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JRarßurg, Freitag, 18. April 1879.
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Lnj eigen nimmt entgegen: die Expedition b.Blatte», sowie d.Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Raffel und Hannover; Th, Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M., Berlin, Leipzig, Köln rc.; Rudolf Moffe ins Berlin, Frankfurt a. Bk. rc.
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Buchdruckerei) bezogen 21 Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 ÄÄÄK geftXe 8dle 10 W« *W m der Expedition zu ertbeilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Psg. berechnet. “ 6‘
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Zur Lage.
Der Reichstag ist in Ferien und studirt den ihm nachgeschickten Zolltarif. Die liberalen Zeitungen stellen Bettachtungen darüber an, wie es werden wird, wenn der Reichstag wieder zusammenkommt. Sie haben allesammt wenig Hoffnung, daß ihre freihändlerische Politik siegen wird; sie geben dieselbe jetzt schon vollständig für verloren. Das „Berl. Tagebl." schickt sich bereits an, „des Grabes Hüter" zu werden „an dem Grab der liberalen Aera." Es meint, „wir schickten uns jetzt an, Todtengräberdienste an einer großen Zeit zu verrichten." Das „Tageblatt" übersieht aber, daß wir nicht das, was die Zeit groß gemacht, sondern das, was derselben Noch und Verderben gebracht hat, begraben wollen. Was die Zeit groß gemacht, das ist die nationale Politik des Reichskanzlers gewesen, welche von 1864—66 ebenso von den liberalen Blättern bekämpft wurde, wie jetzt seine Wirthschaftspolitik, wodurch der Reichskanzler die äußerlich geeinigte Nation auch innerlich einigen und zu einem großen wirthschaftlichen Volkskörper machen will. Wie in politischer, so soll auch in wirthschastlicher Hinsicht Deutschland den Deutschen gehören «nd nicht mehr der Tummelplatz für alle Völker bleiben, wo Alle sich bereichern, während wir selbst verarmen. Die liberale Wirthschaftspolitik mit ihrer Aktien-, Wucher-, Schank-, Gewerbe-, Zug- und Theaterfreiheit ist es wahrhaftig nicht gewesen, welche die Zeit groß gemacht hat. Zeder einsichtige Mann hat längst die Ueberzeugung, daß wir auf dem Wege der liberalen Polittk nicht weiter gehen dürfen, wenn unsere nationale Größe nicht sehr schnell dahinsinken und oer Wohlstand Deutschlands ein Raub der Wucherer, Gründer und Spekulanten werden soll. Das „Tageblatt" mag sich beruhigen: es ist derselbe Mann der jetzt die „Todtengräberdienste" verrichtet, der auch die Größe der Zeit geschaffen hat. — Die „Magdeb. Ztg." sagt, „wir ständen an einem bedeutungsvollen Wendepunkt, seien in Gefahr, ein „bewährtes System" zu verlassen; wir wüßten aber nicht, was das neue System bringen werde." Worin die Bewährung des liberaleu System« bestehen soll, hat das Blatt nicht gesagt und auch wohl nicht sagen können. Wenn je ein System sich nicht bewährt hat, so ist es das liberale Wirthschaftssystem mit seiner Aktien-, Wucher-, Schank-, Zug- und Gewerbefreiheit; denn überall ist daS Gegenthett von dem eiugetreten, was man davon verheißen hatte. Ueberall starren uns die traurigsten Nothstände al« Folgen dieses Systems entgegen. Ja freilich, „wir wissen, was wir an diesem System haben;" aber eben deshalb wollen und müssen wir es abschaffen. — Der Abg. Bamberger haranguirt seine rheinischen Wähler in einer Zuschrift mit der Mahnung: „Möchten die Deuffchen bedenken, ob es richtig sein kann, daß die Steuern, welche ein Bürger dem andern aus seiner Tasche zu zahlen ge-
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„Dann, was bann?" unterbrach der Vagabund brutal die Frau, indem er, das Glas verschmähend, einen tiefen Zug aus dem Krug that. „Glaubst wohl ich fürchte den Herrn Förster? Im Gegentheil, Püppchen, just ihm zu Gefallen bin ich heute hier. Hoho, denkst doch nicht, daß ich mich diesmal mit dem Bissel Futter abspeisen lasse! Weit gefehtt! So billig giebt's der Alte heute nicht. Ich habe da« Hundeleben gründlich satt — der Winter rückt wir auf die Haut — ich muß fort von hier, in ein meiner Gesundhett zuträgliches Klima — muß mich neu equipiren Und dazu brauche ich Geld, viel Geld Schatz. Das aber soll der Herr Förster herausrücken--"
„Das aber wird er nicht!" rief die geängstigte Frau Und hob wie bittend die Hände zu dem Vagabunden empor, der sie mit stechendem Blick bettachtend fortfuhr:
„Er wird es, Anne, verlaß Dich drauf, sonst soll ihn der Teufel holen I Und Du wirst ihm doch hübsch zuredeu.
