhältniß seiner polnisch sprechenden Unter« thanen den Deutschen gegenüber zu verstärken. Auch in späterer Zeit, bei dem Mißlingen der Versuche, die durch den Grafen Lambert, den Großfürsten Konstantin und dem Marquis Wielopolski gemacht wurden, wurde .in russischen gouvernementalen Kreisen die Frage einer neuen Theilnng Polens ventilirt, um einen Theil der Schwierig­keiten der Regierung des Weichsellandes aus Preußen zu übertragen und die Aufgabe Rußlands um so viel zu er­leichtern, Warschau aber als einen beliebten Garnisonsort und mit Rücksicht auf sortifikatorische Bedeutung zu be­halten. Aber auch diesmal fanden die darüber nach Berlin gelangenben Mittheilungen dort an höchster Stelle kein Entgegenkommen, da der Glaube an den deutschen Beruf Preußens mindestens derselbe geblieben war, wie zur Zeit des Krimkrieges, und ein Zuwachs an polnisch redenden Preußen demselben nicht förderlich erachtet wurde. Ob und in wie weit der Ministerpräsident von Bismarck schon im Jahre 1863 diese persönliche Auffassung geteilt hat oder nicht, darüber ans den einseitigen Angaben des damaligen Danziger Abgeordneten Behrend Gewißheit schöpfen zu wollen, scheint uns gewagt; noch mehr aber der Versuch, die Erzählungen polnischer Verschwörer, die jetzt mit russisch schreibenden panslawistischen deutschen Redakteuren in Verbindung stehen, dem deutschen Publikum als glaubwürdig aufbinden zu wollen."

Die Socialdemokraten der Reichshauptstadt haben der politischen Polizei ebenfalls eine Weihnachtsbescherung ge­liefert. Am ersten Feiertage gelang es, am Plan-User eine heimlich etablirte Buchdruckerei aufzuheben, in welcher ausschließlich socialisttschen Zwecken dienende Schriften ge­druckt wurden. Drei Personen, unter ihnen ein gewisser, schon längst verdächttger Mann, Namens Werner wurden verhaftet und die vorgefundene Einrichtung, Maschinen, Typen und Papiervorräthe auf mehreren Wagen nach dem Mollenmarkte gebracht. Wie es heißt, wurde der liebet« fall gerade gemacht, als die Verhafteten bei dem Setzen einer in überaus derber Sprache geschriebenen sozial. Zeit­schrift waren, deren erster Bogen schon gedruckt sein soll. Der Schriftsetzer Werner, dessen Verhaftung bewirkt wurde, soll ein eingefleischter Revolutionär sein und schon mit Sibirien Bekanntschaft gemacht haben. Seine beiden Haupt­gehilfen sollen ein Oesterreicher und ein Sachse sein. Tausend zur Versendung fertig gestellte Exemplare einer Zeitung von sozial-revolutionärer Tendenz wurden bei Aufhebung der Druckerei mit Beschlag belegt. Ein Stu­

dent Namens Cohn, ein Pole, ist ebenfalls verhaftet worden. Man will bei dieser Gelegenheit hier einer großen nihilistischen Verbindung auf die Spur gekommen sein. Haussuchungen und Verhaftungen, von welchen am Donnerstag und Freitag fremdländische Studirende in Berlin betroffen wurden, stehen hiermit im Zusammen­hänge.

Die französische Cabiuetskrisis, welche mit dem Schluß der Kammern ihren Anfang nahm und seitdem die ver­schiedensten Phasen durchmachte, ist nun mit Constituirung des neuen Ministeriums, an dessen Spitze Freycinet steht, beendet worden. Die bedeutendste Modifikation gegen das bisherige Ministerium ist neben dem Ausscheiden Leon Say's der Austritt Waddington's dessen Führung der aus­wärtigen Politik sich durch ihre Mäßigung das Wohl­wollen aller europäischen Regierungen in so hohem Maße zu erwerben und zu erhalten wußte. General Farre, der neue Kriegsminister, ein Freund Gambetta's commanbirt in Lyon das 14. Armeekorps. Varroy, der Minister der Arbeite» gehört der republikanischen Linken deS Senats an und war bis zum Jahre 1870 Betriebsdirector der Straß­burger Bahn. Liegt auch augenblicklich keine Ursache vor, an diesem Wechsel der Dinge jenseits der Vogesen irgend welche Befürchtungen zu knüpfen, so ist doch schon in der Thatsache, daß es dem Drängen der Linken gelungen, das alte Ministerium zu stürzen, eine nicht zu verkennende Wichtigkeit und fordert zu verdoppelter Aufmerksamkeit auf den Verlaus der Ereignisse in der französischen Re­publik auf. Die erste Folge der Neubildung des Mi­nisteriums meldet soeben der Telegraph: Die Entlassungs­forderung deö Berliner Botschafters.

