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Marburg, Sonntag, 28. September 1879.

XIV. ItchWig

Anzeigen nimmt emgegen: die Gjq>edttio« d.vlatte», sowie d-Annoncen-Bureaux von Th, Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a- M., Berlin, Leipzig, Eöin re.; Rudolf Moffe in Berlin, Frank­furt a. M. k.

OIittheWr jfitniig.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blattet s owie d. Annoncen-Bureaux von ®. L- Daube & Co. in Frankfutt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. ThieneS in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiettagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllnstrirteS SvNNtagSblatt" durch die Expedition (Koch'fche Buchdruckerei) bezogen 2?4 Wart, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pf«. (excl. Bestellgebühr). — Jnsettionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf«. Für in der Expedition zu ettheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pf«, berechnet.

liniere verehrten auswärtigen Abonnenten er- suchen wir um baldgefällige Erneuerung ihrer

Bestellungen auf das mit dem 1. Oktober be­ginnende vierte Ovartak. Ohne vorherige Be­stellung wird von der Post die Fortsetzung nicht ge­liefert und um vollständige Exemplare zu erhalten muß die Bestellung vor Ablauf des Quartals gemacht werden. — Auf dem Lande nehmen die Postboten Bestellungen an.

Woche« - Uebersicht.

Nach dem Schluß der Manöver bei Straßburg und Abhaltung einer Parade bei Metz hat Kaiser Wilhelm im besten Wohlbefinden und hocherfreut über den herzlichen und glänzenden Empfang, der ihm auch in den Reichslanden bereitet wurde, die diesjährigen Truppenbesichtigungen beendet und sich zunächst über Baoen-Baden nach Berlin begeben. In seinem Gefolge befand sich auch der Kronprinz mit feinem ältesten Sohne, dem Prinzen Wilhelm. Fürst Bis­marck war am Sonntag den 21. d. M. Abends in Wien eingetroffen, wo er bis Mittwoch Abend weilte. Die hohe politische Bedeutung dieses Ereignisses kennzeichnet sich äußerlich durch die herzliche und glänzende Art, in welcher der Fürst Reichskanzler vom Kaiser Franz Joseph sowie dem Grafen Andrassy und den übrigen Rathen des öster­reichischen Herrschers empfangen wurde. Die zunächst in die Erscheinung tretende Folge des Besuchs Bismarck's in Wien soll der Abschluß von Zoll- und Tarifvereinbarungen sein, welche dem deutschen Reich und Oesterreich im gegen­seitigen Handelsverkehr die weitgehendsten Erleichterungen zu sichern bestimmt sind.

Der österreichische Reichsrath ist auf den 7.Oktober nach Wien einberusen. Graf Andrassy betrachtet die Be­sprechungen mit dem Fürsten Bismarck als den einstweiligen Abschluß seiner Laufbahn und wird nunmehr die Geschäfte an seinen Nachfolger, Baron Haymerle, abgeben, der dem­nächst dem König Humbert seine Abberufungsschreiben als Botschafter am italienischen Hofe überreichen wird. Tisza gedenkt das ungarische Ministerium des Innern ab­zugeben und nur die Ministerpräsidentschaft ohne eigenes Portefeuille weitcrzuführen.

Der Papst hat in den Consistorien am 18. und am 22. d. neun Cardinäle und achtzehn Bischöfe ernannt.

Frankreich hat in dieser Woche von Festreden wieder­gehallt. In Perpignan ist das Standbild Aragos's, des großen Astronouien und großen Republikaners, in Mont- beliard das Ehrendenkmal des Obersten Denfert, der die Festung Belfort gegen den deutschen Feind vertheidigt hat, feierlich enthüllt worden. Zwei Minister und noch manche

Der Ketzerstei« bei Wetter.

