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Marburg, Donnerstag, 23. Oktober 1879

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kommen sieht, hatte auch der Antrag Franckenstein indirekt vorgesorgt. Redner hielt den Antrag Bennigsen formell für den bessern und stimmte deswegen gegen Franckenstein. Als derselbe aber angenommen war, mußte Redner bei der Schlußabstimmung über das ganze Gesetz ja sagen; das mußte er thun in Rücksicht auf das Reich, deffen volkswirthschaftliche und finanzielle Bedürfnisse befriedigt werden mußten, mit Rücksicht auf das eigene Heimathland, das sein Defizit auf andere Weise nicht beseitigen konnte. Als gewissenhafter Mann durste er sich nicht sagen:Auf deine Stimme kommt es nicht an", er mußte seiner lieber; zeugung Ausdruck geben, gerade als ob mit seiner Ab­stimmung die Vorlage stehe oder falle. (Lebhafter Beifall.) Der Schlußabstimmung sei aber noch etwas Anderes vor­ausgegangen, der Städtetag. Man habe dort unter den Augen Fvrckenbeck's eine Allianz der Städte gegen die Tarifvorlagen, eine Verschmelzung aller liberalen Parteien zum Kampfe gegen eine angeblich drohende Reaktion und zuguterletzt den Satz proklamirt, nur der sei liberal, der gegen Kornzölle sei. Im Schooße der nationalliberalen Fraktion haben schon zuvor alle Anzeichen darauf hinge­wiesen, daß entweder die Linke, welche die besten Redner, aber auch die leidenschaftlichsten Theoriker gehabt, auötreten müße, oder Redner und seine Freunde. Es sei gewesen wie bei einem Schachspiel, wo der Eine des Andern schwache Seite zu treffen sucht. Das Centrum der nationalliberalen Fraktion, bestehend aus ruhigen besonnenen Männern, die in politischen Dingen dem rechten Flügel ungleich näher standen, als dem linken, seien aber für den Freihandel ein­genommen oder engagirt gewesen, und so kam es, daß die­jenigen aus der Fraktion austraten, welche bei der Schluß­abstimmung für den Tarif stimmten. Redner hat dabei ein ruhiges Gewissen und seinen guten Muth bewahrt. Er sagte sich, daß, wenn Fürst Bismarck, der Urheber der deutschen Einheit, in dem Franckenstein'schen Antrag keine Gefahr für das Reich seitens des Partikularismus fürchte, er selbst dieser Sorge sich auch entschlagen könne. Auch künftig werde er, sei es mit wenig, sei es mit vielen Freun­den, diejenigen Prinzipien vertheidigen, die er voriges Jahr seinen Wählern als die seinigen dargelegt. Er sei ein zu alter Parlamentarier, um sich von Schlagworten impo- niren zu lassen, auch das SchlagwortReaktion" mache auf ihn keinen Eindruck. Er wisse nicht, ob eine Reaktion im Anzuge sei. Sollte aber wirklich eine bewährte Er­rungenschaft aufzuheben versucht werden, so werde er Alles, was gut und erprobt sei, wie bisher so auch fernerhin vertheidigen; er werde an den Grundprinzipien der frei­sinnigen Reichsgesctzgebung festhalten, einer den praktischen Erfordernissen entsprechenden Beschneidung von Auswüchsen eines übertriebenen Doktrinarismus werde er aber seine Mitwirkung auch nicht versagen.

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Me- gegcil Büh- '2717

3« de« Wogen der Revolution.

Frei bearbeitet von Viktor Schwarz.

lFortsetzung.)

Während diese Gedanken das Gesicht der Königin trübten und ihre sonst so heitere Stirn furchten, feilte der König emsig an einem kunstvoll gearbeiteten Schloß. Er war unendlich geschickt in vielen Handwerken und in der Schlosserei hatte er es zu wahrer Meisterschaft gebracht. Sein Privatgemach glich mehr einer Werkstätte, als einem Salon, und wer den König so da sitzen und arbettm sah, hätte ihn in seinem Schurzfell, mit seinen von der Arbeit geschwärzten Händen weit eher für einen ehrsamen Hand­werkermeister , als für dm königlichen Sproß der alten Bourbonen gehalten. Wie anders stand seine Gemahlin neben ihm die Kaisertochter, die schönste Blume des Hauses Habsburg! Ihr Gemahl pflegte sie im Scherz Venus und Nch selbst Vulkan zu nennen unh wahrlich, dieser Vergleich traf zu!"

Marie Antoinette war eine bedeutend geistigere Natur, ihr Gemahl, aber niemals ließ sie ihn dies fühlen. Seine Schwächen schien sie nicht zu bemerken, seine Fehler wußte sie zu mtschuldigen und jede Unannehmlichkeit, welche ihn traf, empfand sie mit ihm und für ihn. An- länglich hatte er sie nur um ihrer Schönheit und Liebens­würdigkeit willen geliebt, aber im Lauf der Jahre sah er «n, daß er in jeder Hinsicht einen Schatz an ihr besaß und wo er sie nicht begreifen konnte, da blickte er bewun­dernd zu ihr auf.

