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125.

Marburg, Freitag, 30. Mai 1879

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straße lenkten. August blieb nicht lange allein vor dem Hause stehen, bald gesellte sich auf ein leises Pfeifen ein Frauenzimmer zu ihm, und mit diesem im Arm folgte ex- feinen Gefährten.

Da es ziemlich dunkel in den Gassen ist, so können wir nur die Figur der Frau sehen. Sie ist ziemlich groß und schlank, ihr Gang ist leicht.

Beide verfügen sich in ein in der Mittelstraße stehen­des, mit zwei besonderen Laternen versehenes Haus, gehen über den Hof und gelangen durch eine Thür in einen kleinen erleuchteten Raum, in welchem ein altes Frauen­zimmer an einen kleinen Tisch sitzt und ein Kästchen und eine Anzahl Marken vor sich hat. Von diesen präsentirt die älte den Eintretenden zwei, August nimmt sie und giebt der Alten dagegen ein Viergrvschenstück, welches letz­tere durch eine schmale längliche Oeffnung in das Kästchen gleiten läßt. Darauf verfügen sich die Beiden in ein er­leuchtetes Zimmer daneben, welches mit einer Reihe an­deren Zimmer mit ausgehobenen Thüren und einem Tanz­saal in Verbindung steht, aus welchem die rauschenden Klänge eines Walzers ertönen.

In dem ersten Zimmer sitzt außer einigen wenigen männlichen und weiblichen Personen auch ein Gendarm an dem Tisch, der gemächlich von Zeit zu Zeit nach einem vor ihm stehendm PunschglaS greift. Er steht sich die beiden Eintretenden aufmerksam an, scheint aber nichts Be­sonders an ihnen zu finden und setzt nvi ruhig das Ge­schäft des Rauchens und Trinkens fort.

Das Haus, welches wir betreten haben, ist eines jener wenigen Häuser der damaligen Zeit, in welchem sich an einigen bestimmten Tagen in der Woche Menschen aller Stände zusammen fanden, um sich den sinnlichsten Genüssen

jedoch sofort Seitens der nationalliberalen Partei zurück­gewiesen, deren Organe den Gegensatz, der zunächst nur auf dem Boden der wirchschaftlichen Überzeugung hervor­getreten war, mit der größten Beflissenheit und Schärfe auf das allgemeine politische Gebiet zu übertragen suchten, und von vornherein ankündigten, daß von dem Eintritt eines Nationalliberalen in das Präsidium nicht die Rede sein könne. Wie sehr die liberalen Parteien die Frage des Präsidiums zu einer politischen Parteisache machten, zeigte sich auch darin, daß alsbald auch der Rücktritt des ersten Vice-Präsidenten Freiherrn von Stauffenberg als unbedingt bevorstehend angekünvigt mürben und in der That nach wenigen Tagen eintrat Gleichzeitig wurde von liberaler Seite beschlossen, daß man sich an den Neuwahlen für das Präsidium überhaupt nicht betheiligen wolle, daß vielmehr die Parteien, welche vorzugsweise die WirthschastSpolitik des Reichskanzlers unterstützten, die Präsidentenwahl unter sich abznmachen hätten.

Ebenso wie der Wechsel im Präsidium durch den freien Entschluß der Liberalen erfolgte, so führte also das Ver­halten der liberalen Partei absichtlich und unauSweislich zu der Nothwendigkeit, daß die neuen Präsidenten lediglich durch Verständigung unter den Konservativen und der Centrumspartei gewählt wurden.

So ist es in der That geschehen, weil eS eben gar nicht anders geschehen konnte: die Veränderung des Prä­sidiums an und für sich und die neue Gestaltung desselben auS den Parteien der wirthschafttichen Mehrheit sind in Wahrheit eine Thal der liberalen Partei, und sollte eS sich dabei wirklich um eine soschwere Verantwortlichkeit vor dem deutschen Volke", ja sogarvor dem Richterstuhle der Geschichte" handeln, wie jetzt in gewissen aufgeregten Blät­tern zu lesen ist, so würde die liberale Partei die Verant­wortlichkeit für dasnationale Unheil" nicht von sich ab- wälzen tonnen.

