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Är. 106

Marburg, Mittwoch, 7. Mai 1879

XIV. Jahrgang

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Der Radikalismus tu Kraukreich.

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ülfe eine Lebensaufgabe im Aufwiegeln, Verschwören, Barri- - ' »denbauen erkennt; der also systematisch jeder Staats-

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Die Achillesferse.

Von F. Rosenberger.

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der Kammer einnehmen läßt dieserBeweis der vtzmuth" das Kennzeichen einer moralischen Schwäche,

unseres Philosophen auch einmal ins Schwanken zu ge- rathen. Derselbe fand nämlich folgende Annonce in seinem Lech- und Morgenblatt:

Verlangt: Ein junger Mann, Deutscher, von ange­nehmen Aeußern, um einem älteren, halbblinden Herrn, Amerikaner, Gesellschaft zu leisten und ihn auf der Reise zu begleiten. Muß etwas Englisch verstehen. Bedingungen liberal. Referenzen verlangt. Man wende sich brieflich an:Bachelor«. P. O. Box Nr. . . ., City.

Das ist das Ticket! In hoc signo vincas! rief der Geprüfte, der feit drei Tagen keinen warmen Löffel in den Leib bekommen hatte, frohlockend au«. Bald war der Brief geschrieben, höflich und reservirt, und nur leise den heißen Wunsch durchschimmern lassend, daß nicht auch diese Fliege aus seinem Netze entschlüpfen möchte, kouvenirt und abgeschickt, und mit Zittern und Sagen wartete Schlauwitz der Antwort. Würde sie, wie schon so viele vorher, ganz auSbleiben? Oder wäre die Annonce vielleicht wieder die Lockspeise eines Gauners, der von einigen arbeitsdürstigen Opfern unter irgend einem Vor­wande die letzten Dollars herauszupreffen versuchte? Nein, sei vergnügt, Schlauwitz! Da ist die Antwort. Slowitz! nef der Briefträger am nächsten Morgen und Slowitz fuhr wie ein Donnerwetter die sechs Treppen hinab, um seinen theuern Brief in Empfang zu nehmen, welcher ihn aufforderte, ihn allein au« den Fünfhundert, deren Briefe sämmtlich in den Papierkorb gewandert waren, sich sobald wie möglich Nr. 7 . . . Madison Avenue bei Herrn Smich, so soll der Mann aus der Madison Avenue für heute heißen, vo^ustellen.

Schlauwitz rieb sich froh die Hände und bürstete dann vorsichttg die spärlichen Seidenhaare seines schäbigen Cy-

Die Petittonskommispon deS Reichstags hat die für und wider die Zollreform gerichteten Pettttonen in einer vorläufigen Ueberstcht zusammengestellt. Daraus ergiebt sich, daß für das System der Reformpläne, insbesondere für landwirthschaftliche Zölle, 308 Petittonen, gegen die Reform 108 Petitionen eingelaufen sind. Ferner beziehen sich viele Pettttonen auf einzelne Artikel, wobei 57 Petitionen für.die neuen Tarifsätze sprechen und 65 noch eine weitere Erhöhung der bez. Positionen fordern, während 218 Peti- twnen, darunter allein 138 von TabackSinteressenten, für Zollermäßigung pettttoniren.

Die parlamentarische Soiree beim Reichskanzler Fürsten BlSmarck am vergangenen Sonnabend war zahlreich besucht sowohl von Mitgliedern de» BundeSrathS und de» Reichs­tag«, wie von hohen Reichs- und Staatsbeamten. Wie früher, waren auch diesmal viele Herren in Begleitung ihrer Damen erschienen. Besonders erwähnenSwerth ist die Anwesenheit deS Abg. Windthorst. Außer ihm war das, Centmm noch durch die Herren Forcade de Biaix, Grutermg und Schröder (Lippstadt) vertreten.

