Einzelbild herunterladen
 

Ät. m

Marburg, Freitag, 8. August 1879

UV. Jahrgang

WchkM jfituiij

99}

>i

'S

78

>;

. ior

। 3tll

81

3

101}

84}

881

Ä

91

90

53

103

Die Priuzessiu von Zwei-Brücke«. Novelle von Rud. Wellnau.

(Fortsetzung.)

4.

Wer nicht gerade ein handwerksmäßiger Parlamentarier oder eingefleischter liberaler Theoretiker ist, dem der Par­lamentarismus das A und O seiner ganzen Weisheit ist, der hat in dm letzten Jahren die Ueberzeugung gewonnen, daß wir vom Parlamentarismus schier erdrückt werde». Eine ParlammtSwahl und eine Parlamentssession jagt die andere. Kaum ist zum Landtag gewählt, so folgt die Reichötagswahl und noch hat der Reichstag nicht seine Wahlprüfungen beendigt, so steht wieder eine neue Land­

lagswahl vor der Thür. Dazwischen fallen die Provinzial­landtage, die Kreistage, und seit man auch in den alten Provinzen die Kirche in die Parlamentsjacke gesteckt hat, kommen zu den politischen Parlamenten auch die Kirchen­parlamente, von den Gemeindekirchenräthen und den Kreis- synvden bis hinauf zu den Provinzal- und Generalsynoden. Und wenn wir die Männer anschauen, welche in den Par­lamenten sitzen, so sehen wir, daß zwei Drittel derselben fast allen diesen Parlamenten angehören. Noch ist der Landtag nicht geschlossen, so tritt der Reichstag schon zu­sammen, dem sie ebenfalls angehören, und wenn dieser zu Ende ist, — nicht selten auch zwischen diese Parlamente hinein — fallen die Provinziallandtage, und kaum sind diese geschlossen, so müssen sie wieder zur Provinzial- oder Generalsynode reisen. Es liegt auf der Hand, daß diese • Überhäufung mit Parlamentarismus auch die besten Kräfte und die größte Opferfreudigkeit ermüden muß. Die Abgeordneten sehnen sich nach Ruhe, sie werden gleichgültig gegen die parlameutarischen Geschäfte, überlassen sie gern - denen, die sich aus irgend einem Grunde dazu vordrängen;

den Vorlagen wird nicht mehr die Sorgfalt zugewendet, welche nöthig wäre; die Gesche erhalten das Gepräge der Parteischablone, die Abstimmung über dieselben unterliegt dem Zufall und so werden sic zumeist in Folge der Com- promifse zwischen den verschiedenen Parteien in einer Weise - M Stande gebracht, daß eigentlich Niemand damit zu- ssirden ist und Jeder die Ueberzeugung mit sich nimmt, daß sie sich nicht bewähren und sch»n sehr bald wieder als reformbedürftig an das Parlament zurückgelangen werden, aber erst dann, wenn er weiß, wie viel Schlimmes l dadurch im Volksleben angerichtet worden ist. Das ist das Schicksal aller neueren Gesetze. Nicht ein einziges ; d«selben hat sich bewährt. Alle sind reformbedürfttg. ■ Nur der Eigensinn der liberalen Partei, welche die Gesetze der letzten 12 Jahre als Ausführungen ihres Programms gefordert, berathen und bewundert hatte, will das nicht Mgeftchen — bis die Macht der thatsächlichen Erfahrung auch Men Eigensinn bricht — oder die Eigensinnigen bei vrüe schiebt — wie das jetzt geschehen ist.

?o Pi 42 , -76 , -64 r -21 , In */., 1‘, 101} . 102

879.

■ Geld.

99}

106

99}

82}

82}

73}

81}

i -

89}

90

91}

62}

4 ioo

; los;

104$ f/5*

' 128}

131

117

125}

• 121$

t. in IS

175

88}

263}

293

322

184}

Steigen nimmt entgegen: »je Expedition d.vlatte», sowie d.Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Eo. in Raffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; naasenstein & Vogler in Frankfurt a- M., Berlin. Leipzig, Cöln rc.; Rudolf Stoffe in Berlin, Frank­furt a. M. rc.