Die Ketzerverfolgungen des vielfach genannten Welt- priesterö Konrad von Marburg, des Beichtvaters der heiligen Elisabeth, erstreckten sich über viele Länder Deutsch­lands, namentlich auch über Hessen, wo die Städte Mar­burg und Wetter in Mitleidenschaft gezogen wurden. Diese Verfolgungen waren hauptsächlich gegen die sogenannten Waldenser gerichtet, eine Secte, welche, da sie die Kirche auf apostolische Reinheit zurückführen wollte, von dem päpstlichen Stuhle als ketzerisch bezeichnet und deßhalb ver­folgt wurde. Auch nach Marburg und nach Weller waren die Glaubensanstchten der Waldenser gedrungen und hatten hier Anhänger gefunden. Selbst die Aebttssinnen deö Stiftes zu Wetter neigten nach diesen Ansichten hin und gewährten den Anhängern der Waldenser Unterstützung, eingedenk der Aufschrift auf dem in der Kirche zu Wetter befindlichen Grabsteine der Gründerinnen dieses Stiftes: „— — multis praestando .juvamen." Es gab dies dem gedachten Ketzerrichter Konrad hinlänglich Veranlas­sung, seine deßhalbigen Verfolgungen nunmehr an diesen beiden Orten vorzunehmen. Sollen doch in Marburg allein an achtzig Personen, welche der Ketzerei beschuldigt wurden, ihr Leben aus dem Scheiterhaufen ausgehaucht haben! Es wurde mit den der Ketzerei Beschuldigten sehr kurz verfahren. Dieselben mußten glühendes Eisen an­rühren. Wenn sie sich daran verbrannten — was wohl stets der Fall war — lautete das Urtheil des strengen Richters: Man bringe den Ketzer zum Feuer und zer­streue seine Asche! In Marburg läßt der Name „Ketzer­bach" wohl mit Sicherheit darauf schließen, daß hier die Stätte war, an welcher die Unglücklichen ihr Leben ver­loren.

andere Herren haben dabei tönende Reden gehalten; in Marseille aber hat sich Louis Blanc vernehmen lassen und auch in Paris ist der 86. Jahrestag (21. Sept.) der Ver­kündung der ersten französischen Republik (1793) nicht vorübergegangen, ohne eine Unzahl von begeisterten An­sprachen verursacht zu haben. Der orleanistische Soleil, der das Liebäugeln des russischen Reichskanzlers mit Frank­reich zu Protokoll genommen hatte und damit nicht blos dem Lande, sondern auch der Regierung einen ernstlichen Dienst geleistet zu haben meint, hat neuerdings constatirt, daß die Prinzen von Orleans, die sich mit der Republik gern gut ständen, vom Grafen Chambord als „Roy" nichts wissen wollen, also auch seinen Geburtstag nicht feiern mögen.

Die spanischen Cortes sind zur Session auf den 3. November einberufen. Von Cuba wird gemeldet, daß die spanische Regieruug keine energischen Maßregeln ergriffen habe, drei der bedeutendsten Plantagenbesitzer ihre sämmt- lichen Sclaven, 6000 an der Zahl, freigelassen und als freie Lohnarbeiter auf 5 Jahre contractlich wieder in Dienst genommen haben. Wenn dieses Beispiel Nachahmung findet, wird die Abschaffung der Sclaverei in den spanischen Colonieen auch gesetzlich ausgesprochen werden.

Die englischen und französischen Minister des Aus­wärtigen, Lord Salisbury und Herr Waddington, haben am 22. eine Zusammenkunft in Trouville gehabt und sich verständigt über die Maßregeln, welche in den egypttschen Angelegenheiten zu nehmen sind, sowie über die Schritte zur baldigen Regelung der griechisch-türkischen Gränzftage. Die englische Regierung hat die Bestimmungen, welche Sir Garnet Wolseley in Bezug auf das Zululand ge­troffen hat, genehmigt. Mehr noch als diese Angelegenheit nimmt der Krieg von Afghanistan das allgemeine Interesse in Anspruch. Die Regierung will denselben mit aller Energie und allen Mitteln führen.

Daß sich Gortschakoff in diese Lage gebracht hat, darüber fängt man nunmehr an, sich auch in Rußland klar zu werden. Zwischen der nunmehr unter Befehl des Fürsten Dolgorukow stehenden Expeditionscolonne gegen die Turk­menen und einer Colonne der letzteren hat cm unbedeuten­der Zusammenstoß Statt gefunden, bei welchem die Russen einen Viehtransport erbeuteten.

