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Marburg, Freitag, 12. September 1879

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gegen den Fürsten Bismarck, und die officiöse „Agence Russe" druckte sie wörtlich nach. Bisher war in der ganzen Sache Vieles dunkel. Man fragte sich: Was will Rußland ? Willes Krieg mit Deutschland und warum, was will es dabei ge­winnen ? und konnte sich keine vernünftige Antwort darauf geben. Plötzlich fällt nun auf die ganze Sache ein Licht­strahl, der die Situation einigermaßen erhellt. Der „Pester Lloyd", ein dem Grafen Andrassy nahe stehendes officiöses Blatt, bringt einen Artikel, in welchem gesagt wird, es ständen ernste Auseinandersetzungen zwischen Rußland und Oester­reich bevor. Rußland wolle es nicht leiden, daß Oesterreich auf der Balkanhalbinsel größere Erfolge erlange, als Ruß­land durch seinen großen, opferreichen Krieg. Der Graf Andrassy sei eigentlich deshalb zurückgetreten, weil er eine friedliche Beilegung des Zwistes für unmöglich halte und vorbeugen wolle, daß man später sage, er als Ungar habe eine friedliche Lösung unmöglich gemacht. Deshalb möchte ein Anderer an seiner Stelle die Sache versuchen. In wieweit diese Darstellung richtig ist, lassen wir daringestellt,- das wird die Zeit lehren. Die Feindseligkeiten der russi­schen Zeitungen hätten hiernach den Zweck, die deutsche Politik zu bewegen, ihre freundschaftliche Stellung zu Oester­reich zu ändern und auf die Seite Rußlands zu treten. Daher die Vorwürfe der Undankbarkeit, daher die ewige Wiederholung des Vorwurfs, vaß Deutschland Oesterreich — welches die „St. Petersb. Ztg." in einem solchen Ar­tikel als „Raubstaat" bezeichnet — zu seinen Erfolgen auf der Balkanhalbinsel verholfen habe. Die Nachrichten über die Zusammenkünfte der Kaiser und der Kanzler von Deutschland und Oesterreich in Gastein, sowie die andere Nachricht, daß Fürst Bismarck am 14. September in Wien einen Gegenbesuch machen werde, deuten nicht darauf hin, daß die deutsche Politik gesonnen ist, dem russischen Pan­slawismus zu Liebe ihre befreundete Stellung aufzugeben, und gewiß mit Recht.

zwischen den Zeilen auch überall der Ton des Mißtrauens gegen das Streben der Regierung hindurch, so sei doch dieser Ton bedeutend gedämpft im Vergleich mit den Aeußerungen bitteren Unmuthes und schwerster Verdäch­tigung in den Organen der nationalliberalen Partei. Bei der Aufstellung des Wahlaufrufs sei es offenbar darauf angekommen, den allseits erschütterten Glauben an die innere Einigkeit der Partei noch einmal künstlich zu be­leben. Die offene Hervorkehrung des Gegensatzes gegen die Negierung hätte in den Kreisen des freisinnigen deut­schen Bürgerthums schwerlich großen Erfolg gehabt. Vornehmlich sei in dem Aufruf Alles vermieden, was an den Widerstand der liberalen Partei gegen die WirthschaftS- reformen erinnern könne, die doch Ausgangspunkt und Grundlage der gesammten polittschen Lage seien. Die Parteien könnten bestimmte Stellung zu den Aufgaben der nächsten Zukunft nur im Zusammenhänge jener großen Fragen nehmen. — Der Artikel der „Prov.-Corr." schließt: Die Wähler werden schwerlich geneigt sein, die Frage, welche die Gesammtheit des wirthschastlichen Lebens und damit alle staatlichen Interessen berührt, so leicht abzu­fertigen; die Wähler zumal, welche dem Kanzler helfen wollen, sein Werk weiter durchzuführen unv die Früchte desselben zu voller Reife zu bringen, werden des Wortes eingedenk sein, daß die Rcichspolitik und die preußische Politik unzertrennlich sind, und werden sich gegenwärtig halten, daß eine liberale Mehrheit im Abgeordneten­hause . wie bisherige auch weiteren Erfolgen im Reichs­tage einen festen Damm entgegensetzen würde. Ueberdies hängt tie Lösung der dringendsten Aufgaben des preu­ßischen Landtages auf dem finanziellen und gewerblichen Gebiete so eng mit den Fragen der allgemeinen Finanz- und Wirthschastsreform im Reiche zusammen, daß eine ersprießliche Erledigung derselben nur von deut Zu­sammenwirken mit einer Mehrheit zu hoffen ist, welche bezüglich der Gesammtziele wirthschastlichen Strebens auf dem Boden eines wirklichen vertrauensvollen Einverständ­nisses mit der Regierung steht. — Bezüglich der Zusammm- kunft von Alexandrowo schreibt dieselbe Correspondenz: die Zusammenkunft hat erneut Zeugniß gegeben von den innigen Beziehungen, welche zwischen den beiden Monarchen bestehen.

