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Marburg, Dienstag, 7. Oktober 1879
xiv. Jahrgang
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GchtsWe M»g.
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Die Gxped. d. Oberh. Zeitung.
Die Wahlen.
Die Wahlmännerwahlen der großen Städte und auch vieler kleinen, die es den großen gern nachmachen, sind liberal ausgefallen und die „Nat.-Ztg.", will es bereits schon ausgerechnel haben, daß die liberalen Parteien so ziemlich in derselben Stärke wie bisher in das Abgeordnetenhaus eiuzichen werden. Von großem Einflüsse sind indessen die Wahlen der ländlichen Wahlbezirke und etwas auch nur annähernd Bestimmtes über den Ausfall der Wahlen im Großen und Ganzen läßt sich daher nicht Voraussagen. Bemerkenswerth ist, daß Lasker seinen Frankfurter Wahlkreis an einen Fortschritts-Demokraten und der Abgeordnete Eugen Richter seinen Westfälischen Kreis au einen conservativen Abgeordneten verliert, wie aus dem Resultat der Wahlmännerwahlen sich ergeben hat. Richter soll deßhalb von den vereinigten Liberalen in Berlin aufgestellt werden und wird daselbst auch sicherlich gewählt werden. Von Lasker hieß es, er wolle, wenn er in Frankfurt nicht wicdergewählt werde, überhaupt keine Wahl annehmen. Wie jetzt die „Nat.-Ztg." erklärt, ist das aber nicht richtig. Lasker hat sich eines andern besonnen und wird doch auch die Wahl eines anderen Kreises annehmen. Die Liberalen werden schon einen Kreis für ihn finden. Das Centrum wird nicht bloß in seiner vollen Stärke wiederkehren, sondern wird wahrscheinlich noch einige Kreise gewinnen, wie ihm z. B. Köln und Düsseldorf jetzt chon so gut wie sicher sind. Die Conservativen scheinen in vielen Kreisen es zwar zu viel größeren Minoritäten als früher zu bringen, ob sie aber wirklich bei der Laßheit in den Städten in viel größerer Zahl in's Abgeordnetenhaus eintreten werden, ist noch abzuwarten.
Was werden wird, wenn die Gestalt des Abgeordnetenhauses sich nicht wesentlich verändert, läßt sich nicht absehen. Die liberalen Parteien haben schon deutlich genug zu verstehen gegeben, daß sie sich dann im Abgeordnetenhause für die Niederlage, welche sie im Reichstage bei dem Zolltarifgesetze erlitten haben, revanchiren wollen. Dem Plane der Regierung, die Privateisenbahnen für den Staat zu erwerben, sind sie ohnehin nicht hold. Sie würden sich vielleicht dazu verstehen, wenn ihnen die Regierung auf anderen Gebieten, namentlich dem Culturkampfgebiete,
Ei« Lebe« im Schatte«.
Erzählung von A- Reichstadt.
(Fortsetzung.)
Aber warum wollen Sie die Blumen nicht behalten? fragte diese.
Sie würden doch nicht bei mir gedeihen, meinte sie. freundlich. Und dann — fügte sie weich hinzu — ich habe jetzt ivirklich an eine andere Aufgabe zu denken. Wenn ich die nur glücklich löse, kann ich alle Blumen der Erde entbehren!
Ein Jahr war hin. Susanne schaukelte einen Knaben in der Wiege.
Wenn ihre Bekannte kamen, glänzte ihr Gesicht vor stiller genügsamer Befriedigung und mit so seligem Stolz beugte sie sich über das Kind und zeigte triumphirend seine kleinen dünnen Härchen, seine strampelnden Beinchen und ließ ihn so heiter seine Kunststücke machen — das heißt, aus Heller Kehle krähen oder auf ihrem Schooße tanzen, daß Alle hinter ihrem Rücken sagten:
Unbegreiflich, aber sie ist wirklich vollkommen glücklich, und daß ihr Mann allen Mädchen nachlaufen soll, scheint sie gar nicht zu ahnen.
Sieh nur den Buben, sagte sie an einem Morgen zu Larß, an dem sie vergebens versucht hatte, ihn zu bewegen, den Tag der Taufe zu bestimmen. Larß wollte durchaus nicht, daß sein Kind getauft würde. Wie groß er schon wird! Er fängt schon an, ganz muthwillig zu lachen.
Und mir könnte das Lachen vergehen! grollte ihr Mann verdrießlich, wenn ich bedenke, was der Hausstand jetzt kostet.
