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Nr. LLO

Marburg, Sonntag, 12. Oktober 1879.

xiv. Jahrgang

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der Expedition und allen Postan- dem Lande von den Landpostboten)

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Tagesbericht.

Zn der gestrigen Sitzung der Generalsynode verlas der Präsident Graf Arnim Boytzenburg folgendes Erwiderungs- Telegramm des Kaisers auf die vorgestrige telegraphische Adresse des Synodal-Vorstandes: Die Gesinnungen und Grundsätze, welche Sie Mir Namens der Generalsynode aussprechen, haben Meinem Herzen wohl gethan, da es dieselben sind, zu welchen Ich Mich stets bekannt habe, und hoffe Ich daher, daß die Schlußworte Ihres Tele­gramms, daß die Berathungen der Synode auf dem Grunde des Wortes Gottes, wie es Uns durch seinen Eingeborenen Sohn Unfern Heiland Übermacht und gelehrt wird, beruhen werden, in Erfüllung gehm mögen zum Segen seiner Bekenner. — Die Synode beschloß sodann für die provisorische Geschäftsordnung und für jede der nachbenannten Vorlagen: Trauungsvorlage, Vorlage betr. die Verletzung kirchlicher Pflichten, Novelle zur Pfarr­wahlordnung und Emeritenvrdnung, je eine besondere Commission zu wählen, die übrigen Vorlagen aber im Plenum zu berathen. Außerdem soll eine Geschäfts-, eine Petitions- und eine Finanz-Commission gebildet werden. Sämmtliche Commissions-Mitglieder wurden, nachdem während einer halbstündigen Pause eine desfallstge Ver­ständigung erfolgt war, durch Acclarnation gewählt.

Die „Nordd. Allgem.Ztg." enthält einen für Andrassy sehr sympathischen Artikel, worin es heißt: wie machtvoll immer die Zukunft Oesterreich-Ungarns sich entfalten möge, Andrassy's bleibendes Verdienst ist es, die Basis geschaffen M hab n, von welcher die neue Entwickelung ausgehen konnte. Diese Basis ist das feste, von gegenseitigem Ver­trauen getragene Verhältniß zu Deutschland, wie unsere Staatsmänner es von jeher als Endziel der deuffchen Einheitsbewegung betrachteten: der weitere Bund mit Oesterreich in der den heutigen beiderseitigen Machtver- hällniffen entsprechenden Gestalt.

Ueber den Stand der Verhandlungen mit der Curie Werden jetzt von berufener Seite Einzelheiten laut, welche «arthun, daß die in dieser Frage letzter Zeit veröffent- uchten Mittheilungen zum größten Theile den Thatsachen

weitaus vorangeeilt sind. Zunächst bestätigt es sich in bestimmter Weise, daß Graf Stolberg während seines Aufenthaltes in Baden - Baden neben anderen politischen Gegenständen auch über die Verhandlungen mit dem päpst­lichen Nuntius in Wien Vortrag gehalten hat. Sicherem Vernehmen nach hat sich wenigstens nach dieser Richtung hin der Vortrag auf eine Art Referat beschränkt; von Vorschlägen, Anträgen oder Beschlüssen des Staatsmini­steriums, welche nach mehrseitigen Angaben dem Kaiser unterbreitet sein sollten, konnte deßhalb keine Rede sein, weil in den vorausgegangenen Ministerbesprechungen keine solchen gefaßt worden sind. Erwägt man, daß nach un­widerlegter Meldung von der anderen Seite der Wiener Nuntius seinen Bericht über die getroffenen Verabredungen der Curie zur Entscheidung vorgelegt hat, so gewinnt die Ansicht an Wahrscheinlichkeit, daß in der Sache nicht eher ein weiterer Schritt zu erwarten ist, als ' ‘ ~ '

geantwortet hat.

verlor seine Fassung nicht und sagte leichthin: „Ah, Hochwürden, gut daß Sie kommen — Sie könnten Ma­demoiselle nach Hause begleiten. Ich war so glücklich, sie soeben einer Schneewebe zu entreißen und würde sie auch nach Hause geleitet haben, wenn nicht ein glückliches Un­gefähr Sie, Hochwürden, dieses Weges geführt hätte. Nun weiß ich Mademoiselle unter sicherem Schutze und so will ich mich empfehlen."

