Mr. 281.
Marburg, Sonntag, 30. November 1879
xiv. Jahrgang
WchelW jfitmiß
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Die Ex-ed. >. Oberh. Zeitung.
Wochen - Ueberficht.
War der Besuch, den der russische Thronfolger in der vergangenen Woche dem kaiserlichen Hofe von Berlin abstattete, unter den gegenwärtigen politischen Verhältnissen ein Ereigniß, welches nach allen Seiten hin Beachtung und Würdigung gefunden, so gilt dies in nicht geringerem Grade von der Ankunft des dänischen Königspaares. Der Besuch des russischen Thronfolgers in Berlin erklärte sich ohne jeglichen Commentar; Rußland bezeugte seine Absicht, auch ferner mit dem Deutschen Reiche in Frieden leben und nichts unternehmen zu wollen, was denselben trüben könnte. Nicht ganz so zu Tage liegt die Bedeutung der Berliner Reise des dänischen Königspaares. Will Christian IX. blos beweisen, daß er sich mit der politischen Umgestaltung Europas seit 1864 ausgesöhnt und auch in die Aushebung des Artikels V des Prager Friedens sich gefunden habe, oder handelt es sich um Anbahnung eines ausgesprochen freundschaftlichen Zusammengehens des dänischen Reiches und Deutschlands, so daß der Besuch Christian's IX. in Berlin an den Besuch des russischen Thronfolgers am schwedischen Hofe diesen Sommer erinnern sollte? Nicht ausgeschlossen ist es aber auch, daß der Schwiegervater zweier wirklichen Kronprinzen und eines solchen in partibus (des Prinzen von Wales, des Zare- witsch und des Herzogs von Cuniberland) Namens des letzteren einen Ausgleich des hannoverischen Königshauses mit der Krone von Preußen zu Stande zu bringen suchen will. Das man in Berlin die Bedeutung des dänischen Besuches auch äußerlich würdigt, beweist der Umstand, daß die Kaiserin von Coblenz, der Kronprinz von Pegli aus Italien zur Begrüßung des dänischen Königspaares nach Berlin gereist sind. Daß diese beiden Reisen ausschließlich der am Samstag Statt findenden silbernen Hochzeits- ftier des Prinzen Friedrich Karl gelten, will man nirgends
Drei Tage am Meere.
Erzählung von I. Hochkirch.
(Fortsetzung.)
Robert tauchte sein Ruder in die Fluth. Mehrere Glieder der Gesellschaft folgten seinem Beispiele, auch Fräu- lein Lultrud. Der Lieutenant wollte ihr wehren; sie erbat stch die leichte Arbeit jedoch als besonoerc Gunst und handhabte das Ruder geschickt. Es gewährte Robert Verzügen, gleich Fräulein Luttrud in gleichem Taktschlage ®ic stchs gebührt, die Ruder zu heben und zu senken. Sie allein zeigte sich der Kunst des Ruderns vollkommen mächtig, während die übrigen, unter Scherzen und Lachen Kleich Hülfe Spendenden sich mit dem geheimnißvollen Gleichmaße wenig vertraut erwiesen.
„Herr von Pflug und Fräulein Luttrud machen ihre Sache am besten", rief der Advokat vom Steuer her und deklamirte scherzend:
„Zwei Herzen und ein Gedanke,
Zwei Ruder und ein Schlag!"
„WaS berechtigt Sie zu diesem Citar, Herr Advokat ?" ttagte der Lieutenant.
„Still, still!" rief Kuno Feddersee, „auf der See all- hkmeiner Frohsinn und herzliche Eintracht! Keine Spitz- Iwdigkeit! Ein fröhliches Glückauf zu jedem begegnenden Boote hinüber!"
Bald war die freie See erreicht; die Ruder wurden lltzt wieder eingezogm, die Segel gespannt, und schwellend Wölbten sich dieselben unter dem Druck eines erfrischenden lindes.
Der Verabredung gemäß nahm man zunächst die Richtung m die See hinaus, und von dort zu den Dünen hinüber. . Alle an Bord waren seefest und fühlten sich durch die Melle Seefahrt wunderbar angeregt und heiter gestimmt, daß manch Witzwort laut wurde. Da der Wind vom dande her wehte, blieb die See trotz der guten Brise ver- ^itnißmäßig ruhig. Freundlicher Sonnenschein lag aus
recht glauben. — Der preußische Landtag hat vom 18. bis 25. keine Vollsitzungen abgehalten, um den verschiedenen Commissionen Zeit zum angestrengtesten Arbeiten zu verschaffen. Diese Zeit hat denn auch namentlich die Eisenbahn-Commission redlich benutzt und ihre Berathungen über die Ankaufsverträge des Staates mit der Berlin-Stettiner, Magdeburg-Halberstädter, Köln-Mindener und Hannover- Altenbekener Eisenbahn beendet. Die Sitzungen des Abgeordnetenhauses am 25. und 26. galten der Weiter- berathung des Staatshaushalts.