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Der König lächelte in seiner ruhigen Weise. Madame, Sie vergeffen, daß es im Allgemeinen nicht vorkommi, daß eine deutsche Kaisertochter einen Pariser Handwerker heirathet."

Sie lächelte gleichfalls und rief dann lebhaft:Beinahe hätte ich wirklich vergeffen, daß ich Königin von Frankreich bin. Heute Abend werden Sie, Monsieur, die Gnade haben, meine Appartements mit Ihrer Gegenwart zu beehren und ich erwarte bestimmt, Ew. Majestät an meinem Spiel­tisch zu erblicken!"

Ein Schatten flog über des Königs Züge und er ent­gegnete mürrisch:

Wmu hoch gespielt wird, Madame, erscheine ich nicht! Ich mag die Hazardspiele nicht sie lang­weilen mich und auch aus anderm Gründen bin ich dagegen!"

Sie strich schmeichelnd mit der Hand über seine heiße Stirne.Wenn der König der Königin eine Bitte ab­schlägt , so wird vielleicht der Gatte der Gattin dieselbe erfüllen!"

Er zog ihre schöne Hand an seine Sippen, stand auf, machte einen Gang durchs Zimmer und nahm Dann sein Schloß nochmals zur Hand. Er wußte, daß er regelmäßig den Kürzeren zog, wenn Marie Antoinette sich aufs Bitten legte, und so ergab er sich in sein Schicksal.

Sie wissen," fuhr sic fchmeichelnd fort, daß in dieser Jahreszeit ein Spiel des Abends beinahe unsere einzige Zu­flucht ist. Der Hof will unterhalten sein; im Sommer haben wir im Freien musizirt, ja im Mondschein auf der Terasje getanzt und uns auf diese Weise amüsirt. Ich 6m in dieser Beziehung Französin vom Scheitel bis zur Zehe ich amüsire mich gern!"

Rom als abgeschlossen sich erweisen würden, scheinen sich nunmehr bestätigen zu wollen. DerDeutschen Reichs- Zeitung" in Bonn wird aus München berichtet, daß binnen wenigen Wochen der Abschluß der Verhandlungen zwischen Rom und Berlin erfolgen soll. Der preußische Landtag werde bei seinem Zusammentritt vor einem fait accompli stehen, dem er seiner Zeit die Genehmigung zu ertheilen haben werde. Der heilige Stuhl sei bis zur äußersten Grenze der Concessionen gegangen, da er vor Allem das Heil der Seelen zu berücksichtigen habe. Ferner habe der Nuntius Roncetti den bekannten extremen Abgeordneten Dr. Schäfler zur Mäßigung mit dem Bedeuten ermahnt, daß binnen drei Wochen der glückliche Abschluß der Ver­handlungen erfolgen werde. Merdings bemerkt hierzu dieGermania" wohl mit Recht:Wir können dem rheinischen Blatte nur zustimmen, wenn es die Friedens­gerüchte mit einem Fragezeichen versieht." DieNat.-Ztg." aber bemerkt dazu, diese Münchener Nachricht erscheine keineswegs so fragwürdig, wie dieGermania" sie dar­stelle, vielmehr wiederhole sie nur bestimmter eine Anschauung, die auch in Berlin in wohlinformirten Kreisen, wenn auch nicht mit so kurzem Ver­falltermine verbreitet ist. DieNat.-Ztg." weist dabei auf die Thatsache hin, daß der kirchliche Gerichtshof nach Ab­gang einiger Mitglieder in den Reichsdienst nicht wieder vervollständigt worden sei, und auf die Verfügung des Cultusministers, wonach die regelmäßigen Berichte über den Personalbestand der klösterlichen Niederlassungen auf­hören sollen, sowie auf seine Bereitwilligkeit zu einer Aenderung des Culturexamens.

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Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJlluftrtrteS SonntagSblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckere» bezogen 2i Wart, durch bte Postämter des Deutschen Reiches 2 Wart 50 Pfg. (exel. Bestellgebühr). - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf». Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet.

Der Reichstagsabgeordnete für Stuttgart, wüittem- bergischer Kammerpräsident v. Hölder, hat am Freitag seinen Wählern einen Rechenschaftsbericht über seine Thä- tigkeit im Reichstag erstattet. Nach derWürttember- gischen Landeszettung" hat Herr v. Hölder sich bezüglich des Zustandes des Zustandekommens des Zolltarifs fol­gendermaßen geäußert: Es kam die Frage der konstitu- tionellen Garantien (Antrag Bennigsen) und der Antrag Franckenstein. Redner kann sich heute noch nicht über­zeugen, daß im Effekt ein wesentlicher Unterschied zwischen den (bekannten) Anträgen von Bennigsen's und Franken- stein's bestehen sollte. Namentlich bei uns Süddeutschen lag gar keine Gefahr vor, daß ein unerwarteter Ueberfluß der Steuererträgniffe von den Regierungen willkürlich ver­wendet werden könnte. Wir haben ja das Einnahmebe­willigungsrecht und könnten erforderlichen Falls Landes­steuern Derminbern. Aber auch in Preußen, wo das Ab­geordnetenhaus nur das Ausgabebewilligungsrecht habe, hat die Regierung bestimmte Zusagen gegeben. Bei etwaigen Konflikten mit der Reichsregierung, bei welchen Redner, vom praktischen Gesichtspunkte aus betrachtet, nichts herans- die geheimen Verhaftungsbefehle, nannte mehr zu unter­zeichnen.