102}

4 104$ 100}

98}

98$

98}

99}

’i 69}

59}

Parlamentarische Reform. e

in Ansatz zu bringen sind? Der Minister des Innern hat sich daher in einer Verfügung dahin ausgesprochen, daß es unzulässig sein würde, nur die auf dreiviertel Jahre berechneten Heberollen in Rücksicht zu ziehen, daß aber der Vorschlag, denselben den Betrag eines Quartals hinzuzu­rechnen, um so weniger Bedenklichkeit habe, als bei der geringen Veränderlichkeit der Gebäudesteuer sich daraus der Betrag ergebe. Die mit der Aufstellung der Urwähler­listen beauftragten Behörden sind daher hiernach zu instruiren.

Auf die Frage des Herrn v. Treitschke: „Wer sollte nicht bedauern, daß die Politik des Reichskanzlers, so viele köstliche Kräfte vor der Zeit vernicht?" antwortet die Prov.-Corresp. mit dem datenmäßigen Nachweise, daß Ministerwechsel während des 17jährigen Bestehens des Ministeriums Bismarcks verhältnißmäßig selten vorgekommen sind, daß mehrere Minister 9 und 10, ja 16 Jahre im Amte waren, andere aus Rücksichten auf ihr hohes Alter aus dem Staatsdienste fchieden. „Kann man da wohl im Ernst sprechen von einer massenhaften „Vernutzung köstlicher Kräfte vor der Zeit?« In dem 17jährigen Zeitraum der Amtsführung des Fürsten Bismarck haben andere Länder 20—30 Wechsel der ganzen Ministerien und außerdem noch Wechsel wichtiger Posten in denselben er­lebt. Was England betrifft, so haben seit Palmerstons Tode, 1865, nach einem kurzen Ministerium Ruffel ver­schiedene Kombinationen von Toryministerien bis 1868 einander aufgelöst, wo das Ministerium Gladstone eintrat, welches 1874 durch das jetzige Ministerium ersetzt wurde Innerhalb der Ministerien gleichen Gesammtcharakters haben aber fortwährend zahlreiche Personalwechsel stattge- fnnden. Es ist keine Uebertreibung, sondern die statistisch begründete Wahrheit, daß eine Festigkeit der höheren Staatsämter, wie im deutschen Reiche und in Preußen, sich in keinem Lande der Erde wiederfindet."

In Wien, Pest, Paris werden Stimmen warmen Lobes und unumwundener Anerkennung des loyalen Ver­haltens der russischen Regierung laut, weil letztere den im Berliner Vertrage vorgesehenen Termin des Abzuges der Okkupationstruppen aus den bislang noch besetzt gewesenen Lokalitäten der Balkanhalbinsel auf Tag und Stunde inne gehalten hat. Daneben freilich behauptet auch jetzt noch der eingefleischte Russenhaß gewisser Blätter das Feld, indem er der russischen Politik alle möglichen anderen Beweggründe unterstellt, als den an sich so einfachen und naheliegenden loyaler Vertragserfüllung. So giebt bei­spielsweise der „Pester Lloyd« zwar zu, daß die Räumung Bulgariens durch die Russen in der natürlichen Ordnung der Dinge begründet erscheine, aber nur, um daran die für Rußland nichts weniger denn fchmeichelhafte Frage zu Gott und Menschen mein Weib werden, und Freud und Leid mit mir theilen, bis einst der Tod uns trennt?"

Der Jüngling schwieg und wischte sich die Hellen Schweiß­perlen, die ihm die lange Rede erpreßt, von der glühenden Stirn, und sah in peinlicher Erwartung auf Sabine. Diese hob den, während SebasttanS Rede zu Boden gesenkten Blick, sah wehmüthig in das Auge des ängstlich harrenden Jünglings und sprach mit unsicherer, fast tonloser Stimme:

„Vor diesem unsichtbaren höheren Zeugen werde Euch, Sebastian Reifgersten, die Antwort: daß ich Euer Weib nicht werden kann, da ich bereits einem Andern verlobt bin, dem ich mein Herz geschenkt in unentweihter Reinheit. H"llge Rücksichten aber lassen es nicht zu, über dies Ver- haltmß zu sprechen; trefft daher eine andere Wahl und gebt dm Gedanken an mich auf, wie auch ich mich bemühen werde, Euch zu vergessen!"