Im Wolfsgruud.
Von Fritz Brentano.
(Fortsetzung.)
Die Försterin erhob sich zitternd und wankte zu einem Wandschrank neben der Thür. Sie entnahm demselben t einen der langhalsigen, damals üblichen Krüge nebst Glas, einen mächtigen Brodlaib und einen hölzernen Teller mit Schinken und stellte alles vor den unwillkommenen Gast, der Speis und Trank mit einem Grinsen gemeinen Behagens begrüßte, welches sein häßliches Gesicht noch mchr entfteöte.
„Eßt und trinkt," sprach sie leise, „aber um Gottes Willen rasch. Mein Mann muß alle Augenblicke heim- kvmrnen und findet er Euch hier bann —"
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zwungen wirb, ben Wohlstand Aller zu heben im Stande fei." Jeder, der das Zollprogramm des Reichskanzlers kennt, weiß, daß dasselbe gerade beabsichtigt, das deutsche Volk von seinen drückenden Steuern mehr und mehr zu entlasten, indem es auch das Ausland, welches bei uns Geschäfte machen will, durch die Zölle auf ausländische Waaren zu unseren Steuern heranzuziehen sucht. Wie könnte Frankreich seine Staatsbedürfnisse alle selbst durch Steuern aufbringen, wenn es nicht das Ausland durch Zölle dazu heranzöge! So wollen wir es auch machen. Und das ist vernünftig.
TageSSericht.
Aus Petersburg wird vom 16. telegraphisch gemeldet:
Wie „Golos" vernimmt, werde ein höchstes Strafgericht über ben Attentäter gebildet werden. Mit der Vor- unterfuchung sei (Senator Leontjeff betraut. Es bestätigt sich, daß der Verbrecher Alexander Solowjeff heißt. Derselbe soll Schullehrer in Toropez im Gouvernement Ples- kau gewesen fein. Die Nachrichten über ben Vergiftungsversuch des Attentäters bestätigen sich nicht. Sein Bluterbrechen soll die Folge der Mißhandlungen sein, welche er bei der Verhaftung durch das Publikum erlitten hat. Nur die Intervention der Polizei rettete ihn vom Tode. — Die Ansprache des Kaisers an die im Winterpalais zusammengeströmte Versammlung besagte, er verdanke seine neue Errettung der Vorsehung Gottes und erblicke darin die Weisung, daß sein Leben dem geliebten Vaterlande noch nothwendig sei, welchem er mit derselben Liebe seine letzten Jahre widmen werbe, womit er sein ganzes Leben lang bem Vaterland gebient.
Bei Beantwortung ber Ansprache des Marschalls bes Petersburger Abels äußerte sich ber Kaiser dahin, baß die Kühnheit unb Vermessenheit ber jüngsten Attentate ihm bie Pflicht auferlege, sehr gegen seine Wünsche außerorbent- liche Maßregeln zu ergreifen, unb zwar nicht etwa seinetwegen, fonbern im Interesse Aller, im Interesse ber Gesellschaft, im Interesse Rußlands.
Es ist natürlich, baß sich bie anstänbige Presse aller Länder mit Entrüstung über bas fluchwürbige Attentat auf ben Kaiser Alexander ausspricht unb ber Befriedigung darüber Ausdruck gibt, baß ber Mürber sein Ziel verfehlt hat. „Glücklicherweise für Rußlanb, unb wir können wohl sagen für Europa", — bemerkt u. A. die „Times", — „war bas Attentat ein erfolgloses. Es hält schwer, die Indignation über so viel Tollheit und Verbrechen zu beherrschen. Was wohl bet Mörder bezweckt habe? Man nehme an, daß er ben Zaren bet fast überroaltigenben Bürde, die derselbe während ber letzten 25 Jahre getragen, ent- Wie, oder denkst Du gar Partei gegen mich zu nehmen, gegen mich, Deinem nächsten, zärtlichen Verwandten? Nimm Dich in Acht, daß ich nicht vergesse, wer Du mir bist und ber Geschichte ein für allemal ein schreckliches Ende mache!"
»Habt Ihr bas nicht längst bergeff en! Habt Ihr eö überhaupt je einmal im Leben bebacht?" rief bie Försterin in verzweiflungsvollem Ton. „Unser ganzes Leben ist vergiftet burch Euch unb keine ruhige Stunde, kein Frieben ist bei uns eingekehrt, feit mein Mann bie Stelle im WolfS- grunb bekleidet. Und doch hat er Euch das Höchste geopfert, um diesen Frieden zuerkaufen!"
