auch der ostensible Zweck des Besuches, den der deutsche Reichskanzler in Wien macht, ein Act der Höflichkeit gegenüber dem Grafen Andrassy ist, so wird doch in maßgebenden Kreisen schon heute die große politische Bedeutung und Tragweite dieses Besuches zugegeben, zumal es der specielle Wunsch des deutschen Reichskanzlers sein soll, persönlich den Kaiser Franz Joseph mit seinen Anschauungen über die politische Situation des Continents bekannt zu machen. Trotzdem erscheint es gcrathen, die Erwartungen auf con- crcte Ergebnisse wie etwa den formellen Abschluß einer österreichisch-deutschen Alianz zu mäßigen." Die „Nat.- Ztg." bemerkt dazu: Auch sehr hoch gespannte Erwartungen würden noch befriedigt werden können, wenn der formelle Abschluß einer österreichisch-deutschen Allianz unterbleibt. Die Reise des Fürsten Bismarck nach Wien ist ein so demonstrativer Act, daß es keinem Zweifel unterworfen sein kann, wie abgesehen von den Formalien der Abmachungen, um die es sich handeln könnte, eine über den Augenblick hinans reichende Verständigung bereits vollzogen ist; der deutsche Reichskanzler würde das Gewicht seines persönlichen Eintretens nicht an ein Unternehmen hängen, dessen er nicht nach jeder Seite hin sicher ist. Die Offenheit, mit welcher die große politische Thatsache der Welt angekündigt wird, enchält die beste Beruhigung dafür, daß sie einzig zur Sicherung und Befestigung des europäifchen Friedens bestimmt ist.
Nachdem die friedliche Okkupation des Limgcbiets beendet, denkt die österreichisch-ungarische Regierung daran, die ihr durch die Okkupation auferlegten militärischen Lasten thunlichst zu mildern. Die „Presse" schreibt: „Ein Thell unserer Truppen kehrt bereits aus dem Limgcbiete nach Bosnien zurück. Mit Ende Oktober sollen als Garnisonen in Priboj das 31., in Prjepolje das 44. Infanterieregiment mit einer Gebirgsbattcrie verblechen. Vorläufig sind auch die militärisch wichtigeren Punkte zwischen diesen Orten sowie in der Richtung gegen die bosnische Grenze, mit Unterabtheilungen besetzt; die dieselben verbindenden Wege werden unter Anleitung der Genietruppen durch Abthei- lungcn des 25. und 41. Infanterieregiments in praktikabeln Zustand versetzt. Für die nächste Zeit verbleiben nach den letzten Verabredungen zwischen demFeldzeugmeister Herzog von Württemberg und Husni Pasch auch türkische Besatzungen im Verein mit unseren Truppen auf den außerhalb der Garnisonen gelegenen militärisch wichtiger! Punkten, doch dürften die türkischen Truppen, wie man uus mitthcilt, aus Rücksichten auf die Schwierigkeiten der Verpflegug, die Truppenkvnzeu- trirung in Epilus und Thessalien, wie in Folge der allgemeinen Reduction der türkischen Armee binnen Kurzem völlig aus dem Limgcbiete zurückgezogen werden." Dem „Lloyd" zufolge handelt es sich für die beabsichtigte Truppen- reduktiou zunächst darum, ob von den im Generalat von Sarajewo stehenden 40,000 Mann eine ganze Division hcimkehren oder per Kompagnie 30 Mann entlassen werden sollen. Die Absicht gehe dahin, alle kleineren Garnisonen aufzuheben, dagegen sollen auch während des Winters selbst in die entlegenem Thäler hinein zeitweilig Märsche unternommen werden, um etwaige unruhige Elemente durch das plötzliche Erscheinen der bewaffneten Macht an die Gegenwart der OkknpationS-Trupyen zu erinnern.
Deutsches Reich.
