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Marburg, Freitag, 3. Oktober 1879
xiv. Jahrgang
Liu eigen nimmt «mgegen: »tr Expedition d.vlatte», sowie d-Annoncen-Bureaur gen Th. Dietrich & Co. in gefiel und Hannover; Tb Dietrich in Frankfurt a.M.; Bsenstein & Bögler in ikfurl a. M., Berlin, »ig, Cöln ic.; Rudolf Stoffe in Berlin, Frankfurt a. iHl. ic.
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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte- sowie d-Annoncen-Bureaux von G- L- Daube & Co. in Frankfurt a- M; Jäger'sche Buchhandlung das elbft;
Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W- Thiene- in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen.
Erscheint täglich außer en den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllvstrirteS Sountagöblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 2k Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (e$d. Bestellgebühr). — Jnsettionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.
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auf das vierte Quartal auf die Oberhessische Zeitung und deren Gratisbeilage
„Jllustrirtes Sonntagsblatt" werden noch fortwährend von der Expedition und allen Postan- ftalten (auf dem Lande von den Landpostboten)
angenommen.
Die Ex-ed. d. Oberh. Zeitung.
Zur Jummgsfrage.
Nach vielfachen Berichten machen die deutschen Handwerker überall, im Norden wie im Süden des Vaterlandes, Anstrengungen, um sich aus der seit Langem von ihnen eingenommenen untergeordneten Lage herauszuarbeiten und sich durch engere, auf sittlichem Boden ruhende Vereinigungen wieder zu einem geachteten und kraftvollen Stande zusammenzuschließen. Diese Neubildungen haben den Vor- theil, daß sie an altbewährte, handwerkliche Institutionen, die Innungen, anknüpfen können, von denen noch eine große Zahl in Deutschland besteht, die sich im Laufe von selber so reformirt haben, daß von dem alten sogenannten Zunftzopf, der sie einst bei der anbrechenden Morgenröthe der „freien Zeit" so widerwärtig erscheinen ließ und ihnen von den Freigeistern so viel Schimpf eintrug, Nichts mehr zu sehen und zu merken ist. In der „Allg. Ztg." befand sich kürzlich ein Artikel über den gegenwärtigen Stand der Jmmngsbewegung in Deutschland, dessen Verfasser die Zahl der zur Zeit in unserem Vaterlande noch bestehenden Innungen auf 12 bis 1500 veranschlagt, mit mehr als 100,000 Mitgliedern. In Berlin soll es etwa 40, in Hamburg 45, in Dresden 50, in Leipzig und Bremen je 20, in Lübeck und Osnabrück je 15, in Schleswig-Holstein gegen 100 Innungen geben. In Breslau befinden sich notorisch 44, die einen Verband bilden, welcher durch die Breslauer Commission zur Wahrung der Interessen des Handwerkerstandes vertreten wird. Auch in Hannover, Magdeburg, Danzig, Köln, Dortmund rc. und in vielen schlesischen Städten, so wie in allen größeren baierischen unb württembergischen Orten gibt es noch Innungen. Daneben bestehen in vielen bedeutenden Städten innungsartige Vereinigungen und eine Anzahl von Gewerben, wie die der Bäcker, Schuhmacher, Schmiede, Stellmacher, Färber, Maler, Tapezierer, Uhrmacher u. a. besitzen Verbände, die den Innungen ähneln und durch welche sogar Kongresse und Ausstellungen zu Stande gebracht worden sind. Leider ist das Material über diese Dinge höchst mangelhaft, aber man sieht doch, daß neues Leben in die Handwerkerschaft kommt und daß dieselbe zu der Erkenntniß gelangt ist, daß ohne Anstrengung und ohne muntere Thättgkeit der einst so geachtete, bann aber so tief begrabirte Stand nicht
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Ei« Leben im Schatte«.
Erzählung von A- Reichstadt.
(Fortsetzung.)