Bezüglich einer jüngst circulirenden Notiz, der zufolge für daS Schulgeld auf den preußischen Gymnasien ein einheitlicher Satz von 98 Mark jährlich eingeführt werden soll, erfahren wir, daß im CultuSministerium allerdings Aon seit längerer Zeit die Frage einer Erhöhung des Schulgeldes an den höheren Lehranstalten venttlirt worden, da die Zuschüffe, welche der Staat den höheren Lehran- sta ten angrdeihen läßt, in Folge des WachSthumS der An­stalten von Jahr zu Jahr weniger dem Bedürfniß ent­sprechen, daß man jedoch, um nicht den Besuch der höheren Schulen, namentlich für die Beamtenkinder, zu erschweren vorläufig von einer Erhöhung des Schulgeldes Abstand genommen hat. Es dürfte also einstweilen noch die im Jahre 1877 seitens des CultusministerS getroffene An­ordnung in Geltung bleiben, wonach im Falle einer Stei­gerung des Bedürfnisses an den einzelnen Anstalten eine Erhöhung des Schulgelde« bi« zum Satze von 90 Mark pro Kopf zulässig ist, jedoch selbst bei einer solchen Er­höhung, um armen und unbemittelten Eltern die Last zu erleichtern, vorübergehend die Schulgeldbefreiungen bis zu 20 Procent der Schülerzahl gehen dürfen. 5

DieGermania« ist durch die Gerüchte über Kom­promißverhandlungen zwischen dem Reichskanzler und den Nationalliberalen in eine sehr gereizte Stimmung versetzt worden. Dieselbe schreibt:Die unumschränkte Herrschaft des FrattionSwesens im Verein mit der immer üppiger wuchernden Kompromißpolittk hat eS schließlich dahin ge­bracht, daß bei allen großen Affairen die Entscheidung außerhalb des Sitzungssaales, vor der Debatte getroffen

klar gemacht, daß der Eindruck auf das Wesen der Men­schen, denen er sich mit dem frommen Wunsche, von ihnen beschäftigt zu werden, vorstellte, zu schließen und hinterher die Probe zu machen, in wiefern seine Lösung richtig oder falsch gewesen.

Leider hatten ihm seine Charakterstudien noch nicht zu Brod verholfen, als mir zuerst das Vergnügen seiner Be­kanntschaft zu Theil wurde. Hatte er doch keine lander­übliche Profession aufzuweisen, da er sich in der alten Welt mit dem Studium der freien Künste befaßt hatte, die in der neuen bekanntlich brodlose sind. Und außerdem, der Fluch der bösen Zeiten! Welches Genre immer er probirte, welche Erwerbszweige er zu er- gretfen suchte: Barkeeper, Partner bei einer jungen

»weil sie so ganz allein ist«, Pedlar für einen Slrttrel, wobei einestetige Hand« täglich fünfzehn Dollars verdienen kann, Bereiter, Porter und dergl., besonder« aber dergleichen, überall hatte sich schon Einer der un­zähligen Applikanten eingenistet, und der junge Mann, dem Nicht unbekannt geblieben, daß in dergleichen verzwei­fln Fallen Gottes Hülse immer am nächsten, fuhr fort, doppeltem Eifer die verlangenden Spaltungen der allein selig machenden Anzeigen-Zeitung zu studiren. Aber einige hundert dritte Händean Bord« und sechsundsechzig BaisterS an feine Arbeit« stellten das Gleichgewicht zwischen Begehr und Angebot nicht her. Und nun vollend« nach den unglücklichen Würmern, die in Amerika noch nichts gelernt haben, als den Unterschied de« früheren glänzenden von dem jetzigen triften Dasein möglichst würdig zu tragen, angelte kein Mensch.

Da eines schönen Morgens, am Ende de» wegen seiner Launm so verrufenen April schien da« hartnäckige Pech

zahl, Frankreich gebracht und welche Machtentfaltung die Dema- cfeevu Wie, besonders in großen Städten, thaisächlich erlangt hat, [1 d»S beweist ein Ereigniß, von dem auch der heißblütigste kpublikaner mit schmerzlicher Enttäuschung sagen muß: 5o etwa« ist nur in einem Lande möglich, das mit fataler tothwendigkeit dem Abgrunde der Revolution entgegen» ieuert. Doch näher zur Sache. Da ist ein Mensch, der ich providenlieü zum Umsturzapostel berufen glaubt, der

