xiv. Jahrgang
Marburg, Sonnabend, 11. Oktober 1879
Rr. 239
GtchkMe jfitiiiiß
Der in Moskau erscheinende „Russische Courier" vom 3. Oktober zweifelt an der Mittheilung der ausländischen Blätter, daß Fürst Bismarck in Wien Fiasko gemacht haben soll. Wer den Charakter des Fürsten Bismarck ‘ennt, dürfte eine solche Voraussetzung nicht machen, er wäre nicht nach Wien gegangen, wenn er nicht seiner Sache icher gewesen wäre; Bismarck's Reise nach Wien habe daher unbedingt zu irgend einem positiven Abkommen geführt, welches jedoch erst dann, wenn der passende Augenblick dazu gekommen sein wird, aufgedeckt werden würde. — Diese Frage bleibe also offen, und man könne, was Einem beliebt, darüber reden, nur habe dieselbe aber mit den Interessen Frankreichs und Englands in Egypten nichts gemein .... Der Zusammenhang der gegenwärtigen Interessen Englands und Frankreichs in Kleinasien könne ein Zusammengehen beider Länder im Falle irgend welcher unvorhergesehener Umwälzungen in Europa nicht bedingen. England werde nie sein Schwert zum Schutze Frankreichs erheben, wenn letzterem Lande von Seiten Deutschlands eine Gefahr drohen sollte; die ganze Geschichte lege davon Zeugniß ab . . . Frankreich könne keine anderen Bundesgenosien haben, im Hinblick auf die deutschen Tendenzen des Fürsten Bismarck, als Rußland und Italien, und müsse man annehmen, daß die gegenwärtige französische Regierung diese Lage der Dinge in Europa vollkommen begreift.
Die „Politische Correspondenz" meldet aus Belgrad: Der türkische Gesandte forderte, daß der bulgarische diplomatische Agent dem Fürsten Milan den Investitur-Ferman überreichte, womit der Fürst von Bulgarien installirt wurde. Ristic wies diese Forderung zurück. Das Recht Bulgariens, einen Vertreter in Serbien zu unterhalten, wurde durch die von Seiten des Fürsten Milan erfolgte Entgegennahme der Creditive des bulgarischen Agenten anerkannt.
erlangt, wonach er so lange strebt, eine Partei Bismarck sans phrase als kompakte Majorität, die nahezu die Mehrheit bildet", schreibt die Tribüne: „Von einer Mittelpartei, wie sie die Gouvernementalen erstrebten und wie sie bei der Parole Bismarck sans phrase vorschwebte ist nicht die Rede." — Am 23. vorigen Monats nahm der Land- wirthschafts-Minister den soeben in Betrieb gesetzten Schiff- ahrtskanal von Horsen nach Rütenbach, im Landdrosteibezirk Osnabrück in Augenschein, der Kanal wurde in seiner ganzen Länge von der Ems bis zur niederländischen Grenze besichtigt. Der Minister zeigte wiederholt seine Befriedigung über die Ausführung. Dieser Kanal bildet ein wichtiges Glied des im Bau begriffenen links-emsischen Kanal-Netzes, er nimmt den über Birkenbach das Lendinger Moor durchschneidenden Hauptfahrkanal auf und wird demnächst an der preußisch-niederländischen Grenze in den Gröninger Staatskanal einlaufen. Diese Verbindung ist durch einen Vertrag zwischen dem deutschen Reich und den Niederlanden im Jahre 1876 ins Leben gerufen. Auf niederländischem Gebiet fehll noch der Bau einer kleinen Strecke. Dem Vernehmen nach hat 'jetzt die niederländische Regierung bestimmt, daß der Ausbau dieser Theilstrecke im nächsten Jahre erfolgen soll. Alsdann wird eine sehr vorzügliche und möglichst