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Marburg, Freitag, 24. Oktober 1879
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_______Die vxpeö. r. Oberh. Zeitung.
Die gegenwärtigen Erwartungen der Wirthschafts- Reform.
Als der Reichskanzler in dem Schreiben vom 15. Dezember 1878, nachdem die Einsetzung einer Kommission zur Revision des Zolltarifs vom Bundesrath beschlossen worden, die Gesichtspunkte darlegte, welche ihm bei der Revision als leitende vorschwebten, stellte er in die erste Linie „die Verminderung der directen Steuerlast durch Vermehrung der auf indirecten Abgaben beruhenden Entnahmen des Reichs". „Je ergiebiger", so wurde im Verlauf des Schreibens gesagl, „man das Zollsystem in finanzieller Hinsicht gestaltet, um so größer werden die Erleich- lerungen auf benv Gebiet der direkten Steuern sein können und sein müssen." Ferner wurde gesagt: „nicht in Vermehrung der für die Zwecke des Reichs uno der Staaten nolhwenoigen Lasten, sondern in der Uebertragung des größeren Theils der unvermeidlichen Lasten auf die weniger drückenden indirekten Steuern bestehe das Wesen der Finanzreform, zu deren Verwirklichung auch die Zolltarisrevision dienen solle". Aus diesen Worten geht hervor, daß von den einzusühreuoen Finanzzöllen des Zolltarifs allein die Verminderung der oirecten Steuerlafi in ausreichendem Maße nicht erwartet worden ist. Die Zolltarifrevision, sollte nur „auch" zu diesem Zwecke dienen als ein Mittet in Verbindung mit anderen. Als ergänzende Mittel wurden eine Reform der Tabaksbesteuerung und der Brausteuer in der vorigen Session dem Reichstag vorgelegt. Die letztere Reform ist nicht zu Stande gekommen, die erstere innerhalb-ei^gerer Grenzen beschlossen worden, als die verbündeten Regierungen vorgeschlagen hatten. Was an Vermehrung der auf indirecten Abgaben beruhenden Einnahmen des Reichs, mögen diese Einnahmen in Zöllen oder in inneren Steuern bestehen, in der vorigen ReichslagSsesston erreicht worden, ist in Erinnerung. Das Ergebniß ist bei aller Anerkennung des vom Reichstag bewiesenen Entgegenkommens nicht der Art, um die sichere Aussicht zu gewähren, das Ziel der Finanzresorm durch jenes Ergebniß schon gewinnen zu können.
Der andere leitende Gesichtspunkt, welchen der Reichskanzler neben der Erzielung eines höheren Finanzertrag s
für die Zollreform aufstellle, war der eines mäßigen Schutzes der einheimischen Produktion. Doch hielten sich die ausgedrückten Erwartungen über das nach dieser Seite zu Erreichende in durchaus bescheidenen Grenzen. Der Reichskanzler sagte: „es erscheine ihm mit Rücksicht auf die Zollpolitik der uns umgebenden Länder geboten, uns in der Befriedigung unserer finanziellen Bedürfnisse nicht durch die Besorgniß einschränken zu lassen, daß durch diese Befriedigung deutsche Produtte eine geringe Bevorzugung vor ausländischen erfahren." Ferner hieß es: „Der jetzt bestehende Vereinszolltarif enthält neben den reinen Finanz- eine Reihe von mäßigen Schutzzöllen für bestimmte Industriezweige. Eine Beseitigung oder Verminderung dieser Zölle wird, zumal bei der gegenwärtigen Lage der Industrie, nicht ralhsam erscheinen; vielleicht wird sogar bei manchen Artikeln, im Interesse einzelner besonders leitender Zweige der heimischen Industrie, je nach dem Ergebniß der im Gange befindlichen Enqueten, eine Wiederherstellung höherer oder Erhöhung der gegenwärtigen Zollsätze sich empfehlen."
Hinsichtlich etwa neu zu errichtender Tarifverträge erklärte das Schreiben vom 15. Dezember: „Um solche Verhandlungen mit Aussicht auf Erfolg beginnen zu können, sei nöthig, auf autonomen Wege ein Zollsystem zu schaffen, welches die gesammte inländische Produktion der ausländischen gegenüber in die möglichst günstige Lage bringe."