Ich will mein Volk mit Liebe regieren," sagte er jetzt, das Schloß, welches spiegelblank glänzte, befriedigt bei Seite legend;ich möchte nicht mehr leben, wenn ich denken müßte, mein Volk zittert vor mir. Nein lieber möchte ich als Handwerker im Schweiße meines Angesichts mein Brod verdienen, als um solchen Preis König fein!"

Ach mein Gemahl," rief Marie Antoinette halb im Scherz und halb traurig:Ihr arbeitet lieber stundenlang mit Feile und Säge, ehe Ihr 10 Minuten mit Euren Ministern konferirt."

Ach ja," seufzte der König,es gibt entschieden an­genehmere Beschäftigungen als die, König zu sein! Wenn ich eine Schraube anziehe, oder ein Loch bohre, dann weiß ich, wie ich eo zu machen habe, aber im Staatsrath bin ich nicht so au fait. Wäre der erste Kapitän Fleifcher ge­wesen und hätten seine Nachkommen die Fleischbank weiter geführt, dann mären 'wir vielleicht heute wohl ehrsame Handwerksleute von Paris und wüßten Nichts von diesen verwünschten lettres de cachet."

Tie Tochter Der großen Maria Theresia uuterdrückle ein Lächeln, aber gleich darauf perlten Thränen in ihren schönen Hellen Augen und mit halb erstickter Stimme mur­melte sie:

Wer weiß, ob wir nicht Alle glücklicher wären, wenn sich Alles in dieser Weise gefügt. Sie mein Gemahl würden mit Freuden arbeiten, um mein und der Kinder Leben zu fristen und wir wüßten dann nichts von der lästigen Etiquette, welche uns jetzt kaum eine Stunde ungestörten Beifammenseins gestattet!"

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d.vlatter, sowie d.Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Aastet und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M., Berlin. Leipzig, Eöln rc.; Rudolf Aioste in Berlin, Frank­furt a. M. 2L

Die heutige Differenz war ein Ausnahmefall und mit I tiner an ihm seltenen Consequenz blieb der König bei \ feinem Entschluß, keinelettres de cachet, wie man

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. BlatreS sowie d. Annoncen-Bureaux von G. L- Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Herw.ann'sche Duchhandl. daselbst; Jnvalidendank in

Berlin; W. ThieneS in Elberfeld; C. Schlotte in

Bremen.

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flkür die Monate November und Dezember V werden von allen Postanstalten (auf dem Lande von den Landpostboten) Bestellungen auf die

Bberhessische Zeitung

mit deren Gratisbeilage

JllustrirteS SonntagSblatt

angenommen.

Die Ex-ed. d. Oberh. Zeitung.

Tagesbericht.

DieNorddeutsche Allgemeine Zeitung" erfährt, es dürfe wohl jetzt mit Sicherheit angenommen werden, daß Se. Majestät der König am 28, d. Mts. den Land­tag im Weißen Saale des königlichen Schloffes in Person eröffnen werde.

DieNorddeutsche Allgemeine Zeitung" enthält eine von Rauchhaupt, Minigerode, Liebermann und Busse unter­zeichnete Aufforderung an Alle, welche sich zu einer großen confervativen Fraktion vereinigen wollen, zu einer am 27. October Abends stattfindenden Zusammenkunft.

DieTribüne" spricht von einer Illoyalität der offi­ziösen Wahlpolemik, welche daö Blatt darin erblicken will, daß die Regierungspolitik vor den Wahlen darauf aus­gegangen sei, dem Volke den Glauben beizubringen, als handle es sich in Zukunft nicht mehr um Reformen mit den Liberalen, sondern um solche gegen sie. DieTribüne" nennt dies eine einfache und unleugbare Thatsache. Das Blatt wird wohl nicht eine einzige Stelle anzuführen im Stande sein, in der ein anerkanntes Organ der Regierung von Reformen gegen die Liberalen gesprochen hat. Die Prov.-Corresp." hat unvermeidlich die Zustimmung zur Wirthschaftspolitik der Regierung als einzigen Gesichts­punkt der Wahlen bezeichnet und sich darin nicht irre machen lassen, durch Anschauungen, die ebenso von liberaler wie von klerikaler Seite kommen, anch andere Wahlfragen aufzustellen und das Verhältniß der Regierung zu solchen zu erläutern. Was aber die Wirthschaftspolitik anbelangt, die die Steuer- und Eisenbahnreform in sich begreift, so ist es eilteunleugbare Thatsache", um mit derTribüne" zu sprechen, daß der von der Regierung eingenommene Standpunkt von bedeutenden Persönlichkeiten nationaler und liberaler Richtung anfangs getheilt wurde und noch heute gethellt wird.

Die mehrfach geschehene Voraussagung, daß mit dem Zusammentritt des Landtages auch die Verhandlungen mit

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