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Marburg, Freitag, 15. August 1879.
XIV. Jahrgang
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- u<igen nimmt entgegen:
- jtt9>ebitton d.vlattes, - 9 gie d.Annoncen-Bureaux - ) uQ. Dietrich & Co. in »z 9 Mund Hannover; Lh. - 9 stmch in Frankfurt a.M.; - s ufenftein & Bögler in - -. jaffurt a- M., Berlin,
Wnhesslsche ZeitW.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d.vlattes sowied Annoncen-Bureaur von G L- Daube & Co- in Frankfurt a- M; Jüger'fche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Thiene» in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen-
9 Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen- Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JlluftrtrteS Sonntagsblatt" durch die Srpedition (Koch'fche 9 Buchdruckerei) bezogen 24 Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (erd. Bestellgebühr). — JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
9 Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet-
Fortschrittspartei und die Socialdemokratie.
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bleiben, sondern an die Abhülfe der Leiden des Arbeiter»
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Die schärfste Pfeilsorte, bereu Geschosse die Fvrtschritts- rtei nicht müde wird, zur Aufregung des Bolles zu ver- iben, ist die in wechselnden Formen vorgebrachte Be- «ptung, die Regierung und deren Freunde hatten bei laß des SocialiftengesetzeS versprochen, nicht bei der ißen Unterdrückung der svcialistischen Bestrebungen stehen
Hergestellte, sich von selbst verstehende wäre, von der ein Mürliches Opser zu Gunsten weniger Begünstigten ver- »gt werde. In Wahrheit hängen aber die Zweige der Vionalen Arbeit von einander ab. Das Gedeihen des IrbeiterstandeS hängt ab von dem Gedeihen der einheimi- jen Industrie und der einheimischen Landwirthschaft. otnn die deutsche Landwirthschaft verfällt, so muß tt ländliche Arbeiterstand zu Grunde gehen, und wenn
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bene Anklage stimmt der freihändlerische Flügel tivnalliberalen Partei aus vollen Kräften ein.
Die freihändlerische Partei hat von jeher nicht Ettel verschmäht, den Schutz der nationalen Arbeit 8 eine Maßregel zu Gunsten weniger-, ohnedies ihlhabender Fabrikannten darzustellen. Den wenigen, n der Herstellung großer Verbrauchsartikel blühenden rschästen wird dann immer die Masse der Verbraucher zenübergestellt, welche gezwungen werde, diese Artikel eurer zu kaufen, als sie im Auslande zu haben seien, tt dieser Art zu kämpfen wird mit Geflissentlichkeit so than, als ob die Kauffähigkeit der Verbraucher eine
tbeS zu denken; die Erfüllung deS Verfprechens bestehe bet Einführung von Zöllen auf die unentbehrlichsten
msbedürfnisse. In diese von der Fortschrittspartei
io tze» als nichtig darzustcllen, indem eS der Ausbreitung /, tt fvcialdemokratischen Lehre unter den Arbeitern nirgends :f.'@i inhalt zu thun vermöge. Triumphirend hat die Fort- " ‘ Mspresse auf die unverminderte Stimmzahl der Social- ’ , mofraten bei der Wahl in Breslau hingewiesen. Neuer- . . dgs hat es denn auch nicht an der ausdrücklichen Er-
li1 imng gefehlt, daß man seitens des Fortschritt» bei den '4 tPahlen für die socialdemokratischen Kandidaten stimmen sse, wo ihnen die Freunde der Regierung gegenüber
Die Fortschrittspartei will die Massen an sich ziehen, tlche bisher der Socialdemokratie folgten, das gewonnene nfgebot aber verstärken durch alle diejenigen, die bisher cht Svcialdemokraten waren, die man aber überredet, der rund ihrer Leiden liege in einer zu Gunsten wohlhabender
«te von der Regierung getroffenen Maßregel. Die Fort» rittspartei hat sich nur auf alle Weise dem Gesetz gegen t Socialdemokratie widersetzt, sie hat auch bei jeder in üge dieses Gesetzes verhängten Straft laute Klagen er» >ben und außerdem Alles gethan, die Wirkung deS Ge-
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die deutsche Industrie ihre Werkstätten schließen muß, so muß sie alle Arbeiter entlassen, denen Niemand sagen kann, wo sie eine andere Existenz finden sollen.