Als nun im Mai d. I. die Verhandlungen des Reichstags über das vom Bundesrath nach den Arbeiten der Revisionscommission vvrgelegte Werk der Tarifreform begannen und zu dem bekannten Ziele führten, da sind von den Vertretern der Reform, wie sich bei Vertheidigung eines für heilsam erachteten Weges von selbst versteht, an die gemachten Vorschläge nur günstige Erwartungen geknüpft worden. Niemals aber ist vom Tisch des Bundesrathes die Erwartung auf einen unmittelbaren allseitigen, glänzenden Umschwung der wirthschaftlichen Lage zum Besseren ausgedrückt worden. Wohl aber wurden gleich nach dem Schluß des Reichstags von freihändlerischer Seite an das eben vollendete Werk die schlimmsten Befürchtungen geknüpft. Wiederholt waren die Regierungen mit allen denen, welche auf die Reform Vertrauen setzten, in der Lage, iSaran zu mahnen, daß man dem Werk doch erst eine Probe, gönnen müsse. Als die jetzt vollzogenen Neuwahlen des pymßischen Abgeordnetenhauses herannahlen, hat die preußische Staatsregierung durch die „Provinzial-Correspondenz" die Wähler wiederholt darant erinnert, daß die Wahl zum Abgeordnetenhause vor Allem die Stellung der preußischen Wähler zu der durch einen Akt der Reichsgesetzgebung eingeleiteten Wirthschastsreform bekunden müsse; denn diese auf dem Gebiet der Reichsgewalt begonnene Reform umfasse weit mehr als eine Aenderung des Tarifs, welche nur ein Mittel für das ganze Werk sei, und müsse sich auf dem Boden der Kompetenz der Bundesstaaten vollenden.
Ohne Widerspruch darf der Ausfall der Wahlen dahin gedeutet werden, daß die Mehrzahl der preußischen Wähler ihr Vertrauen zu dem begonnenen Werk und ihren Wunsch nach Vollendung desselben in dem Sinne, in welchem es begonnen worden, bekundet hat. Weil demnach das Vertrauen, welches die Mehrzahl des preußischen Volks der Negierung bei dem unternommenen Werk gewährt, bisher nicht hat erschüttert werden können, wird seitens der Gegner ein neues, sehr auffälliges Mittel versucht, der Regierung die ihr zugewandte Gesinnung der Wähler sobald als möglich zu entfremden. Man sagt den Wählern, sie hätten von der Negierung die Anwartschaft auf einen unmittelbar bevorstehenden Aufschwung der Verhältnisse erhalten; nm dieser Anwartschaft willen hätten sie regierungsfreundliche Abgeordnete vorgezogen. An den Wählern sei es nunmehr, zuzusehen, wie sie das ihnen Versprochene erhielten, und, wenn die Versprechungen sich nicht bewahrheiteten, demnächst wieder zu den Gegnern der Regierung zurückzukehren. In diesem Sinne war kürzlich in einer liberalen Zeitung zu lesen:
„Dem Reichskanzler ist eine Frist von 3 Jahren eingeräumt, um den Wohlstand des Landes zu heben, die Steuern zu erleichtern und den europäischen Frieden zu befestigen. Sollten binnen dieser drei Jahre die Schutzzölle und das Staatseisenbahnsystem nicht die Bereicherung der gcsammten Nation bewerkstelligt haben, so werden wir erleben, daß der Zug der Zeit wieder nach links geht und die ganze Strömung der öffentlichen Meinung die freisinnigen Wortführer sämmtlich in den Vordergrund treibt."
In einer anderen, sehr angenehmen Zeitung war am Abend des Wahltages, als die Entscheidung noch nicht bekannt war, Folgendes zu lesen, womit die Zeitung auf einen etwa für die Liberalen ungünstigen Ausfall durch die Bescheidenheit der Letzteren in ihren Versprechungen gegenüber dem Weihnachtsbaum, den die Regierungsorgane geputzt hatten, vorbereiten wollte:
_ «In der That ist Jedem etwas versprochen: erniedrigte Steuern, erleichterte Aufbringung der Gemeindebedürsnisse, bessere Getreidepreise, erhöhter Werth der Güter, mehr Arbeit, mehr Verdienst für Alle. Dm mit den neuen Gesetzen Unzufriedenen ist Zufriedenstellung zugesagt, es wird eine Selbstverwaltung geben, die keine Thätigkeit beansprucht, auch den Liebhaber der Gewohnheit und des Schlendrians anheimelt und doch an Schnelligkeit die flinkste, Bureaukratie einholt, Abschaffung eingeschlichener Mißbräuche ohne jede Reaktion; die Orthodoxen werden herrschen und die Mittelpartei und die kirchlich Liberalen nicht bienen; die Beamten erhalten bessere Gehalte, die Eisenbahnen lransportiren billiger, rationeller, bequemer, das Ausland zahlt an unfern Steuern mit und öffnet unö seine Thore. Mit einem Worte, es werden bessere Zeiten kommen —goldene Zeiten."
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Frei bearbeitet von Viktor Schwarz.
^Fortsetzung.)
Zehntes Capitel. Falsches Spiel.
Am Abend war in den Salons der Königin ein Pharao- tisch aufgestellt. Wer den Glanz und die Pracht der Toiletten und der gestickten Uniformen sah, hätte nicht geglaubt, daß das Land bankerott, die Aristottatte ruinirt und der Königsthron im Sinken begriffen sei!
