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«Marburg, Mittwoch, 15. Oktober 1879.
Sareigen nimmt entgegen: die Expedition d.vlatte», sowie d.Annoncen-Bureauk von Td. Dietrich <L Co. in Raffel und Hannover; Th. Dietrich in Aankfurt a.M.; Haasenstein & Vogler in Srantfurt a M., Berlin, Seip-ig, CSln rc.; Rudolf Stoffe in Berlin, Frankfurt a. Ai. re.
GtthkMk Iritm.
XIV. Mrgang
Anzeigen nimmt entgegen 1 die Expedition d. Blattes sowie d. Annoncen-Bureaux von ®. L- Daube & Co. in i Frankfurt a. M; Jäger'sche . Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Juvalidendank in Berlin; W. Thienes in Elberfeld: C. Schlotte in
Bremen.
Erscheint täglich außer an den Werktags nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JSustrirteS SonntagSdlatk" durch die Expedition (Koch'fche Buchdruckerei) bezogen 2^ Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pf«. ( xcl. Bestellgebühr). -Itsettionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf« * Für in der Expedition zu ettheilende Auskunft und Annahme vo i Abreffen werden 25 Pf«, berechnet.
Tagesbericht.
Der Kaiser trifft, soweit bis jetzt bestimmt, am 20. Oktober von Baden-Baden in Berlin ein und gedenkt an den bevorstehenden Jagden theilzunehmen. Eine Reise nach Wiesbaden ist bis jetzt nicht in Aussicht genommen. — Der französische Botschafter Graf St. Ballier ist in Berlin wieder eingetroffen und hat die Botschastsgeschäste übernommen.
Im Fortgang ihrer gestrigen Sitzung genehmigte die Generalsynode den Antrag der Finanzcommission, den Synodal-Mitgliedern täglich 12 Mk. Diäten und den auswärtigen Mitgliedern die nöthigen Reisekosten zu gewähren und nahm den Antrag Hegels an, den Oberkirchenrach aufzuforkern, dahin zu wirken, daß die Berliner Stadche- hörden von Seiten des Staates angehalten werden, für die Berliner Irren-, Corrections- und Kranken-Anstallen eine genügende Seelsorge zu beschaffen. — Die Generalsynode hat den Antrag auf Anbahnung der Einrichtung eines gemeinsamen nationalen Buß- und Bettages in den deutschen evangelischen Kirchen angenommen und dessen Verlegung auf den letzten Freitag im Kirchenjahre für zweckmäßig erklärt.
Der Krankheitszustand (angeblich Drustwaffersucht) des Justizministers Leonhard giebt allerdings zu ernsten Befürchtungen Anlaß; seit einigen Tagen ist Geheimrath Wilms als Arzt zugezogen worden. Es erhält sich andauernd das Gerücht, daß in nicht zu ferner Zeit der Unterstaatssecretär v. Schelling der Nachfolger Leonhardts werden soll. ______
In Oesterreich spricht man noch immer viel von der großen Bedeutung des 8. October, der Eröffnung des ersten vollzähligen Reichstags und des Rücktritts Andrassy. In der inneren Politik ist ein Umschwung von links nach rechts eingetreten, die Nationalliberalen sind auch in Oesterreich der Macht der öffentlichen Meinung erlegen; die Früchte ihrer Arbeit haben sie auch dort zu Fall gebracht. Dort wie überall dient ihre Politik unter dem Deckmantel der scheinbaren Jnteressenlosigkeit dem einseitigen Jnter- essenegoismus. Der Capitalismus über- und bewucherte auch dort Alles. — In der Provinz, speciell bei den Deutschen Böhmens und Mährens scheint die Thronrede einen günstigen Eindruck erzielt zu haben; selbst solche Blätter, die sich sonst sehr fortschrittlich auszudrücken gewohnt sind, wie der „Tagesbote aus Mähren" zollen den auf den Ausgleich bezüglichen Stellen derselben Beifall. Man muß im Allgemeinen heute con- statiren, daß das Kabinet Taaffe nirgends im Volke einer Principiell feindseligen Stimmung begegnet'
I« de« Woge« der Revolutiou.