Anzeigen nimmt entgegen die Gy»edition d. Blatte« sowie d. Annoncen-Bureaux von ®. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvalidendank in

Berlin; W. Thiene» in Elberfeld: C. Schlotte in Bremen.

so erzählt die Mythe, tauchte den Knaben die Fluth des Styx, um ihn unverwundbar Leider versäumte die Gedankenlose, die Ferse Bengels, an welcher sie denselben gehalten, erher noch besonders in dem düsteru Gewässer zu rn. Das war des Peliden Tod. Denn Paris suchte

wie alle Jämmerlinge, diesen speciellen Puntt am tr des herrlichen Recken aus, um ihm den gefiederten ~ hineinzujagen. Seit jener Zeit ist dieAchillesferse" öemeingut geworden. Denn welches menschliche Wesen l * nicht eine Stelle in seinem Charakter, die verwundbar 1 in Folge dessen auch stets verwundet wird?

Me klügsten Leute nun sind stets Diejenigen, welche schnellsten die Achillesferse ihres Nächsten zu erkennen, chnge aber wäre um so gechickter zu verbergen wissen.

V aber wäre dies wieder in höherem Grade als die «»lomaten und die Frauen? Da jedoch nicht alle «schen Diplomaten oder Frauen sein können, so fällt Manchem Mann manchmal recht schwer, den schwachen -tn der Umwallung eines menschlichen Herzen» zu ?«en, denn Irren ist menschlich, und der beste Arzt 'M sich hier und da in seiner Diagnose.

Mn Freund Schlauwitz, dem ich die obigen Reflexionen °anke, ist zwar kein Arzt, wohl aber ein Philosoph, und «uc Da« mit den Jüngern des Aeskulap und Hippo- r, a 7 gemein, daß seine Charatter-Diagnose ihn bisweilen Lt Führten führte. So hatte er sich nach sieben v«?oten , die er in der neuen Well verbracht, um nach _JJF passenden oder unpassenden Stelle zu fahnden, selbst

«»zeigen nimmt entgegen: Hefl£pebttion d.vlatte», sowie d.Annoncen-Bureaux w» Th. Dietrich & Co. in «»fiel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein & Bögler in zrankfurt a. M., Berlin, Leipzig, Cöln rc.; Rudolf Reffe in Berlin, Frank­furt a. M. rc.

einer politischen Feigheit ist, das die rothen Doctrinäre nicht anders als eine wirkliche Kapitulation vor der Pöbel- herrschast betrachten werden. Das muß die Regierung wissen, aber trotzdem, daß sie eS weiß, hat sie bis zur Stunde den Muth nicht gehabt, die Wahl Blanqui'S ein­fach als ungültig zu erklären und damit dem revolutionä­ren Bohemoth einmal unerschrocken zwischen die Zähne zu treten; sie wartet und lauscht und speculirt und compro- Mittirt, bis endlich ein kluger, ^opportuner Schachzug die langst verlorene Partie wieder retten soll. Blanqui aber und seine Genossen stehen ruhig und entschlossen in ihren Positionen, und welches auch der Ausgang dieses Kampfes snn mag, das ist jetzt schon gewiß, die Regierung Hai abermals eine Ohrfeige bekommen und zieht gedemüthiat geschwächt den Kürzeren. 8 '

