Skr. S47.
Marburg, Dienstag, 21. Oktober 1879.
xiv. Iahrgug
Anzeigen nimmt entgegen: Mt Expedition d.vlatte«, sowie d.Annoncen-Bureaux von LH. Dietrich & So. in jkaffel und Hannover; LH. Dietrich in Frankfurt a.M.; Laasenstein & Bögler in Frankfurt a. M., Berlin, Leipzig, Sölu ic; Rudolf Lloffe in Berlin, Frankfurt a. M- re.
GttMche ZkltW.
Anzeigen nimmt entgegen bie Spedition d. Blatte« s owie d. Annoncen-Bureaur von ®. L- Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hennann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Thiene- in Elberfeld: C. Schlotte in Bremen.
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Die Börfe«privilegie« werden in der neuesten Nummer des „Südd. Bank- und Handelsblattes" in einem uns sehr zusagenden Sinne besprochen. Die Börse ist nöthig für Handel und Wandel. WaS die Herzkammer für Kn leichten Organismus der Einzelmenschen ist, daS bedeut t die Börse für den Organismus des GeschästSlebens. Sie befördert den gewerblichen Blutumlauf, vermittelt daS Verhältniß zwischen Geld und Credit. So sollte es sein. Aber so ist es nicht. Die Börse, wie sie sich heute darstellt, ist nichts anderes als eine Spielhölle. Die Spielbanken an den Bädern und anderswo sind geschlossen worden.
DaS Hazardspiel vernichtet nur Einzel-Existenzen, während das Börsenspiel in Massenmord arbeitet, und zwar nicht unter den Drohnen der Gesellschaft, wie ste gewöhnlich an den Spieltischen der Badeorte zu finden waren, sondern unter den produttiven Klasien der Gesellschaft. Das ist deßhalb der Fall, well die Vermittlung der Werthe nur noch verschwindende Nebensache bei der heutigen Börse ist. Die Hauptsache, das Grundwesen, ist daS Differenzfpiel geworden, daS Handeln mit Werthen, die man gar nicht besitzt. Heute kauft Einer für 100,000 Thaler Aktien, die er aber nickt haar bezahlt, sondern nottren läßt. Ueber- morgen verkauft er sie wieder. Der Unterschied — die Differenz — zwischen dem Ankauf und Verfauf ist dann fein Gewinn oder Verlust, der allein baar bezahlt zu werden braucht. Während der blitthrothen Blüthezeit der Gründerperiode wurden an den größeren Börsen in einem einzigen Vormittage CourSwerthe im Bettage von einer halben Milliarde hin- und hergeworsen, deren Begleichung 50—60 Millionen baaren Geldes im Fluß erhielt, dort also dem Erwerbsleben entzogen war und frevelhaftem Spiele dienen mußtt. An einem einzigen Tage wurden Tausende gewonnen und verloren. DaS Geld war wie Heu. Den Schaden hatten die arbellmven Leute, welch« nicht spielten. Das Geld wurde billig und die Lebensbedürfnisse theuer. DaS Schlimmste ist die Schädigung der Moral. „ES läßt sich nicht leugnen, daß auf dem Boden der modernen Börse eine gemeinschädliche Klasse von Müssiggängern und Speculanten großerzogen wird, welche das Auf- und Abschwanken des WertheS der Börsenpapiere künstlich unterhalten und selbst die Anwendung der unlauterste» Mtttel, wie z. B. di» Verbreitung der unbegründetsten, selbstersundenm Alarmgerüchte, nicht scheuen, lediglich zu dem Zwecke, um durch daS Steigen und Fallen der Course überhaupt ein Geschäft machen zu können." ES sind daS die bereits zu besonderen Klaffen de- modernen Lebens gewordenen Baissiers und Haussiers — so genannt je nachdem ste mit dein Fallen oder Steigen der Course „arbeiten". Catilinanen der Gesellschaft!