Frei bearbeitet von Bitter Schwarz.
iFottsetzung.)
„Zu viel Ehre, Herr Graf," stammelten beide Frauen, aber der Graf fuhr unbeirrt fort:
„Sie wissen, Mademoiselle, wir Edelleute haben manche Privilegien und eines derselben nehme ich jetzt in Anspruch.
Blitzschnell schlang er seinen Arm um Susanne und preßte einen heißen Kuß auf ihre blühenden Lippen. Das Mädchen stand erstarrt ob solcher Kühnheit, aber der Graf lachte hell auf und rief:
„Machen Sie sich keine Gedanken, Susanne! Meine Privilegien als Grundherr sind sämmtlich wohl verbrieft und ich laffe keines derselben fahren! Auf Wiedersehen an Ihrem Hochzeitstage!"
Die Thüre fiel hinter dem Eindringling ins Schloß und "it einem Seufzer der Erleichterung wandte sich die Groß- Mutter zu Susanne und rief:
„Gottlob, er ffi fort! Eile Susanne und hole frisches Wasser, damit Du Dir Dein Gesicht gründlich waschen kannst! Reibe bis die Haut herunter fällt — oh, die Verachte des Adels haben schon manches ehrliche Weib ins Wasser getrieben!"
Graf Arnold von Montarbas schritt pfeifenb seinem Schlosse zu. Dott angelangt, ließ sich einer seiner Diener ’ri ihm melden und theilte ihm mit, in einer nicht weit
Schlosse gelegenen Schmiede versammele sich allabendlich eine große Menschenmenge und lausche den begeisterten Reden eines Fremden. Derselbe sei kürzlich aus Paris eingetroffen, nenne sich Deputirter des Centralkomites
Der russische Zeitungskrieg gegen Deutschland scheint nunmehr bald sein Ende finden 'zu.sollen. An hervorragender Stelle schreibt die „Agence Russe": „Wir sind glücklich, einen Anfang zur Versöhnung zwischen der deutschen und russischen Presse constatiren zu können. Man wechselt noch Erklärungen, da keine von beiden die Verantwortlichkeit für die Initiative zum Bruch übernehmen will, aber im Grunde zeigt sich beidersetts ein Streben nach Annäherung. Wir zweifeln nicht, daß Jeder ein Opfer bringt, diese so erwünschte Annäherung sich bald vollzieht." — Der „N. A. Ztg." wird aus Petersburg gemeldet: Der Kaiser wird wahrscheinlich bis Ende dieses Monats in Livadia verbleiben und dann wieder hierher kommen. Dem Vernehmen nach hat der Kaiser in neuerer Zeit sehr entschieden die Ausfälle der panslawistischen Presse gegen Deutschland getadelt und dem Minister des Innern den Auftrag ertheilt, diesem agitatorischen Treiben thunlichst ein Ende zu machen. Um nun vorerst noch der Nothwendigkett eine kürzere oder längere Zeit dauernden Unterdrückung der rücksichtslos ihre Polemik gegen Deutschland und dir deutsche Politik fortsetzenden Zeitungen überhoben zu sein, ist neuerdings der Gedanke erfaßt, solchen Blättern, welche keinen Anstand nehmen, die Regierung nach Außen in Verlegenheiten zu bringen, für einige Zeit das Recht der Aufnahme von Inseraten zu entziehen,
Deutsches Reich.