Sie lassen mich lange in der Ungewißheit! betonte er mit einer gewissen Schärfe, in der etwas Anspruchvolles lag. Wie lange soll ich noch warten?
Zaghaft, richtete sie sich auf. Sie hörte das ungeduldige Drängen wohl heraus und der begehrliche Blick, den er auf sie heftete, verwirrte sie. Dies bemerkend, ging er schnell in einen einschmeichelnden Ton über, bis sie zuletzt rasch entschlossen versprach:
Morgen früh bekommen Sie die Antwort.
Ein Blitz triumphirender Genugthuung leuchtete in feinem Auge.
Lassen Sie die Antwort gut ausfallen!
Bewegt und dringend klang wieder seine Stimme, beinahe etwas zudringlich. Sie wurde glühend roch, aber den zufriedenen, berechnenden Ausdruck, mit dem er ihre gesunde, kräftige Gestalt, die frische. Farbe ihrer Wangen Prüfte, das unangenehme lüsterne^ Lächeln, das gleichzeitig um seinen Mund spielte, merkte sie nicht.
Ein Händedruck über die Pforte, ein forschender, ungewisser letzter Blick noch — und es war gut, daß er ging. Sie mußte allein fein.
Zitternd sah sie ihm nach. Warum weckte nur fein Wesen immer diese gemischten Gefühle? Warum konnte sie nicht froher aufjauchzen bei dem Gedanken, endlich aus dem Bann eines Elternhauses erlöst zu werden, das ihr durch die Zurücksetzung, welche sie von einer ungerechten, launischen Stiefmutter erfuhr, zum unerträglichen Ge- sängniß wurde?
gehoben werden kann. Was nun diese Thättgkeit betrifft, so ist es auch da sehr schwer, das Material zu sammeln und es wäre gewiß ein verdienstliches Unternehmen, eine solche Sammlung in annähernder Vollständigkeit zu veranstalten. Wir wissen vorläufig nur, daß Baugewerke, Fleischer rc. das Lehrlingswesen und zum Theil auch die Controlle des Gesellenwesens in die Hand genommen haben, baß in Hamburg die Ausstellung von Lehrbriefen entroeber durch die Innungen ober durch die Gewerbekammer zu einer allgemein durchgeführten Einrichtung geworden ist, daß die Uhrmacher eine Centralschule mit Lehrwerkstätten (zu Glashütte im sächsischen Erzgebirge) besitzen und daß zu Dresden und Hamburg mehrere Innungen im Besitze von Special - Fachschulen find. Ferner ist bekannt, daß viele .Handwerker - Verbände oder Innungen Hülsskassen haben, daß einige als Genossenschaften für den Bezug von Rohmaterial und für Errichtung von Magazinen und Verkaufshallen, wie für Unterhaltung gemeinsamer Betriebsanstalten thätig und in einzelnen Fällen sogar gemeinsame Unfallversicherungsverträge von Innungen abgeschlossen worden sind. Ferner ist es Thatsache, daß überall die Sache der Innungen mehr und mehr Anklang findet. In Sachsen vorzüglich ist gegenwärtig die Bewegung für Neubegründnng der Innungen eine sehr rege und unter anderen hat die Leipziger Gewerbekammer für Leipzig und Umgegend die Sache in die Hand genommen. Die baierische Gewerbevereine haben in Nürnberg und die pfälzischen Gewerbevereine gleichfalls sich principiell für Innungen (d. h. aber nur für freie) ausgesprochen; auch die kürzlich in Hamburg versammelt gewesenen Handwerker haben ein entschiedenes Wort für dir Innungen eingelegt, und zwar auch für freie, indem mit Rücksicht auf den gegenwärtigen Stand der Gewerbegesetzgebung die obligatorischen Innungen von der Mehrheit Äs unmöglich und schädlich erachtet wurden.