Was ist zu thun, damit der Schaden gehemmt wird? Bloß eine Einführung der Börsensteuer, die ja unbedingt
I« de« Woge« der Revolutio«.
Frei bearbeitet von Viktor Schwarz.
(Fortsetzung)
Begeistert drückte er einen Kuß auf die vollen blü- hmdm Lippen, aber ste wehrte ihm lachmd ab und sagte hastig:
„Nicht so! Nicht so! Das sind Kindereien und wir haben Wichttgeres zu thun! Hören Sie mich an — ich will Ihnen meinen Plan mitthellen."
Sie wollte weiter reden, aber plötzlich hob ste lauschend das Köpfchen und fiüsterte:
„Horch, man kommt! Man darf Sie nicht hier finden: Treten Sie hier in'S Nebenzimmer und verhalten Sie fich ruhig — hier wird man Sie nicht suchen."
„Wahrhaftig, nein; die« ist ja Ihr Schlafzimmer, schöne Leonie", rief der Graf mll lüsternem Lachen; „wie soll ich mich für so viel Berttaum dankbar erweisen ?"
„Sttll!" rief sie ungeduldig, indem sie ihn auS dem Zimmer schob. Dann warf sie einen raschen Blick in den Spiegel, strich das lockige Haar von der Sttrn zurück und beantwortete das leise Klopsen an der Thüre mll einem Hellen „Herein!"
Graf Arnold schielte mit leicht verzeihlicher Neugier durch die Spalten der Thüre und beinahe wäre ihm rin lauter Schrei entfahren, denn die Einttetenden waren Niemand anders als Susanne und Pierre LegroS!
Susanne war schöner <llS je und der Mick de« Grafen verschlang gierig jede Bewegung der schlanken biegsamen Gestalt.
nöthig ist, hilft nicht. Der Stempel würde in die Differenz mll ausgenommen, da« Differenzen selber also nicht gehindert. Auch ein gesetzliches Verbot des Differenz- geschästcs hält das „Sd. B. u. H. Bl." nicht für absolut wirksam. Als empfehlenswerth gilt ihm, unter Voraussetzung einer gründlichen Reform der Actiengesetzgebung, der Ausschluß aller Spielpapiere von der Börse und die ehedem geltende Bestimmung, daß das Recht des Börsenbesuchs auf die ortsansässigen Bankfirmen und Großge- schäfte beschräntt bleibe und Geschäftsabschlüsse unter Aufsicht und Controle der Börsenbeamtm gestellt werden. „Daß der Börsenbesuch im Interesse von Handel und Wandri Jedermann fteistehen muffe, läßt sich gewiß nicht behaupten. So weit auch der kleine Geschäftsmann die Börse braucht, kann er sich der Vermittlung der Sensale (beeidigten Mäkler) bedienen, was ja auch jetzt in der Regel der Fall ist; denn der eigenttiche Geschäftsmann hat gar keine Zell, auf die Börse zu bummelm. Auf der Geldbörse soll auch nur der eigenttiche Eridhandel erscheinen, für deffen Erleichterung die Börse ursprünglich auch bestimmt ist. Heute aber wird bereits mit Allem und Jedem aus der Börse gehandelt und Jedermann hat zu derselben Einlaß, wenn er nur die Mittel besitzt, sich die Eintrittskarte zu kaufen, wodurch die Börse aber auch vielerorts zu einer Versammlung geworden ist, welcher atu zugehören man fast lieber verschweigt, al« bekennt."
