Ät. sei.
-Marburg, Dienstag, 14. Oktober 1879
XIV. Jahrgang
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d.vlatte-, sowie d-Annoncen-Bureaux von Tb, Dietrich L Co. in Kassel und Hannover; Tb Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt o M., Berlin, Leipzig, Cöln rc.; Rudolf Kosse in Berlin, Frankfurt a. M. ic.
(Olicrlicffifilir jfitimii.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d.vlatte« sowie d. Annoncen-Bureaur von G- L- Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jägerische Buchhandlung das elbst;
Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. ThieneS in Elberfeld: C. Schlotte in Bremen.
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JluftrirteS SonntagSblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckeret) bezogen 2» Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pf». (exelBestellgebühr) - JnsertwnSgebühr für di- gesp°lt-ne Z°il°10 Pfg Für ,n der Expedit,on zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pf», berechnet.
Die GeueralsynoLe.
Am Donnerstag, den 9. October, ist in Berlin die erste ordentliche Generalsynode für die älteren Provinzen der preußischen Monarchie eröffnet worden. Sie soll eine neue Emeritenordnung machen, soll die Trauordnung feststellen, soll die Pflichten in Bezug auf die Taufe, Confir- mation und Trauung festsetzen, und auch die Pfarrwahl- vrdnuug wird eine gewisse Abänderung erfahren. — Die jetzige Emeritenordnung leidet an großen Mißständen, welche von den jüngeren wie älteren Geistlichen und den Gemeinden schwer empfunden werden. Die ementirten Geistlichen bekommen bekanntlich Vs der Besoldung der Pfarrstelle, auf welcher sie in den Ruhestand treten. Ist diese Besoldung gering, so fällt natürlich das Ementengehalt sehr schmal aus, und es ist in den meisten Fällen das Loos der alten Geistlichen dann ein recht trauriges, wenn sie nicht zufällig Privatvermögen haben, was aber in den meisten Fällen nicht oder nur im geringen Maße der Fall ist. Es ist aber hart und unbillig, daß ein Geistlicher in seinen alten Tagen Roth leiden soll. Das Emeritendrittel müssen die jüngeren Geistlichen, welche auf die Stelle aufrücken, bezahlen. Bei geringen Stellen ist das für dieselben recht schwer, zumal wenn sie es in baarem Gelde leisten müssen, während die Besoldung hauptsächlich in dem Ertrage des Pfarrguts besteht. Viele junge Geistlichen kommen dadurch in Schulden und bedrängte Verhältnisse. Di« Folge ist dann, daß sich für solche gering dotirte Stellen nur schwer Bewerber finden, zumal jetzt, wo ohnehin die Zahl der Geistlichen nicht mehr ausreicht. Deßhalb ist eine Ordnung, welche diese Mißstände beseitigt, ein dringendes Bedürsniß. — Zu wünschen wäre eö, wenn auch bald das Pfarrbesoldungswesen überhaupt anders geregelt würde. Jetzt hängt die Besoldung der Geistlichen ganz von der Stelle ab, welche sie bekleiden. Da kommt es denn vor, daß junge Geistliche nicht selten schon viel höhere Besoldungen haben, als ältere; manche müssen ihr Leben lang Roth leiden, während andere Ueberfluß haben. Gut besoldete Stellen bekommen in Folge dieses Systems in der Regel nur ältere Geistlichen und nie Männer in den besten Jahren. Und gering dotirte Stellen leiden unter einem allzu raschen Wechsel der Geistlichen. Diese Verhältnisse zwingen die Geistlichen, sich oft um andere Stellen zu bewerben und das führt namentlich jetzt bei der Psarrwahl häufig zu recht widerwärtigen Lagen für die Geistlichen und setzt nicht selten sehr viel böses Blut. Es wäre deßhalb wünschenswerth, wenn die Sache ähnlich wie bei den StaatSdiencrn geordnet werden könnte, daß die Besoldung von den Stellen unabhängig würde und die Besoldung nach den Dienstjahren und Normen sich steigerte. In manchen Ländern, wie z. B. im Großherzog- thum Hessen, hat man die Sache in dieser Weise geord-
I« de« Woge« der Revolution.