Nach unserer Ueberzeugung wird auf diesem Wege der facultattven Innungen nichts Bleibendes erreicht werden. Das sind eben keine Innungen, sondern Gewerbevereine. Der Berliner Magistrat scheint der ganzen Bewegung dadurch die Spitze abbrechen zu wollen, daß er ein Gewerbeamt errichtet, welches die Fürsorge für die Interessen der Gewerbe übernehmen soll. Die Jnnungsvorstände haben zwar lebhaft dagegen protesttrt. Ob es sie aber viel helfen wird, ist bei der unklaren Stellung, die viele Handwerker einnehmen, sehr fraglich.
Tagesbericht.
Von mehreren Blättern wird das Jnslebentreten der neuen Justizorganisation zum Gegenstände der Betrachtung gemacht. Die National Zeitung hebt den Antheil der Liberalen an der Justizgesetzgebung des Reiches hervor, und bemerkt nach einem Rückblick auf die Entstehung des Straf-
Dankbar, nur dankbar mußte sie fein, wenn sich ihr ; ein Zufluchtsort bot; und schlossen nicht hundert Mädchen eine Ehe, ohne daß ihre Herzen im tiesverborgensten Grunde sich hingezogen fühlten zu dem Manne, dem sie folgten, und wurden glücklich — dessenungeachtet?
Das gute Kind hatte so wenige Bedürfnisse, aber den echt weiblichen Trieb, sich hinzugeben, sich ganz für Jemanden opfern zu wollen und nur im vollständigen Selbstverläugnen Glück und Beruhigung zu finden, war ihr so tief eingeboren, daß 'es ihr heute unmöglich schien, der warnenden Stimme zu folgen, welche ihr zuflüstette, daß es noch ein anderes Ziel für die Sehnsucht gäbe als irdische Liebe und einen höheren Beruf, als den, sich mit aller Leidenschaft dem Dienste eines Geschöpfes zu weihen.
Wohl schlug ihr Gewissen, wenn sie sich fragte, warum sie so stürmisch bereit fei alle Zweifel und Angst zu betäuben. Ahnen mochte sie es, daß sie sich auf irrem Pfade die Liebe suchte, denn mit einem schweren Seufzer flüsterte sie: Vielleicht sollte ich diesen Schritt nicht wagen, denn
Lieb' ist Wunder, Lieb' ist Gnad<
Die wie der Thau vorn Himmel fällt — aber heftig, ja ungestüm drängte sie solche zitternden Weckrufe zurück.
Da die Gegenwart so frostig und einsam und trübe war, konnte die Zukunft nur freundlicher werden, und wenn sie nicht das Höchste brachte, was sie in sich schließen kann — das Leben in einer Ehe, am eigenen Herb mußte doch jedenfalls reicher machen, als ärmer. Konnte sie denn ärmer werden als sie war? Nein. Und ihre Augen hingen schwärmerisch verlangend am rothen Abendhimmel. Sie hatte ja nichts von ihrer Jugend. Die Vögel, die
gesetzbucheS: „Das Strafgesetzbuch war also bahnbrechend gewesen, und wieder waren es nachher Anträge liberaler Parteiführer im Reichstage, welche darauf drangen, daß der Rechtseinheit im Reiche immer mehr Gebiete überwiesen wurden. Daß die Regierungen nach kurzem Zaudern darauf eingingen, das beweist wohl am besten, daß es nothwendig und unerläßlich war. Die Angemessenheit dieser neuen Einrichtungen wird sonach bezeugt durch die allseitige lieber» einftimmung, die darüber bestand; die Zweifel können nur darauf gerichtet werden, ob die Art und Weise der Ausführung überall das Nützliche und Richtige getroffen hat. Das wird sich nun vor der Erfahrung auszuweisen haben. Vorläufig muß es beruhigen, daß alles, was möglich war, geschehen ist, um gute, vortheilhafte Einrichtungen zu schaffen." Auch die Tribüne bezeichnet das Werk der Justizorganisation als ein Produkt der liberalen Gesetzgebung und bemerkt dann zum Schluß: „Wenn die gemäßigt liberale Pattei auch nicht ein einziges anderes Verdienst um das Reich aufzuweisen hätte als dieses: der 1. Oktober 1879, der dem deutschen Volke die Einheit feines Rechtes wieder- giebt, würde ihr Wirken in der Geschichte für alle Zeiten verewigen."