Der am BeiramSfeste ans den Sultan gemachte Mordversuch scheint nichts als die That eines geistig Un­zurechnungsfähigen gewesen zu sein und ist ohne weitere Folge geblieben. Einige Beruhigung hat in die aufgeregte Bevölkerung der türkischen Hauptstadt die erfreuliche That- sache gebracht, daß am Beirambeginn den Beamten wenig­stens ein Monatsbetrag des rückständigen Soldes ansbe- zahlt wurde. Die griechisch-türkische Grenzangelegenheit stockt noch immer bei der Frage der Anlegung des 13. Congreßprotokolls. In der Angelegenheit der Heimführung

Auch das Städtchen Wetter hat noch ein Erinnerungs­zeichen dieser traurigen Vergangenhett aufzuweisen. Es ist dies ein Stein, welcher sich in einem süd-südöstlich von Wetter liegenden Grasgarten befindet, die hier mehrfach vorhandenen Gärten lehnen sich unznittelbar an die hier noch vorhandene Stadtmauer von Detter an, haben in ihrer Gesammcheit eine mulenförmige Lage, welche Gartenlage der Ketzergrund genannt wird. Der gedachte Stein bezeichnet nach der hier allgemeinen Sage die Stelle, an welcher Konrad von Marburg seine unschuldigen Opfer dem Feuertode übergab.

Schriflliche Beweise lassen sich hierfür zwar nicht er­bringen; doch sprechen hierfür andere glaubhafte Gründe. Zunächst ist dies die mündliche Ueberlieferung. Noch jetzt lebt im Munde vieler Einwohner zu Wetter die Sage, daß vor alten Zeiten hier die Ketzer verbrannt worden seien, was die Veranlassung zu dem Namen „Ketzergrund" ge­geben. — Seit Jahrhunderten ist dieser Name vorhanden. Alsdann kommt zur Unterstützung dieser Ueberlieferung als stummer Zeuge der vorerwähnte Stein in Betracht, welcher der Ketzerstein genannt wird. Betrachten wir diesen Stein etwas genauer.

Derselbe ist ein ziemlich harter Sandstein und trägt, soweit derselbe über der Erdoberfläche sichtbar ist, das Ge­präge eines hohen Merthums. Er steht in einem Gras­garten, dessen jetziger Eigenthümer der Bäcker Ludwig Stuhlmann zu Wetter ist. Der Stein ist viereckig, seine obere Fläche bildet ein Quadrat, deffen jede Seite etwa 15 Zoll lang ist. Die vier Seiten des Steines geben so ziemlich die Himmelsrichtungen: Nord, Ost, Süd und West an: die nördliche Seite weicht jedoch nm etwa 15 Grade nach Westen hin, von der geraden Richtung nach Norden ab. Diese Nordseite ragt etwa 4 Zoll über den

der mohamedanischen Flüchtlinge aus Ostrumelien scheinen verttauliche Verhandlungen zwischen der Pforte und den Mächten zu schweben, ob sich nicht die Absendung türkischen Militärs nach Ostrumelien zum Schutze der Flüchtlinge empfehle, da Aleko Pascha die Autorität über die bulgarische Mlliz seines Gouvernements eingebüßt zu haben scheint, so daß seitens letzterer eher Mißhandlungen als Schutz der Flüchtlinge vorauszusehen wäre.

Nachdem die rumänische Kammermehrheit ihren Antrag gegen eine Verfassungreviston zurückgezogen hat, ist den Kammern der Vorschlag der Regierung, die Revision des Arttkels 7 der Verfassung, bezw. die Emancipation der Juden betreffend vorgelegt worden und scheint Aussicht auf Annahme zu haben. Damit wäre der berliner Vertrag auch in den auf Rumänien bezüglichen Theilen erfüllt.

Tagesbericht.