Die Parteien der gegenwärtigen Reichstagsmehrheit haben ihrerseits die Lage einfach angenommen, wie fte ihnen entgegengebracht wurde. Je schärfer und heraus­fordernder der Gegensatz gegen das von ihnen gemein­schaftlich durchzuführende Werk der wirchschaftlichen Reform hervortrat, je mehr versucht wurde, ihre darauf zielende Gemeinschaft zum Anlaß einer heftigen politischen Agitation zu machen, desto dringender war für sie der Anlaß, sich zur Vollendung ihrer nächsten bedeutsamen Ausgaben fest zusammenzuschließen und sich über die unmittelbaren Noth- Wenbigfeiten ber ihnen geschaffenen Lage vertrauensvoll zu oerftänbigen. Sie haben in bet That auch hierin prak­tische Politik getrieben unb vor Allem jebe Hoffnung ber Gegner auf eine Spaltung über Personen- ober FtaktivnS- fragen vereitelt.

Wenn die Wieberbesetzung bes Präsidiums durch eine Einigung zwischen den Deutsch-Konservativen, der srei-

konservattven Reichspartei und dem Centrum erfolgen mußte, fo entsprach es lediglich der Natur der Dinge, daß neben dem bereits vorhandenen Vicepräsidenten aus der Reichspartei (Dr. Lucius), die eine der beiden freigewor­denen Stellen mit einem Deutsch-Konservativen, die andere mit einem Mitgliede der Centrumspartei besetzt wurde. Das Centrum, die stärkste der drei Parteien, überließ die erste Präsideutenstelle willig einem Konservativen (Abge­ordneten von Seydewitz) und erhielt seinerseits die Stelle des ersten Vicepräsidenten (für den Abgeordneten Freiherrn von Frankenstein.) Diese Vereinbarung kam bei den Ab­stimmungen im Reichstage ohne Weiteres zur Geltung, indem die gesarnmte liberale Partei sich durch Abgabe weißer Zettel ber wirklichen Betheiligung an ben Wahlen enthielt.

Angesichts tiefer Enthaltung war bas Ergebniß ein ganz selbstverstänblicheS, unb wenn babei etwasUner­hörtes geschehen ist, so war es eben jene freiwillige Ent­haltung ber Liberalen.

Die neue Präsidentenwahl an und für fich unb das Verhalten ber jetzigen Mehrheit bei derselben haben zu ben büfteren Auffassungen unb Verkündigungen keinen Anlaß ober Anhalt gegeben: bei ber ihnen aufgezwungenen neuen Wahl haben bie Parteien ber Mehrheit nur dasselbe feste unb klarbewußte Zusammenhalten bewährt, welches ihr Auftreten währenb bet wichtigen Verhandlungen dieser Ses­sion überhaupt bezeichnet.

Der Unmuth der Gegner in der liberalen Presse richtet sich auch in Wahrheit nicht so seht gegen das Ergebniß der Präsidentenwahl, wie gegen jene feste Vereinigung selbst, welche das Gelingen bet wirthschastlichen Pläne bes Kanz­lers zu sichern scheint. Im Zusammenhänge mit ben an unb für sich völlig witkungslofen Bestrebungen unb Kund­gebungen des sogenannten BerlinerStädtetags" sollte Seitens der absolut fteihändletischen Elemente der National- liberalen im Verein mit den agitatorischen Kräften ber Fortschrittspartei ber Versuch gemacht werben, ben ge­mäßigten Theil ber Liberalen, welcher bie Wirthschaftsteform im Wesentlichen unterstützt, durch politische Beweggründe davon abzuziehen. Hierzu schien besonders ber Hinweis auf die jetzige Parteigtuppirung im Reichstage unb auf bas entscheidende Hervortreten derselben bei ben neuen Präsidentenwahlen geeignet: namentlich bie Wahl eines Centrumsmanns in ba« Präsidium, meinte man, würbe Manchen in bie Augen beißen" unbbie Situation wie burch einen Blitzschlag erhellen", selbst bie Stellung Deutschlands dem Auslande gegenüber könnte nickt durch­greifender umgewandelt werden, als Wenn das Reich an­fange,mit feilten Gegnern zu paktiren", deshalb fei diese Präsidentenwahleine Haupt- und Staatsaffaire in des Wortes eigenster Bedeutung." Mit einiger Naivetät