Frei bearbeitet von Viktor Schwarz.
(Fortsetzung.)
„Ja, so sah er aus, nur daß seine Augen freundlich blickten."
„O, dann um so schlimmer I"
„Weßhalb? Was ists mit ihm? Pierre erzählen Sie wir von ihm!"
„Es taugt nichts, von unferm Herrn zu reden," knirschte Pierre mit kaum unterdrückter Wuth. „Die Herren sind eben so hungrig und gierig wie unsere Wölfe — nein, "och tausendmal schlimmer und grausamer! Aber nur Geduld! vielleicht ist die Zeit nicht mehr fern, wo es keine Herren mehr in Frankreich gibt!"
Oh Pierre, Sie erschrecken uns," flüsterte Susanne Mtsetzt; „Was hat Ihnen denn der Herr gethan?"
„Mir? Einstweilen noch nichts, aber unsere ganzen Einrichtungen und Gesetze sind 6trällert und taugen nicht wehr! Wo steht es geschrieben, daß der Bauer für seinen Heft» fein Herzblut hergeben muß? Wer will uns zwingen, die verderbten, sittenlosen Edelleute als unsere Herren anzuerkennen? Alles hat seine Grenze — die Kraft des Ochsen — die Schnelligkeit des RosseS — die Liebe des Weibes — die Zärtlichkeit einer Mutter und sogar
die Geduld eines Mannes!"
„Na — was die letztgenannte Eigenschaft betrifft, so gehört nicht viel dazu, um sie zu Ende gehen zu lassen," warf Susanne halblaut ein, aber Pierre beachtete diese Unterbrechung nicht und fuhr heftig fort:
„Wir sind nicht mehr so dumm, wie es unsre Väter waren. Wir haben eingesehen, daß wir Jahrhunderte lang
net: Von hoch dotirte» Stellen muß an einem Pfarr- besoldun^fonds jährlich eine gewisse Summe, die über den Bettag hinausliegt, welchen der jeweilige Inhaber der Stelle nach seinem Dienstalter beanspruchen kann, abge- liefert werden und aus diesem Fonbs^urd dann Dem Anderen auf geringer dotirter Stelle sv viel zugelegt, als die Stelle weniger einbringt, als er «ach seinem Dienstalter zu beziehen hat
Die Nachlässigkeit, welche nach Erlaß des Civilstands- gesetzes in Bezug auf Taufe und Trauung an vielen Orten eingerissen ist, hat bewiesen, wie nothwendig es ist, daß die Kirche solchen Leuten ihre kirchlichen Pflichten zum Bewußtsein bringt und sie anhält, dieselben rechtzeitig zu erfüllen. In Folge der Agitation der liberalen Zeitungen hat sich dieMeinung verbreitet, als brauche man nun sich nicht mehr trauen und auch seine Kinder nicht taufen zu lassen. Das braucht man allerdings nicht mehr — es wird Niemand dazu gezwungen. Allein wer es nicht thut, vernachlässigt dadurch seine kirchlichen Pflichten; das Civil- standsgesetz sagt aber ausdrücklich in seinem Kirchenparagraphen, daß dieselben durch dies Gesetz nicht einmal berührt geschweige denn aufgehoben werden sollen. Sache der Kirche ist es, die Leute daran zu gemahnen und benen, welche die Erfüllung dieser Pflichten hartnäckig verweigern, zum Bewußtsein zu bringen, daß sie dann auch an den Rechten der Kirche keinen Antheil mehr haben können ja, daß fie sich selbst von der Kirche ausschließen. In Folge der kirchenfeindlichen Agitation ist nach und nach alle sittliche Zucht abhanden gekommen; die Jugend wächst jetzt, wenn sie das Elternhaus verläßt, in der Regel ohne alle sittliche Zucht auf und Viele treten bann auch so in die Ehe. Die Folgen dieser Zuchtlosigkeit sind in der ungeheuren Vermehrung der Verbrechen und Vergehen offenbar geworden. Alle ernstgesinnten, verständigen Menschen sehen ein, daß das nicht so fortgehen darf. Insbesondere gilt es, daß die Heiligkeit der Ehe als eines vor Gottes Angesicht zu schließenden und in seiner Furcht zu führenden Verhältnisses auftecht erhalten wird. WaS soll dann werden, wenn die Ehe, die Familie von der Zuchtlosigkeit verwüstet wird! Die Zerrüttung der Ehe war immer der Anfang zum Untergang Der Völker. Durch die CivUstandsämter, welche ja nur darauf zu sehen haben, daß die rechllichen Erfordernisse zur Eheschließung vorhanden sind, um die sittlichen Forderungen sich aber nicht zu kümmern haben, kann die Heiligkeit der Ehe aber nicht auftecht erhalten werden. DaS ist Sache der Kirche. Um so mehr aber muß man auch wünschen, daß eS von ihr mit allem Ernste geschieht. Jeder sittlich ernste Mensch muß die Kirche in diesem Bestreben der Gottlosigkeit und Unsittlichkeit gegenüber unterstützen.