Und angesichts der nicht wegzuleugnenden Thatsache, daß man in Paris nur auf einen günstigen Augenblick wartete, um loszubrechen, erschienen die für die Sicherheit der königlichen Familie getroffenen Maßregel geradezu lächerlich. Eine Handvoll Schweizergarden war auf den Treppm und Gängen postirt und zwei Hellebardiere bewachten den Eingang des Schloffes.
„Ich glaube bei Gott, der König ist unzurechnungsfähig," murmelte Montarbas, als er die teppichbelegten blumengeschmückten Stufen hinabstieg; „hier sind kaum 100 Mann Schweizergarden und wenn Santene ben Finger rührt, überschwemmt eine Horde von zehntausend hungrigen, zerlumpten Schurken dies Schloß. Jndeß, was kümmert es mich? Ich bin gekommen, um zu spielen und werde mir weiter keine Sorgen machen!"
In Folge einer eingehenden Berathnug mit Leonie, hatte sich der Graf entschlossen, seinen beleidigten Stolz so weit bei Seite zu schieben, um nochmals bei Hofe zu erscheinen. Sein Rang sicherte ihm den Empfang unter allen Umständen, so lange er nicht direct vom Hofe verbannt war und er beschloß, dies Vorrecht zu benutzen.
An Spielabenden durfte jeder Edelmann bei Hofe erscheinen, und am Spiel der Prinzen und Prinzessinnen theilnehmen, d. h. der Edelmann konnte mit auf diese oder jene Karte setzen, durfte aber nur, wenn eine besondere Einladung an ihn erging, am Spieltisch selbst Platz nehmen.
In der letzten Zeit war es indessen schwierig gewesen, Bankhalter für den Pharaotisch aufzutreiben. Einige aus der Gesellschaft, wie der Graf von Artois und Lord Fitz- gerald schraubten die Einsätze so hoch, daß nur Wenige mit ihnen gleichen Schritt halten konnten und bald nahmen es nur noch Spieler von Profession mit ihnen auf. Unter diesen Umständen konnte Montarbas sicher darauf rechnen, willkommen zu sein, wenn er mit genügenden Geldmitteln versehen kam und so hatte er beim Alles, was er besaß, zu Geld gemacht, um sein Glück zu versuchen. Wenn er überhaupt eine Rolle spielen wollte, mußte er Geld haben, denn nur wenn er Gold in der Tasche hatte, durste er hoffen, seine neuen Freunde vergessen zu lassen, daß er Goldstickerei auf seinen Taschen trug. Die, welche am lautesten in die seitdem historisch gewordenen Rufe: „Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit" einsttmmten, sahen es nicht ungern, wenn man ein Goldstück in die „Bruderhand" gleiten ließ — ein solcher Händedruck war entschieden wirksam.
Gras Montarbas schritt mit tiefer, ehrerbietiger Verneigung an der Königin vorüber, aber Marie Antoinette war nicht umsonst in der strengen Hochschule von Schönbrunn ausgewachsen — sie sah den Grafen nicht! Selbst der gewandeste Hofmann hätte nicht behaupten können, daß das Versehen ein absichtliches gewesen, aber Montarbas biß sich in die Lippen und schwur sich mit einem thenren
Eide, auch diese Demüthigung solle ihm die „Oesterreicherin" bezahlen!
Als er sich dem grünen Tische näherte, vernahm ei undeutliches Stimmengewirr und sah viele Cavaliere un schlüssig den Tisch umstehen. Noch lagen die Karten un: berührt und auch der Platz des Bankhalters war noch leer Offenbar wagte es Keiner, den mit so viel Risico verbun denen Posten einzunehmen und selbst der Graf von Artois ein wegen seiner Tollkühnheit berüchtigter Spieler zögerte obgleich ihm Marie Antoinette lachend zuredete, sein Glüc zu versuchen.
„Madame," sagte er eben galant, „Fortuna weiß, war sich schickt und tritt sofort zurück, wenn sie die Gegenwar ihrer schönen, mächtigen Schwester wahrnimmt."
„Sagen Sie lieber, Fortuna ist eine Dame, deren Ge duld auch endlich einmal zu Ende geht," lachte Mari- Antoinette. „Seit Wochen dursten Sie sich ihrer Guns rühmen — seien Sie damit zufrieden, Monsieur."
Der Graf von Artois blickte seine schöne Schwägern bewundernd an und hätte ihr wahrscheinlich eine galant Phrase zugeflüstert, wenn sich die Königin nicht in diesen Augenblick einem Andern zugewendet hätte.
Montarbas überlegte, ob er den Platz des Bankhalter- einnehmen solle, aber die Klugheit gebot ihm, davon ab zustehen. Wenn die Bank verlor, mußte er baar zahle: und bann war er sofort ruinirt. So blickte er den: suchend im Kreise umher und fragte mdlich seinen Nachbar „Wo ist denn Lord Fitzgerald und warum hält er nich die Bank?"
Der Geftagte zuckte die Achseln und blickte bezeichnen! zur Seite. Montarbas folgte der Richtung dieses Blicke und gewahrte Den irischen Edelmann in eifrigem Gespräc