geradliegende Wasserstraße von der Ems nach Gröningen fertiggestellt sein. — Aus den Kreisen des Publikums sowohl als von Reichs- und Staatsbeamten sind dem Generalpostmeister wiederholte Klagen zugegangen über Undeutlichkeit der Stempelabdrücke auf den Postsendungen. Der Generalpostmeister hat deshalb in einer Verfügung vom 5. Oktober d. I. die Postanstalten aus dir sorgsamste Wahrnehmung der Stempelgeschäfte aufmerksam gemacht und verordnet, daß bei sorgloser Wahrnehmung des Stempels die Schuldigen zur Strafe gezogen werden. — In den ersten 8 Tagen des Monats Oktober sind 12 neue Telegraphenanstalten, darunter 7 mit Fernsprechern eröffnet. , „
Darmstadt, 8. Oktober. Die Abtretung des hessischen Drittelbesitzes an der Main-Weser-Bahn ist in einem zwischen der preußischen Regierung und dem hessischen Ministerium schon im vergangenen Jahre verabredeten Vertrag den Landständen gegenwärtig zur verfassungsmäßigen Behandlung vorgelegt worden. Der Ausschuß der zwe en Kammer hat sich über die Angelegenheit schlüssig gemacht und ist in seiner Mehrheit gegen die Abtretung; ein Mehr- heits- und ein Minderheitsbericht wird der Kammer die Gründe der Stellung der Mitglieder zu der Frage vorlegen. Der Zusammentritt der Kammer, welche sich, da weder der erste, noch der zweite Vorsitzende bei den in Folge Beförderung nöthig gewordenen Neuwahlen wieder gewählt wurden, neu zu constituiren hat, wird Mitte dieses Monats erfolgen und die Angelegenheit eine der ersten ihrer Verhandlungen sein. Seit dem Friedensvertrag von
Adelsbrief reichte bis zu den Kreuzzügen hinauf und dies gab ihm das Recht, in der nächsten Umgebung des Königs zu verkehren; menn er bei dem Lever des Mo- narchm zugegen war, durfte er ihm das spitzenbesetzte Hemd reichen und damit war sein Tagewerk gethan. Er zählte 25 Jahre, war hoch und schlank gewachsen, hatte glühende, dunkle, Augen, feingeschnittene Züge, ein böses Lächeln auf dm Lippen und ein stolzes, herrisches Wesen, Er steckte in Schulden bis über die Ohren, war em notorischer Spieler, ein schlechter Pachtherr, ein treuloser Liebhaber, ein zweizüngiger Politiker und ein falscher ?freund. Und trotz aller dieser Eigenschaften war er in einen Kreism ein gerngesehener Gast; man kannte dort nichts Besseres und er war nicht schlimmer, als so viele Andere.
„Es ist ein Hundewetter," murmelte er vor sich hin; „hellige Jungfrau, wie die Wölfe schwärmm! Da ist eine Fährte, da noch eine I Und ich habe nicht einmal eine Kugel in meiner Büchse! Nun, nur Geduld, ihr Canaillen! Morgm werde ich scharf laden und euch zum Abschied noch Eins auf den Pelz brennen, ehe ich nach Paris gehe! Ach, wäre ich nur schon dort! Verdamutt da kommt schon wieder eine Schneewehe! Nächstens werde ich versinken und daun ist es aus mit dem schönen, galantm Grafen Amold und MontarbasI"
Er lachte lustig auf und wandte sich um, als em neuer Windstoß ihm eine ganze Schneelast in die Augm trieb. Als er schimpfend und fluchend weiter schritt, gewahrte er plötzlich, daß, kaum 100 Schritte von ihm entfernt, eine weibliche Gestalt nur mühsam gegeu den Sturm ankämpste und jetzt drohte sie gar in einer Schneewehe zu versinken. Er sprang ihr za Hülse und während
Deutsches «eich.