Handelt es sich aber um Maßregeln, die ganze Existenz des Arbeiters auf eine bessere Stufe zu heben, so wäre jeder Versuch zu solchen Maßregeln vergeblich, so lange nicht eine sichere Grundlage der nationalen Arbeit gewonnen ist. Denkt man sich einen Zustand der Landwirthschaft, wo Grund und Boden zu immer niedrigeren Preisen aus einer Hand in die andere gehen, wo die wechselnden Besitzer nur noch darauf bedacht find, in der Eile herauszuschlagen, waS sich noch herausschlagen läßt, ohne auf die Zerstörung deS dauernden Werthes Rücksicht zu nehmen — wer soll dann an die Besserung der Arbeiterverhältnisse denken? Denkt man sich auf der andern Seite industrielle Unternehmungen durch plötzliche fremde Konkurrenz auf dem inneren Markt erdrückt, gewonnene Absatzgebiete in fernen Ländern durch Wandlungen der Verhältnisse, auf welche Deutschland keinen Eiuflnß hat, verloren gegangen, wie sollen solche, selbst in der Blüthe vom Untergang bedrohte, oder zwischen Tod und Leben ringende Unternehmungen an Einrichtungen für die gesicherte Lage ihrer Arbeiter denken, Einrichtungen, die immer auf eine lange Wirksamkeit berechnet sein müssen?
Der erste unerläßliche Schritt für jede Maßregel zur Besferung der Arbeiterverhältniffe ist die Sicherung der nationalen Arbeit wenigstens in ihren Hauptzweigen. Erst wenn ein solcher Zustand verhältnißmäßiger Sicherheit erreicht ist ober in Aussicht steht, kann die freiwillige Thätig- keit zur Hebung der Arbeiterverhältnisse, sowie die Einwirkung des Staats auf gegebenen Punkten einfetzen.
Das Augenmerk der Regierung bleibt nach wie vor auf die Erleichterung der drückenden diretten Steuer gerichtet und es finden schon jetzt Erwägungen statt über Maßnahmen, die mindestens den Anfang einer derartigen Erleichterung bet bireften Besteuerung zu bilden geeignet sein werden.
Daß man jetzt, wo kaum Wochen seit der Verkündigung des Tarifs, der einen mäßigen Schutz bet nationalen Arbeit bezweckt, vergangen sind, bereits höhnisch, wie die fortschrittlichen Blätter thun, hinweist auf die noch nicht gefüllten Werkstätten, auf die noch nicht gestiegenen Arbeitslöhne, während man andererseits die Versuche gewinnsüchtiger Spekulation, unverhältnißmäßige Preissteigerungen auf Grund unbeträchtlicher Zollerhöhungen zu erzielen, als eine berechtigte Folge der Tarifreform schildert, dies Alles verräth den Charatter einer revolutionären staats- und vaterlandsfeindlichen Partei ES mag gelingen, die von der Sozialdemokratie unterwühlten und beherrschten Arbeiterkreise eine Zeit lang unter bet fortschrittlichen Fahne zu sammeln, verstärtt durch neu verhetzte Elemente, welche den utopischen Plänen der Sozialdemokratie bisher kein
Vertrauen schenkten oder die gewaltsamen Mittel derselben verabscheuten. Die Mehrheit der deutschen Ration aber wird in allen Theilen des Vaterlandes, insonderheit auch in unserem preußischen Staat, die Ruhe des Urtheilö und die Kraft des Willens haben, sich nicht um das Banner der Revolntton, sondern um die Erhaltung des Staats, um die Erhaltung der nationalen Arbeit und insbesondere um die Aufgabe der mit Besonnenheit, aber dauerhaft herbeizuführenden Besserung der Lage deS Lohnarbeiterstandes zu fchaaren. Daß es zu dieser Scheidung des Gegensatzes schon bei der nächsten Wahl des preußischen Abgeordnetenhauses kommt, ist eine Rothwendigkeit, welche nur diejenigen zu verbergen streben, die nicht den Muth der Sozialdemokratie haben, sich zur offenen Feindschaft gegen den Staat zu bekennen. (Pr.-C.)
