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Marburg, Sonnabend, 2. August 1879

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an dem Krankenbette seines stechenden Weibes die Stelle als Wärterin versehen möchte. Allein, sprach er, dürfe man die Kranke, deren Zustand in den jetzigen Tagen ein sehr bedenklicher geworden sei, nicht mehr lassen, und einer fremden Person trage er Bedenken, sein Hauswesen anzu­vertrauen. Er selbst aber, sammt seinem, unten im Nachen harrenden Sohne, Sebastian, dürfe bei dem morgen zu machenden großen Fischzuge nicht fchlen, falls er nicht Verzicht leisten wolle auf den beträchtlichen Antheil, der auf sie komme.

„Und," setzte er nach kurzem Stillschweigen hinzu, „Ihr wißt aus Erfahrung, die lange Krankheit meines lieben Weibe- macht Kisten und Kasten leer und zehrt den er­sparten Nothpsennig vollends auf. Da hatte nun der Bastian den Einfall, wenn die Kranke ein wenig einge­schlummert, wolle er den Nachen bereit halten, um hinüber­zuschiffen zu Euch, und da bin ich nun selber, meine Bitte wißt Ihr, Eurer Antwort gewärtig!"

_ Mit tiefer Bekümmerniß über des Freundes Unglück drückte Vater Weise dem Nachbar die Hand und sprach im Einverständniß mit Sabine, in deren Blicken er ihre Ge­neigtheit laS; sein Wunsch dürfe nicht unerfüllt bleiben und morgen früh, wenn die ersten Strahlen der Sonne die Erde erwärmen, möge er nur den Nachen senden, um Sabine zur Kranken zu holen. Zwar käme eö ihm ein wenig unge­legen, meinte er noch, indem er morgen einen AuSgang in die Stadt zu machen habe, um sich Raths zu erholen in der Bürgermeisterei, wegen der Aufzugs des Fischergewerks, bei dem nahe bevorstehenden Einzug des Markgrafen Otto, der sich nach jahrrlager Feindschaft und blutig geführter Fehde mit der Lüadt und dem Erzbisthum endlich aus­gesöhnt habe; doch wolle er sein Vorhaben auf einige Tage verschieben, da die Angelegenheit des Nachbars und sein kranke- Weib von größerer Wichtigkeit sei. Nachdem die

cr sich in Vermuthungen über den späten Besuch zu hen, als sie den Vater in trautem Gespräch mit einem Ankömmlinge die Thür öffnen und eintreten sah. Wie te sie aber, als sie in das Gesicht des Fremden sah des Vaters besten Freund, den Vertrauten seiner Lei- und Freuden, Steffen Reifgersten erkannte. Treuherzig

Die Prinzessin von Zwei-Brücke«.

Novelle von Rud. Wellnau.

(Fortsetzung)

Sache zur Erledigung gekommen, verabschiedete sich Reif­gersten, die besten und aufrichtigsten Glückwünsche zur bal­digen Genesung seiner Ehegattin von Vater Weffe und seiner Tochter mit sich nehmend. —

Am andern Tage saß Sabine wie ein tröstender Engel an dem Bett der Kranken und lauschte mit gespannter Auf­merksamkeit jedem leisen Athemzuge derselben. Auf trüge­rischen Wellen hinaus waren Gatte und Sohn, deren Herzen wohl auch hier von Besorgniffen aller Art nicht frei waren, obgleich sie wußten, daß sie die geliebte Kranke in den besten Händen zurückgelassen, sie selbst unter der Obhut des himmlischen Schutzherrn standen, ohne dessen allmächtigen Willen kein Haar von ihrem Haupte fallen durfte. — Das Pläffchern und Anschlägen der Wellen an die Ringmauer, welche das kleine Gehöft des Steffen Reif- gerstm umgab und von der Wafferseite eine dämmende Schutzwehr gegen die anströmenden Fluthen bildete, hatte die Kranke wiederum aus kurzem Schlummer geweckt und fragend richtete sie ihre todesmatten Augen auf die ihr zu Häupten sitzende Sabine, die besorglich sie ansah.