. Unterdessen wird die Atmosphäre immer schwüler und drückender, das Ministerium Waddington und Präsident Grövy mit ihm immer unfähiger, ohnmächtiger, dem aufsteigenden Ge­witter zu trotzen, und wenn erst in baldiger Zukunft die ersten Blitzstrahlen durch die Lüfte zucken, dann wird Herr Gam- betta, der allein Mächtige und unentbehrliche, schon zur guten Stunde zufahren und al« Retter der Republik da« Staatsruder ergreifen. Wie lange er e« aber führen wird, das werden ihn seine ehemaligen Schüler lehren, betten man jedenfalls die Anerkennung nicht versagen darf, daß sie mit klarer, unerbitterlicher Logik die Consequenzen aus des Meisters Grundsätzen ziehen. Einstweilen kann also der zukünftige Imperator ruhig zuwarten Während er im Zululande allerlei wichtige Erfahrungen für seine fernere Laufbahn sammelt, erringen seine Parteigänger im 8. Pariser Wahlbezirk und sonst in ben Provinzen einzelne Siege, die um so weniger zu unterschätzen sind, als sie von Seiten der Republikaner mit höhnischem Lächeln begrüßt worden. Wir erinnern uns noch ganz gut, auch über Napoleon III. hat man seiner Zeit in Frankreich unb in ganz Europa gelacht, und er hat's philosophisch über sich ergehen lassen. Später hat sich's gezeigt, daß man besser vor ihm gezittert hätte, aber unsere Generation hat ihn gebraucht und wer unser Volk und unsere Verhältnisse kennt, der tarnt, vH"? ein Prophet zu fein, mit Bestimmtheit voraussagen, daß wir seinesgleichen, ehe lang vergeht, wieder brauchen werden. Das deutsche Volk aber soll auf seiner Hut f«n.__(R.-B.)

Tagesbericht.

Beim Reichstage sind an weiteren Vorlagen einge­gangen : 1. der Gesetzentwurf betr. die Vertheilung der Matrikularbeiträge; 2. bett, die Erwerbung der preußischen Staatsdruckerei für das Reich; 3. Nachttag zum Staat«- haushaltS-Etat (Australische Ausstellung); 4. Novelle zur Gewerbeordnung.

utvrität Hohn spricht und grundsätzlich jede RegierungS- vrm niederzuwerfen trachtete; ein Mensch, der wegen Em- rärung, Hochverrats Landfriedensbruch 40 Jahre seiner Mnarischen Existenz im Gefängniß zugebracht hat und gemeingefährlicher Verbrecher, als geächteter Commu-

-rd sein umgewandeltes Todesurtheil durch lebenSläna- , che Kerkerstrafe büßen muß ...

. Dieser Mensch, wer sollte es glauben? Der düstere, ften ^rbesserlich fanatische Blanqui, wird von den Jnttan- ' v. Men der Stadt Bordeau? als Candidat in die Depu- ickti Kammer aufgestellt und erhält gleich beim ersten Wahl- r mg mehrere tausend Stimmen. Es entbrennt ein heftiger als ümpf; es wird von Seiten der sogenannten gemäßigten

. epublikaner aus allen Kräften agitirt, die Ungesetzlichkeit, auf "erhörtheit einer Wahl des alten Verschwörers in schlagcnd- . ' » Weise nachgewiesen; eS ist zu spät, eS hilft nichts a » ehr; der Radicalismus ist Herr der öffentlichen Meinung . ß Jb Blanqui siegt mit einer Mehrheit von 800 Stimmen.

las will bas heißen? Wird'S unfern schlauen oppor- tiaen '"falschen Machthabern bald klar werden, wo'S hinaus . , st unb wie lange bic Gelegenheit noch bauern mag, bi» WM - entschiedenen, konsequenten Jacobiner baS hin und her

birende Schifflein der Republik in ben brausenden Ocean etfail 1 Anarchie hinaustteiben werden? Sie merken es nicht nn unb wenn sie's auch merken, so fehlt ihnen doch der eO ltttvtifche Muth, diesem maßlosen Gebahren die Stirne te bi ,btetcn' die sittliche Energie, solchen drohenden Heraus- (siri Eningen männlich entgegenzutreten. Denn was hat die 00 - Gerung bi« jetzt in dieser ganzen Sache gethan? Sie n rot doch und muß wissen, daß ein Regiment ohne Auf- ,n n ^Haltung des Gesetzes auf die Dauer nicht existiren ' m; sie muß wissen, daß die Wahl Blanquis ein Faust-

«8 ins Angesicht der öffentlichen Ordnung und der all- «einen Wohlfahrt ist; daß, wenn sie auf diese unge- >er- Gliche Demonstration nicht eine rasche, kategorische Ant- »fk«, siebt, sondern unterm Druck der republikanischen ri Eer den tollen Straßenhelden begnadigt und seinen Sitz

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