Die „Nordd. Allgem. Ztg." schreibt: Alle Mitthei­lungen der Presse, namenttich englischer und französischer Zeitungen über angebliche Beziehungen zwischen dem neu« ernannten Nuntius in München, Roncetti, und dem Reichs­kanzler entbehren nach unseren Informationen der that- sächlicheu Begründung. So viel wir wissen, ist in den entscheidenden Kreisen deutscherseits kein Anzeichen geschweige eine Mittheilung bekannt, wonach Roncetti gleich seinem Vorgänger zu Unterhandlungen mit der Reichsregierung

wischen Provinzen Oesterreichs und Deutschlands aus- recken würden. Jeder Staatsmann hat zunächst die Jn- kessen seines Landes wahrzunehmen. Deshalb konnte »rst Biömarck die panslawistischen Pläne Rußlands nicht vterstützen, sondern mußte ihnen im Interesse Deutsch­ilds und des europäischen Friedens entgegentreten. Fürst >i«marck hat in dieser Sache gewiß ganz Deutschland auf iner Seite. — Die russische Zeitungshetze hat durch die Mliche Kaiserzusammenkunft in Alexandrowo eine Unter- ttchung erfahren; allein sie scheint neuerdings wieder auf- mvmmen worden zu sein. Der „Golos" brachte schon v 4. und 5. September wieder recht gehässige Ausfälle

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Tagesbericht.

Ein längerer Artikel der „Prov.-Corresp." unter der Ueberschrift „Die Nationalliberalen und ihr Wahlaufruf" hebt hervor: Angesichts dieses Wahlaufrufes, der mannig­fach mit den Programmen der beiden konservattven Fraktionen übereinstimme, dränge sich die Ueberzeugung auf, daß ent­weder der Lärm über drohende conservative Reaction nicht ernst gemeint sein konnte oder daß der liberale Aufruf aus Gründen der Vorsicht die wirkliche Stimmung und Stellung der Partei nicht zum vollen Ausdruck bringe, vielmehr zu verhüllen suche. Bei den Wahlkundgebungen der Parteien komme es hauptsächlich auf daö Maß von Bereitwilligkeit zum Zusammenwirken mit der Regierung an, auf das Maß des Vertrauens zu derselben, auf die Geneigtheit, dieses Vertrauen zum wirksamen Factor in den beiderseitigen Beziehungen werden zu lassen. Klinge

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Der russische Zeitungskrieg.

