Einzelbild herunterladen
 

«r. 257

Marburg, Sonnabend, 1. November 1879.

XIV; Jahrgang

Sageigen nimmt dagegen: die Spedition d.vlatte», sowie d.Annoncen-Bureaur von Th, Dietrich & Co. in Raffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Bfenftein & Bögler in itfurt a. M., Berlin, zig, CSlll ic.; Rudolf

Wosje in Berlin, Frank» furt a. M. ic.

Frankfurt a. M; Jäger'sche

Buchhandlung daselbst;

Herrnann'sche Buchhandl. ♦ daselbst; Jnvalidendank in

Berlin; W. LhieneS in

Elberfeld; 6. Schlotte in

Bremen'^

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition b. Blatte! sowie d- Annoncen-Bureaux von G. L- Daube & Co. in

WkWscht jritmig

Buch Mucker")"bSg« ’v*“ ^rch die Expedition (Koch'sche

Für in der Expedition zu eSlenbe * b,e gespaltene Zeile 10 Pfg.

Tagesbericht.

Der „R. u. St.-Anz." meldet, daß dem Staats- und Justizminister Dr. Leonhardt, unter Belassung des Titels und Ranges eines Staatsministers, die nachgesuchte Dienst­entlassung ertheilt sei und der StaatSsecretär des Reichs- Justiz-Amts, Wirklicher Geheime Rath Dr. Friedberg zum Staats- und Justizminister ernannt worden ist.

Im Abgeordnetenhaus eröffnete gestern Alterspräsident v. Bokum-Dolffs die Sitzung mit geschäftlichen Mitthei­lungen, darunter ein Schreiben des Vicepräsidenten des Ministerrathes bezüglich der Bewilligung der nachgesuchten Dienstentlassung des Justizministers Leonhardt und Er­nennung des Staatssecretärs Friedberg zum Staats- und Justizminister. Unter den eingegangenen Vorlagen sind hervorzuheben die Gesetzentwürfe wegen Erwerbung mehrerer Privatbahnen für den Staat, wegen Erweiterung der Staatseisenbahnen und Betheiligung des Staates an mehreren Privateisenbahnunternehmungen. Die Abthei- lungen haben bereits 362 Mandate geprüft, welche für gültig erklärt sind. — Bei der'nunmehr folgenden Präsi­dentenwahl werden abgegeben 399 Stimmzettel, von welchen 17 unbeschrieben sind; die absolute Majorität beträgt so­mit 192. v. Köller erhielt 218, v. Bennigsen 164 Stim­men. (Bezügliche Depesche für unser gestriges Blatt verspätet eingetroffen. D. R.) v. Köller nimmt die Wahl mit folgenden Worten an: Meine Herren! Es ist mir sehr wohl bekannt, welche Schwierigkeiten das Amt eines Präsidenten dieses Hauses zu allen Zeiten und zumal in dem gegenwärtigen Augenblick zu bewältigen gehabt hat. Ich fühle, daß diese Schwierigkeiten dadurch nur erhöht werden können, daß das Haus seit Jahren an dieser Stelle erprobte Kräfte wirken gesehen hat von hoher Be­gabung. Wer, meine Herren, ich glaube, wenn der Ruf

Hauses an ein Mitglied ergeht, so darf es sich diesem Ruf nicht entziehen. Ich stelle mich in den Dienst des Hauses und nehme die Wahl an. (Bravo.) Meine Herren, ich bin davon durchdrungen, daß ich auf eine redliche Ausfüllung dieses Amtes nur dann rechnen kann, wenn ich von allen Seiten nachsichtige Unterstützung finde. Ich bitte, mir diese freundliche und nachsichtige Unterstützung nicht vorenthalten zu wollen. Mögen Sie Überzeugt sein, daß es mein eifriges Bestreben sein wird, die Geschäfte des Hauses mit strengster Unparteilichkeit und Gerechtigkeit nach allen Seiten zu üben. (Beifall)

