Skr. aas.
Marburg, Freitag, 10. Oktober 1879
xiv. Jahrgang
Anzeigen nimmt entgegen: Me Expedition d.Blatte-, sowie d-Annoncen-Burear von Th. Dietrich & Co. i staffel und Hannooer; TI Dietrich in Frankfurt a.M Saasenstein <L Bögler i Frankfurt a- M., Berln Leipzig, Cöln re.; Rudo, Jioffe in Berlin, Frankfurt a. M- ic.
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_______Die Exped. d. Oberh. Zeitung.
Tagesbericht.
Der Kaiser wird voraussichtlich am 19. October Baden- Baden verlassen und am 20. in Berlin eintreffen. Die Kaiserin begibt sich Ende dieses Monats von Baden-Baden nach Koblenz.
Die Wahlresultate liegen heute fast sämmtlich vor, die Wahlen sind für die Conservativen viel günstiger ausgefallen, als wir erwarteten. Nach neuester Zählung werden die^Eonservativen etwa 112 Mann stark ins Abgeordnetenhaus eintreten, wahrend sie bisher nur 25 Mann zählten. Sie haben also über 90 Wahlkreise gewonnen. Die Frei- conservativeu werden etwa 45 Mann stark sein, die Nationalliberalen ca. 90, die Fortschrittspartei 35, das Centrum 91, die Gruppe Löwe 14, die Polen 18, die Dänen 2 und die Frankfurter Demokraten 1 Mann stark sein. Das ist für die Conservativen ein ganz coloffaler Erfolg, welcher beweist, daß der „conservative Hauch", über welchen die liberale Presse so gerne spöttelte, stark genug gewesen ist, ca. 90 nationalliberale und 30 fortschrittliche Wahlsitze wegzublasen. Auch in der national« liberalen Partei hat sich die Bewegung nach Rechts gezeigt ; denn die Mehrzahl der Gewählten scheint dem rechten Flügel derselben anzugehören. Lasker ist bis jetzt nicht gewählt, wenigstens ist sein Name nicht unter den Gewählten. Der Abg. Richter, welcher au« seinem westfälischen Wahlkreise verdrängt wurde, hat in Berlin ein Unterkommen gefunden. Die Hauptstadt hat es sich natürlich nicht nehmen lassen, wieder die alten Demokraten in den Landtag zu schicken. Alle Anstrengungen, welche seitens der Conservativen gemacht wurden, sind vergeblich gewesen; der großstädtische Philister hinter seinen hohen Mauern kann aus dem beschränkten demokratischen Horizont nicht heraustreten. Seine Beschäftigung ist in der Regel so beschränkt und einseitig — man denke nur an die Detailverkäufer, Bierwirthe, Fabrikarbeiter — daß sie aus eigener Erfahrung nur einen ganz kleinen Zipfel des öffentlichen Lebens kennen lernen. Darum sind sie denn panz auf ihre liberale Zeitung angewiesen und was diese ihnen sagt, das ist ihnen ein Evangelium. Sie rufen Fortschritt, Fortschritt! bleiben aber selbst auf ihrem alten
Ei« Lebe« im Schatte«.
Erzählung von A- Reichstadt.
(Schluß.»
Sie galten dem Wahn, um dessrntwillen sie an den Altar getreten, und nur bitterer stoffen sie, wenn sie prüfte, warum sie dies Alles^rduldeu müsse?
Ehen werden im Himmel geschlossen. Susanne aber fühlte in des Herzens Tiefe, daß ihre nicht im Himmel geschlossen war.
Tag und Nacht zerfleischte das Bewußtsein sie, daß ihre Ehe ein langer gräßlicher Jrrthum gewesen. Heißes Brdürfniß nach Liebe hatte sie in dieselbe hineingetrieben, nur um dies zu stillen, hatte sie einen Bund gewagt, gegen den ihr edleres Selbst sich auflehnte — im Bewußtsein ihrer Schuld wurde ihr die Buße fast zum Tröste.
In Folge dieser inneren Kämpfe zehrte die Krankheit ihre letzten, schwachen Kräfte auf. Täglich wurde sie Walter. Am Ende der Woche kam Hedwig, sie zu pflegen Von da an wurde Susanne ruhiger. Die Liebe, mit welcher die Schwester ihren Wunsch ablauschte — noch rhe er gedacht war — linderte die Wunden ihres Innern.
war, als ob die alte, fast erloschene Muth ihres Ge- wüthes sich wieder durcharbeite.
