Nr. LSS.
Marburg- Sonnabend, 4. Oktober 1879.
xiv. Jahrgang
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Anj eigen nimmt tmgegen: dir Expedition d.vlalte-, sowie d.Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haaienstein & Bögler in Frankfurt a. M., Berlin, Leipzig, Cöln rc.; Rudolf Woffe in Berlin, Frankfurt c. ü't- re.
Anzeigen nimmt entgegen die Expeditton d. Blatte- sowie d. Annoncen-Bureaux von ®. L Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jüger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W- Thiene- in Elberfeld: C. Schlotte in Bremen.
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Die Exped. ö. Oberh. Zeitung.
Tagesbericht.
Die „Provinzial - Correspondenz" bringt einen „Zur letzten Wahlentscheidung" betitelten längeren Artikel, in dessen ersten Theil sie zur Charakteristik des Parteiwesens und zur Klarstellung der Aussichten, welche eine liberal - oppositionelle Mehrheit eröffnen würbe, an den Ruf Richter's, der Reichskanzler muß aufhören zu regieren, Md an die Aeußerung der fortschrittlichen „Parlament. Correspondenz", Fürst Bismarck muß fort von seinem Platze, und an das Wort eines nationalliberalen Abgeordneten, Fürst Bismarck brauche nicht erst von der Nachwelt verurtheilt zu werden, er sei schon gerichtet, sowie an die zur Zeit der Forckenbeck'schen Städtetags - Rede gebrauchten Aeußerungen erinnert und das Zugeständniß der gemäßigt liberalen Organe hervorhebt, daß eine liberale Partei systematischer Opposition, ein äußerster Fortschritt nach dem Maße Eugen Richters dahin gelangen werde, Fürst Bismarck den Weg in Bezug auf seine wesentlichen Ziele zu verlegen. Die Wahlmänner, welche bisher an dem äußeren und inneren Aufschwünge Preußens und Deutschlands patriotische Befriedigung und Freude gehabt, hätten dem Fürsten Bismarck die Fortsetzung seines Wirkens und Schaffens erleichtern helfen wollen Md würden daher chre Stimme nicht Männern geben können, welche voraussichtlich einer polttischen Gemeinschaft verfielen, die dem Kanzler die Wege zu seinen nationalen Zielen verlegen würde. Der zweite Theil des Artikels sagt: Bon liberaler Seite würden täuschende Wahlparolen ausgcgeben, um die Wähler glauben zu machen, daß in der Regierung ein Umschwung zu einer freihettsseindlichen Reaktion eingetreten sei. Alle solche Behauptungen seien lediglich Erfindungen des Parteiwesens. Der Regierung sei es allerdings voller Ernst mit der Pflicht, die umfassende Gesetzgebung der letzten zehn Jahre vor ihrem wünschenswerthen weiteren Fortbau gründ- llch darauf zu prüfen, inwieweit sie sich im wirklichen Leben bewährt habe. Die in Betreff der Reform der inneren Verwaltung bereits stattgehabte sehr eingehende Prüfung habe ergeben, daß die Gesetzgebung vielfache Verbesserungen sowohl in Betreff der Zustänoigkeit wie des Verfahrens bedürfe, jedoch kein Anlaß vorliege an
Ei« Lebe« im Schatte«.
Erzählung von A. Reichstadt.
«Fortsetzung.)
Es war Nacht uud still im Hause. Längst hatte Susanne ihren Vater, den behäbigen Administrator des reichen Oberamtmanns, verlassen. Me schliefen auf dem weitläufigen Hofe, einzig in der Zuckerfabrik war rastloses Leben. Helles blendendes Licht strömte aus allen Fenstern, hunderte von dunkeln Gestalten bewegten sich hinter denselben, matt und müde.
Ja, leicht ist das.Leben nicht, dachte Susanne, während sie nachdenklich hinüberschaute. Ihre jüngere Sttefschwester dir zierliche Hedwig, kniete an ihrem Bett.
Suse, es ist doch nicht wahr, was die Leute im Hause munkeln, daß Du Herrn Barß heirathen willst?
Keine Antwort.
Suse, Herzenssuse?
Die Angeredete erhob sich halb aus den Kiffen und umschlang ihre Schwester innig. Ihr Auge glänzte sanft. 3a gewiß ist es wahr!
O, es kann Nichtsein. Kann nicht sein! schrie Hedwig auf. Du wirst doch den Mann nicht nehmen! Es wäre gräßlich! Ich hätte keinen flohen Tag mehr, wenn Du das thätest!
Mit einer solchen Kraft schleuderte sie das Wort heraus, daß Susanne erbleichte.
Pfui, wie häßlich von Dir, so von Jemanden zu sprechen, der mich liebt und dem ich gut bin.