Die langwierigen Verhandlungen über das Wehrgesetz nehmen sowohl in Wien als in Pest einen rascheren Fortgang und die Annahme der Regierungs-Vorlage ist gesichert.
In Italien ist das neue Cabinet endlich zu Stande gekommen. Cairoli als Präsident besorgt die auswärtigen, Depretis die inneren Angelegenheiten. Magliani hat die Finanzen, Villa die Justiz, de Sanctts das Unterrichtswesen, Baccarini die öffentlichen Arbeiten, Miceli die Land- wirthschaft übernommen. Kriegsminister ist Bonelli geworden und Acton tritt an die Spitze der Marine- Verwaltung.
Der 27. November ist das historische Datum, an welchem die französischen Kammern nach ihrer Wanderschaft von Tours über Bordeaux und Versailles nach Paris zurückkehren und Paris wieder in den Vollbesitz seiner Vorrechte als Hauptstadt des Landes tritt. Die außerordentliche Session wird ohne Sang und Klang eröffnet und, so viel sich heute wenigstens voraussehcn läßt, ohne Ministerkrists und ohne zu großen Lärm vorübergehen; wenigstens bemüht sich Gambetta augenblicklich sehr um einen Waffenstillstand bis zur Session von 1880. Viel fehlte jedoch selbst in den letzten Tagen an einer Cabinetskrisis wiederum nicht. Der Handelsvertrag Frankreichs mit Oesterreich wurde am 20. November auf unbestimmte Zeit unv auf Kündigung zu jeder Stunde abgeschlossen.
In Spanien ist die Erzherzogin Christine von Oesterreich, die Verlobte des Königs, mit großen Feierlichkeiten empfangen worden Am 24. d., Morgens 8 Ahr, traf sie mit ihrer Mutter in Madrid ein, wo der König und dessen Schwestern sie schon auf dem Bahnhofe herzlich begrüßten und nach dem Schloß Pardo geleiteten. Die Kaiserin Eugenie ist von England nach Spanien gereist, hat jedoch ihre Mutter, die Gräfin Montijo, nicht mehr lebend angetroffen, da dieselbe bereits am 23. d., wenige Stunden vor der Ankunft der Tochter, gestorben war. Der Eongreß
der unendlichen Tiefe; wie flüssiges Erz mojic das hehre Element in tausend Formen unv Farben spielend. Als jedoch die Segel umgelegt wurden, um den Curs zum Lande zurückzunehmen, und das Boot dadurch scharf an den Wind kam, neigte es sich zur Seite; der weiße Schaum spritzte hoch auf und entlockte der zaghaften Frau Konzertmeister einen Weheruf. Die Plätze wurden gewechselt; Fräulein Elise Truchseß setzte sich an die gesenkte Bordseite, tauchte die Hand ins Wasser und jubelte laut, wenn die un.ruhige, gekräuselte Fluth plötzlich wild aufbrauste, ihrm Arm benetzend.
„Noch geht Alles vortrefflich," sprach der seekunbige Kuno, der den Platz am Steuerruder behauptete, aber wehe uns, wenn wir den Schütz der Küste und des Waldes erreicht haben. Dann wird eS abermals gelten zu rüdem!"
„Und nebenbei springt der Wind um," verkündete der Bootsmann; „vielleicht wirdS ganz windstill, oder eS giebt kontrairen Wind."
„Wenn nur kein Gewstter heraufzieht," bemerkte Frau Generalkonsul Kretschmar, indem sie ängstlich zu dem im Süden und Westen sich ausbreitenden Gewölk hinaufsah.
„Kann immer sein," versetzte der Bootsmann.
„Nun, vor Ausbruch desselbm erreichen wir jedenfalls die sichere Küste und das Forsthaus," bemhigte der Advokat.
Mit jedem Augenblick verminderte sich die Kraft des Windes; die Dünen lagen nahe vor Augen, weiß aus dem Haren Meere aufsteigend, durch schönen dichten Wald gekrönt. Ein rothes Dach schimmerte herüber; das Forsthaus zu Herzogsmh.
„Nun ans Werk," rief der Generalkonsul, „die Ruder ausgelegt! Ein halbes Stündchen werden wir noch mdem muffen, ehe wir den Steg erreichen. Fräulein Luttmd befehlen Sie ein Ruder?"
„Ich werde lieber ruhen."
„Ach, wie bedaueruswerth!" rief Herr von Pflug, der es während der Fahri an artigen Phrasen nicht hatte fehlen
hat den Antrag, das ausländische Getreide in Spanien zollfrei eingehen zu lassen, abgelehnt.