Die „Nordd. Allgem. Ztg." hält aus sachlichen Gründen einige Berichtigungen eines von der „Nationalzeitung" gestern gebrachten Artikels datirt Petersburg den 20. Sept., betitelt „Rußland und die österreichisch-deutsche Entente" für nothwendig. In diesem Artikel werde gesagt: „Es ist keine Frage, daß Rußland sich nicht zu dem Mai- Memorandum hätte verstehen müssen, wenn Schuwaloff auf seiner bekannten Petersb. Reise die Unterstützung Deutsch- lands für den großbulgarischen Plan hätte finden können. Nachdem es dessen aber ermangelte, war es nöthig, zu capituliren, und soll Gortschakoff damals geäußert haben: jetzt fei, er mit Deutschland quitt. Die „Nordd. Allgem. Ztg." äußert hierzu: Diese Andeutung zeigt von einer Unbekanntschaft mit Thatsachen, wie sie in russischen offi- ciösen Artikeln nicht vorkommen sollte. Schuwaloff suchte niemals die Unterstützung Deutschlands für den großbul- garischen Plan nach; weder er noch ein anderer russischer Diplomat hatte hierzu jemals den Aufttag von feiner Regierung. ,Nur mit der englischen Regierung hatte Schuwaloff über die Frage zu unterhandeln, ob und bis zu welcher Grenze England ohne Kriegsfall der neuen bulgarischen Schöpfung zustimmen würde: es war dies die Balkangrenze und deren Ergänzung durch Ostrumelien. Erst nachdem dieses Programm als eventuelle Kongreß­grundlage zwischen England und Rußland vereinbart war, hat Rußland durch Schuwaloff im Namen des Kaisers Alexander das deutsche Cabinet vermocht, den Berliner Congreß auf der Basis jenes englisch-russischen Abkommens zu berufen. Letzteres geschah, nachdem Deutschland aus eigenem Antriebe sich noch der Zustimmung Oesterreichs im Principe versichert hatte. — Nach diesem, wir glauben, aktenmäßigen Hergänge ist es also ganz unmöglich, daß Gortschakoff geäußert habe, er sei wegen mangelnder deutscher Unterstützung für den großbulgarischen Plan mit Deutschland quitt. Solche Unterstützung hat Rußland niemals Grasboden heraus, was bei der Südseite um 6 Zoll der Fall ist. Wenn man unmittelbar an der Westseite des Steines den Rasm entfernt, gewahrt man, etwa 4 Zoll unter der Rasenoberfläche ein rundes Loch in dem Stein. Dies Loch ist 4 Zoll tief in den Stein getrieben, fist bei­nahe kugelrund und hat einen Durchmesser von 5 Zoll. Die obere Seite des Steines, eine Quadratfläche bildend, ist ziemlich verwittert. Bei sorgsälttger Betrachtung der­selben gewahrt man fünf, etwa ein Zwauzigpfennigstück breite Vertiefungen, welche die Form eines Kreuzes bilden, dergestalt, daß die ganze lange Seite des Kreuzes etwa 5 Zoll, und die Querfeite etwa 3 Zoll lang ist, und der Fuß des Kreuzes auf der Nordseite des Steines steht. Nicht weit von diesem Fußpunkte gewahrt man noch eine kleine Vertiefung nach Osten und nach Westen hin, die jedoch mit den fünf das Kreuz bildenden Vertiefungen in keiner Verbindung stehen. Die nach Osten hin befindliche Ver- tteftmg am Fuße des Kreuzes scheint übrigens auch in neuerer Zeit durch einen Druck auf den Stein entstanden zu fern. Weber dem Kopfe des Kreuzes, an der Südfeite der Quadratfläche läuft eine Vertiefung von Osten nach Westen hin, die ziemlich gradlinig ist und nach Westen hin sich verflacht. Eine ähnliche, jedoch schwächere Vertiefung gewahrt man an der Westseite dieser Quadratfläche, wenn man mit einem Finger leise über dieselbe hinstreift. Diefi beiden Linien bilden einen rechten Winkel und umschließen von zwei Setten das erwähnte Kreuz. — Diefer Stein hat unzweifelhaft früher viel weiter über die Bodenober­fläche geragt und hat sich nach und nach gesenkt. Man muß jedenfalls annehmen, daß das vorerwähnte runde Loch in dem Stein früher über der Bodenoberfläche ge­wesen ist.