„Sind wir allein?" hob endlich die Kranke zu reden an.

„Allein!" antwortete das Mädchen; „Niemand außer uns ist im Stübchen; bedürft Ihr Etwas?"

„Nichts, mein gutes Kind," sagte freundlich die Kranke, „ich habe nur mit Dir zu reden, vielleicht zum letzten Mal in diesem Erdenleben!"

„O sprecht, redet!" flehte Sabine, „vielleicht wird durch die Mittheilung, die Ihr mir zu machen habt, Euer schwer- bedrückteö, kummervolles Herz erleichtert, vielleicht auch ver­mag ich durch TrosteSworte der heiligen Schrift Balsam in daffelbe zu träufeln."

(Fortsetzung folgt)

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Der Parlamentarismus und die öffentliche Meinung.

Es berührt uns eigenthümlich, wenn wir auS der

Togesbericht.

Zu den in der nächsten preußischen LandtagS-Session zu machenden Vorlagen wird, wie die Tribüne positiv meldet auch eine Novelle zur Städte-Ordnung vom 30. Mai 1853 gehören, welche bereits einmal von dem vorigen Minister des Innern eingebracht worden ist, nachdem die­selbe zuvor mit den ersten Bürgermeistern der bedeutendsten Städte vorberathen war. Der Gesetzentwurf über die Bildung der Provinz Berlin scheint dagegen derselben Quelle zufolge ganz und gar zurückgelegt, wenigstms hört man nicht, daß etwas geschehen sei, was auf Wiederbelebung dieser Vorlage schließen ließe.

Da« neue Kriegsgericht in Sachen des „Großer Kur­fürst", das über den Grafen Mons Recht sprechen soll, wird, wie die M. Z. hört, in spätestens vierzehn Tagen zusammentreten.

dankbaren und unzufriedenen Menschcnhcrzens handeln, welches der erhofften und ersehnten Güter in dem Augen­blick überdrüssig zu werden pflegt, wo sie in sicheren Be­sitz übergegangen und aus dem schimmernden Nebel des Ideals in den Zustand der derben Wirklichkeit eingetreten sind. Daß aber diesmal wenigstens dieser Vorwurf nicht ganz begründet ist, und daß jene Unzufriedenheit auf einem reelleren Grunde beruht, daß kurzgesagt die Parlamente der neuesten Zeit selbst an ihrer eigenen Diskreditirung gearbeitet haben, müßte ein flüchtiger Gang durch die Parlamentshäuser bis zur unwiderleglichen Klarheit er­weisen. Dem amerikanischen Kongreß gebührt in dieser Hinsicht die Palme, denn er hat längst durch nichts An­deres Freude erregt, als durch seine Vertagung. „Das Land kann nun wieder aufathmen und hat ein paar Monate Ruhe vor seinen Gesetzgebern," lautet die stereotype Phrase, mit der achtbare Blätter den Schluß der Session zu be­grüßen pflegen. Sehen wir in Europa von den Balkan­staaten ab, so haben wir in beiden Hälften Oesterreichs, wie in Italien eine Art Bankerott sämmtlicher parlamen­tarischer Parteien zu verzeichnen. In Oesterreich ist ein parlamentarisches Ministerium ein Ding der Unmöglichkeit geworden, nachdem die Verfassungspartei in sich selbst zer­fallen ist; in Italien ist man schon nach einem Jahr im raschen Kreislauf wieder an der äußersten Linken bei Cairoli angekommen, dessen Ministerium Niemand eine lange Dauer zutraut. In beiden Staaten giebt es statt parlamentarische Parteien eigentlich nur noch kleine Kote- rten, die, meist von persönlichen Rücksichten geleitet, wohl im Stande sind, Minister zu stürzen, nicht aber dauernde Regierungen zu bilden. In Frankreich, wo die Stetigkeit der Parteien gleichfalls viel zu wünschen übrig läßt, ist das Abgeordnetenhaus dauernd der Schauplatz der häß- Üchsten Skandale, und selbst im Musterland der parla­mentarischen Freiheit, Würde und Feinheit sind in letzter Zeit Auftritte vorgekommen, die nicht dazu dienen werden, das Ansehen des house of commons zu erhöhen. Und leider läßt sich nicht behaupten, daß unser Reichstag allein frei geblieben wäre von der Seuche, die durch zwei Welttheile zieht. Die jüngste Session mit ihren zahlreichen betrüben­den Erscheinungen, dem Zerfall der bisher maßgebenden Partei, den diversen Koalitionen, den kleinlichen Nörge­leien, den Ausgeburten persönlicher Gereiztheit, das Alles hat in weiten Kreisen ein Gefühl des Unbehagens und der Unzufriedenheit erzeugt, welches der Volksthümlichkeit die­ser Versammlung ernsten Eintrag thut. Während nun diesen tiefer liegenden Schäden des Parlamentarismus von außen her kaum beiznkommen sein wird, würde eö dagegen keineswegs im Bereich der Unmöglichkeit liegen, jener spezifisch deutschen Erkrankung des parlamentarischen