Handwagen zog, an der Hausthür des Juden von diesem Abschied nahm, ging in demselben Augenblicke der von seinem Gange zu Schleiermacher heimkehrende Salomon vorüber. Sein Blick fiel auf das Gesicht August's, welche» in dem Moment von der Straßenlaterne beleuchtet wurde. Das Gesicht fiel ihm auf, noch mehr aber der unheimliche Blick, der von August auf ihn gerichtet wurde.

August ging, nicht ohne sich noch einmal nach Salo­mon aufmerksam umzusehen, mit seinem Genossen zunächst nach der heiligen Geiststraße, dann bog er in die schmale Gasse, welche nach der Burgstraße führt und ließ sich vor einem jener dunklen Häuser, mit einer Bewohnerin in ein Gespräch ein. Mathilde, so nannte August das Mäd­chen, entfernte sich jedoch rasch und kam nach einigen Minuten, begleitet von einer Mannsperson, die sie um­schlungen hielt, zurück.

Komm' Fritze", gebot August dem jungen Mann, das Geschäft ist zur Zufriedenheit abgemacht. Doch gehen wir, ich und Louis voran, und Du folgst uns auf fünf­zig Schritt. Wir gehören nicht zusammen, verstehst Du." Unb er entfernte sich rasch mit Louis, ber ben Hanbwageu wo abgesetzt haben mußte.

Fritze, ein körperlich stattlicher Bursche von etwa 25 Jahren, mit einem wenig interessanten Gesicht unb stechen­den Augen, hatte wohl verstanden und benutzte die ihm noch bleibende Muße, um das Mädchen wiederholt an sich zu drücken.

August ging mit seinen Genossen zunächst nach der Friedrichsbrücke, von da aus nach der Georgenstraße. Hier blieb er vor einem niedrigen Hanse stehen, während seine Genossen nach der Stallstraße, sodann in die Dorotheeu- straße einbogen, unb von hier ihre Schritte nach bet Mittel-

Ja schwerer Zeit!

Eine Berliner Geschichte ans den Jahren 18111816 von Joh. Beyssel.

(Fortsetzung.)

Natürlich war auch ber König, tiefer menschensreunb- Monarch, mit feinem für bas Wohl ber Untertanen »arm schlagenben Herzen entrüstet über bie vielen rasch einanber folgenben Unthaten unb bie oberen Polizei­en hatten eine schlimme Zeit jetzt bei ihm. Mit nahte sich ber mit außerordentlichen Vollmachten ene Polizei-Präsident ihm, wenn eine neue Unthat pngen worben war unb er abermals bekennen mußte, bie Thäter noch nicht ermütdt seien. Nach erzählter

Schanbtthat wurde eine Belohnung von 3000 Tha- füt bie Ergreifung be» Haupte» ber Bande unb eine von 1000 Thalern für bie eines jeben ber Genossen -setzt.

m und Hannover; Th t W M in Frankfurt a.M.;

.senstein & Bögler in mtfurt a. M., Berlin, tg, Köln ic.; Rudolf t in Berlin, Krank»

WÄiA*||intrt6|t für den Monat Juni W llUlUlUUl werden . von allen Postan­stalten angenommen.