** Berlin, 19. September. Die Thatsache, daß der Minister des Innern dem Staatsministerium den Entwurf einer Organisation der Verwaltungsbehörden vorgelegt hat, wird von verschiedenen Blättern dabin gedeutet, daß von
Kessellyor mit Thurm und Glocke. Der hier wohnende Pförtner hatte die Verpflichtung zu allen Predigten in der Pfarrkirche ein Zeichen mit der Glocke zu geben. Bei der Sprengung der vier Hauplchore der Stadt durch den kaiserlichen General-Feldmarschall von Fernamont am 24. December 1647 ging die Glocke auf dem Kesselthor zu Grunde. Da trat nun der Umstand ein, daß die Kirchenbesucher vom Steinweg und der Ketzerbach entweder zu früh oder zu spät in der Kirche erscheinen, weil sie kein Zeichen mehr vernahmen und Taschen- und Stubenuhren, als Ersatz hierfür, in jener Zeit noch zu den Seltenheiten eines Hauses gehörten. Zur Beseitigung dieses Uebelftandes wandle sich der gewesene Oberschultheis Dr. Georg Adam Hellmann für sich und auf Anregung und Bitte seiner Nachbarn — er war Besitzer des dermaligen Quentinschen Hauses am Steinwcg — und vieler Bewohner der Ketzerbach mit einem Gesuche Anfangs April 1653 an die fürstlichen Regierungsräthe in Marburg. Rach Auseinandersetzung des oben beschriebenen Sachverhaltes .bittet er die Herrn Räche „als Pfleger der Kirche" und zur „Beförderung des Gottesdienstes" Bürgermeister und- Rath zu be- feblen, einen Bürger, der in der Nähe der Michaelskapelle wohne, zu bestellen, der zu allen Predigten in der Pfarrkirche ein Zeichen mit der Glocke in genannter Kapelle gebe. Für diese Bemühung könne man ihn entweder vom Wachtdienst entbinden oder mit einer anderen der Bürgerschaft unschädlichen Freiheit begaben. Am 5. Aprll jenen Jahres Nachmittags, ließ der Vicekanzler Dr. Geisel den Stadtschreiber Crollius zu sich bescheiden, in der Absicht, ihm den Inhalt des Gesuches zu eröffnen. Dieser referirte sofort an den Magistrat, worauf in derselben Woche noch der der Michaelskapelle am nächsten wohnende Bürger, Heddc- rich Weber, als Glöckner bestellt wurde. Am 10. April
einer Ausdehnung der Verwaltungsreform auf alle Theile der Monarchie keine Rede mehr sei. Aber gerade der in Rede stehende Entwurf beweist, daß der Minister mit aller Entschiedenheit, und zwar früher als man bis jetzt in Aussicht nahm, diese Ausdehnung ins Auge gefaßt hat, indem der ganze Gesetzentwurf selber in seiner Anwendung auf die gesammte Monarchie der erste Schritt zu einer all- seitigen Durchführung der Verwaltungsreform ist. — Die zufällige Anwesenheit jteS Fürsten Hohenlohe in Gastein zugleich mit dem Nuntius Jacobini veranlaßt dieselben, Korrespondenten welche früher jeden Fortgang der Verhandlungen mit Nom leugneten, zu der Behauptung, dieselben seien inzwischen durch den Fürsten Hohenlohe weitergegeführt. Dies ist irthümlich. Die Vorverhandlungen, welche jetzt zur persönlichen Begegnung des Nuntius mit dem Fürsten Bismarck geführt haben, fanden in Wien statt. — Die Ausschüffe ces Bundesraths für Handel und Verkehr und für Rechnungswesen dürften der Vorlage wegen Umprägung der silbernen 20-Pfennigstücke ihre Zustimmung ertheilen und dieselbe sofort dem Bundesrath unterbreiten, wo sie gleichfalls auf Annahme zu rechnen hat. Die Vorlage kommt bekanntlich dringenden Wünschen des Publikums entgegen, denen auch die Presse wiederholt Ausdruck gegeben hat. — Major Westphal, welcher seit einer Reihe von Jahren im Auftrage der Hauptbibelgesellschaft die Armen mit Bibeln versorgt, hat im Jahre 1878 u. A. 2073 Bibeln und 4023 neue Testamente vertheilt. — In der ersten Hälfte des September sind 58 Telegraphenämter, davon 35 mit Fernsprechern eröffnet. — Vom 1. October an wird bei den Postämtern und Postagenturen sür unmittelbare Rechnung der Postkasse angestellten Landbriefträgern für Anschaffung und Unterhaltung der kleinen Schreibbedürfnisse eine jährliche Vergütung von 3 Mark bezahlt. — Einem (Semite zu Brandenburg a. H. ist die Erlaubniß zur Vornahme genereller Vorarbeiten für den Bau einer Secundärbahn Rathenow-Brandenburg-Gastrow- Belzig-Niemegk-Treuenbriezen-Jüterbogk ertheilt. — Der Bundesrath wird demnächst in erster Linie seine Thätigkeit den Entwürfen derjenigen Verordnungen widmen, welche zur weiteren Durchführung der Reichsjustizgesetze dienen. Alsdann dürfte das Zollregulativ der Berathung und Beschlußfassung unterliegen.
