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-kr. 236. Marburg, Mittwoch, 8. Ottober 1879 UV. Jahrgang

ObcchtsMe MW.

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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte» sowied-Annoncen-Bureaux von G L-Daube L Co. in Frankfurt a-M; JSger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Thiene» in Elberfeld: 6. Schlotte in Breme«.

zuu eigen nimmt emgrgen: die Expedition d.Blatte», sowie d.Annoncen-Bureaux von Th, Dietrich & Co. in Mel und Hannover; Tb. Dietrich in Frankfurt a.M.; haasenstein & Logier in Frankfurt a- M., Berlin^ Leipzig, Cöln tu; Rudol; Ktasse in Berlin, Arant- fut' a. T'V k.

das vierte V«art«l

xuf die Oberhessische Zeitung und deren Gratisbeilage

Jllustrirtes Sonntagsblatt" werden noch fort­während von der Expedition und allen Postan- stalten (auf dem Lande von den Landpostboten)

angenommen.

Die Expkd. d. Oberh. Zeitung.

Die Früchte des Liberalismus"

betitelt sich eine soeben im Verlag der Winter'schen Uni- versitätsbuchhandlung in Heidelberg von Ernst Reinhold, einem badischen Juristen, erschienene Broschüre, in welcher eine Umschau gehalten nffrd über die Früchte, mit welchen der Liberalismus Baden, dieses liberale Musterlano, wo derselbe am ungehindertsten unter dem pflegenden Schutze der Regierung sich entfalten konnte, gesegnet hat. Jemehr wir auch in Preußen in die Bahnen des Liberalismus hineingerathen sind, desto nützlicher erscheint es, sich die Früchte anzusehen, welche dieses System der Phrase und Oberflächlichkeit gerade in Baden gezeigt hat. Wir können ja freilich auch ein Liedlein davon singen, und es wäre ganz heilsam, wenn ein Mann, der Zeit und das Zeug dazu hat, eine ähnliche Arbeit für Preußen lieferte, wie sie Reinhold für Baden geliefert hat. Denn eS ist abso­lut nöthig, daß unserem Volke klarer Wein eingeschenkt und unbarmherzig alle Phrasen, womit in der Presse das Volk hinters Licht geführt wird, mit der Macht der That- sachen zerknittert werden. In Baden hat der Liberalismus auf allen Gebieten seit Jahrzehnten die unbestrittene Herr­schaft im Staat, wie in den Gemeinden, in Justiz und Verwaltung, in Kirche und Schule. Alles ist liberalistrt. Der Liberalismus hat dort wie überall dem Volke immer verheißen, er werde die Steuern und Abgaben vermindern. Die Thatsachen haben aber überall das Gegentheil als richtig bewiesen. In Baden haben sich die ordenllichen Ausgaben des Staates feit 20 Jahren um 7 Millionen Mark vermehrt und doch ist ein stetiges Deficit von etwa 400,000 Mark vorhanden, trotzdem viele frühere Ausgaben des Staates auf die Kreise abgewälzt worden sind. Die Gemeindeumlagen in Baden betrugen 1868: 2,565,092 Fl.; 1873 : 3,939,652 Fl. oder 6,753,689 Mark; 1877: 12,165,256 Mark.

Die Gemeindeschulden betrugen 1868: 8,363,521 Fl.; 1875: 18,463,878 Fl. oder 31,652,362 Mk. und 1877: 38,605,053 Mk., während das Gemeindevermögen nur von 119,560,927 Fl., im Jahre 1868 auf 131,211,255 Fl. oder 224,933,580 Mk., im Jahre 1875 und 248,599,565 Mk. im Jahre 1877 gestiegen war. Es betrugen also 1868 die Schulden nicht ganz 7 pCt. des Vermögens, während

Ei« Lebe« im Schatte«.

Erzählung von A. R e i ch st a d t.

(Fortsetzung.)

Nein, das weiß ich nicht! schrie er beleidigt und schlug so wüthend auf den Tisch, daß es dröhnte. Vermuthlich war es gerade die beschämende Berechtigung ihrer Bitte, dir ihn so erregte. Indem sein Blick auf ihrem faden­scheinigen, erbärmlichen Gewände ruhte, mußte er sich sagen, wie viele Thaler er in den letzten Nächten heimlich durchgebracht, und das Gefühl der -Schmach flößte ihm Mehr Haß als Reue ein. Böse glühte sein Auge.

Das fehlte mir auch noch, daß ich Dir Kleider zum Hemmspazieren schenken sollte! Woher soll ich etwa das Geld nehmen? Du weißt, daß ich nichts habe. Solch Verlangen sieht Dir ganz ähnlich.

Aber lieber Mann, flehte sie ängstlich, ich habe wirklich gar nichts mehr anzuziehen, gar nichts. So schenke mir wenigstens ein Umschlagetuch, es würde den schlechtm Rock bedecken.

Was willst Du mit neuen Kleidem? brüllte er heiser uud sprang von seinem Sitz. Ist das nicht ganz hell, welches Du trägst.