Sebastian wußte nicht, wie ihm geschehen, als Sabine ihre Rede beendet; Zornesgluth mit Leichenblässe wechselten auf seinem Angesicht, sein Puls stockte minutenlang, und schien dann wieder siedend heiß durch seine Adern zu rollen; zitternd und wie vom Fieberschauer geschüttelt stand er da, und die Zunge versagte ihm den Dienst zum Reden. Er hatte mit der rechten Hand die Ecke des TischS erfaßt, um sich zu halten, mit der linken aber versuchte er seinen WarnrnS aufzunesteln, um sich Luft zu verschaffen. Eine solche Antwort hatte er nicht erwartet; einen solchen Schlag konnte er kaum ertragen, eine solche schimpfliche Niederlage — nach seiner Meinung — konnte seine Brust nicht gut bergen! Er rang nach Worten, endlich brachen sie sicb Bahn:

„Wohlan denn, so verlasse ich Euch und Euer Haus aus Nimmerwiederkehrl" rief er mit wilder, erregter Stimme;

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte« sowie d. Annoncen-Bureauz von G. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl ♦ daselbst; Jnvalidendanl in

Berlin; W. Thiene» in Elberfeld; C. Schlotte in

Bremen.

Tagesbericht.

. Nachdem der Kaiser am 2. September die Parade über das Gardecorps abgehalten haben wird, wird er sich am 4. nach Königsberg begeben zur Abhaltung der Revue des 1. Armeecorps, dessen Königsrevue am 5. in der Umgebung von Königsberg stattfinden wird.

In einem „die Bekämpfer des reformirten Tarifs" betitelten längeren Artikel weist die „Prov.-Corresp." auf den Eifer der Gegner, welche der Ausführung der neuen Tarifpolttik keine Ruhe und keine ungefälschte Erfahrung gönnten, ferner auf die Kampfmittel hin, deren sie sich bedienten, was Alles deutlich zeige, daß die Wirthschafts- reform die praktische Hauptfrage der nächsten Zukunft bleibe. Auch die zunächst zu erwartenden politischen Wahlen konnten feinen anderen Gegenstand haben. Es gelte, das gesetzlich feststehmde Werk trotz seines Abschlusses nicht ge­fährden und vereiteln zu lasten. Ter Artikel schließt: Die Lösung der Wahlen kann keine andere sein als: nationale Arbeit, Selbstständigkeit oder Abhängigkeit des Nationalwohlstandes von Handlangerdiensten für den Absatz fremder Erzeugsländer, für Leistungen fremder Industrien, die es in der Hand haben, diese Dienste jeden Augenblick aufzukündigen und dadurch dem deutschen Volke zugleich mit der wirthschaftlichen die politische Existenz zu schmälern oder zu rauben.

Seitens der Zollverwaltung ist die Wahrnehmung ge­macht worden, daß — wie ja auch zu erwarten stand — seit Einführung der neuen Zölle auf Vieh auch der Schmuggelhandel an den Grenzen sich vermehrt hat. Seitens der Reichsverwaltung hat man deshalb schleunigst dafür Sorge getragen, die in dem Etat pro 1879/80 in Ansatz gebrachte Vermehrung der Landgendarmerie an den Grenzen gegen Rußland und gegen Oesterreich-Ungarn welche ursprünglich nur zur Abwehr der Rinderpest in Aussicht genommen war, in's Werk zu setzen. Die Zahl der neu einzustel­lenden Landgendarmen wird sich belaufen auf 149 Fuß- gmdarmen, 24 berittene Gendarmen und 8 berittene Ober- Wachtmeister. Von einer Vermehrung der Gcndarmerie- officiere hat man Abstand genommen, jedoch sollen, da für die gegenwärtig fungirendcn Officiere durch die Vermeh­rung der Gendarmerie eine Vermehrung des Dienstauf­wandes eintritt, denselben Entschädigungen gewährt werden

Mit Rücksicht darauf, daß die diesjährige Gebäude- steuer-Heberollen nur die Beträge für die Zeit vom 1. April bis Ende d. I. enthalten, die für das 1. Quartal des nächsten Jahres noch nicht festgestellt sind, ist in Frage gekommen, welche Gebäudesteuerbeträge bei Aufstellung der Urwählerlisten für die Neuwahlen zum Abgeordnetenhause im Sonntags-Anzuge Sebastian Reifgersten, etwas verlegen die Jungfrau grüßend.