Leipzig, 16. Septbr. Aus den heutigen Schlußverhandlungen des Centralverbandes der Kaufleute Deutschlands hebt das „Dr. I." Folgendes hervor: Man beschloß einen Agitationsfonds zur Wahrung der Jntereffen des Centralverbandes zu gründen. Ferner besprach man die Mittel, welche zur Bekämpfung der Anpreisung von Maaren unter vorsätzlich unrichtiger Bezeichnung der Qualität zu unmöglichen Preisen ergriffen werden sollen. Weiter wurde die Gründung von Sparvereinen als ein geeignetes Mittel zur Bekämpfung der Konsumvereine ins Auge gefaßt und sodann noch der Vorstand beauftragt, die von Reichswegen beabsichtigte höhere Besteuerung des Spiritushandels im Auge zu behalten und eventuell geeignete Schritte dagegen zu thun. Endlich will man an richtiger Stelle aus ,bie Gesetzwidrigkeiten aufmerksam machen, die dadurch begangen werden, daß Konsumvereine Blechmarken als Zahlungsmittel verwenden und dadurch gegen das Münzgesctz verstoßen.
Darmstadt, 19. Scpt. Der Prinz von Wales trifft am Sonntag zum Besuche deö Großherzogs hier ein. Der Großherzog und der Erbgroßherzog reifen am Dienstag nach Balmoral.
Stuttgart, 19. Septbr. Der König hat heute dem Manöver bei Blaufelden beigewohnt, und reist von da nach Jugenheim zu Besuch der Kaiserin von Rußland.
-1653, als am 1. heil. Oftertage, wurden zum erstenmal die Zeichen mit der Glocke in der Michaelskapelle zu den Predigten in der Pfarrkirche gegeben.
Schenken wir schließlich noch dem Michaels-Todtenhof einige Aufmerksamkeit. Derselbe hatte ehedem eine mehr runde Gestalt; bei der Erbauung eines neuen Hauses in der Elffabelhstraße im Jahre 1831 büßte er von dieser Form etwas ein. Die meisten Grabsteine auf demselben gehören diesem Jahrhundert an; die Inschriften aus den wenigen Grabsteinen aus dem 17. und 18. Jahrhundert find zum Theil nicht mehr zu lesen, zum Theil enthalten sie Familienname«, die in Marburg nicht mehr vorhanden sind; die Grabsteine aus dem 16. Jahrhundert sind an der südlichen Wand der Kapelle aufgerichtet. Der erste Grabstein links neben der Thür zur Kapelle gehört der Inschrift nach der im Jahre 1576 verstorbenen Gertrude Nußbicker, Tochter des Hermann Nußbicker, eines land- gräflichen Beamten, an. Das Kind ist auf dem Stein in der Tracht jener Zeit abgebildet. In seinem Gewände - bemerkt man eine mit dem Meist! gemachte Vertiefung, an die sich folgende Sage knüpft: Gettude Nußbicker stand hinter dem Fenster ihrer väterlichen Wohnung am Steinweg, jetzt Nr. 534, und schaute hinaus, als gerade ein Landsknecht mit einem geladenen Gewehr vorüberging; im Scherz zielte er aus das Mädchen, das Gewehr ging los und der Schuß war ein tödtlicher. — Vorreformatorische Grabsteine sind auf dem Michaels-Todteuhof nicht mehr verhanden: diese ließ der Rath im Jahre 1335 aufheben und zum Neubau des Mönchbrunnens verwenden, ohne zu bedenken, daß mit der Zerstörung dieser Bildhauerarbeiten auch zugleich ein Stück Marburger Geschichte verloren gehe.
Bücking.
Ausland.
Wik», 19. Septbr. Fürst Bismarck trifft hier erst morgen Abend ein. — In einer gestern gehaltenen Konferenz der Führer der Fractionen der Rechten bei Graf Hohenwart, an welcher auch die Czechen- und Polenführer theilnahmen, wurde beschlossen, daß die gesammte Rechte als große organisirte Partei in das parlamentarische Leben eingreifen müsse und daß diese Organisation in der Vereinigung ständiger Comites der einzelnen Clubs der Rechten ihren Ausdruck erhalten solle. — Der „Presse" zufolge war ein Theil der Lokalpolizei von Nevesinje, aus orthodoxen Herzegowinern bestehend, nach Montenegro übergetreten. Von dort ausgewiesen, organisirten sich dieselben, zündeten einige leerstehende Karaulas an und ge- riethen mit einer Compagnie in Conflicl. Die Militärbehörde von Mostar hat Truppen zur Herstellung der Ordnung entsendet.
Gastet«, 19. September. Nuntius Jakobini ist heute Nachmittag nach Wien zurückgereist.
Rom, 19. September. Im gestrigen Consistorium ernannte der Papst nach einer Allokution die Nuntien Mcglia und Jakobini ferner Cattani und Sanguigui zu Cardinälen und außerdem sechs Bischöfe für Italien und zwei für Mexiko.