Die am 19. erfolgte Verhaftung dreier Agitatoren hat unter der irischen Bevölkerung große Erregung hervorge- rufcn und den Erlaß von 17 ferneren Haftbefehlen zur Folge gehabt. Am 24. d. war der CabinetSrath zu einer Sitzung zusammengetreten. Die in Sligo gegen die drei ersten Verhafteten, Daly, Killen und Davitt, wegen Anf- mhrs geführte Voruntersuchung hat zur Verweisung Daly's vor die Geschworenen geführt. Der Proceß gegen Killen und Davitt wurde vertagt. Die Irländer erheben wegen des kräftigen Vorgehens der Negierung gewaltigen Lärm, finden damit aber in der großen Masse des Volkes keinen Anklang, da es sonnenklar zu Tage liegt, daß die Regierung diesen Schritt thun mußte, wenn fie nicht andauemd ihre Autorität verhöhnen lassen wollte.
Der Großfürst Thronfolger wird seinem kaiserlichen Vater bald über seine Reise-Eindrücke berichten können, da letzterer in den ersten Tagen des Monats December aus Livadia nach Petersburg zurückkehrt. Auch Gortschakoff bezieht sich über Berlin nach der nordischen Hauptstadt; es heißt, daß er in Berlin mit Schuwaloff und Oubril Zusammentreffen wird, und man will abermals wissen, daß der greise Kanzler von seinem Amte zurückzutreten gedenke. Verbürgt ist diese Nachricht aber keineswegs.
Aleko Pascha, welchem in seiner Abschieds-Audienz vom Sultan der Osmanie-Orden erster Classe verliehen wurde, ist nach Philippopel zurückgekehrt. Nach Wiederantritt seines Amtes beabsichtigt derselbe bezüglich der Rückführung der mohamedanischen Flüchtlinge nachdrückliche Maßregeln zu ergreifen; so wenigstens hat er in Konstantinopel versprochen. Baker soll in Kurzem nach Kleinasien abreisen, begleitet von seinen Unterbeamten um mit den Reformen in Armenien zu beginnen.
Tagesbericht.
Kaiserin Augusta ist Freitag früh aus Koblenz in Berlin eingetroffen. Um 7 Uhr 42 Min. Morgens sind der König und die Königin von Dänemark daselbst angekommen, von dem Kronprinzen, dem Stadtkommandanten, Polizeipräsidenten und dänischen Gesandten empfangen und von dem Kronprinzen ins Schloß geleitet worden.
Der Kronprinz wird dem Vernehmen nach erst nach dem Ordensfeste wieder nach Italien abreisen. — Dem Bundesrathe ist ein Gesetzentwurf für Elsaß-Lothringen lassen. Marianne Kretschmar war, ttotz seines Vorsatzes vollkommen von ihm vernachlässigt worden, verrieth jedoch durch keine Miene, durch kein Wort, daß sie sich verletzt fühle, sondern zeigte sich vielmehr ungewohnt zugänglich und gesprächig.
„Warum bedauernswerth?" fragte der Lieutenant.
„Ich wünschte nochmals das Wort aus dem Munde unseres Steuermanns zu hören," erwiderte Robert von Pflug, „zwei Ruder und ein Schlag."
»Zwei Herzen und ein Gedanke," eigänzte der Advokat lachend.
„Fräulein Luttrud seien Sie auf Ihrer Hut!" rief Herr von Tempelhoff mit erglühendem Antlitz; „ein Mann, der durchaus allein seine künftige Gattin bewundern will, sollte nicht so freigebig in seiner Huldigung sein."
Die Gesellschaft stutzte.
„Was?" rief Robert. Ihm wurde es dunkel vor den Augen.
„Läugnen Sie die Äußerung?" fragte der Lieutenant hitzig, und ehe er zurückgehalten werden konnte, brauste er auf: „Ich habe Ihr stolzes „Durchaus nicht" auf meine ernste Frage nicht vergessen und mir wohl gemerkt, was Sie im Fichtelhain sprachen: „Wenn ich einmal heirathe, so will ich allein meine Gattin bewundern!"
„Tempelhoff, seien Sie doch ruhig," ries der Advokai Feddersee entsetzt, „Sie reden ja wie ein Kind!"
„Sttll", gebot Herr von Pflug dem Jugendfreund — mit vollkommener Ruhe, aber aschbleichem Antlitz, „bei Herr Lieutenant spricht die Wahrheit."
Fräulein Luttrud, die aus der Weise, in welcher dies« Worte gesprochm wurden, mehr entnommen hatte, als aut ihrem Inhalt, neigte sich zum Meere hinab. Zum erstei Male, seit Robert mit ihr verkehrte, sah er eine tiefe Röth, ihr edles Antlitz bedecken.
Ihm brach fast das Herz.
(Fortsetzung folgt.)