übernehme den Vorsitz und ersuche das Haus, zunächst der bisherigen Geschäftsleitung seinen Dank abzustatten und sich als Zeichen desselben von den Plätzen zu erheben. (Das Haus leistet dieser Aufforderung Folge) v. Benda wird nun mit 220 von 398 Stimmen zum ersten Äceprästdenten gewählt; 155 Stimmen fallen auf Graf

Bethusy-Huc. jo. Benda nimmt die Wahl an. Zum zweiten Dicepräsidenten wurde v. Heeremann mit 215 Stimmen gewählt. Bethusy-Huc erhielt 167 Stimmen. Heeremann hat die Wahl angenommen. Zu Schriftführern wurden durch Acclamation gewählt die Abgeordneten Grutering, «Lchmising-Kerssenbrock, v. Quast, Watzdorf, Delius, Sachse, Schmidt (Sagran) und Quadt. Nächste Sitzung morgen Mittag 12 Uhr.

Dre Generalsynode setzte in ihrer gestrigen Sitzung die Berathung der Trauordnung fort und nahm bei § 8 alin. 1 betr. die Traufragen nach den Commisstonsvorschlägen therls einstimmig, theils mit großer Majorität an, ebenso die Trauformeln. Auch der fernere Antrag der Commission wurde genehmigt, wonach der Oberkirchenrath ersucht wird, die Fälle, in welchen auch bei der gegenwärtigen Trauord- nung em Geistlicher noch Gewissensbedenken haben sollte, dre Trauung als mit dem Worte Gottes nicht überein­stimmend vorzunehmen, in einer das Gewissen der Geist­lichen schonenden Weise zu erledigen. — Der Gesetz­entwurf über die Verletzung kirchlicher Pflichten wurde gegen die Stimmen der Linken en bloc angenommen Oberconsistorialrath v. d. Goltz hatte sich im Namen ™ Oberkirchenraths für die Commissionsanträge ausge-

Wie die N. Pr. Ztg. mittheilt, soll der General der Infanterie v. Fransecky, kommandirender General des 15. Armmeekorpo, jetzt aufs Reue seinen Abschied erbeten haben und die Genehmigung dieses wiederholten Gesuches unter Berufung dieses hochverdienten Generals in eine besondere Vertrauensstellung bevorstehen. Die Veröffentlichung der Kaiserlichen Ordre, sdurch welche der derzeitige Statthalter in den Reichslanden auch zum Oberbefehlshaber der Truppen in Elsaß-Lothringen ernannt wird, ist ebenso wie die Neuernennung eines kommandirenden Generals des 15. Armeekorps unmittelbar nach der Genehmigung des Ein­gangs erwähnten Abschiedsgesuches entgegenzusehen.

Aus den Betrachtungen der Germania über die Thron rede heben wir folgende auf den Schlußpassus derselben bezüglichen Worte hervor: „Der Wunsch des Kaisers, daß die Session den Frieden auch im Innern fördern möge, wurde mit großem Beifall ausgenommen. Die All­gemeinheit der Wendung schließt zwar eine strikte Jnter- pretatton aus, bei der Verbindung aber, in welcher die Worte zu dem vorhergehenden Passus stehen, wird man den Wunsch nach innerem Frieden hauptsächlich auf die wirthschaftlichen und allgemein politischen Streitfragen be­ziehen müssen, wenn auch die Beziehung auf den kirchlichen Frieden nicht völlig ausgeschlossen ist. Man darf es min- destens befremdlich finden, daß des unglücklichen „Kultur­

kampfes" und der Bestrebungen zur Wiederherstellung des Friedens zwischen Staat und Kirche nicht mit einem ein­zigen Worte ausdrücklich gedacht wurde. Selbstverständlich hat Niemand erwartet, daß dies in Ausdrücken geschehe, welche die schwebenden Verhandlungen in dieser oder jener Richtung präjudiziren könnten, aber man wird es be­greiflich finden, wenn das katholische Volk fich verwundert, daß die Thronrede, die für Manches viele Worte hat, eine Angelegenheit mit Schweigen übergeht, welche mehr als 8 Millionen Unterthanen auf das Tiefste berührt. Wenn man nun auch diese Taktik der Regierung, welche den Kampf und die dadurch entstandenen Zustände im Lande ignorircn will, ohne sie zu beseitigen, befremdlich findet, so ist, es doch eine starke Uebertreibung einiger „liberaler" Blätter, von einer argen Verstimmung in Cent­rumskreisen zu reden, und noch gewagter ist es, daran Vermuthungen über die Haltung des CentrumS der Re­gierung gegenüber zu knüpfen."