Tagesbericht
Durch den Zusammentritt des diplomatischen BundeS- rathS-AnSschusseS ist die Frage nach dem positiven Resultate der Wiener Ministerconferenzen aufs neue in Fluß gekommen. Es macht sich immer mehr die Meinung geö tend, daß das Ergebniß de« Gedankenaustausches zwischen den beiden Staatsmännern von Deutschland und Oesterreich nicht nur in der allgemeinen Constatirung der Ueberein« einstimmung in den Grundfragen der gesammten europäischen Politll bestanden habe, sondern daß ein positiver Vertrag abgeschlossen worden sei, der ein Zusammenwirken der beiden Reiche gegenüber gewissen Eventualitäten, natürlich nur defensiver Natur, feststellte. Der Abschluß von Bündnissen und Verträgen mit fremden Staaten ist nach Artllel 11 der ReichSversasfung im Allgemeinen kaiserliches Prärogativ; die Zustimmung des Bundesrache« und des Reichstages ist nur erforderlich, wenn die Verträge sich auf solche Gegenstände beziehen, welche in den Bereich der Reichsgesetzgebung gehören, wenn also z. B. handelspolitische Fragen darin zur Regelung gekommen wären. Allein wenn auch Fragen der Reichsgesetzgebung in den Wiener Stipulationen nicht berührt sind, so entspricht eS nur einer loyalen bundestteuen Gesinnung, wenn der Bundesrath in seinem zuständigen Ausschüsse von dem Inhalt und Ziel jener Verabredungen in Kemllniß gesetzt wird, wie eS wohl
Leonie umarmte das Mädchen, fchüttette Pierre die Hand und lud dann Beide ein, Platz zu nehmen.
„Nun, wann ist die Hochzeit?" fragte die Wölfin bann, Susannen'- gesenktes Köpfchen schmeichelnd emporrichtend.
„Da müffen Sie Pierre fragen", flüsterte Susanne verschämt.
Die Wölfin wandte sich zu Pierre und dieser erwiderte verlegen: „Susanne hat darüber zu entscheiden."
„Ihr wollt mich wohl 'zum Narren halten? lachte Leonie, von Einem zum Andern blickmd; „Ihr wißt, daß ich eS gut mit Euch meine und so solltet Ihr auch auf meinen Rath hören! Ihr Pierre, habt meinen Bruder vorn sichern Tode gerettet und das vergesse ich Euch nie!"
Dem Grafen ging auf seinem Lauscherposten ein Licht auf — er wußte jetzt, daß KaSpar und Max ihn belogen hatten, als sie auf feine Frage erwiderten, sein Auftrag fei ausgeführt!
„Ich habe nur meine Christenpflicht erfüllt," erwiderte Pierre bescheiden und dann sagte er, sich verbessernd: „Ich wollte sagen, meine Bürgerpflicht!"
„Er lernt es noch, Susanne!" lachte Leonie; „er wird noch ein tüchttger Patriot werden! Nun also, Pierre, woran fehlt es noch?
„Ich habe noch kein Heim für Susanne," erwiderte Pierre entschlossen. In Rambouillet hatte ich eine, wenn auch bescheidene, doch behagliche Wohnung und —"
„Dann sagt mll, wie Ihr dazu kommt, dieselbe zu verlaffen?"
Pierre zögerte mit der Antwort und blickte Wie Hilfe
auch der Reichstag beanspruchen könnte, wenn er in nächster Zeit zusammenttete. Die persönliche Anwesenheit der ersten Minister ans den größeren Bundesstaaten zeugt von dem Werth, den man begreiflicherweise diesen Erörttrungen beilegt, und allem Anscheine nach handelt es sich auch nicht allein um die Mitthcilung fertiger, vollzogener Thatsachen, die auch auf schriftlichem Wege zur Kenntniß der Bundesregierungen hätten gebracht werden können, sondern um einen Gedankenaustausch über die weiteren Consequenzen, die sich aus den Wiener Abmachungen ergeben und jedenfalls auch die vielbesprochennen Verkehrserleichterungen, die neue Regelung der wirthschastlichen Beziehungen zwischen den beiden Reichen zum Gegenstände haben werden. Die Vertreter der Bundesregierungen werden ohne Zweifel die Mittheilungen über die Herstellung eines innigeren politischen Verhältnisses zu Oesterreich-Ungarn mit derselben Annerkennung und Zustimmung entgegennehmen, wie es seitens des deutschen Volkes geschehen ist, welches nun einmal die österreichische Freundschaft der russischen ganz entschieden vorzieht. In ganz Europa bricht sich immer mehr die Ueberzeugung Bahn, daß die österreichisch-deutsche Devensiv- Allianz, mag nun die Verständigung über die Gemeinsamkeit der Interessen zu einem formulirten Vertrag oder nicht geführt haben, für eine lange Zukunft der feste Grund fein Wird, auf dem der europäische Friede wurzelt, der entscheidende Mittelpunkt in allen kritischen Fragen der gesammt- europpischen Politck. Es ist nur eine Stimme darüber, daß der deutsche Reichskanzler wieder einmal einen seiner Züge von elementarer Genialität gethan und seinem Vaterlande nicht minder als dem europäischen Frieden dm größten Dienst erwiesen hat, indem er ein Bollwerk aufrichtete, das in dm Wirren, Krisen und Gefahren des gegenwär- tigen Augenblicks der Welt durch seine Stärke und Festigkeit imponirm muß.