** Berit«, 13. Oktober. Im Laufe dieser Woche wird der Bundesrath zu einer Plenarsitzung einberufen werden. Inzwischen ist bei demselben ein Präsidialantrag unter dem 8. Oktober eingegangen. Derselbe hat zum Gegenstand eine Bekanntmachung betr. die Statistik des Waarenverkehrs des deutschen Zollgebiets mit dem Auslande, ferner Dienstvorschriften betreffend die Ausführung dieser Stattstik. Beide Maßregeln sind als nicht gesetzgeberischer Art im Bundesrath allein zu treffen. Die Entwürfe für die Bekanntmachung wie für die Dienstvorschriften sind vom kgl. statistischen Amt aufgestellt, welchem die unter dem 4. August vom Bundesrath in anderer Gestalt mit- gctheilen Entwürfe zur weiteren Bearbeitung übergeben worden waren. Am Sonnabend war der Bundesrathsausschuß für Handel und Verkebr und für Zoll- und Steuerwesen zu einer gemeinsamen Sitzung vereinigt. Heute soll der Justizausschuß eine Sitzung halten, wobei unter Anderem der Entwurf zu dem Strafvollzugsgesetz auf der Tagesordnung steht. — Bekanntlich beabsichtigt die Regierung dem Landtag in der bevorstehenden Session eine Vorlage über die Durchführung der Secundärbahnen zugehen zu lassen. So lange als die Ausarbeitung dieser Vorlage nicht abgeschlossen ist, können Mittheilungen darüber nur ungenau sein. Wir machen namentlich aufmerksam, daß die Verhältniffe, auf fGruud deren der
und stoße laute Drohungen gegen ben Abel unb das Königshaus aus.
,JInb wie heißt ber Fremde?" fragte der Graf.
„Er heißt eigentlich Jaques Armand, aber für gewöhnlich nennt man ihn Kopfab!"
„Es ist gut! Du kannst gehen," entgegnete der Graf, „doch halt, sende mir die beiden Waldhüter Kaspar und Max her."
Der Diener zog sich zurück unb ber Graf versank in Nachbenken. Wo hatte er nur ben Namen Armand schon gehört? Richtig, jetzt fiel es ihm bei; Jaques Armand war ja jener Knabe, welchen Marie Antoinette im ersten Jahre ihrer Verheirathung an den Hof genommen und gepflegt hatte, als ob er ihr eigenes Kind sei. Sie war damals noch ber Liebling des Volkes die schöne, liebenswürdige, allbewundette Gemahlin des Dauphin — die Tochter der größten Kaiserin, die sttahlend schöne Erzherzogin von Oesterreich! Wie drängte sich das Volk bei ihrem Einzuge in Paris — nur einen Blick, einen Gruß wollte man von ihr erhaschen, und glücklich war ber, welcher bie Räber ihres Wagens berühren burfte! Unb bas war dasselbe Volk, welches wenige Jahre später wie rasend um die Guillotine tobte, Verwünschungen ausstieß und mit teuflischem Hohngelächter ben schönen Kopf ber Königin unter bem scharfen Beile des Henkers fallen sah!
Und was war das Verbrechen, besten man die edle Märtyrerin beschuldigte? Sie sollte bas Brob vertheuctt haben — sie, die nicht im Staube war, einen Hungrigen ungespeist von ihrer Thüre gehen zu lassen — bereu Herzenogüte sprüchwörtlich geworden — bie es nicht übers Herz brachte, bei Gelegenheit einer großen Treibjagb über
Bau der Secundärbahnen weitergeführt werden soll, sehr 1 verschiedenartige sind. ES gibt Secundärbahnen, an denen ' ber Staat allein Interesse hat, andere Bahnen gewähren nur beschränkten Interessentenkreisen Vortheil, von dritter 1 Art sind solche, bei denen der Staat und einzelne Jnter- esieu-Gruppen annähernd in gleichem Maße interessirt sind. Entsprechend diesen Verhältnissen kann auch der Bau nicht nach einem in sich ganz gleichmäßigen System bewirkt werden. — Die am Sonnabend herausgegebene Nummer der „Etat. Corr." bietet eine Illustration zu dem Gesetzentwurf über die Kirchenzucht gegenüber der Verletzung der kirchlichen Pflichten, welcher jetzt der Generalsynode vor- 1 liegt. Sie enthält nämlich über bie Zahl der Taufen unb 1 Trauungen seit 1878 eine auf Grund der von den Eon- 1 Morien eingesandten Nachweisungen bearbeitete statistische Zusammenstellung. Aus ber Zahl derselben ergiebl sich eine ziemliche Beständigkeit des Verhältnisses zwischen Geburten unb Taufen, bei den Eheschließungen haben bie blos bürgerlichen neuerdings nicht unerheblich zugenommen. — Am 14. Oktober kehrt der Vicepräsident des Staatsministeriums Gras Stolberg-Wernigerode nach Berlin zu bleibendem Aufenthalte zurück. — Der Wirkt. Geh. Ober- Regiernngsrath Jacobi, der in dem früheren Ministerium 1 für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten Ministerialdirektor der Abtheilnng für Handel und Gewerbe war, ist 1 in dem bekanntlich jetzt abgetrenntcn Ministerium für Handel und Gewerbe zum Unterstaatssecretär ernannt.