Er wandte sich mit einer graziösen Verneigung settwärts und verschwand bald.

Susanne und der Priester schritten schweigend dahin und erst nach längerer Pause begann der Letztere: „Su­sanne, haben Sie den Grafen schon öfter geschen und ge­sprochen ?"

„Nein, Hochwürden. Weßhalb aber fragen Sie mich das?"

Der Priester bedachte sich einen Augenblick und erwi­derte dann:

„Mein Kind, Sie sind jung, hübsch und unschuldig und der Graf ist ein Wüstling. Ich bin Ihr Seelsorger; Sie wissen, baß ich Ihr Bestes will und so sage ich Ihnen: „Fliehen Sie den Grafen wie die Sünde! Lassm Sie ihn nicht dm Saum Ihres Gewandes berührm — schon fein Ach em verpestet!"

„Ist er wirklich so sündhaft?" fragte Susanne mit einem Schauder. „Was hat er benn verbrochen?"

„Fragen Sie mich nicht weiter, mein Kind, und lassen Sie sich an der Versicherung genügen, daß es keines von allen zehn Geboten gibt, welches er nicht schon übertreten hätte. Fragen Sie auch sonst Niemanden nach dem Grafen und wenn man in Ihrer Gegenwart von ihm spricht, be-

I« de« Woge« der Revolution.

Frei bearbeitet von Viktor Sctwarz.

! Fortsetzung.)

„Es gibt ht unseren Wäldern mehr Wölfe als Grafen," feinte sie schelmisch, „und so glaube ich, es wird mir gr* ‘Wgen, die Erinnerung an den einzigen Edelmann, mit dem «h bis jetzt gesprochen, und welcher mich aus einer Schnee- W gezogen, wenigstens so lange zu bewahren, als der Schnee liegt. Und nun besten Dank für dm Mantel — "hier scheiden sich unsere Pfade und so wünsche ich Jhnm gute Nacht, Herr Graf."

„Gute Nacht," entgegnete der Eeelmann, aber er y^te durchaus keine Miene von ihrer Sette zu weichen.

trat im Gegentheil noch näher an sie heran und Musterte weich und leise: „«Sagen Sie mir wenigstens ^hren Namen, damit ich Sie Nachts in meinen Träumen "«men kann."

König Humbert von Italien wird sich, wie die „Voce della Verita" meldet, mit seiner Familie in wenigen Tagen M einem längeren Aufenthalte nach Pegli an der liguri- schm Küste begeben, woselbst bekanntlich auch der Kron­prinz des deutschen Reiches nebst Familie einige Zeit ver­weilen werden. Das Blatt fügt seiner Meldung die Be­merkung hinzu: „Dieses Zusammentreffen gibt zu manchen Kommentaren Veranlassung."

