I Nr 92
Marburg, Sonntag, 20. Apttl 1879
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Anzeigen nimmt cmgegen: Mc Expedition d.vlatte», sowie d-Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Eo. in Raffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein & Bögler in Frankfurt a M., Berlin, Leipzig, Eöln rc.; Rudolf Moffe ins Berlin, Frankfurt a. Pi. rc.
[111 Der leichte Nebelflor, welcher die Bäume umwoben L hatte, wär von der steigenden Macht der Sonne der: rängt worden und die rothgelben Blätter glitzerten weithin — «in leuchtendes Meer, dessen farbenprächtige Wogm, von
Politische Woche«-Veberficht.
Unser Kaiser hat gestern Abend seine Haupt und Residenzstadt verlassen, um sich zum gewohnten FrühjahrS- Curgebrauche nach Wiesbaden zurückzuziehen. Die Kaiserin begibt sich gleichzeitig nach Baden-Baden. Der Bundesrath ist mit der Ausarbeitung der Motive zum Zolltarif fertig geworden und hat dieselben an das Bureau des Reichstages eingesandt. Das umfangreiche Schriftstück befindet sich im Druck und und soll mit thunlichster Beschleunigung den Reichstagsmitgliedern zugestrllt werden. Das ReichSkanzleramt beschäftigt sich gegenwärtig mit einem Gesetzentwürfe betreffettd die Regelung de« Gütertarifs. Die Ausarbeitung der einzelnen Bestimmungen dieses Entwurfs soll einer besonderen Commissiou überwiesen werden, zu welcher die einzelnen Regierungen Vertreter entsenden. Am 5. d. M. hat der Justizausschuß des BundeSraths dir Vorschläge zur Besetzung der Richterstellen im Reichsgericht erörtert und wird am 19. April der Bundesrath die Wahl der Richter vornehmen. Es muß wiederholt aufmerksam gemacht werden, daß, bevor diese zu vollziehenden Wahleir die allerhöchste Sanktion erfahren haben, etwas zuverlässiges oder Positives über dieselben nicht gemeldet werden kann.
Frankreich erfreut sich der Osterferien seiner Kam- «em in ausgiebigstem Maße: im ganzen Lande herrscht Ruhe, wenn auch keine gemächliche, Friede, obgleich kein zuverlässiger. Die Regierung läßt im Bewußtsein ihrer republikanischen Stärke und aus Achtung vor dem souveränen Volke die Agitationen der Jesuiten gegen die Ferry- schen Gesetze so ungestört, wie die Wühlereien der Com- munards und Intransigenten für die Wahl Blanqui'S in Bordeaux und wie die verschiedenen Bewegungen auf dem vvlkswirthschaftlichen Gebiete. Waddindton erlangte nach längerem Verhandeln am 14. ein Einvern ehmen mit England wegen des am 31. December ablaufenden Handelsvertrages, der auf sechs Monate verlängert wird, um den französischen Kammern Zeit zu lassen, den allgemeinen Zolltarif zu berathen und dann über den neuen Handelsvertrag mit klaren Sätzen die Verhandlung wieder aufnehmen zu können. Auch in der egyptischen Frage gllt ein Zusammengehen mit England für sicher, wenn dasseche auch nut als ein vorläufiges zu bezeichnen sein dürfte.
Die Königin Pia von Portugal (Tochter des Königs Bictor Emanuel von Italien) ist ernstlich erkrankt.
Der Mordanfall auf den Kaiser von Rußland beherrscht augenblicklich in Rußland selbst die Lage ganz ausschließlich. An die Ermordung von Generalen und Gou-
ES soll jetzt die Vorlage wegen Erwerbung des Ra- czinsky'schen Palai« dem Reichskanzler zur Unterzeichnung vorliegen. Die Vorlage wird nur die Erwerbung des gedachten Terrains für den Bau de« Reichstagsgebäudes be- ' handeln und vielleicht noch die Festsetzung enthalten, daß dte Front nach dem Königsplatz hin gerichtet sein soll. Das Weitere dürste dann einer aus den Mitgliedern des Reichstages und des BundeSrathS zu blldenden Kommission überlassen bleiben.