Die russischen Zeitungen haben seit geraumer Zeit in Itr gehässigsten Weise sich gegen die deutsche Politik aus- ilafjeii. Sie machten ihr zum Vorwurf, sie sei schuld, ch Rußland seine Ziele im Türkenkriege nicht erreicht «be und doch hätte Deutschland aus Dankbarkeit für die «ltung Rußlands in den deutschen Kriegen 1866 und 870 Rußland dazu behülflich sein sollen. Die russischen Matter übersehen aber, daß Deutschland ganz dieselbe Stel- mg im Orientkriege eingenommen hat, welche Rußland den beiden deutschen Kriegen einnahm. Die deutsche Mik hat sich selbst vom Kriege fern gehalten tutb hat wirkt, daß auch die anderen Mächte fern blieben und ch Rußland es nur mit seinem eigentlichen Gegner, der Mei, zu thun hatte. Daß die russischen Waffen nicht ) siegreich waren, tote die deutschen 1866 und 1870, dafür um doch die deutsche Politik nichts, und daß Rußland icht Alles erreichte, was es erreichen wollte, liegt in der tatur der Orientfrage. Dieselbe ist längst eilte europäische, os die deutsche Angelegenheit 1866 und 1870 nicht war, mitte also dem Gutachten der Mächte nicht entzogen werden, nb Deutschland hat dabei für Rußland gethan, was es tm konnte. Damit war Deutschland seiner Dankesschuld igen Rußland quitt. Daß es dafür stimmte, daß Oester- ich die Herzegowina und Bosnien besetzte, lag eben so

ititigen nimmt entgegen: «Expedition d.vlatteS, wie d.Annoncen-Bureaur sn Th. Dietrich & Co. in Mel und Hannover; Th. Mich in Frankfurt a.M.; Maienft ein & Vogler in Mfixrt a M.. Berlin, Apzi'g, Ciiln rc.; Rudolf Seife in Berlin, Frank- furt a. M- rc.

| hr Jntereste dieser Länder, die sich in vollständiger | narchie befanden, als auch Oesterreichs, für dessen Grenzen | t eine stete Beunruhigung bildeten. Die Türkei konnte | t nicht beruhigen; wer sollte es also thun? ES war | kcmand mehr dazu berufen, als Oesterreich und auch die V »deren Mächte hatten kein Bedenken, Oesterreich diese $ hwierige und wenig dankbare Aufgabe zu übertragen. | Senn dabei zugleich der Gedanke mitwirkte, daß durch die f inführung Oesterreichs auf der Balkanhalbinsel den russt- | hm Machterweiterungsgelüsten ein Damm entgegengesetzt | erde, so hatte Deutschland keinen Grund, für die Macht- r Weiterung und die panslawistischeit Pläne Rußlands ein« | itreten, die, wenn sie ihren Zweck erst auf der Balkan- j Musil erreicht hätten, bann auch ihre Hand nach den

Anzeigen nimmt entgegen bit@^>ebitiMt b. Blattes sowie d. Annoncen-Bureaux von G. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. ThieneS in Elberfeld: C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS SonntagSblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckeret) bezogen 2k Mark, durch bte Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (erd. Bestellgebühr). - JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf»

Für tn der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pf», berechnet.

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»rden Sie frei, auf immer frei sein!

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Der schwarze Bettler.

Novelle von M. D o b s o n. «Fortsetzung.) 11. Capitel.

geschickt, wie nur irgend Einer —"

„Ich schmeichle mir, nie mein Ziel zu verfehlen!" „Gleichfalls habe ich erfahren, daß nie umsonst Ihre

Die Einladung.,

,,Und doch muß Leonard dies Vermögen haben," fuhr Maut die Marquise fort, „ja er muß, er soll es haben!

Herr von Ramero," fügte sie dann mit einem teuf- !<hen Lächeln hinzu, „man sagt, Sie handhaben den Degen

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Schnell unterdrückte er jedoch diese Regung und fragte be jede weitere Einleitung:

„Wollten Sie etwa einen Menschen tobten lassen?" , , Frau von Alincourt fühlte bei bieser unerwarteten tage einen Schauder durch ihren Körper rieseln, dennoch iaßte sie leise die Hand ihres einstigen Sklaven und

ttJ2£ rach in verführerischem Tone:

b-84“ „O, wenn Sie das thun könnten - thun wollten,

>le abgedrückt ward."

,,@ie sind recht berichtet, Frau Marquise, meine Kugel lt noch stets ihr Ziel getroffen."