Hamburg, 9. October. In der gestrigen Bürger- ' schaftssttzung ist die verfassungsmäßig erforderliche zweite Lesung des vor wenigen Wochen zwischen Senat und Bürgerschaft vereinbarten revidirten Verfassungsentwurfs erfolgt und durch die von 153 Stimmen gegebene Bestäti- 1 gung der früheren Beschlüsse das Verfastungs - Revisionswerk zu Ende gebracht worden. Nach den gleichzeitig angenommenen Uebergangsbestimmungen müssen demnach bis längstens den 31. März 1880 bie abgeänberten Vorschriften ber neuen Verfassung in'S Leben treten, während bis dahin die Bürgerschaft in ihrem, durch Austritt ber 14 Vertreter ber Gerichte auf 182 rebucirten Bestände im klebrigen in unveränderter Thättgkeit bleibt.
Schwarzburg, 10. October. Die diesseitige Regierung hat beim Bundesrath beantragt, ihr aus Reichsmitteln den Betrag von 200,622 Mark zu ersetzen für Herstellung genügender Kasernements des in Sondershausen garni- fonirenben Jnfanteriebataillons unb für Garnisoneinrichtungen. In Folge der Uebeteintunft zwischen Preußen unb Schwarzburg - Sondershausen vom Jahre 1866 hatte Letzteres die Verpflichtung übernommen, diese Einrichtung auf Schwarzburg-Sondershausensche Kosten auszuführen. Hierdurch ist dem Bedürfniß an Kasernementseinrichtnngen im Fürstenthum Schwarzburg-Sondershausen fo vollständig genügt worden, daß, wie ber zu bem Gesetzentwurf, ben Acker eines armen Bauern zu reiten unb einen durch einen gehetzten Hirsch verwundeten Treiber mit eigenen Händen verband!
Unb ber Mann, ber jetzt ben Namen Kopfab führte, bankte ihr Alles — Alles! Es war ein Proletarier- kmd, ein echter Sohn des Volkes, oder bester ber Hefe des Volkes. Seine Mutter, ein Fischweib, war früh gestorben unb ber kleine Jaques Armand trieb sich ohne Aufsicht in den Straßen umher. Wie durch em Wunder entging er dem sicheren Tode; er war unter den Wagen ber jungen Königin gerathen unb warb unverletzt barunter hervorgezogen.
„Wo ist seine Mutter?" rief Marie Antoinette.
„Majestät, sie ist tobt — sie ist verhungert," war bie Antwort eines Hallenweibes.
„Dann soll er mein Sohn sein," rief bie Königin unb unter bem Jubel ber Umstehenden ward Jaques ht ihren Wagen gehoben und in Versailles ihrem Hausstaat eingereiht. Er erhielt die besten Lehrer, aber er lernte nur das, was chrn nicht taugte und im Alter von kaum 20 Jahren war er ein in Grund und Boden oerborbener Wüstling — ein Mensch, bem Nichts heilig war — ein herzloser, undankbarer Egoist. Er warf sich in ben Strudel des Pariser Lebens unb spielte halb eine hervorragende R°lle in den geheimen Clubs, biefen Brutstätten der Revolution: Die Natur hatte ihn mit körperlichen Vorzügen ausgeftattet; sie hatte ihm eine glühende Beredtsam- kett verliehen unb er benutzte diese Gaben, um Tausende irre zu letten! Er war keiner von Denen, welche ihrer Ueberzengung Allee, sogar sich selbst opfern — er entblöbete sich nicht, um Geld unb GeldeSwerth seine Meinung im Laufe einer Woche zwei- bis breimal zu änbem — fein