Taqe-bericht.
Der „Reichsanzeiger" schreibt: Die Zeitungsnachricht von der angeblichen Fußverstauchung des Kronprinzen ist unrichttg; der Kronprinz hat nur eine wunde Stelle am Fuß, welche da» Gehen ekschwert.
Der „N. Pr. Z." schreibt man: Von der Mitte dieses Monats ab beginnen die Mitglieder des Staatsministeriums, welche sich auf Urlaub befinden, nach Berlin zurückzukehren. Den Anfang macht der Justizminister Dr. Leonhard, desien Urlaub am 15. August abläuft; ihm folgen sodann der Kriegsministet v. Kameke, CultuSminisier v. Puttkammer und wahrscheinlich Staatsminister v. Bülow, dessen Urlaub jedoch ein unbestimmter ist. Bis zum 15. September, an welchem Tage der Urlaub des StaatSministerS Hofmann abläuft, ist das StaatSministerium beinahe vollständig wieder hier versammelt. Vor diesem Termine wird voraussichtlich weder in Betreff des Landtages, noch hinsichtlich anderer wichsiger Fragen schwerlich eine Entscheidung getroffen werden. Auch die Frage wegen Eröffnung der Generalsynode kann nicht vor Ende dieses Monats zur Erledigung kommen, da der CultnSminister und der Präsident des OberkirchenratheS sich vorher darüber verständigen müffen. Staatsminister Maybach ist bereits von Lorch nach der Schweiz übergesiedelt; er arbeitet ununterbrochen an den verschiedenen Eisenbahnvorlagen weiter und wird noch vor Ablauf seines Urlaubs in Berlin erwartet.
Die Ernennung des General-Feldmarschalls von Manteuffel zum Ober-Kommandirenden der Truppen in Elfaß- Lothringen kann gegenwätttg bereits als Thatsache angesehm werden. Während der Uebungen deS 15. Armeekorps im Laufe des nächsten Monat» wird General von Fransecky noch das Oberkommando über das Korps führen, dann aber dasselbe niederlegen und der neue Statthalter beim Antritt seiner politischen Funktionen damit betraut werden.
U Die Priuzessiu von Zwei-Brücke«.
• j Novelle von Rud. Mellnau.
,I (Schluß.)
’/»X Da umstrahlte ein höherer Glanz das Antlitz der armen 'Wanken, ihr Auge leuchtete in himmlischer Verklärung, , Hände falteten sich zum Gebet, der bleiche Mund aber 1 Wdestc leise: ,
H „Lebend ober tobt — Dein auf ewig!"
H. Der letzte heißeste Wunsch ihres Herzens war erfüllt, g hatte sich ausgesöhnt mit dem Freunde, und als dieser verließ, nahm sein Herz einen hellen, freudigen Klang ^Wt hinweg, den er immer und immer wiederholte: 1# „Lebend ober tobt — Dein auf ewig!" —
3 X Gleich nach bet ersten Vernehmung Sabinens war ein 3 Wbote an ben Hof des Markgrafen geeilt, um diesem die von dem Wiederfinden der Prinzessin von Zwei- ^Sfricfen zu überbringen und gleichzeittg die Festnahme und lE^lage Konrad von Raven’s als Mädchenräubet zu be- 9*E*n; dies war leidet zu spät, indem der Marschall, der ^Wnsalls schon Kunde von dem in Halberstadt Geschehenen '?kWalten hatte, sich bei Nacht und Nebel mit Zurücklassung Slip1 seiner Habseligkeiten auf und davon gemacht hatte. 1<W angestellten Nachforschungen blieben erfolglos. 9rJfe^nc zurückgelassene Habe wurde vom Markgrafen dem aPt9*1*011 Reifgersten als Eigenthum überwiesen.