Gleichzeitig angstvoll und wehmüthig verfolgte sie ihren •wann mit den Augen. Eine unbeschreibliche Qual lag w dem heimlichen Blick. Hedwig begriff gar nichts was ste so bewege. Oft sah sie sie leise die Lippen rühren, oft die Hände ringend in das Bettuch pressen. ES mußte ftn ganz besonderer Kampf sein, um den es sich handette,
abgewirthschafteten demokratischen Standpunkt von anno 48 stehen und merken nicht einmal, wie der Strom des Lebens an ihnen vorbeirauscht. Ihre Fvrtschritts-Einbll- dung ist nachgerade geradezu zur fixen Idee geworden. Es ist das die geistige Krankheit der großen Städte. In Paris ist's ebenso. Es ist ein Glück, daß der gesunde Sinn und die weitsichtigere Erfahrung der in gesunder Lust lebenden Bevölkerung des flachen Landes und der kleinen Städte das Uebel wieder ausgleichen, sonst würden die europäischen Staaten längst in dem Strudel der Demokratie und des Liberalismus untergegangen sein. — Es ist nun Aussicht, daß wir im Abgeordnetenhause wieder eine Mehrheit erhalten, welche im Stande ist, die vielen Fehler der liberalen Aera zu bessern und das Volksleben allmählich wieder auf solide Grundlage zurückzuführen. — Die Aufgabe der conservativen Partei ist jetzt eine große. Möge sie sich dazu rüsten mit Weisheit, Umsicht und Energie!
Aus den Berliner liberalen Blättern, welche den Ausfall der Landtagswahlen zum Gegenstände vorläufiger Besprechungen machen, lassen wir nachstehend einige Auszüge folgen, so konstatirt die National-Zeitnng die bedeutenden Verluste der natonalliberalen Partei. Sie bemerkt sodann: „Der Staatsmann, der wie kein anderer an den Grundpfeilern Europas gerüttelt hat und einen ganz neuen Zustand Deutschlands und der europäischen Politik dereinst hinterlassen wird, erscheint diesmal umgeben von den Vertretern der Richtungen, gegen die er die gewichtigsten Schläge gethan hat, den Konservativen und Ultramontanen. Allein das von ihm geschaffene Werk ist von so naturwüchsiger Kraft und Dauerhaftigkeit, daß e« alle Revisionsarbeiten überleben wird. Der moderne Staat ist seiner Natur nach liberal. Sollten die Gegner der Liberalen zu der Freude die Macht fügen können, so mögen sie ihr Schlimmstes thun, sie werden an den Grenzmarken Herumarbeiten, aber im Wesentlichen bestehen lassen müssen, was und wie es eben besteht. Denn es steht nicht aus Zufall da und hat noch andere Stützen als wechselnde Mehrheiten im Abgeordnetenhaus. Wir sehen der weiteren Entwickelung ohne allzugroßen Pessimismus entgegen. Können unsere Gegner ihre weitgehenden Versprechungen erfüllen, so wird sich ja ergeben, was Heilsames darin verborgen ist, können sie es aber nicht, wie wir glauben, dann werden die nächsten Wahlen uns recht geben, die wir in der konservativen Weisheit nur verlorene Träume nach einer unwiederbringlich vergangenen Zeit sehen. Darauf ist aber die Tendenz des leitenden Staatsmannes sicher nicht gerichtet, der sich mit den Liberalen überworfen hat, weil sie ihm nicht geschwind genug folgen wollten. Und hierin liegt der merkwürdige innere Widerspruch in der jetzt geschaffenen Lage."
aber ein reiner, vielleicht nie glühte das Auge einer Märtyrerin in einem heiligeren Feuer als das ihre.
Was sagt der Arzt? fragte sie eines Abends mühsam, als sie kaum noch zu athmen vermochte.
Mitleidig beugte Hedwig sich über sie.
Daß die Geburt Deines Kindes zugleich die Stunde der Entscheidung für Dich sein wird.
Sie und der Vater beteten alltäglich zu Gott, daß er die Schwergeprüfte erlösen möge.
So stehe ich also wirklich jetzt vor den Pforten der Ewigkeit? fragte Susanne ernst und zögernd.
Wohl athmete sie erleichtert dabei auf und dennoch klang e«, als ob das letzte Band, das sie an die Erde fessele, noch nicht zerrissen sei.
Möchtest Du denn wieder genesen? fragte Hedwig schluchzend. Schaudernd schüttelte die Kranke das Haupt.
O nein, nein, nur das nicht! Ich wünsche mir den Tod — ich bin zu elend, zu elend.
Es war ihr, als fündige sie mit diesem Wunsch, leise bewegte sie wieder die Lippen und bat zuletzt Hedwig, ihr ein frommes Lied aus dem alten Gesangbuch ihrer verstorbenen Mutter vorzulesen.
Während des Horchens verklärte sich ihr Antlitz. Eine leichte Röthe hauchte über ihre todtenfahlen Wangen einen letzten Reiz, seltsam schön leuchtete ihr sterbendes Auge. Obgleich ste kaum noch vor Hüsteln und Mattig- teit sprechen konnte, beugte sie sich zu der Schwester vor.