#• Berlin, 9. October. Die Schätzung des Wahlergebnisses in der heutigen „Provinzial-Correspvndenz" verfährt so zurückhaltend und vorsichttg als möglich und bleibt namentlich bei Berechnung der Verluste der liberalen Parteien weit hinter den Organen der betreffenden Parteien selbst zurück. Nach den letzteren, die ja besser darüber unterrichtet sein müssen, wen sie wirklich zu ihrer Partei rechnen, ist die Zahl der konservativen Stimmen noch beträchtlich größer als in der Zusammenstellung des halbamtlichen Blattes. Interessant ist es zu vergleichen, wie die beiden nächstverwandten Organe der nattonallibe- ralen Partei, die „Tribüne" und die „Nat.-Ztg.", sich über den Charakter des conservativen Wahlsieges auslassen. Während die Nat.-Ztg. sagt: „der Reichskanzler hat jetzt
er sie mit kraftvollem Arm emporriß und sie dann wider einen Baum lehnte, fand er Gelegenheit, ein zartes rosiges Gesicht, welches ein scharlachrother, wollener Mantel, tote ihn die bretagnischen Bäuerinnen tragen, zur Hälfte verhüllte, zu bewundern. Das Gesicht sowohl, wie die schlanke, biegsame Gestalt gehörten einem offenbar kaum neunzehnjährigen Mädchen an, welches ihn mit seinen großen dunklen Augen angstvoll anblickte; er faßte ihre Hand mit festem Druck und sagte dann: „Verzeihung Mademoiselle, wenn ich etwas derb zufasse! So, stützen sie sich fest auf mich — ich kann schon einen Puff aushalten. So, nun haben Sie wieder feften Grund unter ihren Füßen und nun will ich mich in aller Form vorstellen. Ich bin der Graf von Montarbas und stehe Ihnen mit Leib und Leben zu Diensten. Mein Schloß liegt kaum 10 Minuten von hier entfernt und wenn Mademoiselle noch wett bis nach Hause hat, wird cs mir eine Ehre jein, Sie unter meinem Dach willkommen zu heißen.
Wie er so da stand und mit seinen kühnen Blicker die zatte Gestalt des jungen Mädchens förmlich oer schlang, war er das vollendete Bild eines Don Jouan welcher Zerline auffordert, ihm in sein Schloß zu folgen Und das junge Mädchen schaute ihn so unschuldig, si ohne Arg an — sie ahnte nicht, daß es noch schlimmer Gefahren gebe, als Schneewehm! Sie war ein Mädche, aus dem Volke, welches bewundernd zu dem feine: Herrn aufblickte — freilich, es kam wohl nicht oft vor daß ein Patt von Frankreich eine Bäuerin aus der Schnee zog.
„Ich danke Ihnen, Monsieur," sagte sie mdlich m einem tiefen Athemzuge; dann zog ste ihre Hand aus de
** Fgr in bet Expedition zu ettheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 35 Pst. berechnet. .............
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition b. Blatte» sowied. Annoncen-Bureaux von G- L- Daube & Co. in Frankfurt a- M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W- Thiene» in Elberfeld; 6. Schlotte in Bremen-
•nieigen nimmt entgegen: He Expedition d.Blatte», i,wie d.Annoncm-Bureaur wn Th. Dietrich & Co. in gassel und Hannover ; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; fiaafenftein & Bögler in
S’ ig, Soin rc.; Anbots e in Berlin, Frankfurt a. M- «.
In den Woge« der Revolution.
Frei bearbeitet von Viktor Schwarza-
Erstes Kapitel.
Der Wolf an der Thüre.