teigen nimmt entgegen: 2 Expedition d.Blatte«, d.Annoncen-Bureaux „ fb. Dietrich & Co. in M und Hannover; Th. bmch in Frankfurt a.M.; Egfenflein & Vogler in Ctfhtrt a M., Berlin, teig, Eöln ic.; Rudolf Gfe in Berlin, Frank« i fiöt a. M. ic.

Äür die Monate August und September kwerdeu von allen Postanstalten Beftellttvge» Bf die

ihc für den Freund eines freiheitlich gestalteten Verfas- M Webens ist, so gewiß wird es Pflicht sein, sie ins

»ge zu fassen und ihre Ursachen aufzusuchen. Man abet im Deutschen Reich den Grund für die wachsende beiur ^lnahmlostgkeit gegenüber den Vorgängen in den ge- " " Wenden Körperschaften gewiß mit Recht vor Wem in s ' ermüdenden und über die größere Hälfte des Jahres I M hinstreckenden Ausdehnung der in endloser Reihe ein- * to ablösenden Sessionen. Es ist ja eine barre Un- 3SCI Wchkeit, daß das öffentliche Interesse gleich rege bleibt,

am das, was sonst wohl den Reiz des Äußergewöhn- auch hm genossen hat, beinahe zum Regelmäßigen geworden acht • Allein es handelt sich hier um mehr als bloße Jn- -cchui «ssenlosigkeit und es handelt sich auch nicht blos um Erscheinung innerhalb der Grenzen unseres Reiches. 1., ir haben es hier mit einer Krankheit zu thun, deren hmptome weit über Europa hinaus sich beobachten lassen;

“ m den Vereinigten Staaten von Nordamerika oder in

Wesens, der maßlosen Ausdehnung der Seffionen, auf irgend einem Wege wirksam entgegenzutreten und durch weise Einschränkung der öffentlichen Ermüdung Rechnung zu tragen. Man denkt sich wohl nicht mit Unrecht, daß eine kleinere Zahl von Männern mit einfacherem Geschäfts­gang die vorliegenden Aufgaben in kürzerer Zeit ohne Schaden für die Sache bewältigen würde, und damit wäre sowohl deui Zeitmangel, als den vielbeklagten Verbrauch zu vieler Kräfte einfach und für immer abgeholfen. Wenn aber die Zeitverhältnisse im Augenblick derart sind, daß selbst eine leise nach dieser Richtung zielende Andeutung nur ganz schüchtern ausgesprochen werden kann, so sollte man doch um so mehr den gutgemeinten Vorschlag des Reichskanzlers, der die gewünschte Erleichterung auf einer anderen Seite bietet, nämlich vermittelst einer Verlänge- rnng der Etatsperioden, nicht so heftig und gereizt unbe­sehen zurückstoßen. Es geht Bismarck in diesem Punkte eigenthümlich. Man hat ihm seinerzeit den heimtückischen Gedanken zugetraut, er wolle den Parlamentarismus so zu sagen zu Tode Hetzen. Jetzt, wo er selbst, der ewigen Hatz müde, den Vorschlag zu einem gemäßigteren Tempo macht, wirst man ihm vor, er lege die Axt an die Wurzel des parlamentarischen Lebens. Wir denken vielmehr, in Anbetracht der Uebersättigung des Publikums und der Ueberreizung der handelnden Faktoren wäre Bismarcks Vorschlag ernstlicher Prüfung werth nnd bei richttger AuS- führnng wohl auch mit den festzuhaltenden Rechten des Volkes zu vereinigen. Wer weiß, ob nicht schon die größere Seltenheit der Sessionen znr Besserung des krankhaften Fraktionswesen führen würde'? (Schw. M.)