Aus Prag kommt eine für die innere Politik Oesterreich« sehr bedeutsame Nachricht. Graf Taaffe, der Minister des Innern, beauftragte die Bezirks-Hauptmannschasten, bi« zum 10. Mai alle Daten über die einzelnen Wahl- klassm einzusenden, behufs der Vorarbeiten für die angestrebte Aenderung der Wahl-Ordnung in Böhmen. Dieser Erlaß gründet sich jedenfalls auf den Beschluß des böhmischen Landtages, wonach die Nothwendigkeit der Aenderung der Wahlordnung im Prinzipe ausgesprochen wurde. Damit wäre der erste offizielle Schritt zur Erftillung der Forderungen der Czechen gethan, doch bedeutet dieser Schritt nur ein, allerdings weitgehendes, Entgegenkommen, und es Mebe den Czechen anheimgestellt, nun ihrerseits einzulenken. Gegen den Wucher geht man in Prag sehr energisch vor. Das dortige Strafgericht leitete gegen zwölf Wucherer auf einmal eine Untersuchung wegen Betrugs und Erpressung ein. Auch den Sozialdemokraten widerfährt die ihnen gebührende scharfe Behandlung. Sämmtliche Theilnehmer des kürzlich entdeckten geheimen Sozialistenbundes werden nach Abbüßung der ihnen zuerkannten Strafen in ihre HeimathSorte abgeschoben und dort drei Jahre lang inter- nirt; bei Erwerbslosigkeit erhalten sie nebst Bequartterung 13'/2 Kreuzer tägliche Löhnung. Diese Maßregel erfolgt fettens der Polizei im Einverstavdniß mit dem Minister Taaffe.
Die Kreuzzeitung führt anerkennend eine Zuschrift der Nattonal-Zeitung auS Et. Petersburg an, in welcher mit Schärfe die indifferente Haltung der gebildeten russischen Gesellschaft dem Nihilismus gegenüber und die Ausartung der russischen Presse, sowie dir verhängnißvolle Einwirkung dieser Erscheinungen auf die weitere Verbrettung und das steche Huftreten des Nihilismus gekennzeichnet wird. Die Kreuzzettung bemerkt dazu: „Während sonst möglichst schrankenlose Preßfreiheit, konstituttonelle Verfassung und weitgehende Befugniffe der Volksvertretung, Schwurgerichte, übermildes Strastecht rc. als die nothwendigsten Besitzthümer eines irgend auf Kultur Anspruch machenden Volkes und als die wirksamsten Mttel zu seiner Kulturentwickelung hingestellt wurden, ist hier unumwunden zugestanden und an Thatsachen erwiesen: welche Gefahren es in sich birgt, ein nicht genugsam vorgebildetes Volk mit dem „Schatz heftet und mit leiser, zuweilen vor innerer Erregung rit- ternder Stimme erzählte:
„ES sind jetzt neun Jahre her, daß ich das Haus ^usti kennen lernte. Ich war drüben im Halberstädtschen bei alten Verwandten erzogen worden, denn die Mutter starb früh und mein Vater hatte keine besondere Zuneigung für mich gezeigt. Elf Jahre hatte ich fern vom elterlichen Haus verbracht und war achtzehn alt geworden, als die alten, guten Leute, betten ich eine liebe Tochter geworden war, rasch hinter einander starben. Ihr bischen Hab und Gut hatten sie mir zugeschrieben und der Vater holte mich heim, daß ich ihm fortan seine Wirthschaft führe.