Der Kultusminister hat Vorschriften für die Studiren- den erlassen, die mit dem 1. Oktober in Kraft getreten sind. Dieselben behandeln die Aufnahme und den Ab­gang der Studirenden, die Vorlesungen, die rechtliche Stellung und die akademische Disciplin. Durch diese neuesten Vorschriften sind die alten akademischen Vorrechte auf em Minimum reducirt. Dieselben besagen, daß die Eigenschaften eines Studirenden keine Ausnahme von den Bestimmungen des allgemeinen Rechtes begründen, und die Studirenden in privaten Rechts-Angelegenheiten wie in Strafsachen der ordentlichen Gerichtsbarkeit unterworfen seien. Nur in ihrer Eigenschaft als Studirende find sie unter akademischer Disciplin. Die Disciplinarstrafen be­stehen in Verweis, Geldstrafe bis zu 20 M., Carcerstrafe bis zu zwei Wochen, Nichtanrechnung des laufenden Halb­jahrs auf die vorgeschriebene Studirzeit, Unterschrift des consilium abeundi, Ausschluß von den Univerfitätsstudien (Relegation), Entfernung von der Universität. Mit der Relegation ist der Ausschluß von allen anderen Universi­täten verbunden. Vereine und Versammlungen der Stu­direnden unterliegen den allgemeinen Landesgesetzen und einigen besonderen, bisher schon geltenden Bestimmungen.

Meldungen der „Polit. Corresp.": Bukarest. Die Aratabta-Comission hat sich constituirt. Dieselbe wählte den französischen Commissär Lalanne zum Präsidenten und den österreichischen Commiffär zum Schriftführer. Die Commission nimmt heute die erste Lokalbesichttgung vor. — Cettinje. 600 Montenegriner sind ht Delika und 100 in Orchanitza eingerückt, während 500 gegen Pepich vor- rückten. 200 Montenegriner lagern als Reserve zwischen Veltka und Orchanitza.

I« den Woge« der Revolution.

Frei bearbeitet von Viktor Schwarz.

(Fortsetzung.)

Fünfzehntes Kapitel. Mutter Rothkäppchen.

. Im Nachtlokal des Regiments Flandern saß ungefähr «n Dutzend Soldaten auf den hölzernen Pritschen, während °le Branntweinflasche kreiste und dichter Tabaksqualm den Niedrigen Raum erfüllte. In einer Ecke des wüsten Ge­machs kauert ein starker, großer junger Mann; unbeweg­lich starrt er vor sich hin ins Leere und blickt nicht auf wenn ihm einer der Soldaten die Branntweinflasche zum <nnken hinhält.

Pierre LegroS ist ein Gefangener, aber dies scheint ihm wenig Eindruck zu machen; wie ein Blödsinniger und °°uig verständnißlos nickt er still vor sich hin und ab und 3« stammeln seine bleichen Lippen: „Susanne! wo mag Susanne sein?"

Zu dieser Zeit schlug Susanne in einem engen, düstern *aume die Augen auf. Hatte man sie wohl schon be= j^aben, weil es ringsum so finster war? Aber nein», im Mabe roch es sicher nicht so durchdringend nach Fisch und kder im Paradiese noch im Fegefeuer konnte es so eng und dumpf sein!

Und jetzt fühlte sie, wie eine harte, schwielige Hand ihr mim Verband um die schmerzende Stirn legte und eine vauhe Stimme sagte:

Nun mein Täubchen, wie befindest Du Dich?" „Wo bin ich?" stammelte Susanne matt.

u - "Du bist gut aufgehoben, mein Schäfchen," entgegnete mqelbe Stimme und als die Inhaberin derselben jetzt

einen Laden aufschloß, erblickte Susanne vor sich eine alt» liche Frau, welche ihre blitzenden, dunkeln Augen mit mit­leidigem Ausdruck auf ihr ruhen ließ.