* Die liberalen Zeitungen schreien jetzt auch wieder über diese Vorlagen der Eeneralsynode und nennen sie (Sin
in unwürdiger Knechtschaft gelebt haben und es ist Zeit, das Joch abzuschütteln. Es kann nicht GotteS Wille fein, daß Hunderte und Tausend« sich dem Willen eine# Einzigen beugen, seinen Lastern schmeicheln, seiner Verschwendungssucht fröhnen und feiner unersättlichen Genußsucht Vorschub leisten! Ach, Susanne, Sie sollten hören, wie man in den Städten über diese Dinge redet und verhandelt! Gestern Abend war eine Versammlung in der Schmiede; ein Deputirter aus Paris war dabei und hielt eine feurige Rede. — Ich sage Ihnen, unser Pfarrer wäre ftoh, wenn er nur halb so predigen könnte! Der Mann thellte uns entsetzliche Dinge mit und doch war es nur die lautere Wahrheit!"
„Ja, die Wahrheft ist nicht immer angenehm zu hören," bemerkte Susanne weffe, und dann fragte sie mit echt mädchenhafter Neugier: „Wie sah denn der Depntirte aus, Pierre, und bleibt er länger hier?"
„Er ist heute hier und morgen da wie em Irrlicht," entgegnete Pierre; „er eilt von Dorf zu Dorf, von Weiler zu Wetter und wirbt Anhänger! Seine Instruktion empfängt er vom Centtalkomite in Paris und er ist ein zuverlässiger Abgesandter! Wmn ihn der Graf erwischen könnte, würde er ihn niederschießen wie einen tollen Hund, aber wir werden Sorge tragen, daß dergleichen nicht geschieht."
„Und weßhalb sind fie solche Todfeinde?" fragte Susanne erschrocken.
„Der Eine fft ein Patriot und der Andere ein Tyrann, das erklärt Alles — fie müssen einander bi« aufs Blut hassen!"
Susanne schauderte und Pierre fuhr fort:
„Mit welchem Recht fft der Graf mein Herr? Ist er
griffe und Beschränkung der Freiheit. Allein jeder ernste, sittlich gesinnte Mensch weiß, daß ein Volk zu Grunde gehen muß, wenn der Unsittlichkeit nicht gewehrt wird, daß eine Lüge ist, wenn man das rohe sittenlose Gehenlassen Freiheit nennt. Wir haben ja auf allen Gebieten gesehen, wohin uns diese falschen Freiheiten, die nichts anderes als Zuchtlosigkeiten sind, bringen. Der Ausfall der Landtags- Wahlen hat aber bewiesen, daß unser Volk von diesen unreifen Freiheitsschreiern nichts mehr wissen will. Gewiß, wir wollen Freiheit, aber nicht für das Laster und die Sünde, sondern für das Gute, Ehrbare und Tugendhafte. Deßhalb wird auch bet ehrbare, sittlich ernste, vernünftige Thett des Volkes es mit Freuden begrüßen, wen» die Kirche mit einer in Liebe geübten, ernsten Zucht dem Herbei- fluthen der Gottlosigkeit entgegentritt Es ist besser, dem Bösen durch sittliche Zucht zu wehren und die Menschen zur Tugend anzuhalten, als sie erst sittlich verkommen zu lassen und sie bann schließlich als Verbrecher ins Zuchthaus zu sperre», wo sie von ben Steuern der ordentlichen Leute erhalte» werden müssen.