igcn Zeit mit ihrem überreich entfalteten parlamenta- hm Leben einerseits, ihrer parlamentarischen Ueber- tigung nnd Ueberreizthcit andererseits auf jene nicht gar weit hinter uns liegende Zeit zurückblicken, wo die ropäischen Völker in jugendfrischer Hoffnungsfreudigkeit t parlamentarische Verfassung als wahrhaftes Heilmittel r sämmtliche Schäden des Volkslebens ersehnt, erhofft, ämpft und endlich begrüßt haben. Wie nüchtern sind ir seitdem geworden, nnd welche erschreckende Gleichgül- tdt und Theilnahmlostgkeit, ja welch' tiefes Mißtrauen in weiten Kreisen des Volkes gegenüber Reichstag und wdtag zu beobachten. Allein so bedauerlich diese That-

Anzeigen nimmt entgegen die Spedition d. Blatte» sowie d. Annoncen-Bureaux von S-L. Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hennann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Thiene« in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen.

e er dem Mädchen die Hand und bat mit eindring- Worten um Verzeihung wegen seiner noch so späten nft, und der dadurch verursachten Störung bei der ndlichci, Andacht. — Nachdem Nachbar Steffen Reif- 1878' Wn, dessen Besitzthum am jenseitigen Ufer der Elbe lag, 1 Einladung, Platz zu nehmen, Folge geleistet und sich KM » wenig erholt hatte, begann er endlich Auskunft zu er- »’Ttien, ühxx den Zweck seines Besuchs.

Er sei gekommen, hob er an, den Vater Weise zu er- daß Sabine, sein Töchterlein, am morgende» Tage

erfai wach

'selbe mit deren Gratisbeilage

q Mnstrirtes Sonntagsblatt

Ipezk s Eines Abends, nachdem das Tagewerk vollendet und für ^bwe eben wieder die Bibel zur Hand genommen hatte, * ein Kapitel aus derselben zu lesen, ward noch zur [: Men Stunde an die kleine Pforte des niederen Hauses, 6tnl 8 nach dem Elbstrome hinauSführte, geklopft. Sabine iÄ inne' schritt eilend zum Fenster, um zu sehen, wer j H zu so spätir Stunde Einlaß begehre. Beim Schein •m ® Mondes, der eben hinter grauen Wolken hervorgetteten, '"bH^ahrte sie, wie zwei Männer in einem kleinen Nachen, $ en sie zu befestigen suchten, gelandet waren. Sabine t kaum dem Vater kurzen Bericht abgestattet, als der- । den Schlüssel zur Pforte von der Wand nahm, be- 8 sein Hauskäppchen aufs Silberhaupt setzte und irci^rbschritt, um zu öffnen. Noch war Sabine nicht zu

- Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn« und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JlluftrirteS SonntagSblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr). - JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfa.

Iür in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pf«, berechnet.

td einem der europäischen Verfaffuugsstaaten, fast über- dE.si"det sich dieselbe allgemeine Unzufriedenheit mit den ngen der Parlamente. Mau könnte nun vermuthen, L werde sich hier auch um jenen bekannten Zug des un-

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