Der „K. Z." wird aus Berlin triegraphirt: Das Bündniß zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn kann als unzweifelhafte Thatsache angesehen werden. Man hat Gründe zu glauben, daß der Vertrag bereits im Laufe der vergangenen Woche durch die allerhöchste Unterfchrift der beidm Majestäten sanktionirt worden ist.
Der Gesandte, Geh. Legattonsrath v. Radowitz wird während seines angettetenen kurzen Urlaubs im auswärtigen Amte durch den Gesandten Limburg-Stirum in Weimar vertreten. — Die „Nordd. 210g. Ztg." meldet: Der Botschafter in London, Graf Münster, hat wie alljährlich einen Urlaub »«gerieten, um als Laudtagsrnarschall die Verhandlungen des hannoverschen Provinzial-Landtage« zu leiten. Die von verschiedenen Blätter an die Reise des Grafen Münster geknüpften Combinationen dürften sonach jeder Grundlage enckehren.
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suchend auf Susanne, aber als diese stumm blieb, faßte er Muth und sagte:
„Wmn es Mademoiselle gestattet, will ich feigen, wie Alles kam. Unsre Hochzell war schon fest bestimmt, als Susanne durch einen unglücklichen Zufall die Aufmerksamkeit unseres Grundherm auf sich zog. Sie ist schön, wie Mademoiselle zugebm wird, jung, unschuldig und —"
„Oh, ich verstehe schon," rief Leonie mit finster gerunzelter Sttrn. „Und war er jung und gefährlich, dieser saubere Aristottat?"
„DaS wage ich nicht zu entscheiden," entgegnete Pierre düster; „ich weiß nur, daß ich Susanne lieber im Grabe wissen möchte, als in der Gewalt des Grafen von Mon- tarbaS!"
„Des Grafen von MontarbaS?" rief die Wölfin, unwillkürlich nach der Thüre des Nebenzimmers blickend.
„Ja, Graf Arnold von MontarbaS ist unser Gutsherr", wiederholte Pierre, „und fo hietten wir es für daS Beste, Rambouillet zu verlaffen und uns hier in der großen Stadt zu »edieren. Ihr Herr Bruder war so freundlich, uns beizustehen; er half mir ein Zimmer für Sufanne und ihre Großmutter hier in dieser Straße zu miethen und verschaffte mir Arbeit. In 4—6 Wochen hoffe ich genug verdient zu haben, um uns ein Nest bauen zu können und bann soll bie Hochzeit stattfinben! Hier sinb wir keine Untergebenen mehr — wir sind freie Bürger und Arbeiter von Paris — kein Gutsherr hat uns hier zu befehlen und wenn Susanne erst mein Weib ist, möchte ich Keinem rathen, ihr zu nahe zu rieten!"
Ein satanisches Lächeln umspielte des Grafen Lippen, während er mit angehaltenem Athem lauschte — diesmal