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Marburg, Sonnabend, 31. Mai 1879
XIV. Jahrgang
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— In der Milizfrage beharren die neuen Autoritäten darauf, daß die Cadrcs aus Eingeborenen bestehen, während die Russen, die zu diesem Zwecke in die Miliz eingetretenen russischen Unteroffiziere beibehalten wissen wollen. Diese Differenzen drohen in der Miliz selbst eine Spaltung hervorzurufen. — Die „Polit. Corresp." meldet aus Bukarest: Vorgestern passirte bei der Probefahrt die erste Lokomotive der rumänischen Bahnlinie Plojesti - Predeal. Der Zustand der Bahn wurde solid befunden.
verziehen wir uns in eine Loge und lassen uns Wein und Kuchen bringen. Hier will ich das Aufsehen vermeiden. Später tanzen' wir zusammen.
Rose, war mit Allem einverstanden, nur wünschte sie zunächst eine Portion Gänsebraten. Bald dampfte für beide dies in allen Gasthäusern Berlins in den Monaten Oktober, November und December unvermeidliche und beliebte Gericht mit zwei kleinen Biergläsern Punsch auf den Tisch. Während sie aßen und tränte#, kamen auch Louis und Fritze erhitzt aus dem Tanzsaal, jeder eine eroberte Schöne im Arm, an den Tisch und begrüßten August und bessen Begleiterin wie alte Bekannte, die sie lange nicht gesehen. Sie wurden von August genöthigt, ebenfalls Platz iu nehmen, was sie denn auch nicht unterließen. Auch sie ließen für sich und ihre Schönen «ppeifen und Punsch bringen und bald herrschte allgemeine Heiterkeit unter den fichs Personen, natürlich gewürzt mit den sriwolsten Redensarten. Die Palme mußte unter den drei Frauenzimmern der Geliebten August's gereicht werden, welche sich übrigens noch am anständigsten in ihrm Ausdrücken zeigte. Sie wurde auch von andern jungen Männern wohlgefällig gemustert und bemerkte dies sichtlich gern, denn sie ant- Uwrtete, vielleicht nur zu oft für die Ruhe August's, mit einem Blicke den sie Beobachtenden.
her mit dem Haar verdeckt hatte. Einen Augenblick blieb 1 er noch überlegend stehen, dann aber trat er zu dem Gen- ‘ barmen in dem ersten Zimmer und flüsterte ihm leise zu, er habe ihm etwas äußerst wichtiges jmitzutheilen. Sie müßten aber allein sein.
Ja schwerer Zeit!
Eine Berliner Geschichte aus den Jahren 1811—1816 von Joh. Beyssel.
(Fortsetzung.)
„Röse", begann August, „wir wollen hier unten erst
wurf der Seltsamkeit ist der Natztg. dennoch zu machen und zwar deswegen weil sie aus diesen Gesuchen auf dir Intimität des Hrn. Windthorst mit der Regierung geschloffen hat, während ihre eigene Intimität mit diesem Staatsmann offenbar weit größer sein muß, da sie füi den Inhalt der Privatkorrespondenz desselben sich zu verbürgen im Stande ist. — Die Bundesrathsausschüsse für Verfassung, Justizwesen und für Elsaß-Lothringen haben gestern dem Bundesrath in Bezug auf den Gesetzentwurf über die Verwaltung Elsaß-Lothringens den Antrag überreicht, diese Vorlage in der Fassung anzunehmen, welche aus den Berathungen der Ausschüsse hervorgegangen ist. Die Abänderungen sind folgende: § 1 heißt anstatt, der Kaiser kann die Ausübung der Staatsgewalt einem Statthalter übertragen u. s. w., der Kaiser kann landesherrliche Befugnisse, welche ihm kraft Ausübung der Staatsgewalt zustehen rc. § 2 hat eine Zusammenziehung der in der Vorlage enthaltenen zwei Abschnitte in einen einzigen erfahren, M 4 und 5 ist in § 4 vereinigt, 8 6 des Antrages enthält den 8 7 der Vorlage und als 8 7 tritt ein die Bestimmung: Zur Vertretung der Vorlagen aus dem Bereich der Handelsgesetzgebung sowie der