Deutsches Reich.

Berlin, 29. December. In der BundesrathL- sitzung vom 16. December gelangte bekanntlich der Ent­wurf eines Gesetze«, betreffend die Abänderung von vier Artikeln der Reichsverfassung zur Berathung und Annahme. Nachträglich erfährt man, daß der bayerische Bevollmächtigte den Antrag stellte, dem Arttkel 13 folgende Fassung zu geben:Die Berufung des Bundesraths findet alljährlich, diejenige deS Reichstags mindestens alle 2 Jahre statt. Der Reichstag kann nicht ohne den Bundesrath berufen werden." Der Antrag blieb ht der Minderheit, wogegen der Artikel in der Fassung des Ausschusses zur Annahme gelangte. Ein Antrag Sachsens auf zwei kleine Aenderungen in den Motiven wurde angenommen. Endlich wurde Ar­tikel 24 einstimmig, Arttkel 69 und 72 mit Stimmenmehr­heit angenommen. Gegen daS ganze Gesetz stimmten Heffen und Bremen. Auf eine Petition des KreiSsynodal- VorstandeS der Friedländer Diözese in Ostpreußen, welche dahin geht, daß im Wege der Gesetzgebung durchgreifende Maßregel zur Unterdrückung deS gewerbsmäßigen Bettelns ergriffen werden möchten, hat die Petitionskommission des Herrenhauses bei dem Plenum diese» Hauses den Antrag gestellt, die gedachte Petition der Regierung zur Erwägung zu ftberroeifen, ob nicht dem beregten Uebelftande, insbesondere durch Vermehrung der Gensdarmerie, bezw. durch strengere Disciplin in den ArdeitS- und Korrektionsanstalten, mög­lichst entgegenzutreten sei. Nach einer Mittheilung des Präsidenten des Herrenhauses ist zu erwarten, daß diese Petition nach Ablauf der ersten Woche t eS neuen Jahres zur Plenarberathung gelangen wird. Soweit der Antrag nun sich auf die Einführung einer strengen Disciplin in den Arbests- und KorrekttonSanstalten bezieht, ist bei der Berathung der Petttion in der Kommission von mehreren Seiten behauptet worden, daß die in diesen Anstalten »egen Bettelns und Landstreichens dettnirten Personen einerseits nicht mit Strenge zur Arbeit angchalten würden und an­dererseits über das Maß des Bedürfniffes hinaus Nahrung und Pflege erhielten. Obwohl die Arbeit«- und Kor­rektionsanstalten sich in provinzialstänbifcher Verwaltung befinden, so stehen sie doch unter der Aufsicht des Staates. Der Minister des Innern hat daher die Oberprästdenten beauftragt, schleunigst, wo möglich bis zum 7. Januar k. I. mitzutheilen, in welcher Weise bisher die staatliche Auf­sicht über die in Rede stehenden Anstalten gehandhabt worden ist und ob die Führung der Aufsicht, insbefondere durch etwa abgehaltene Revisionen Wahrnehmungen und Beweise dafür ergeben haben, daß die gegen die Verwaltung der Anstalten erhobenen Beschuldigungen ungerechtfertigter und schädlicher Nachsicht und übertriebener Humanität be­gründet seien. Nach einer Mittheilung des bayerischen Finanz Ministers werden von Bayern vom 1. November o. I. bis Ende 1881 an UebergangSabgaben erhoben werden