Za, ja, seufzte sie und preßte das Würmchen zärtlich
weitere Zugeständnisse machen wollte; aber wenn das die Regierung thäte, so würde das Centrum wahrscheinlich gegen die Eisenbahnvorlagen stimmen, und es fragt sich, ob dann eine Mehrheit zu Stande zu bringen wäre. Nicht unwesentliche Hülfe scheint den Liberalen der Brief des Exministers Falk für die Wahlen geleistet zu haben, wenigstens haben sich dieselben eifrig bemüht, Kapital daraus zu schlagen zur Verdächtigung der Absichten der Regierung, insbesondere des Reichskanzlers bezüglich der Verhandlungen mit Rom. Die „Prov.-Corresp." ist deßhalb noch in der letzten Nummer diesen Verdächtigungen entgegengetreten. Bekanntlich wirken aber solche Verdäch- ttzungen immer mehr, als die schlichte Bezeugung der Wahrheit, zumal die liberalen Zeitungen in viel weitere Kreise gelangen, als die „Prov.-Corresp." Die Betheiligung an den Wahlen scheint im Allgemeinen wieder eine sehr geringe gewesen zu sein; an einigen Orten betmg dieselbe kaum 10, an anderen kaum 20 bis 30 Procent. Wenn man bedenkt, daß auch von diesen Wahlmännern wieder nur ein Bruchtheil die Abgeordneten wählt und wenn man ferner bedenkt, daß wieder nur ein BruchtheU dieser, von einem so winzigen Bruchtheil des Volkes gewählten Abgeordneten die Beschlüsse im Abgeordnetenhause gefaßt werden, so erscheint es geradezu lächerlich, von einer wirklichen Vertretung des Volkes zu reden. Das Volk scheint, wie auS der geringen Betheiligung an den Wahlen hervorgeht, in hohem Grade das Vertrauen zu dem Parlamentarismus verloren zu haben und eS ist nicht abzusehen, was noch daraus werden soll, wenn die Becheiligung an den Wahlen noch in weiterem Maße abnimmt. Es liegt auf der Hand, daß dadurch die ganze Volksvertretung zur Unwahrhett wird. Will man das verhüten und es muß doch verhütet werden, wenn die Gesetzgebung nicht schließlich in die Hände weniger Parteikliquen kommen soll, so wisien wir keinen anderen Rath, als die Ausübung des Wahlrechts zu fordern und die Unterlassung unter Strafe zu stellen. Vielleicht würde das auch dazu dienen, die Wählerei überhaupt auf einen soliden Boden zu stellen; denn es ist nicht zu läugnen, daß nicht selten gerade die bestgesinnten Bürger, welchen die Wahlagitationen zuwider sind, sich von den Wahlen fern halten. Wenn man Alles gehen läßt, dann kommt überall nichts Gutes zu Stande; dem Wahlrecht muß die Wahlpflicht zur Seite stehen, sonst schlägt das Wahlrecht ebenso zum Verderben aus, wie jedes Recht, welchem die Pflicht nicht stramm zur Seite geht.
Tagesbericht.
Die „Nordd. Allg. Ztg." bestätigt die Mittheilung des „Diritto", wonach Fürst Bismarck dem Grasen Robilant eröffnen ließ, er verlasse Wien nur mit dem Bedauern, nicht mehr Zeit gehabt zu haben, ihm einen Besuch abzustatten.
an sich, solch Kleines will ja auch sein Recht haben — --und Alles ist theuer!
Ach was, das ist es nicht, schalt er, aber seit Du das Kind hast, bist Du träge geworden! Du leistest nun nicht die Hälfte von dem, was Du früher thatst--
brauchst alle Augenblick fremde Hülfe und läßt Alles gehn, wie's geht.
Larß, wie kannst Du mir das vorwerfen. Du weißt, daß ich noch gestern gearbeitet habe, bis ich vor Mattigkeit zusammenbrach. *
Er schlug eine höhnische Lache auf und trommelte hart an's Fenster.
Schwätz nicht! WaS thust Du denn jetzt?
Ich wieg' den Kleinen in Schlaf.
Das solltest Du lieber Nachts thun, wenn er mir die Ohren vollschreit, aber dann schläfst Du wie ein Hamster.
Mit diesen Worten verließ er das Zimmer nnd warf die Thür hinter sich zu, daß sie krachend in's Schloß fiel.
Da- junge Weib, welches noch blaß und leidend aussah, legte leise vaö Kind in die Wiege und faltete ihre Hände im inbrünstigen Gebet: O lieber Gott gieb, daß mein Knabe nicht herzlos wird, alles andere, nur nicht hart und herzlos! Dann küßte sie ihm die unschuldige Stirn. Gott ist die Liebe, flüsterte sie, sich aufrichtend, ging in die Küche und bereitete das Essen.
Ihr Mann verdiente augenblicklich gut, so konnte sie für ihn immer etwas Besonderes kochen. Heute kochte sie ihm sein Lieblingsgericht, damit er sehen sollte, daß sie ihm seine Ungerechtigkeit nicht nachtrüge.