Aber wie ist es nur möglich, daß Du Herrn Larß Nrt bist?! Dem Menschen, der über Alles spottet, der Alles herunterreißt, für den es nichts Heiliges, für den
den Grundzügen der Reform zu ändern, vielmehr sich empfehle, gleichzeitig mit der dutth praktisches Bedürfnis; gebotenen Verbesserungen auch eine Ausdehnung der Ge- sammtreform in Angriff zu nehmen. Von einem Aufgeben der die Reform bisher leitenden Grundsätze sei keine Rede. Namentlich habe die liberale Agitation die schwebenden Verhandlungen zwischen der Negierung und der römischen Curie zu Besorgnissen auszubeuten versucht.
Das Wort des Kanzlers von dem Gang nach Canossa werde sehr leichtfertig gegen ihn gewandt. Bei den bezüglichen Veroächtigungen vergesse man, daß der Ausspruch des Kanzlers nicht eine rednerische Wendung, sondern der Ausdruck einer seit Jahren gereisten Ueberzeu- gung gewesen sei, daß Fürst Blsmarck schon in den vorbereitenden Stadien des vatikanischen Koncils in Mahnungen nach Rom die grundsätzlich maßgebende Stellung der preußischen Kirchenpolittk seslgestellt, diesen staatlichen Standpunkt gleich nach dem Koncil den Bischöfen gegenüber gewahrt und seitdem alles weitere Vorgehen der Regierung durch seine Autorität ermöglicht und gedeckt habe, daß von der Durchführung des gewaltigen Kampfes ohne seine grundsätzliche Mitwirkung überhaupt nicht die Rede sein konnte. Man vergesse aber ferner, daß der Kanzler in der Rede, worin er laut verkündete: nach Canossa gehen wir nicht, die Pflicht der Regierung gegen die katholischen Mitglieder hervorgehoben hat, Wege aufzusuchen, auf denen die Regelung der Grenze zwischen der geistlichen und weltlichen Macht am schoncndsten und in confesstvnell am wenigsten verstimmender Weise gesunden werden könne — daß der Kanzler endlich kurz darauf unter Hinweis aus oie Möglichkeit, daß demnächst ein friedlicher Papst an die Regierung gelange, der Hoffnung Ausdruck gegeben habe, den Frieden zu finden, unter dem unsere Väter Jahrhunderte lang in consesstoneller Einigkeit gelebt.
Der vom Reichskanzler in Aussicht genommene Fall sei eingetreten; Papst Leo habe seine friedliebende Gesinnung bekundet; die Friedensgrundlage habe in dem Schreiben des Kronprinzen an den Papst Ausdruck gefunden. Wenn nun auf beiden Seiten der redliche Wille bestehe, zum Frieden zu gelangen, wenn das ganze Verhalten des Fürsten Bismarck in dieser Frage bisher von dem Vertrauen des preußischen und deutschen Volkes getragen war, wie sollte man glauben, daß es gelingen könne, durch ohne Begründung hingeworfme Zweifel dieses Vertrauen zu erschüttern und den Kanzler, welcher im eminentesten Sinne der geistige und politische Führer in dem langjährigen Kampfe gewesen, in den Verdacht zu bringen, von seinem eigenen Streben abzufallen. Wie sollte das ge- sammte Volk nicht gerade in diesem Augenblicke mit noch erhöhtem Vertrauen auf den Mann blicken, welcher soeben auf's neue bethätigte, daß sein unermüdliches
es keinen Gott mehr gibt. Glaube mir, wenn sein Aeußeres Dich besticht, sein Kern ist schlimm!
Susanne konnte einen Seufzer nicht unterdrücken.
Du beurtheilst ihn zu hart, antwortete sie. Wenn er auch leider Vieles verachtet, was uns heilig, so halte ich ihn nicht für gottlos, und sollte ich ihn darum abweisen, weil er vielleicht auf dem Wege sein könnte, eö zu werden? Im Gegentheil, welche Aufgabe, chn zu Gott zurückzu- ziehen.
Und darum könntest Du sein Weib werden.
Ein schöner Strahl verklärte Susannens Gesicht. Ja, warum nicht? Darin liegt gerade ein Reiz für mich. ! Hier bin ich überflüssig — überall stehe ich Deiner Mutter im Wege — Niemand würde mich entbehren. So schwach ich bin, ihm könnte ich doch vielleicht etwas sein.
Und liebst Du ihn?
Eine lange Pause entstand.
Er ist der einzige Mensch auf der weiten Wett, der mich jemals beachtet hat, mich, die Häßliche, die Niemand liebte! Und Du weißt nicht, was das sagen will.
Mit einem so herzzerreißenden Klange hauchte Susanne dies Geständniß, daß es der Schwester in die Seele schnitt. Kein Wort vermochte sie zu erwidern, denn sie fühlte wie Susanne bei dem qualvollen Wort zitterte, zum ersten Male verstand sie, welches Meer verschmähter Leidenschaft und ungestillter Gluth in ihrem scheinbar so ruhigen Busen wogte.
Von innigem Mitgefühl überwältigt, preßte sie die Schwester glühend an sich und streichelte chr zärtlich liebkosend die Wangen.