Hirsch hatte, obgleich et sich anscheinend nur mit dem 87* ?tauf feiner alten Kleider, die Meyer Löwe in den ufern einzeln erhandelte unb ihm zuführte, abgab, davon zeitig Wind bekommen. August war ihm mehr al» . D ^chtig schon längst in Beziehung auf jene Brand stif­ten und er hätte auch gern die auf die Entdeckung der

Sl üegung seiner Stellung als Vertrauensmann und Vet- :hob! fet des Reichstags zur Folge haben mußte und hatte, tchsa Als eS sich nun um die Neuwahl des ersten Präsi- ezieh tat handelte, schien zunächst die Möglichkeit nicht aus- hwct hlossen, daß ein anderer Führer bet nationalliberalen [115 ttei, bet in ber wirthschastlichen Frage nicht in grunb- Kichern Gegensätze zur gegenwärtigen Mehrheit steht unb *1 csönlich nicht minber als Herr von Forckenbeck ein Mann skitigen Vertrauens ist, ber Abgeordnete von Bennigsen il , t seine Stelle berufen würbe. Diese Möglichkeit würbe

- Uibe gesetze Belohnung verbient. Doch bies ging schlechter- - M nicht, ohne seinen eigenen Kopf in bie Schlinge zu 0» tn» unb fo beschränkte er sich beim baraus, August auf j Gefahr aufmerksam zu machen, die ihm drohte, falls wirklich ein Mitglied der Bande sei.

Wir werden sehen, in wie weit August die Warnung - I Juden beherzigte.

Ni Als et in Begleitung seines Genossen Louis, ber den

«d-Annoncen-Bureaux Ih. Dietrich & Co. in

Anzeigen nimmt entgegen bieSjcpebition b. Blatte» sowied. Annoncen-Bureaux von ®. L- Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Herrnann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Thienes in Elberfeld: C. Schlotte in Bremen.

Srscheint täglich außer «n den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage ,, Illustrier eS SonntagSblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 3; Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiche» 3 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf,.

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 35 Pf,, berechnet.

Dir Expev. d. Oberh. Zeitung.

Die Präsidentenwahlen und die Mehrheit im Reichstage.

Der Rücktritt der bisherigen Reichstags-Präsidenten Forckenbeck und von Stauffenberg und die darauf er- Wahl des konservativen Abgeordneten von Seydewitz Präsidenten und des dem Centrum angehörigen Ab- neten von Frankenstein zum ersten Vicepräsidenten der liberalen Presse Anlaß zu den lebhaftesten Aeuße- m politischen Unmuths und schwerster Besorgniß in g auf die weitere Entwickelung unserer inneren Ver- isfe gegeben: man will in diesen Vorgängen einen epunkt ber gesammten Politik bes beutschen Reiches, Beginn einer freiheitsfeindlichen Haltung ber Regierung sogar eine schwere Gesährbuug ber Stellung Deutsch- nach außen erkennen.

Es bebatf nur eines unbefangenen Blickes auf bie tsachen, welche den Ausgangspunkt tiefer unheilvollen inbigungen bitben, um ben völligen Ungrunb berfelben erkennen. Sie hätten vielleicht einen wenigstens äußer- Schein von Berechtigung, wenn bie Veränderung in Leitung bes Reichstages irgenbwie von ber Regierung von ben Parteien, welche bie Regierung zur Zeit in Wirthschaftspolitik unterstützen, veranlaßt ober ge- scht worben wäre, jebe Berechtigung zu bem Plötz- Aufschrei ist aber schon dadurch ausgeschlossen, baß Wechsel im Präsibium sowohl, wie bie Art ber Wied er­ring desselben lediglich durch da« freie Verhalten und itisch berechnete Vorgehen gerade ber liberalen Parteien «geführt worben ist.

Was ist benn in Wahrheit geschehen?

Der bisherige, ber nationalliberblen Partei angehörige ifibent beS Reichstages hat unerwartet außerhalb bes ichstages eine Rebe gehalten, welche seinen Gegensatz bie wirthschastlichen Bestrebungen ber Reichstags-

iheit unb seine Befürchtungen wegen ber Folgen ber trÄm in einer Art unb Weise verkündete, welche bie Nie­

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