?24i# • "Aber wahrlich, Sie müffen ein furchtbarer Gegner JlL/ V rief die Creolin, sich aufrichtend, „ich meine alö

Gegner in einem Duell, Herr (von Ramero!"

- cJ Der Mulatte sann einen Augenblick nach, bann warf KaJl t einen Blick unauslöschlichen Hasses auf seine Gebieterin, e in diesem Augenblick die kostbare Spitzenverzierung

„Aber was?" fragte Ramero, als ob er seine Gebie­terin nicht verstanden.

„Leonard muß Blanche von Alincourts Gemahl wer­den," rief ungeduldig die Marquise, „und jener Mann, jener Knabe, Godeffroy, steht als Hinderniß uns im Wege."

„Wahr!" entgegnete kalt der Mulatte.

„Sie handhaben Beides, Pistole und Degen," fuhr

Frau von Mncourt fort, „ein Duell —"

„Jetzt verstehe ich Sie," sprpch in gedehntem Tone der Mulatte.

„Und —?"

„Aber ich bin ein Feigling, gnädige Frau, und schlage mich nie!"

„Elender Sklave!" grollte die schöne Creolin, die Hand des Mulatten verächtlich von sich schleudernd.

Absichtlich überging dieser die Beleidigung und sagte in ruhigem Tone:

„Man kann einen Menschen auch ohne Kampf tödten, was kümmern Sie die Mittel, wenn nur der Erfolg Ihren Wünschen entspricht."

Die Marquise schien zu zögern, sie lehnte ihr Haupt in die Hand, während der Mulatte sie voll Bosheit be­trachtete. Endlich sagte sie:

„Er ist noch so jung! Könne man ihn doch auf an­dere Weise beseitigen!"

„Das wäre allerdings besser, gnädige Frau."

„Hub doch würde ein Stoß, ein Schuß uns allen Ver­legenheiten entreißen."

„Sie haben Recht, gnädige Frau."

Die eisige Kälte und Gleichgiltigkeit, mit der der Mu­latte diese so wichtige Angelegenheit behandelte, erregte die Aufmerksamkeit der Marquise und sie blickte erstaunt und

beunruhigt ihren Gefährten an, dessen Züge jedoch schon wieder ihren gewöhnlichen Ausdruck angenommen.

Nach einem langen, prüfenden Blick auf den Mulatten erhob sich vom Sopha, trat dicht an ihren Vertrauten heran und flüsterte dann kaum hörbar:

„Nun, wie soll es geschehen?"

„Sind Sie fest entschlossen?"

„Ja, ja, fest entschlossen!"

„So hören Sie!" und der Mulatte setzte sich mit einer Entschlossenheit und Rücksichtslosigkeit zu seiner früheren Gebieterin, welche deutlich genug bewies, daß das Ver­brechen jedm Rangunterschied aufgehoben.

„Sie fahren morgen nach Schloß Alincourt, der Mar­quis hat Godeffroy in meiner Gegenwart ebenfalls dorthin eingeladen. Jetzt müffen auch Sie ihm eine schriftliche Einladung schicken."

„Nein, nein," unterbrach ihn die Marquise, „ein Brief könnte —"

„Ich verstehe Sie, nein, Sie dürfen nicht schreiben. Ich säbst werde es thun, doch müffen Sie dem Marquis mittheilen, daß Sie mich eingeladen."

„Das werde ich thun."

„Ueberlassen Sie mir dann das Uebrige und leben Sie wohl bis morgen, Gebieterin. Wir sehen uns im Schloß Alincourt wieder."

Und hastig verließ der Mulatte daS Zimmer. Sobald er auf die Straße gelangte, brach er in ein lautes krampf­haftes Lachen aus und gestikulirte im Weitergehen so leb­haft mit den Armen, daß die Vorübergehenden ihn für wahnsinnig hielten.

„Ja, ich will tödten," murmelte er dabei, „mitleidslos, ohne Erbarmen, aber nur, um ihr Gebieter zu fein, nach-