Es war kein steudigeS Gefühl, das mich beherrschte, als tch das Haus betrat, dem ich so lange stemd gewesen war. Eine Dirne mit schwarzen, stechenden Augen empfing mich an der Schwelle desselben und während ihre Lippen von Freundlichkeit Überflossen, drücken ihre musternden Blicke ganz andere Empfindungen gegen mich aus. Die bisherige Wirthschafterin meines Vaters war es, welcher um meinetwillen gekündet worden war und die in wenigen Wochen das Haus, indem ste mehrere Jahre gewesen, verlassen sollte. Diese Frist unseres Zusammenlebens war nur eine hirge, aber vie kleinere Hälfte derselben genügte für mich, um trotz meiner unerfahrenen Jugend ein Ver- hältniß durchschauen zu lassen, das mich mit Scham und Ekel erfüllte. Freilich kämpfte ich lange gegen die sich mir aufdrängenden Wahrnehmungen und Befürchtungen, aber bald genug sollte ich die Gewißheit erhalten, daß meine Empfindung mich nicht irre geleitet hatte.
Die festgesetzte Zeit war verstrichen, aber Sabine, so hieß die Wirthschafterin, machte keine Miene zu gehen.
lFortsetznag folgt.)
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte« sowied. Annoncen-Bureaux von ®. L- Daube & Co. in Frankfurt a.M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. ♦ daselbst; Jnvalidendank in
Berlin; W. Thienes in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen.
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■ • Von Fritz Brentano.
«Fortsetzung.)
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ttttets Hell und frisch war der Herbstmorgm über dem Wald
Jetzt öffnete sich knarrend das Hofthor des ForsthauseS Wolfsgrund und der Hundejunge trat, eine anscheinend chwere Last in einem alten Soldatenmantel gewickelt, hin «r sich herzerrend in das Freie. Auf seinem frischen, gnt- düthigen Gesicht lag heute ein Zug der Trauer und in «inen Augen standen Thräncn. Als er fein Bündel zwi- chen drei dicht beieinaneerftehenden Buchen abgesetzt hatte, «hrte er in das Haus zurück und kam von dort nach in 5«, ^igen Minuten mit einem Spaten wieder.
i.S0,6 Und während er schaufelnd und grabend eine tiefe Grube chfwarf, um feinem liebsten Freund, dem Hund Marco, Hne letzte Ruhestätte zu bereiten, wogten in feinem Kopf * Derlei wirre Gedanken, wer ben treuen Kerl doch er- vcheu haben mochte — und ob es wohl der Fremde von
- berneuren war man schon nahezu gewöhnt, daß aber die l2J Nihilisten sich auch am Kaiser vergreifen würden, das
! kam mehr als unerwartet. Obwohl das Attentat für die Person des Kaisers glücklichenveise keine ernsten Folgen
z«stikdem Windhauch gekräuselt sich flüsternd regten, als ob sie sich geheimnißvolle Geschichten erzählten.
. L Flüchtige Eichkätzchen, zuweilen kaum zu unterscheiven bon dem sie verbergenden Buschwerk, huschtm an ben Stäm- »en auf unb nieder und lugten mit den klugen, glänzen- tietbe *n Augen umher; da und dort hackte ein einsamer Specht [Ul VW im dürren Laub unten am Boden raschelte wohl eine ------ Eidechse blitzschnell dahin.
hatte, so rst doch die Aufregung in Rußland eine ungeheure. Bereit« hat der Kaiser in einer Rede angekündigt, daß er sich zur Ergreifung außerordentlicher Maßregeln genöthigt sehen werde, um die Nation vor ben Uebelthaten eine« überwuchernden VerbrecherthumS zu bewahren, und diesen Worten wird die That bald genug folgen. Ueber die Person des verhafteten Verbrechers verlautet, daß er stüher Student in Petersburg war und zuletzt die Stellung eines Lehrers einnahm. Da die Untersuchung gehettn geführt wird, so hat man bisher noch wenig über da« Ergebniß derselben erfahren. Aus allen Ländern haben die Regierungs-Oberhäupter dem russischen Kaiser Glück- wunsch-Telegramme zugesandt und dadurch auch der Stimmung der bezüglichen Bevölkerungen Ausdruck gegeben.