Der eisige Nordwind fuhr durch den Wald von Ram- bouillet und trieb große Schneeflocken vor sich her. Dchon fest Wochen tobte der Sturm; fußhoch lag der Schnee, in den Sttaßeu der Flecken und Dörfer und im Walde war Weg und Steg verweht. Die Wölfe kamen in Schaaren aus ihren Höhlen, denn der Hunger trieb sie heraus und so heultm und bellten sie Nachts und manchmal sogar am Tage um die Wohnungen der Mmschm und machten Alles unsicher. Die armm Bauern ge- hauten sich kaum, ihre elendm Hüttm zu verlassen, um heimlich eine Last Holz aus dem Walde zu holen, denn das Holz, wie so vieles Andere, war Eigenthum des Edelmannes und was kümmerte es diesen, ob seine Pächter eine warme Stube hatten? Wenn ste nur ihre Steuern und Abgaben pünktlich entrichteten, konnten sie immer hungern und frieren; Ludwig XVI. war ein schwacher Regent, eine Puppe, ein Nichts in den Händen seines Hofes und so ging das Land zu Grunde. Der Edelmann praßte und schlemmte, indeß der Bauer darbte und während der Letztere Mangel am Nötigsten litt, schlürfte sein Unterdrücker goldfunkelnden Wein und vertrieb sich die Zett mit galanten Abenteuern. ,,. ,.„k .
Der junge Mann, welcher soeben, wohlemgehullt in einen kostbaren Pelzrock, durch den verschneiten Wald schritt, war ein Edelmann vom reinsten Wasser. Sein -------------------------------------------------- .
*) Nachdruck verboten.
— - " ttttf das vierte Vvartal mf die Oberhessische Zeitung ö 1 ** und deren Gratisbeilage
Jllustrirtes Sonntagsblatt" werden noch fortwährend von der Expedition und allen Postanstalten (auf dem Lande von den Landpostboten) angenommen.
Die Exped. d. vberh. Zeitung.
Tagesbericht.
Aus Berlin wird telegraphisch gemeldet, daß der Kaiser und die Kaiserin gestern mit der Kaiserin von Rußland auf deren Durchreise nach Cannes eine Begegnung in Oos hatten. — Ferner: Fürst und Fürstin Bismarck sind gestern Morgen 8'/a Uhr nach Varzin abgereist.
Die „Provinzial-Correspondenz" bespricht das Ergeb- niß der preußischen Landtagswahlen und die Veränderungen, welche in der Stärke der Parteien gegen die frühere Zusammensetzung des Abgeordnetenhauses eingetreten sind, und äußert hieran anknüpfend: Unter allen Umständen darf die Regierung das Ergebniß der Wahlen als hocherfreuliche Kundgebung des preußischen Volkes begrüßen und in der neuen Landesvertretung eine ausreichende Unterstützung für die Durchführung ihrer nächsten wichtigen Aufgaben auf dem wirthschaftlicheu und polttischen Gebiete zu finden hoffen. — Dieselbe Correspondenz meldet: die Eröffnung des Landtags ist auf den 28. October festgesetzt. ______________
Die evangelische Generalsynode wurde gestern Vormittag 10 Uhr 20 Minuten durch den Präsidenten des Oberkirchenrathes Hermes in Berlin eröffnet. Die Mitglieder der Synode waren fast vollzählig erschienen. Am Negierungstische waren anwesend der Cultusminister v Puttkamer und einige Commissarien des Ministeriums und des Oberkirchenrathes, darunter Ministerialdirektor Lucauus und Propst Brückner. Nachdem Präsident Hermes die Versammlung eröffnet hatte, leitete Generalsuperintendent Büchsel die Verhandlungen ein durch Verlesung eines Psalms und Gebets. Alsdann folgte die Eröffnungsrede des Präsidenten Hermes, worin Vorlagen über die Trauungsordnung und ein Gesetzentwurf über die Verletzung kirchlicher Pflichten, welche beide in Folge der veränderten Rechtslage als unaufschiebliches Bedürsniß erschienen, angekündigt wurden. Zum ersten Präsidenten wurde durch Acclamation Graf Arnim Boytzenburg, zum Vicepräsideitten sodann mit 114 gegen 65 Stimmen Superintendent Rübsamen gewählt.