Die Jahre kamen und gingen. Susanne erhielt eine kleine Erbschaft. Von dem Gelde kaufte Larß ein Haus vor dem Thore mit etwas Ackerland. So rastlos, er
Fürst Bismarck hat wegen der Kürze der für seinen Wiener Aufenthalt zugemessenen Zeit es nur ermöglichen können, bei dem Grafen Robilant seine Karte abzugeben. Dies ist gewiß erklärlich, da der Reichskanzler im Ganzen über Tage in Wien zu verfügen hatte, wonach einer ganz durch den Hof, der andere durch die Unterredung mit den österreichischen und ungarischen Staatsmännern in Anspruch genommen wurde. In der wenigen übrigen Zeit konnte der Reichskanzler nicht mehr eine vollständige Turnee bei den Botschaftern machen und mußte es bei dm noth- wendigen Besprechungen und dem Abgeben der Karte bewenden lassen.
Man schreibt der „Schles. Ztg." aus Berlin: „Die Anzeichen dafür, daß die Unterhandlungen zwischen dem Fürsten Bismarck und dem päpstlichen Nuntius am wiener Hof, Msgr. Jacobini, behufs Anbahnung eines modus vivendi zwischen dem deutschen Reich und der Kurie zu einem weiteren Einverständniß als alle früheren Verhandlungen geführt haben, mehren sich. Insbesondere kann es gegenwärtig kaum noch einem Zweifel unterliegen, daß in der vor wenigen Tagen abgehaltenen vertraulichen Bc- rathung deö Staatsministeriums die zwischen dem Reichskanzler und dem Vertreter der Kurie getroffenen Verabredungen den Hauptgegenstand der Besprechungen gebildet haben. Hält man diesen Gedanken fest, so erscheint die weitere, in berufenen Kreisen verbreitete Ansicht im Lichte höchster Wahrscheinlichkeit, daß die so plötzlich erfolgte Abreise des Grafen Stolberg-Wernigerode an das kaiserliche Hoflager in Baden-Baden auf Grund von Anträgen erfolgt ist, welche das Staatsministerium bezüglich einiger zwischen den hohen Contrahenten zu treffenden Abmachungen vor dem Throne zu stellen beschlossen hat. Wenn daher von anderer Seite bereits mitgethellt worden, daß die preußischen Vorschläge als Vorbedingungen für einen Modus vivendi im Vatikan schon überreicht worden seien, so kann dies mindestens als verfrüht bezeichnet werden."
Nach der „Germania" bereitet der Klerus der Diö- cesen Münster und Padersborn eine Antwort auf das Schreiben des Herrn Kultusministers vor, und außerdem noch einen Antrag an den Landtag um Aufhebung der Maigesetze. ____________
Der Pariser „TempS" schreibt: „Man sagt, Fürst Bismarck habe unserem Botschafter in Wien gegenüber geäußert, Frankreich werde Sedan vergessen, ebenso wie es Waterloo vergessen habe. — Es ist möglich, daß der deutsche Reichskanzler diesen Vergleich gemacht hat; es kann ihm aber sicherlich nicht entgangen sein, daß derselbe nicht zutrifft. — Eine Niederlage läßt in den Herzen der Besiegten nur ein Gefühl der Demüthigung, das mit ^>er
aber zu verdienen suchte, Sonntags und Werkeltags, ein rechter Segen fehlte seiner Arbeit. Alles, was er mühsam erworben, verlor er wieder in unglücklichen Speculationen durch gewagte Bauunternehmungen.
Wenn sie ihn in ihrer innigen frommen Art aus seiner bitteren «Stimmung in eine unverzagte hinüberzuleiten suchte, wurde er nur aufgebracht. Sein einziger Trost war das Wirthshaus; wollte er sich zerstreuen, auf- hettern, so griff er heimlich zur Flasche.
Mittlerweile hatte sie vier Knaben geboren. Sie mußte sich wacker tummeln in ihrer kleinen Schaar.
Von der Außenwett sah sie wenig. Die Ihrigen be- suchten sie manchmal, das war ihr einziges Vergnügen. Einmal kam aber auch eine Schulfreundin, die in Berlin verheirathet war, durch ihren Ort. Ein wahres Fest war es, als die sie aufsuchte. Alles zeigte sie ihr: das Zimmer, in dem die vier kleinen Betten ihrer Lieblinge standen, den Krautgarten mit den Spargel-, Kohl- und Erbsenbeeten. Alles hatte sie selbst gebaut, Hülfe bekam sie so gut wie gar keine, konnte sie stolz erzählen.
Und denke Dir, rief sie gutherzig, seit ich den Garten habe und alles selbst ziehe, kann ich meinem Manne alle Tage Gemüse vorsetzen. Ist das nicht nicht prächtig ? Well Alles so theuer ist, vermochte ich nämlich bis dahin nie etwas Anderes als höchstens Salat für ihn zu erschwingen außer dem Fleisch.
Ja. Ist das nicht aber eint endlose Mühe, wenn Du gar keine Hülfe hast?
Freilich, aber was schadets? Wer wird denn daran denken, wenn es dem Manne so gut schmeckt. Du glaubst nicht, wie wohl es mir thut, ihn recht herauszupflegen.