Tagesbericht.
Zwischen dem deutschen Reiche und Oestereich-Ungarn schwebe» seit längerer Zeit Verhandlungen, welche den Abschluß seines Vertrages wegen Regelung der gegenseitig zu gewährenden Rechtshülfe in bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten zum Gegenstände haben. Nachdem diese Verhandlungen bis f er schriftlich geführt worden sind, ist man jetzt über- eir..-etommen, den Versuch zu machen, ob durch kvmmissa- ri^e Berathungen von Vertretern der beiderseitigen Justiz- V-: Wallungen eine Einigung über die noch bestehenden Disserenzpuntte zu erzielen fein möchte. Zu diesem Be- hufe sind, wie die N. A. Z. meldet, in diesen Tagen der Ministerialrath Dr. Ritter von HarrasowSky vom österreichischen Justizministerium in Wien und der Ministerialrath Zador vom ungarischen Justizministerium in Budapest in Berlin eingetroffen und werden die betreffenden Berathungen demnächst im Reichs-Justizamt stattfinden.
In Bezug ans die Stellvertretung des Reichskanzlers in der obersten Leitung des auSwärttgen Amtes durch den Grafen Stolberg wird in der „Polit. Corresp." mitge- theilt: Die Geschäfte bleiben in ben Händen der Herren Bucher und v. Radawitz. Die Stellvertretung durch den Grafen Stolberg sei jedoch nothwendig, nicht nur um den Stellvertreter des Fürsten Bismarck für alle Fälle auch hinsichtlich des Standes der internationalen Angelegen- heitm auf dem Laufenden zu erhalten, sodann auch, um den Interessen der auswärtigen Politik deö Reiches eine ununterbrochene Vertretung im preußischen Staatsministerium und im Bundesrathe, sowie überhaupt dem Auswärtigen Amte eine Repräsentation durch eine im Ministerrang tapferer, fleißiger, tüchtiger als ich? Ich glaube nicht. Ich könnte ihn mit einem Griffe zermalmen — ich könnte ihn mit einem Faustschlag zu Boden strecken und bann wäre ein elenber Wicht weniger auf ber Welt! Aber ich bin ein Bauer und er fft ein Edelmann, ber seinen Stammbaum in ferne Jahrhunberte zurückleitet — das ists, was mich ihm nnterthan macht! Ich muß seine Trauben auspreffen, sein Korn breschen, seinen Acker pflügen und seine Wiese mähen; mein Besitz geht inzwischen zu Grunde aber ihn kümmert das nicht! Sein Wild ftißt meine junge Saat — seine Feldhühner nähren sich von meiner Gerste und wehe mir wenn ich mir beifallen lasse, das gefräßige Vieh ans ber Welt zu schaffen! Die Aristokratie nährt sich von unserem Blute; ist es zu verwunbern, wenn auch wir nach Blut bürften. Nein; diese Tyrannei hat lange genug gedauert und einmal — einmal müssen die Ketten fallen. Fragen Sie Ihre Großmutter, wenn Sie mir nicht glauben, Susanne — lassen Sie sich erzählen, wie es die Herren in Bretagne machen, wenn die Edelfrau krank ist."
„Da ist leib« genug zu berichten," sagte bie alte Frau riaurig; „meine Schwester hat mir oft genug erzählt, daß fie, ihr Mann und ihre Kinder Tag und Nacht bis an die Kniee im Schlamm waten mußten, um mittelst langer Ruthen bie Frösche zu Schweigen zum bringen, wenn ihre Gutsherrin in Wochen war und die Frösche ihre Ruhe störten! Und es gibt noch schlimmere Zumuthungen als diese— mein Blut empört sich, wmn ich nur daran denke. Aber es thut nicht gut, von dergleichen zu reben. Gott und die heilige Jungfrau mögen uns in Gnaden behüten, daß nicht ber Tag der Rache für uns Alle verderblich werde! Und nun laßt uns zu Abend essen — Pierre muß