Paris, 17. Septbr. Die Corr. Havas meldet: „Es ist jetzt fchon so ziemlich gewiß, daß der Finanzminister dieses Jahr keine neue Emmission der 3 procmtigen kündbaren Rente machen wird. Die Mittel, die sich der Staatsschatz durch die Emmission feiner Bons verschafft, werden für die außerordentlichen Ausgaben von 1879 genügen, ohne daß es nothwendig sein wird, von einer im vorigen Jahre von den Kammern votirten Bewilligung zu einer neuen Emmifston von 466 Mill, der kündbaren Rente Gebrauch zu machen. Erst im Jahre 1880 wird zur uoth- toenbigen Operation geschritten werben, um ben Staatsschatz zu entledigen und das, was von der schwebenden Schuld geliefert wurde, zu consolidiren. Man wird aber auch dann für die besonderen Bedürfnisse von 1880 Sorge tragen müssen, besonders da in diesem Jahr die Ausführung des Programms von Herrn de Freycinet entschlossen in Angriff genommemwerden soll. Für das nächste Budgetjahr muß eine Hilfe von 560 Mill, geschaffen werden und man wird auf diese Art zu der Summe von mehr als einer Milliarde gelangen, die im Laufe des nächsten Jahres ausgegeben werden wird. Das Budget der Bauten wird davon 615 Millionen in Anspruch nehmen, das des Krieges 356 Millionen, welche die Summe darstellen, die zur vollständigen Reorganisation deö Materials und zur Löschung der sogenannten Liquidirungsrechnung nothwendig sind; 41 Millionen werden auf die Marine verwandt werden und ungefähr 14 Millionen auf die Bauten in Algerien kommen. Alle diese Zahlen wurden schon von der Kammer bewilligt, es bleibt nur noch die Zustimmung des Senates abzuwarten."
Lvudo«, 19. September. Auf einem gestern stattgehabten Banket der landwirchfchaftlichen Vereinigung von Buckinghamshire in Aylesbury brachte Beakonsfield einen Trinkspruch aus die englischen Streitkräfte aus. Er zog dabei das britische Heer in einen Vergleich mit den Continental-Heeren und wies auf die Verschiedenheit der Pflich- ten hin, welche zweifellos den Britischen und den Conti- nental-Heeren oblägen. Ersteres sei berufen, wenn sich dazu die Veranlassung biete, die Unabhängigkeit Europas zu vertheidigen, welche von demselben bereits mehr als einmal gerettet sei. Redner glaube, daß die britische Flotte ihre Suprematie behaupten werde. Die Freiwilligen seien die Beschützer des heimathlichen Heerdes, ihr Enthusiasmus erhöhe Englands Einfluß im Rache Europas. Sodann gedachte Beakonsfield der Erfolge der landwirthschaftlichen Vereinigung und unterzog die gegenwärtige traurige Lage der Landwirthschaft seiner Betrachtung, indem er zugleich die Unhaiebarkeil der Theorie betonte, wonach die Einführung bäuerlichen Grundbefitzes in England die landwirthschaftliche Krisis beseitigen werde. In Frankreich seien 5 Millionen Landwirche, von welchen jeder weniger als 12 Acres besitze. Trotz der größeren Fruchtbarkeit des französischen Bodens producirten aber die dortigen kleinen Landrvirth- schaften per Acre nur halb so viel als die großen Land- wirthschaften Englands. Beakonsfield empfahl schließlich die ein freundschaftliches Zusammenhalten der Landwirihe, um die gegenwärtigen Schwierigkeiten zu überwinden. —, Im Laufe seiner langen Rede machte Beakonsfield keinerlei Anspielung auf die augenblicklichen politischen Verhälmisse. — Meldung des „Standard" aus Alikheyl vom 18. d.: Nach hier eingegangenen Berichte ist in Herat ein großer Aufstand ausgebrochen; die Trupcien meuterten und richteten unter dem Personal der Behörden ein großes Blutbad an. — Meldung des „Reuterscheu Bureaus" aus der Capstadt vom 2. d. (via St. Vincent.) Laut näheren Mit- theilnngen über die Gefangennahme Cetewayos beorccrte Lord Gifford, nachdem er erfahren hatte, daß der König mit seinen Anhängern sich im Zustande der Erschöpfung in einem Kraal aufhalte, den Major Marter, den Kraal mit Dragonern zu umstellen. Cetewayo und feine Begleiter ergaben sich darauf ohne Widerstand und wurden nach Ulundi abgeführt, wo sie am 30. August eingetroffen find. Von da sollen sie nach Gleyiown gebracht werten; ihre weitere Bestimmung ist unbekannt. — General Wolseley bmachrichtigte die Zulu-Häuptlinge bei einer Zusammenkunft, daö Land werde in drei unter europäischen Residenten stehende Paralleldistrikte eingetheilt werden. — Meldung
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