Ja, Larß, aber ich kann nicht mehr mit demselben aus dem Hause gehen über die Straße zu anderen Leuten

Das hast Du auch nicht nöthig! Durchaus nicht; donnerte, er sie nieder, während sie bebend den Kopf senkte. Ich habe mir wahrlich keine Frau genommen, damit sie sich aufputzt und mit anderen auf den Straßen läuft. Wahrhaftig nicht.

So meinst Du, daß ich gar nicht ausgehen soll?

sie 1877 über 15 Va pCt. desselben ausmachten. Das Vermögen der Gemeinden ist in 10 Jahren nicht über 15 Millionen Mark gestiegen, während das steuerpflichtige Anlagekapital im Jahre 1876/77 um mehr als eine Milliarde höher berechnet worden ist. Die Schulden, zu denen Schulden für Schulhaus- und Kirchenbauten und Kriegskosten nicht mitberechnet find, haben sich dagegen fast verdreifacht. So hat der Liberalismus in Baden sein Prinzip der Selbstverwaltung der Gemeinden und Kreise trefflich auszubeuten verstanden. Nimmt man also den Staatsaufwand und die Gemeindeumlagen zusammen, so ergibt sich von 1868 bis 1877 eine Steigerung der Aus­gaben von 35,721,864 auf 44,961,568 Mark, also um rund 40 pCt. in nicht ganz 10 Jahren.

Der Aufwand an Verwaltungskosten für die Justiz, mit Ausschluß der Strafanstalten, hat sich seit 1858 von 1,176,001 Fl. auf 3,660,568 Mark, also um 81 >/2 pCt. vermehrt, wobei der große Bedarf im außerordentlichen Budget noch nicht mitgerechnet ist. Die alten Hofgerichte kosteten 1858: 172,358 Fl., die neuen Kreisgerichte 1879: 746,936 Mark! Die Schulaufsicht kostete 1860 : 2,250 Fl., im Jahre 1879 kostete sie 69,111 Mark! Für Beamtenpensionen wurden 1859: 356,707 Fl. ansgegeben, 1879: 1,262,265 Mark, also eine Steigerung von 100 pCt. und vorzugsweise in Folge sogenannter politischer Penstonirungen, d. h. Pensivnirungen noch arbeitsfähiger Beamten aus politischen Gründen. Das ist die Billigkeit des liberalen Regiments!

Was hat nun das liberale Regiment mit dieser colos- salen Vermehrung der Ausgaben in Staat und Gemein­den, in Kirche und Schule erreicht? Ist eS bester ge­worden? Darüber mögen folgende Zahlen Auskunft geben:

In der Zeit von 18721877 hat die Bevölkerung in Baden um . .......... 3 pCt.

zugenornrnen.

Die Diebstähle aber in demselben Zeitraum um 19

Beleidigungen um ........32

Mord und Tovtfchlag um.....69

Sachbeschädigungen um......82

Körperverletzungen um......91

Unterschlagungen um.......111

Verbrechen und Vergehen gegen die Sitt­lichkeit um ..........122

Betrug und Untreue um ..... 143 zugenommen.

Und in dieser Zeit blühte auch in Baden der Cultnr- karnpf!

Die Zahl der Wirchshänser hat sich von 186877 um 3000 vermehrt, so daß auf 4050 erwachsene Ein­wohner eine Wirthschaft kommt, während 1868 noch eine Wirtschaft auf 243 Köpfe kam. Die Zahl der Brannt-

Nein. Ins Haus gehörst Du hin und da sollst Du bleiben!

Sie senkte den Kopf noch tiefet und die Thränen fielen in ihren Schooß auf ihre Arbeit.

Sie wollte chm etwas entgegnen, aber sie vermochte eS nicht sie fürchtete heftig zu »erben und davor bebte ihre weiche Natur zurück. Es gibt Naturen, welche nie­mals für sich selbst auftreten könnm, ihre einzige Gabe scheint dulden und verzeihen.

Susannens demüthiges Schweigen wirkte verhängniß- voll auf ihren Mann. Er fühlte sich dadurch betroffen, aber es ärgerte ihn. Ihm wurde eS unbehaglich in ihrer stillen Nähe. Wäre sie bitter scheltend ausgebraust, er hätte sich weit wohler gefühtt. Dann würde er doch zu­letzt noch einmal habe auStrumpfen und Recht behalten können. Nun regte sich statt dessen eine unsägliche Ab­neigung gegen sie in seinem Innern.

Ihr zartes, kindliches Gesicht mit den tieftraurigen aber dennoch milden Augen war ihm wie ein Vorwurf. Einen Augenblick wartete er, ob sie etwas entgegnen werde, da sie statt deffen ihre Arbeit wieder aufnahm und ihre Thräne niederschluckte, ließ er fie versttmmt allein.

Eine Stunde später suchte Susanne ihn voll Herzensangst, ob fie ihn vielleicht beleidigt. Ach, sie hatte immer das Gefühl, daß sie ihn nicht zu nehmen wiffe. Sie wußte gar nicht, woran «S lag. Gegen alle war er freundlicher als gegen fte* Was hatte sie verbrochen? Sie suchte doch so geduldig zu »erben?