1 1 Der Abt Anselmus, dessen ganzes Verfahren gegen die sMvgstau vor wie nach seiner Verbindung mit dem Mar- 'OMall höchst zweideutig erschien, wurde mit der geistlichen J^PWenj für diesen Fall belegt, im Uehrigen aber wurde
durch Vermittelung des Erzbischofs über seinen Antheil am Verbrechen gegen Sabine vor den Augen der Oefftnt- lichkeit ein nicht zu lüftender Schleier gezogen, da eS der hohe geistliche Herr nicht gerathen hielt, die Welt in einen Spiegel blicken zu lassen, der die Vetderbniß und Scheußlichkeit seines Standes in hohem Maße zeigte. — Der Abt Anselmus verschwand aus Magdeburg und nie hat man wieder von ihm gehört.
Die Frau Priorin Klaudia endlich wurde ihres Amtes als Priorin enthoben und als gewöhnliche Nonne in ein Kloster des westphälifchen Städtchens Wiedenbrück versetzt.
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So hartnäckig auch die Krankheit Sabinen’» aufgetreten war so schienen die Befürchtungen ihrer Umgebung doch nicht in Erfüllung gehen zu wollen; Leben und Tod rangen zwar gewaltsam mit einander, aber die sonst kräftige Natur der Jungstau besiegte den finsteren Knochenmann, die gefahrvolle Krisis war glücklich vorübergegangen und der Arzt erflärte sie außer Gefahr. Seit dem Tage vorzüglich, an welchem sie sich ausgeföhnt mit dem einzigen Freunde ihres Herzens, war ihr Zustand ein ganz anderer geworden. Die Lust zum Leben erwachte mit neuem Reiz in ihrer Brust, und nur der Gedanke, daß sie eine vater- und mutterfofe Waise sei, lag oft wie eine centnerschwere Last auf ihrer Seele. Dennoch aber ging ihre Genesung rasch und glücklich von Statten und nach Verlauf weniger Wochen erhiett sie vom Arzte die Erlanbniß, wieder anSgehen und die frische Lust genießen zu dürfen. Ihr erster Gang war in das Haus des alten Reifgersten, wo sie natürlich mit ungeheuchelter Freude, mit offenen Armen und Herzen empfangen wurde. Da sprach denn der Alte ohne Um-
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schweif frisch von der Leber weg seinen Herzenswunsch, Sabine als liebe Tochter in sein Hau« aufnehmen zu können und — er fand Erhörung. Beide Liebende verstanden die Sprache ihrer Herzen und was die Jungfrau gelobt, sie durste und wollte es heute nicht zurücknehmen, sie hielten sich umfangen, als wollten sie nie wieder getrennt von einander fein, und der alte Vater erflehte mit freude» fenchtem Auge des Himmels reichsten Segen auf die Häupter feiner Kinder herab. —
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Und wir können nun weiter nichts mehr hinzufetzen al»: Sebastian und Sabine wurden Mann und Weib! — Die Tage ihres Lebens waren von nun an um so freudenvoller, je dunkler ihre Vergangenheit gewesen war und der alte Reifgersten verjüngte sich an dem Glücke seiner Kinder. Sabine aber betrachtete es insbesondere noch als ihre Aufgabe, ihm das zu sein, wo« ihr das Schicksal nicht vergönnt hatte, ihrem Vater in seinem Älter sein zu können. —
Wenn aber am kühlen Sommerabend der Vater sein Pfeifchen anbrannte und hinauffchlenderte, den Sohn im Amte abzulösen, dann war eS für Sabine eine Herzensfreude, mit dem Gatten einen Abendspaziergang zu machen, und bittend hing sie sich an seinen Arm, bis er sich an» schickte, mit ihr die Gräber der Eltern zu besuchen. — Es waren schöne, selige Augenblicke, die sie hier, umschwebt von den heiligen Geistern der Verklärten verlebte und manch’ Blümlein, von ihren Thränen bethaut und getränkt, erblühte der Geliebten stiller Gruft! —