Unter der Ueberschrift: „Deutschland und Rußland" bringt die deutsche „St. Petersburger Zeitung" einen Lett- artikel, welchem wir Folgendes entnehmen: „Seit einigen Wochen ist es aller Welt klar geworden, daß zwischen dm Staatsleitungen Rußlands und Deutschlands nicht mehr das ungetrübte herzliche Freundschaftöverhältniß besteht wie früher .... Was hat diesen Wandel der Dinge herbeigeführt? Wmn es wahr ist, daß Fürst Gortscha­kow sagte : „Jetzt sind wir mit Deutschland quitt", oder wenn, wie der „Golos" meint, diese Worte, auch wmn sie nicht gesprochen wären, der mssischcn Gesellschaft aus dem Herzen kommen würden, so muß man als die Ursache deS Zwiespalts das Unbefriedigtsein Rußlands mit den Resultatm des orientalischen Krieges betrachten, für berat Verkürzung Deutschland verantwortlich gemacht wirb. Jeber Deutsche wirb biesm Stanbpunkt als unberechtigt erklären unb bagegen protestiren, baß Dmtschlanb irgenb welche Schulb an dem Berliner Vertrage trifft. So schmerzlich . . . . ben Deutschen .... das Zerwürfniß auch ist, so sehen sie doch nicht in dem Fürsten Bismarck unb in seiner Thätigkeit auf bem Berliner Congreß bie Schuld an dem­selben, fonbent sie stehen nicht an, bafür einzig unb allein bie in Rußlanb herrschende Auffaffung von der angeblichen Schulb Bisrnatck's verantwortlich zu machen. Sie müffcn

UpftflhntilPtt auf das vierte Quartal auf die Oberhessische Zeitung und deren Gratisbeilage Sonntagsblatt" werden noch fort-

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte» sowied. Annoncen-Bureaux von @. L- Daube & Co. in Frankfurts.M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. ♦ daselbst; Jnvalidendaick in

Berlin; SB. Thiene» in Elberfeld; C. Schlotte in

Bremen.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d.vlatte», sowie d-Annoneen-Bureaux von Th, Dietrich & Co. in staffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a .M.; haasenstein & Bögler in Frankfurt a M., Berlin. Leipzig, Cöln rc.; Rudolf Moffe in Berlin, Frank­furt a. M. rc.

sich gestehen — unb alle Zeitungen, selbst bie altkonser­vative „Krmzzeitung", bie man früher wohl ein gut rus­sisches Blatt nannte, stellen sich auf biesen Stanbpunkt — baß bie in Rußlanb jetzt in ben Vordergrund getretenen Elemente, wie sie sich namentlich in den nationalrussischen Blättern bemerkbar machen, Deutschland gegenüber unbe­rechtigte Forderungen erhoben haben und Dmtschlanb Dinge zur Last legen, für welche Deutschland ebmso wenig die Verantwortung übemehmen kann, wie für Regen und Sonnenschein. In Deutschland bedauert man lebhaft, daß die gute alte Freundschaft einen Riß bekommen hat; aber man sieht ein, daß dieser Riß nicht etwa von dem Fürsten Bismarck, sondern von jenen Elementen verursacht wurde, bie schon während des Kongresses Himmel und Hölle gegen die Beschlüsse der Diplomatie heraufzubeschwören suchten, von der panslavistischen Demokratie, welche den Berliner Verttag sofort als null und nichtig erklärte. Dieses Demokratenthum hat, nachdem die Herren Assenkvw und Genossen in ihre «Schranken zurückgewiesen worden waren, nachher sich in der Presse breit gemacht und vor­nämlich seine Spitze gegen Deutschland gekehrt; es hat die Abneigung gegen Deutschland in Rußland neu zu be­leben gewußt. Fürst Bismarck hätte noch lange diesem Treiben in der Presse zusehen können. Aber es erschim ihm wie ein im Dunkel schleichendes Gift, welches nicht blos die russisch-deutsche Freundschaft wie immer in ihrem innersten Mark, sondern auch den Frieden zerstören kann, und deßhalb hat er durch eine kühne Wendung sofort den wunden Fleck aufgedeckt und ihn der Aufmerksamkeit aller Staatsmänner empfohlen. Fürst Bismarck hat noch nie­mals feinen politischen Gedanken einen so offenen, klaren Ausdruck gegeben wie jetzt. Er hat das Verhältniß zwi­schen Oesterreich und Deutschland von Neuem fest begrün­det; er hat sogar die Türkei seiner Sympathien versichert und die Erhaltung derselben auf sein Programm gesetzt, offenbar weil sie zu dem Programme Oesterreichs gehört. Er hat bem französischen Botschafter in Wien nicht bloß liebenSwürbige Worte gesagt, fonbent ben ernsten aufrich­tigsten Wunsch zu erkennen gegeben, mit Frankreich auf gutem Fuße zu stehen. Nachdem er diese hochwichtigen Geschäfte in Wien besorgt, ist er nach Berlin zurückge­kehrt, um sich — die Heilung des wunden Flecks an dem Körper Europas angelegen sein zu lassen......Fürst