Während sie noch so grübelte, entdeckte fie ihn im tiefen Dunkel der Nacht. Er stand in der Nische ihrer Hauschür und fchäckerte zärtlich mit einer Magd aus ihrer Nachbarschaft. Sie hörte die verliebten Küsse, die er mit

toeinbrenner hat sich in dieser Zeit um 2500 vermehrt und die Ausgaben für die Strafanstalten haben sich von 355,380 Mark im Jahre 1858 bis 1879 auf 1,228,940 Mark vermehrt, also sich mehr als verdreifacht. Und dazu kommen noch die mehrere Millionen betragenden Kosten für den Neubau einer weiteren Strafanstalt in Freiburg!

Das ist der Fortschritt, die Blldung, Cultur, Freiheit und Aufklärung oder wie die schönen Worte alle lauten, die dem liberalen Musterlande Baden zu Theil geworden sind.

Tagesbericht.

Der Viceprästdent des Staatsministeriums Graf Stol­berg ist am Sonntag wieder in Berlin eingetroffen und hat den den Sonntag und Montag stattgehabten Sitzungen des Staatsministeriums beigewohnt. Fürst Bismarck und Gemahlin begaben sich am Montag Nachmittag nach Pots­dam, um dem Staatssecretär Minister v. Bülow einen Besuch abzustatten.

Der französische Botschafter in Petersburg General Chanzy ist am Sonntag Nachmittag vom Fürsten Bis­marck empfangen worden und Abends nach Petersburg weitergereist.

Ueber die Verhandlungen mit der römischen Curie will dieJtalie" Folgendes wiffen:Msgr. Jacobini redigirte in aller Form ein wirkliches Projekt, welches in Gastein vom 14 bis zum 19. discutirt worden ist. Im Princip wurde ein Einvernehmen erziett; es fehlt nur noch die Zustimmung des hl. Stuhles. Der Papst und der Kar­dinal Nina beschäftigen sich augenblicklich mit der Prüfung dieser Präliminarien; indeffen wird eS noch einiger Zeit bedürfen, ehe man zu einem Abschlüsse gelangt, da noch mehrere Abänderungen und Zusatzartikel eingefügt werden muffen." ___________

In einer kürzlich in Paris veröffmtlichten, seither mehr­fach in der Presse erwähnten BroschüreLa Russie ou La Prusse bemüht sich der anonyme Verfasser den Ge­danken auszuführen, Preußen beabsichtige; ganz Polen zu annektiren, um in demreichen und blühenden Laude" em Asyl für seine zahllosen Proletarier zu finden. Um dieses Unglück eon Polen abzuwenden, gäbe es nur ein Mittel: Polen müsse sich Rußland vertrauensvoll in aufrichtiger «Freundschaft nähern. Man werde ihm dort bereitwillig die Hand reichen, denn auch in St. Petersbmg erkenne man, daß ein inniges Zusammenwirken der beiden großen slavischen Völkerschaften nothwendig sei, um der preußischen Eroberungspolitik nach Osten hin ein festes Bollwerk ent- gegenznstellm. Die Broschüre unterscheidet nämlich scharf Preußen und Deutschland", denn heißt eS, der Verfasser

der Dirne wechsette, fie hörte seine vom Lachen erstickte Stimme:

Ja, meine FrauM eine Heilige, warum soll ich mich ♦bei der langweilen!

O Larß! rief sie leise ganz leise. Das Paar Über­hörte ihr banges Riffen. Sie wußte in ihrem grenzen­losen Kummer nicht, was sie tijmi solle. Endlich floh fie wie ein scheues Wild in ihre Schlafkammer. Sie mochte Niemanden sehen; Niemand. Ganz allein mußte fie sein ganz allein mit sich und ihrem Gott.

So hatte sie vielleicht noch nie für Larß gebetet, so heiß und flehend wie diesmal. ES war, als ob sie seine Seele den bösen Mächten abringen wolle.

Auf ihren Knieen liegend, das thränen überströmte Anllitz in den gefalteten Händen vergraben, vergaß sie Alles.

Ein häßliches Lachen weckte sie. Es kam von ihrem Gatten, der fie in diesem Schmerz vor seinem leeren Lager gefunden. Die Thurmuhr schlug dröhnend Mitter­nacht.

Wieder gebetet? fragte er verächtlich und zog fie rauh empor. DaS Beten kannst Du Dir sparen. Ich hasse eS. Oder was meinst Du, soll ich auch noch ein Pietist werden? Hahaha!

Furchffam wich fie vor ihm zurück, denn er sprach mit lallendem Munde und fein Körper schwankte.

Da sah er, daß er in diesem Augenblicke Grauen eiuflößte.

Küffe mich befahl er, kaum feiner Sinne mächtig. Todenbleich hob sie abwehrend die Hände. Er aber riß die Halbohnmächtige an sich, sie sollte es fühlen, daß sie in seiner Gewalt war. Und sie ertrug feinen Kuß wie eine Sclavin.