Gott gebe, daß Du meinen Enffchluß nie ganz verstehen lernst! seufzte Susanne, jede Bitterkeit bezwingend
Streben nur der Größe und dem Glücke des Vaterlandes der Sicherung eines gedeihlichen Friedens gilt — welcher um dieses Strebens willen Ansehen und Vertrauen weit über das Vaterland hinaus genießt — dessen ganze Stellung in Europa unserem nationalen Anlehen und der Förderung unserer Interessen zum höchsten Vorthell gereicht? Wohlan denn, mögen die Wahlmänner der Regierung bei Lösung ihrer schwierigen Aufgabe zur Seite stehen, indem sie in den Landtag nicht mißmuthige, mißtrauische Tadler und Kritiker, sondern ernste und gewissenhafte, aber zum Vertrauen und zu fruchtbringender Mitarbeit willige Helfer entsenden!
Die „Provinzial - Correspp." hebt noch hervor, bei der Wahl der Abgeordneten handle es sich darum, ob das Land durch eine regierungsfreundliche, selbstständig und gewiffenhaft prüfende Mehrheit dazu helfen will, die Reform der staatlichen und wirthschaftlichen Verhältnisse weiter zu führen oder ob eine zu Mißtrauen und Opposition neigende Mehrheit den Staat in Gefahr bringen soll, von der bisherigen festen und steten Leitung entweder zu einer Reihe von Conflikten zu gelangen oder in eine Parteiregierung zu verfallen, welche die schwerste Verwirrung über das Land bringen würde.
Der „Nordd. Allg. Ztg." zufolge tritt der Ausschuß des Bundesraths für das Eisenbahngütertarifwesen voraussichtlich noch im Laufe dieses Monats wieder zusammen, nachdem inzwischen dieMaterialien bezüglich der von den bethei- ligten Regierungen für angemessen erachteten Gliederung des Tarifs bezüglich der Normal-Einheitssätze und der zulässigen Abweichungen davon eingegangen sein würden. Der Gegenstand dürfte in der nächsten Reichstagssession zur Erle- ledigung kommen. Die Meldung verschiedener Blätter, daß dem Fürsten Bismarck an der Erledigung des Tarifgesetzes vorläufig nichts Besonderes gelegen sei, sei unbegründet.
Auch die „ Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Die Etatsarbeiten find bis auf einige nachträgliche Anträge völlig beendigt. Der Etat liegt größtentheilS schon gedruckt vor. Dessen Einbringung wird nach Erledigung der ersten Landtagsformalien sofort erfolgen. Der Gesetzentwurf über die Verwendung der auS dem Betrage der Reichssteuern an Preußen zu überweisenden Geldsumme ist bereits im Bundeörathe vorgelegt und zur Zeit Gegenstand schriftlicher Vota. _____________
Ueber die Gestalt der neuen Zolleinigung mit Oesterreich läßt sich noch immer nichts Bestimmtes sagen. Nur so viel ist, wie wir neulich schon andeuteten, gewiß, daß sie mehr als einen gewöhnlichen Zollvertrag bedeuten muß, weil wir sonst durch den Frankfurter Frieden mit seinem Meistbegünstigungsvertrag verpflichtet wärm, dieselbe Begünstigung welche wir Oesterreich gewähren, auch Frank-
und setzte dann plötzlich gefaßter hinzu: Und nun geh' und finde Dich in meine Verlobung.
So glaubst Du, daß Du mit ihm glücklich werden kannst?
Ja, jedenfalls glücklicher, als wenn ich diese grenzenlose Berlaffmheit im eigenen Vaterhause länger ertragen müßte! Und heftig zog sie die Decke um chre Glieder. Es fror sie bei dem Gedanken an die Zukunft, aber die Gegenwart war auch eisig und sie wollte sich doch ein einziges Mal in ihrem Leben erwärmt fühlen und in fleundliche Träume wiegen dürfen.
Ruse Dein Schicksal nicht eigenwillig heraus, es könnte sich rächen. Solche Ehe schließen, heißt Gott versuchen! flehte Hedwig, doch Susanne wandte sich verstimmt von ihr ab.
Laß mich, ich will beten! sagte sie M.
Und sie betete allerdings. Aber es war nicht die Bitte zu Gott, ihr den Weg, den er für sie wollte, zu zeigen, sondem ein himmelstürmendes Flehen, sie auf dem Wege, den sie sich selbst suchte glücklich zu machen.
Niedergeschlagen schlich Hedwig in ihr Bett zurück- Sie verstand noch nicht viel vom Heirachen. Sie wußte nur, daß Herr Larß chr von Anfang an Mißtrauen eingeflößt, so zuvorkommend er auch sein konnte und dämm rief sie noch einmal in der Mitternacht, als fie hörte, daß Susanne sich noch immer schlaflos auf ihrem Lager hin und her warf: Bleibe bei uns! Ich will Dich auch gewiß lieber haben als je. Will Dir Alles an den Augen absehen!
Die Antwort auf ihr inbrünstiges Bitten war, daß Suschen ihr fleudestrahlend am anderen Morgen mittheilte fie habe die Einwilligung ihres Vaters Larß mitgethefll