Bismarck möchte nicht das panslavistische Demokratenthum, welches nach seiner Ansicht die russisch-deutsche Freundschaft zu zerstören droht, in seine Schranken zurückgewiesen sehen. Dieses Demokratenthum soll auf internationalem Gebiet keinen Einfluß erhalten. Augenblicklich beherrscht es die Presse, die Gesellschaft. Wenn die Diplomatie ihren Ideen geneigt ist und sich mit sortreißen läßt, dann würde für Europa Gefahr daraus erwachsen; wenn die Diplomatie sich aber nicht blos gegen jene Ideen auflehnt, sondern kreuzigen Sie sich fromm unb denken Sie, Sie hätten ihn nie gesehen."

Sie stauben jetzt vor ber Thür von Susannens Hütte, aber Vater Jgnazius wollte nicht mit eintreten und eilte mit kurzem Gruße weiter. Als Susanne zögernd die Thür öffnete und nochmals nach bem Walde zurückblickte, rief eine Frauenstimme aus dem Hintergründe ber Küche:

»Nach was blickst Du denn so ängstlich, Kind? Gibt es etwas Besonderes?"

„Nein Großmutter; nur bie Spur eines Wolfes! Sie führt bis bicht an unsere Thüre!"

„Gott behüte uns," rief bie Großmutter, sich bekreuzigend; „in diesem Falle muß Pierre uns beschützen!"

Zweites Kapitel.

Der Schäferhund.

„Wer ruft mich?" ertönte cs bei ben Worten ber alten Fran aus bem Innern ber Hütte unb beinahe zugleich mit Susanne trat von bet anbern Seite ein kräftiger, starker junger Mann in bie Küche. Ein verklärter Aus- bruck überflog fein frisches Gesicht, als er das junge Mädchen erblickte unb halb schüchtern bot er ihr die Hand zur Begrüßung. Susanne legte ohne Zaubern ihre schlan- km Fmger in bie seinen unb bann sagte bet junge Mann besorgt:

„Zch banke Gott, baß Sie wieber ba sind, Mademoi- feße; ber Schneestutrn wirb immer heftiger unb wir be­gannen uns um Sie zu sorgen! Eben hatte ich meine Säge bei Seite gelegt, um nach Ihnen auszuschauen."

„Sie machen sich unnöthige Sorge um mich, Monsieur Pierre," entgegnete Susanne mit Hellern Lachen; „wenn ich auch nicht so groß bin als Sie, so bin ich doch längst kein Kind mehr — ich bin ja 19 Jahre alt!"

___________________________________________Für in der Expedition zu ertbeiknbe Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 <fB. berechnet ä 1W

ZV40 - „Ich heiße Susanne," war die kurze Antwort, „nun --W Sie hoffentlich zufrieden."

.„Susanne heißen Sie? Wie gut der Name zu Jhnm laste! Nun, Susanne, will ich Ihnen fagen —"

Was der Graf sagen wollte, blieb einftweilen un- ^gesprochen, benn eine «Stimme aus bem Dickicht des falbes rief plötzlich: „Gutm Abmb, Graf Arnolb jy Montarbas: gutm Abend, Mademoiselle Susanne," rnb vor ihnen stand ein ältlicher Mann in einer abge­legenen Priesterkutte.

oqi'i Susanne knixte ehrfurchtsvoll, während ihr Gefährte 881 ' ,K7 Nut leicht verbeugte.

f t .^er Geistliche maß Beide mit erstaunten Blicken; — pManne erröthete und senkte die Augen, aber ber Graf