Interessen Elsaß- Lothringens bei Gegenständen der Reichsgesetzgebung können durch den Statthalter Kommissare zum Bundesrath abgeordnet werden, welche an der Berathung über diese Angelegenheit theilnehmen. Eine fernere Aenderung ist, daß beim Zusammensetzen des Staatsraths § 10 des Antrags die Mitgliedschaft oes kommandireudeu Generals streicht, 8 13 der Vorlage ist getheilt in §8 13, 14, 15, 16 und 17, § 18 der Vorlage fällt fort, da bessen Gegenstanb in den neuen 8 7 übergangen ist. In Bezug auf das In- : traittreten des Gesetzes bestimmt der letzte 8 23 an Stelle des 8 20 der Vorlage: „Der Zeitpunkt, an welchem obiges Gesetz in Kraft tritt, wird durch kaiserliche Verordnung - bestimmt. — Am 30. Mai findet im Reichskanzleramt eine Plenarsitzung des Bundesraths statt, auf deren Tagesordnung u. A. steht, der Freundschaftsvertrag mit Samoa, ferner der Gesetzentwurf wegen Abänderung des Reichshaushalts und Landeshaushalts für Elsaß-Lothringen, der Gejetzentwurf über die Verwaltung Elsaß-Lothringens, endlich der Bericht des Justizausschusies über § 34 und 35 ■ des Reichsbeamtengesetzes. — Unter Vorsitz des Grafen; Stolberg trat das Staatsministerium am 29. d. M. zu einer Sitzung zusammen. Außer einer Anzahl von Disciplinar- sachen, die auf der Tagesordnung standen, wurde das von uns wiederholt erwähnte Regulattv über die Vorbereitung । für den höheren Verwaltungsdienst zum Abschluß gebracht. — Fürst Bismarck ist heute nach Varzin abgereist. ।
Köln, 28. Mai. Heute Vormittag ist Joh. Classen- Kappelmann, das älteste Mitglied des Stadtverordneten- Collegiums, früher Landtags-Abgeordneter, auf seinem Gute Weyerthal im 62. Lebensjahre gestorben.
Erscheint täglich.außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für bog Quartal mit bet wöchentlichen Beilage „JlluftrirteS Sonntagsblatt" burch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 2a Mark, durch bie Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Psg. lexcl. Bestellgebühr). — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Psg.
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Der junge Mann ging wieder in den Tanzsaal und strich wieder vor der Gesellschaft vorüber, gab sich aber da« Ansehen der größten Unbefangenheit. Er that sehr wohl daran, denn er konnte ganz gut bemerken, daß August und seine Genossen ihn mit den Augen verfolgten. Um noch ein Uebriges zu thun, ließ er sich mit einer entgegen kommenden Person in ein Gespräch ein und offerirte ihr Kuchen und Punsch. Nichts verrieth au ihm, baß er das geringste Interesse für andere Personen habe. Dann begab er sich ruhig nach dem Stelldichein.
Er hatte nicht lange gewartet, als auch der Gendarm kam.
„Ich bin", begann er leise, „mit der Familie des Predigers in Marieufelde näher bekannt. Wie sie wissen, ist daö Dorf vorige Nacht angesteckt und fast ganz niedergebrannt. Die geretteten Sachen sind hinterher im Wirrwar meist gestohlen; der Frau des Predigers in einem Kästchen auch ein Paar Ohrringe mit kleinen Brillanten. Diesen Schmuck, den ich genau kenne, hat die hübsche Person in der dritten Stube vom Eingänge zum Lokal, welche an 1 bem größeren Tisch an der Wand, zunächst am Fenster
„Gehen Sie", flüstctte der Gendarm, „nach einer Weile nach dem Hofe links, Sie wiffen ja — ich werde Ihnen in einigen Minuten folgen." Laut sagte er, als ein paar Personen sich näherten: „Ich kann Ihnen heute keine Auskunft über seine Wohnung geben, kommen Sie morgen nach dem Präsidium um 10 Uhr, und fragen Sie nur nach Sydow, so heiße ich nämlich."