Und dennoch möchte ich wieder genesen — unter einer Bedingung, sagte sie weich,
Und die wäre? fragte Hedwig erschüttert. Es durchrieselte sie bei dem herzergreifenden Tone eine Ahnung
Der Berliner Börsen-Courier bemerkt über den Ausgang der Wahlen: „Alle Neune! — man könnte sich freuen über den großen Wurf, welcher der Fortschrittspartei in Berlin gelungen, wenn nicht aus den Provinzen Trauerpost auf Trauerpost sich daherdrängte. Der 7. Oktober wird als der eigentliche Todestag der „liberalen Aera" gelten müssen, die ja schon lange, recht lange kränkelte. Die Neattion siegt — das ist der wehmüthige Eindruck, den uns ein Blick auf die gestern eigelaufenen Depeschen über die Resultate der gestrigen Abgeordnetenwahl giebt. Eine dienstwillige Majorität steht auf Seiten der Regierung und Fürst Bismarck ist nicht der Mann dazu, solch einen Vortheil unbenutzt zu lassen. Die Wählerschaft wird auf den Lohn ihrer Wahlen nicht lange zu warten haben — wir können nnö auf schöne Dinge gefaßt machen." Und zum Schluß: „Die Reaktion hat den unbedingten Sieg erfochten. Der preußische Landtag weist eine erdrückende Majorität von Junkern und Pfaffen auf."
Die „Tribüne" schreibt: „Eine Verschiebung des Mehrheitsverhältniffes ist erfolgt, — daS ist zweifellose Thatsache. Allein diejenigen, die ausschließlich dabei zu gewinnen dachten, sehen sich getäuscht. Die liberalen Fraktionen haben eine Anzahl Sitze verloren; ihre Gesammt- stärke ist vermindert, ihre Stärke im Einzelnen wird, soviel läßt sich heute schon erkennen, den „konservativen" Parteien mindestens keine unebenbürtige sein. Mögen die Letzteren als Frucht der ungemessenen Agitationen auch einige Sitze mehr errungen haben, eine entscheidende Stellung im neuen Hause haben ste sich auch mit der weitgehendsten Hülfe der Regierung nicht zu verschaffen vermocht; die Entscheidung in allen Fällen wird da liegen, wohin das abermals gestärkte ultramontane Centrum sich neigt. Während die Regierung mit allen Kräften nach einer festen „Mittelpartei" strebte, haben gerade die mittleren Parteien die Kosten dieses Wahlkampfes zu tragen. Wenn nicht alles täuscht, so werden im preußischen Abge- ordnetenhause ähnliche Majoritätsverhältniffe zum Vorscheine kommen, wie im deutschen Reichstage; das Zünglein der Waage wird, wie schon bemerkt, im Centrum spielen." Zum Schluß heißt es: „Auf die Frage, wer bei den gestrigen Wahlen gesiegt hat, wird sich so leicht die rechte Antwort nicht geben lassen, auch wenn das Wahltableau vollständig vor uns liegt; einzelne Kandidatensiege 'bedeuten noch nicht immer einen wirklichen Sieg der Partei. Die Frage, wer geschlagen worden, läßt sich schon leichter beantworten; wir fürchten auf keiner Seite Widerspruch, wenn wir behaupten, daß die Agenten der Partei Bismarck sans phrase gestern das nachdrücklichste Fiasko erlitten, das sich unter Verhältnissen, wie die diesmaligen waren, überhaupt denken läßt."
Von der Bestimmung des Termins für die Landtags- Eröffnung ist, wie die „N. Pr. Ztg." hört, mit Rücksicht
von dem Allerhelligsten, daS in einem echten Weibe schlummern kann.
Die, daß ich meine volle Gesundheit wieder erlangte. Ich möchte meinem Manne gar zu gerne zeigen —
Was?
Daß ich ihm doch noch mehr werden könnte, als eine Last. Ich bin ihm bis jetzt noch zu wenig gewesen. Wie oft habe ich noch an mich selbst gedacht.
Ueberwältigt sank Hedwig an dem Bette nieder und küßte die Hand der Sterbenden, welche erschöpft in ihre Kiffen zurückfiel. Unverwandt starrte sie in die liebreichen Züge.
Welches Glück würdest Du um Dich verbreitet haben, wenn Du den rechten Boden gefunden hättest, um zu ge- — feufjte sie leise, daß Du aber trotz der herben Erfahrungen Deines Lebens und der rauhen Stürme, welche Dich geknickt, nicht zur verkrüppeltm, bittem Holzfrucht geworden, sondern Dich zu solcher jBlüthe entwickelt, soll das für mich eine Aussöhnung fein mit Deinem Unglück?
So oft Hedwig auch in Versuchung gewesen war, mit ihrem Gott zu hadern, von dieser Stunde an wurde es Me in ihr.
Zwei Tage später hatte die arme Susanne ausgerungen. Das tobte Mädchen, das sie geboren, legte man ihr in den Arm. So lagen sie bei einander in einem Sarge. DaS winzige Köpfchen des Kindes war frisch und roth, als ob cs eben zum Leben aufblühen wolle. Noch hatte kein einziger Seufzer seine Linie in das unberührte Gesicht gegraben. Wie eine steinalte Greisin, so welk und mumienhaft, sah die Mutter aus und doch war ihr dreißigstes Jahr noch nicht vollendet.