In dem Artikel des Berliner Tageblatts über die neue Rechtsordnung im Reiche heißt es: „Was die unsterblichen Versailler Verträge für die äußere politische Neugestaltung unseres Vaterlandes, daö bedeutet die einheitliche Neuordnung im Rechtsverfahren für ganz Deutschlands innere Entwickelung. Bisher wurde das neue deutsche Volkswesen nach außen hin durch seine militärische und diplomatische Leitung zu Ansehen und zur Anerkennung gebracht. Im Innern war bisher der Reichstag die fast alleinige sichtbare Verwirklichung des Reichsgedankens. Von heute ab, mit dem Inkrafttreten des neuen RechtSversahrens, wird in zahllosen, tagtäglich sich vollziehenden Handlungen und Uttheils- sprüchen die greifbare Wahrheit an den Tag kommen, daß Deutschland ein einheitliches, festgeschlossenes Rechtsgebiet geworden ist, während es bisher nur ein staatsbürgerliches Pflichtgebiet gewesen, das sich Jedermann lediglich durch eine Fülle von schwer zu tragenden Lasten fühlbar machte." — Wir wollen, ehe wir uns zu einer eingehenderen Kritk der neuen Justizgesetzgebung bezw. zu einer Erwiderung auf die liberalen Loblieder, auf das „eigene Werk" herbeilassen, zunächst zuwarten, ob das streng durchgeführte Princip der Mündlichkeit, des „fr eien richterlichen Ermessens" der freien Beweiswürdigung in Civilsachen und Wegfall der Eventualmaxime u. s. w. sich wirklich auch in der Praxis bewährt, ober ob nicht vielleicht „das liberale Werk" der Justizgesetzgebung eine schöne Theorie ist und bleibt
Nach vorläufigen Ermittelungen sind in allen vier Wahlkreisen Berlins ungefähr 2700 fortschrittliche Wahl-
sich frei auf den Zweigen vor ihr schaukelten und sich schnäbelten und im traulichen Nest-zusammen an einander geschmiegt hausten, waren glücklicher als sie und doch glaubte sich die Fähigkeit in sich zu fühlen, Glück geben und um sich verbreiten zu können.
Laut so mit sich selbst redend, wanderte das einsame Kind ans und ab, immer in dem gelben Kwskreuz zwischen den Gräbern. Leise ganz leise erwachte eine Erinnerung aus der Confirmationszeit in ihr und es war ihr, als flüstere der Abendwind eine vergessene Strophe: Such in Gottes Herzen Ruh — doch sie beachtete die verwischte Erinnerung nicht, sie war zu unruhig. Immer Heller, immer anziehender gaukelte ihr die bestrickende Kraft ihrer übermächtigen Phantasie jene schmucke Gestalt vor die Sinne, bei bereit Nahen sie vor Kurzem noch zusammengeschreckt.
Rasch, eines festen Entschlusses sich bewußt, eilte sie heim.
Daß der Vater zu dieser Verbindung ungern seine Einwilligung geben würde, ahnte sie, aber sie wußte auch, daß er schwach und nachgiebig gegen sie war, und daß sie Alles von ihm erreichen konnte, was sie wollte.
Und diesmal wollte sie ihren Willen durchsetzen, sie, die sich sonst immer Allem fügte. Nur dies eine Mal wollte sie es.
lieber ihr, hoch im Aether, kreischte es heiser.
Eine undurchdringliche, finstere Wolke, welche aus tausend und aber tausend Dohlen gebildet wurde, flatterte langsam dem Herrenhose zu. Dort, wo im Garten die alten Ulmen und ibie vielhundettjährige Linde ragten, ließen sich allabendlich, wenn die Nacht über das Oderbruch herabsank, die unzähligen schwarzen Gesellen aus der