Glas Punsch trinten und etwas essen, ich bin sehr hungrig geworden bei dem verdammten Juden Hirsch; dann
Steigen nimmt tmgegen: dir Expedition d.vlatte», sowie b.Annoncen-Bureaux von Td. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Td Dietrich in Frankfurt a M.; Haasenstein & Bögler in Frankfurt a. M., Berlin, Leipzig, Cöln rc.; Rudolf Moste in Berlin, Frankfurt c. üi. re.
Deutsches Reich.
♦* Berlin, 29. Mai. An die Nachricht, von dem Urlaub, welchen Fürst Bismarck bei dem Kaiser erbeten hat, werden allerlei sensationelle Folgerungen geknüpft, von einer Verstimmung des Kanzlers und von einem erkalteten Eifer in Bezug auf die Wirlhschaftsreform. Der Kanzler hat indeß durch seine Beurlaubung sich zwar die Freihett gesichert, in den nächsten Wochen an den Reichstagsverhandlungen persönlich theilzunehmen oder nicht, aber die Entschiedenheit und Hingebung mit welcher er die ganze Aufgabe der Finanzreform erfaßt hat, schließt jeden Gedanken aus, daß er sein persönliches Gewicht in allen entscheidenden Momenten nicht auch weiter einsetzen will. Uebrigens ist die Lage nicht im mindesten dazu angethan, ihn zweifeln zu lassen, daß er sein Ziel ganz ober zum größten Theil erreichen wird, wenn er auch eine lebhaftere Unterstützung behufs Erreichung noch größerer Erfolge erwartet hat. So lebhaft sein eigenes Interesse für die Durchführung der Lache auch weiter sein wird, so dürfte doch immerhin schon jetzt eine Erholung auf dem Lande und später ein wechselnder Aufenthalt hier und auf seinen Besitzungen möglich sein, ohne den Fürsten von der Theilnahme an den entscheidenden Momenten auszuschließen. Nur so dürste die schon jetzt erbetene Beurlaubung zu erklären sein. — Die Nat. Ztg. aiitwortet auf den Nachweis der Prov.-Cor. wer die Besetzung des Reichstagspräsidiums, in der Weise wie sie sich vollzogen hat, am meisten herbeigeführt hat, mit durchaus ausweichenden Wendungen. Außerdem wirft sie der Prov.-Corr, vor, von Alters her die Taktik zu üben, die Nationalliberalen zu scheiden und zu sondern. Nun ist aber diese Scheidung und Sonderung von dem Abg. Eugen Richter soeben im Reichstag in einer Weise kon- statirt worden, ohne baß eine Erwiderung erfolgte, welche den Ausspruch der Natztg. die Partei als ein geschlossenes Ganze zu behandeln, mehr als naiv erscheinen läßt. Für ihre Notiz, daß der Abg. Windthorst zahlreiche Gesuche um Befürwortung von Stellengesuchen empfangen, übernimmt die Natztg. eine förmliche Bürgschaft. In Negie- rungskreisen hatte man die Thatsache bezweifeln zu müssen geglaubt, da man dort mit der Privalkorrespondenz des Abg. Windthorst nicht so genau bekannt ist. Der Vor-
Jn Folge einer von ihr gemachten Bemerkung über die vorbeistreifenden Herren faßte August sie näher in's Auge. Dieser Musterung folgte eine plötzliche Blässe seines Gesichts. Er sprang auf, riß Röse von ihrem Platz und eilte mit ihr in eine Ecke des Zimmers. „Menschenkind", flüsterte er, „wie kannst Du nur so unvorsichtigt fein, die Ohrringe von gestern einzumachen?"
„Warum denn aber nicht; habe ich sie doch auf mein Theil von Dir bekommen."
„Du bist toll, schon jetzt damit Dich zu putzen. Kannst ja warten, bis die ganze Geschichte vergessen ist. Und nun noch gerade hier, an einem öffentlichen Orte. Gleich gehst Du, Du weißt schon wohin, und machst Dir die Ohrringe aus ober verdeckst sie mit den Haaren, daß sie nicht mehr zu sehen sind. Dies wird bas Beste sein, Du unvorsichtiges Frauenzimmer."