Die Türkei setzt ihre Verhandlungen mit Griechenland fort, doch hat es nicht den Anschein, al« ob auf Gru,ld der neuesten Vorschläge eine Einigung zu Stande kommen werde. Auch die Frage wegen der gemischten Besetzung Ostrumeliens ist ins Stocken gekommen; die Verhandlungen dauern zwar noch fort, lassen sich aber weniger hoffnungsvoll an, als vorher. Man scheint geneigt, ein einjähriges Interregnum in Ostrumelien einfuhren zu wollen. Für diese Zeit soll bann Aleko Gouverneur ber Provinz werden und dieselbe in Gemeinschaft mit der ostrumelischen Commission regieren.
Der Staatsstreich de« Khedivs von Eegypten hat in England eine ganz außerordentliche Aufregung hervor- gerufen, eine Aufregung, die nur durch die Gewohnheit erklärlich wird, das Nil-Laud mit feiner die Straße nach Indien beherrschenden Weltstellung schon halb al« eigene Domäne zu betrachten. Von besonderem Werthe sind die egyptischen Angelegenheiten nur für vier Mächte, England, Frankreich, die Türkei und Italien, unb zwischen ben brei ersteren spielen im Augenblick Verhandlungen, obwohl sich kaum sagen läßt, wie weit dieselben gediehen sind. England möchte nur im engsten Einvernehmen mit Frankreich handeln, Frankreich zeigt sich zurückhaltender, und andererseits ließ sich vielleicht eine Absetzung des Khedivs nur mit Waffengewalt durchführen. Ob daher die Aufhebung des Erbfolge-FirmanS durch den türkischen Sultan, die Absetzungs Jsmail's und seine Ersetzung durch Halim oder Tewfik von praktischem Werthe sein würde, steht einstweilen noch dahin. Die Sache ist zudem so zarter Natur, daß die englische Regierung sich wohl hütets, vorzeitige Nach- richlen ins Publikum dringen zu lassen.
Tagesbericht.
Der kommandirende General deS 14. Armeekorps von Werder hat seinen Abschied genommen und ist in den Grafenstand erhoben worden; der seitherige Kommandeur der 14. Division Generallieutenant v. Obernitz hat das Kommando des 14. Armeekorps erhalten.
gestern gewesen sei, der jetzt so heimliche Geschichten mit der Försterin da drinnen zu verhandeln habe? Aber der Fremde hatte ein so gutes, offenes Gesicht und ein paar so ehrliche Augm, der konnte das arme Thier nicht aus der Welt geschafft haben — und doch — es war kein anderer Mmsch in das Haus gekommen, außer Georg dem Jäger- burschen — aber der war ja förmlich verliebt in den alten Marco und hatte ihn sicher nicht umgebracht.
Doch der Morgen war so schön, die Sonne schien so hell und der Wind wehte so frisch, daß er auch die Gedanken auS dem Kopf des Burschen verwehte. Noch einmal fuhr er sich mit der Hand über die Augm, als er den tobten Hunb in die Grube warf, bann pfiff er erst leise ein melancholisches Lieb, das aber bald in eine fröhliche Weise überging, und als sein Werk gethan war, und er, den Spaten über die Schulter geworfen, nach dem Haus zurückkehrte, Klang ein Jodler von seinen Lippm — der alte Marco war begraben und vergessen.
Die Eichkätzchen, die sich bisher vorsichtig auf ben höchsten Heften ber Buchen gehalten, unb neugierig dem Treiben bes Jungen zusahen, trieben wieber ihr lustiges Spiel; die Zweige rauschten unb wogten weiter im frischen Morgenwind, die Vögel zirpten unb sangen ihr Lieb — ber ganze Wald webte feine alte, ewige Weise.----
In bem Zimmer ber Försterin aber waren bie grünen burchbrochenen Jalousien herabgelassen, ein einzelner Sonnenstrahl nur brang durch dieselben hinein in die Stube und fiel wie verklärend auf das blaffe Gesicht ber Frau.
Ihr gegenüber, aber von bem Halbdunkel der geschlossenen Läden etwas verdeckt, saß Fürst Lechwld. Seine Augm waren in sinnender Milde ans die Försterin gerichtet, welche den verschleierten Blick vor sich aus den Boden ge-