„Wenn Du roiffen willst, wie Du hierher gekommen, kann ich Dir es sagen," sagte sie jetzt, rauh auflachend; „auf biefcn meinen Schultern habe ich Dich hergelragen! Ich sand Dich mitten auf der Straße, wo man Dich für tobt hatte liegen lassen unb wirklich, Du warst auch kaum mehr lebenbig, als ein tobter Häring! Ich legte Dich hier auf meinen Zahltisch unb rieb und bürstete lange an Dir herum, ehe Leben in Deinen erstarrte Glieder zurück­kehrte. Die Menge muß Dich unter die Füße getreten haben, denn Dein ganzer Körper fft mit Wunden und Beulen bedeckt."

»Und Ihr trugt mich hierher?" flüsterte Susanne ge­rührt; „aber wer seid Ihr? Ich kenne Euch nicht, wenn ich Euch auch von Herzen dankbar bin, Madame; Pierre wird Euch auch noch danken!"

„Nenne mich Mutter Rothkäppchen, Kleine," rief die alte Frau. „Weißt Du, weßhalb man mich so nennt? Sich, als man vor Jahr und Tag dm Verräther Reveiüon in seinem eigenm Hanse verbrennen wollte, leitete ich den Angriff , welchen die Hallmweiber machtm. Eine Kugel traf mich an die Schläfe, aber ich beachtete es nicht und blieb an der Spitze unserer Compagnie; obgleich mir das Blut stromweise über das Gesicht lief. „Seht doch, die Mutter Hannah steht aus wie das Rothkäppchm," riefm meine Kameradinnen; „hoch die Mutter Rothkäppchen soll leben!" So behielt ich den Namen und ich bin stolz da­rauf! Aber Du hast gewiß Schmerzen, mein Täubchen! Ich will Dir die Kissen aufschütteln! So, nun wirst Du liegen wie im Himmel!"

„Und wo ist Pierre? stammelte Susanne.

„Pierre? Das weiß ich nicht, aber es muß ein netter Bursche fein, wenn er Dich im Stiche gelassm hat! Na, hab nur keine Sorge — einen solchen Liebhaber kannst Du noch alle Tage findm! Du bist so schön unb fein — D» könntest einen Prinzen heirathm! Ha, jetzt hab ichs — Du mußt ben Bürger Montarbas nehmen! Es war früher ein Graf — er wird Dir schon gefallm! Aber erst mußt Du toieber besser aussehen, sonst kannst Du Dich nicht sehen lassen! Schlafe jetzt wieder, mein Herzenskinb

Nichts soll Dich stören! Oh, ich weiß noch, wie man mit Kinbern umgeht, wenn auch meine eigenen längst tobt sind! Wenn ich noch beten könnte, würde ich die heilige Jungfrau anrufen und ihr danken, baß sie dieselben jung und unschuldig von der Welt genommen! Gott sei Dank baß meine Kinder mich jetzt nicht sehm können '" '

Damit verließ Mutter Rothkäppchen ihren Schützling

Kaum sah sich eufanne allein, als sie aufsprang unb das Gemach zu untersuchen begann. Es lag zwei Treppen hoch und hatte nur ein kleines Fenster; bann eilte Su­sanne zur Thüre unb fand dieselbe von außen verschlossen! Wollte man sie hier gefangen halten für den verhaßten Grafen, ben Fluch ihres Lebens? Nun, im Nothfall konnte fie aus bem Fenster springen; vielleicht waren bie Steine mitleidiger als die Menschen! Nach einer Weile krachten bie Treppenstufen unter einem schweren Schritt; Susanne warf sich schnell auf das niedrige Bett und zog bie Decke über bm Kops. Gleich barauf warb ein Schlüssel im Schlosse umgedreht und leifen Schrittes trat die alte Fisch­händlerin ein.

(Fortt etzimg folgt)