Röse folgte nnr ungern bem Befehl. AlS sie toieber in's Zimmer trat unb ihren alten Platz eingenommen hatte, konnte man nur wenig oder nichts mehr von ben mit kleinen Brillanten besetzten Ohrringen sehen.
Aber sie waren schon früher von einem aufmerksamen Beobachter gesehen worden.
Es war ein junger, den gebildeten Ständen angehöriger Mann, welcher daS interessante junge Mädchen näher ins Auge gefaßt und hierbei auch die Ohrringe wohl bemerkt hatte. Von dieser waren seine Blicke auf August und feine Genossen gefallen. Einigemal ging er noch sinnend durch die Zimmer, blickte zwar von Zeit zu Zeit auf die uns bekannte Gesellschaft, vermied aber, um nicht Verdacht zu erregen, jedes starre Anblicken. Er hatte die Entfernung der Trägerin der Ohrringe wohl bemerft, und es wurde von ihm auch nicht übersehen, daß sie die Ohrringe nach
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blattes sowie d. Annoncen-Bureau;
von G- L- Daube & Co. in Frankfurt a- M; Jäger'sch« Buchhandlung daselbst;
Hermann'sche Buchhandt - ♦ daselbst; Jnvalidendank in
Berlin; W. Thienes in Elberfeld: C. Schlotte in
Bremen.
HbfbUlHtrtlHt für den Monat Juni werden von allen Postanstalten angenommen.
Die Exped. d. Oberh. Zeitung.
Tagesbericht.
Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin beab= fichtigten Freitag nach Babelsberg überzusiedeln. — Der Fürst von Bulgarien dinirte gestern bei dem russischen Botschafter v. Oubril und wohnte heute der Parade bei. Rach dem Parade-Diner begibt sich der Fürst nach Potsdam und reift morgen Abend nach Paris und London ab.
Die Bundesrathsausschüsse haben die elsaß-lothringische Verfassungsvorlage erledigt. Wie die „Magdeb. Ztg." hört, wären nur einige unwesentliche Aeuderungen an dem Entwürfe vorgenommen worden.
Die „Rat.-Ztg." schreibt: Das Gerücht, als gehe der Reichskanzler mit dem Plane der Umwandlung der einjährigen Budgetperiode in eine zweijährige um, entbehrt, wie man erfährt, keineswegs der Begründung. Von gut unterrichteter Seite wird erwähnt, daß eine solche Vorlage bereits ausgearbeitet ober in der Ausarbeitung begriffen sei. Eine andere Frage ist es, ob noch der gegenwärtige Reichstag damit befaßt werden wird.
Die „Nordd. Allgem. Ztg." veröffentlicht eine ausführliche Erwiderung des Fabrikanten Schwartzkvpf in Berlin auf die Behauptungen des Reichstags-Abgeordneten Richter in Betreff der von Schwartzkopf für die Warschau- Wiener Eisenbahn resp. der von der Firma Henschel in Kassel für die Oberschlesische Eisenbahn gelieferten Lokomotiven, welche in dem Satze gipfelt, daß die Argumen- tationen Richters auf eine tendenziöse und willkürliche Vermengung der Begriffe von offerirett, aeceptiren, verkaufen und liefern hinausliefen und an bereit Schluß Schwartzkopf sich erbietet, Richter ober bem von ihm Bevollmächtigten unter Vorlegung ber Geschäftsbücher zu überzeugen, daß seine Quellen unlauter unb bie Angriffe gegen bie Firma Schwartzkopf unb bie Mitglieder des Lokomotiv- Verbandes ungerechtfertigt seien.
Die „Polit. Corresp." meldet aus Philippopel von gestem: General Stolypin erklärte, als er sich gestern von den Konsuln verabschiedete, daß sämmtliche bulgarische Beamte provisorisch eingesetzt seien unb beten Bestätigung Aleko Pascha Vorbehalten bleibe. Die Räumung werbe mm rasch vorschreiten. Stolypin reiste nach Slivno ab, wo sich vorläufig bas Hauptquartier befinbet. Der Abschieb ber Bevölkerung von Stolypin war ein herzlicher.