„Verzeiht, ehrenwerthe Jungfrau," begann er nach Ueber- windnng der ersten Schüchternheit, „daß ich Euch so früh schon in Eurer häuslichen Handthierung störe; aber eine längst gern abgethane Sache größter Wichtigkeit führt mich zu Euch; war auch schon bei Eurem guten alten Vater, ihm mein Anliegen mittheilend, doch verwies mich dieser wiederum an Euch. Hört denn: Seit dem Tode meiner in Gott ruhenden Mutter ist tiefe Trauer in unser Haus eingezogen; da ist keine treue Mutterhand, die den Will­komm uns bietet, kein liebend Weib, das dem Gatten und Sohn vorsetzt zur Erquickung nach des Tages Last und Mühen; kein Wesen, das in freundlicher Sorglichkeit ihnen den Aufenthalt daheim im Häuschen angenehm macht; wohin das Auge sich wendet, es fehlt, und unausgefüllt bleibt die Lücke, verödet und vereinsamt steht das kleine Hauswesen, sonst das Heiligthum der guten Mutter, da! Gekommen bin ich nun heute, edle Jungfrau, um Euch, die Gespielin meiner Jugend zu erwerben und allen Ernstes Euch zu fragen, ob Ihr gesonnen seid, vereint mit Eurem betagten Vater als meine Gattin in unser Haus zu ziehen, welches Euch gewißlich ein gar lieber Aufenthalt werden soll! Ihr nur allein, außer dem Vater droben, könnt wiffen, wie mein Herz mit ungeteilter Liebe an Euch hängt!

„Die vielfachen Beweise, die ich Euch bereits gegeben, sprechen dafür, daß nur Ihr und Ihr allein auserkoren seid, von früher Jugend auf, dermaleinst vereint mit mir den ehelichen Segen in unsere Hütte zu tragen! Wir sind allein, nur ein Zeuge hört uns und vor diesem einen Zeugen frage ich Euch, tugendbegabte Jungfrau: Wollt Ihr vor

% _ । Ein lieblicher Sonntagsmorgen, der den verwichenen 1* folgte, hatte sich über die Erde gebreitet. Die Sonne ' irr Weir heute ebenso, wie die Erdenkinder, ihr festlich Kleid - 8? ^gelegt zu haben, und hatte schon längst ihre golbenen - 738. ^stahlen in das von Sabinens Hand gesäuberte Zimmer • 23; - Mendel. Vater Weise hatte seinen Posten auf den Brücken N versehen, und war bereits nach eingenommenem Morgen- 168 *ahl nach oben geschritten, um die beiden Thore zu öffnen. - ‘ ^fbine aber, nachdem sie ihre häuslichen Arbeiten beendet, Sackte sich an, ihren sonntäglichen Anzug aus der, auf 3 <;} : 7*1 kleinen Boden des Hauses befindlichen Lade herabzu-

- Wen und zu ordnen; dann mußte sich noch vorbereitet werden « N den heuttgen Kirchgang, der ein ganz besonders fest- 265'8 Ucher zu werden verhieß; der Erzbischof Erich nämlich 24.» Wte heute die kirchliche Weihe empfangen, und dieser Art io°j Festlichkeiten die Krone auffetzen.

A L Sabbathliche Stille herrschte in dem kleinen Raume 15* ? einfachen Stübchens; noch einmal überblickte Sabinens 15Endlich mildes Ange jeden Winkel, jede Ecke, gleichsam, Ä to?- sich zu überzeugen, ob Alles geordnet und nichts ver- tA *otn sei. Eben wollte ihre zarte weiche Lilienhand die * 3?- vergilbte Familienbibel, die auf dem Kamine über der ihren Platz hatte, herabnehmen um einen Abschnitt ™ Vorbereitung auf die Predigt zu lesen als sie die Thür Hauses sich öffnen hörte und Jemand durch Schritte gti Kommen kund tat. Die Thür des Stübchens ward —*öffnet und herein trat mit schüchternem Blick und Wesen