„DaS Höchste", lachte roh der unheimliche Gast, indem er die Speisereste in die Tasche schob unb wieder einen langen Schluck au« dem Krug nahm.
, »Ja, ba« Höchste," fuhr bie erregte Frau fort, „oder schätzt Ihr das Opfer an Ehre unb Gewissen, ben ruhigen Schlaf der Nächte, bie ewige Qual da drinnen in der Brust für nichts?"
»Pah, bummer Schnack;" höhnte ber Alte, „was nehmt Ihr das Ding so ernft. Wer fragt noch nach ber alten Geschichte? Sieben Jahr finb unter bem Schwindel vergangen, ohne baß je ein Hahn darnach krähte."
„Und der Wurm, welcher uns ewig am Herzen nagt? Das Bewußtsein der Schuld, das wie ein Alp auf uns allen liegt?" fragte bie Försterin in bitterem Ton.
„Unsinn!" murmelte ber Vagabund.
»Freilich für Euch," sprach bie Frau, doch wehe dem, der schon so tief gesunken, daß ihm selbst das Gefühl der Reue fremb geworden ist. Unb bann," fuhr sie nach einer Pause ber Erschöpfung fort, „wenn es nur ba« wäre, wir wollten es in Gottes Namen tragen bis an’« Enbe. Aber denkt Ihr denn gar nicht daran, baß noch einer um meine«
lebigt hätte. Sei es doch noch eine Frage, ob dieser sorgenbelastete Fürst nicht bebaute, den Hänben bes Mörbers entgangen zu sein, wenn auch die ganze übrige Welt den Verlust beklagt haben würde. Der schmerzliche und schwere Fortschritt des großen osteuropäischen Reiches würde durch diesen Tod aufgehalten worden fein; der Mordversuch allein müsse bem Lande schweren Schaden zufügen, von dem Eindrücke gar nicht zu reden, ben der Tob bes Zaren auf bie europäischen und asiatischen Complicationen hätte ausüben müssen. Der Elende, welcher ben Morbversuch gemacht habe, werde all dies nicht bedacht haben. Virileicht gehöre derselbe einer geheimen Gesellschaft an und habe dem Lande eine Wohlthat zu erweisen gedacht; allein die Geschichte aller derartigen Attentate führe zu ganz anderen Schlüffen. Die Großmannssucht werde auch hierbei eine große Rolle spielen; da« Beispiel eines solchen Elenden sporne Andere zur Nachahmung an. Jedoch könne die politische Wichtigkeit eines solchen Attentats auch leicht überschätzt werden. Die Demonstrationen in St. Petersburg über das Mißlingen des schändlichen Planes hätten zur Genüge bewiesen, daß der Verdacht einer ernstlichen Unzufriedenheit des Volkes unbegründet sei." .
Meldung der „Polit. Corresp." au8 Konstantinopel vom 15. April: Aleko Pascha zeigte dem Großvezir die Annahme des Gmeralgouverneurpostens von Ostrumeliens an. Die Pforte ist gesonnen, dem Sultan die Abtretung des Distriets Trieala an Griechenland als äußerste Eon- cession vorzuschlagen.
Deutsches Reich.
** ötrlitt, 16. April. In der Weserzeitung wird die Besprechung, welche der Reichskanzler am Donnerstag, 10. April, mit den Vorständen der Reichsdienstzweige gehabt hat, zum Gegenstand von theils schiefen, theils völlig falschen Mittheilungen gemacht. Zunächst ist schon die Aufzählung der Theilnehmer ungenau, weder Graf Stolberg, der an diesem Tage schon in Wernigerode war, noch der Chef der Admiralität wohnte der Conferenz bei. Die weiteren Angaben über den Inhalt, die angeblichen Resultate der Besprechung sind vollständig falsch; namentlich ist die Behauptung über die veränderte Stellung des Reichsschahamtes lediglich aus der Luft gegriffen. — An die Abreise de« Generalfeldmarschall v. Manteuffel nach Carls- bad wird die Annahme geknüpft, daß von der Berufung desselben zum Statthalter von Elsaß-Lothringen gänzlich Abstand genommen sei. Andere Candidaten sind gleichzeitig genannt. Wir haben früher den Angaben widersprochen welche die Berufung Manteuffels als bereits vollzogen hinstellten, wir können jetzt mit derselben Wahrheit der Se- hauptung widersprechen, daß von der Berufung Manteuffel'^
Mannes Schuld weiß — der Jude Henoch? Noch hat er ba« Geld nicht wieder und seit Jahren drängt er auf Rückzahlung. Die Rückzahlung! Du lieber Gott! Wir bringen mit Mühe und Noth die schweren Zinsen zusammen, lind wenn er nun plauderte — wie bann?"
»Er wirb sich hüten," entgegnete roh lachend der Alte, „er steckt so fest drinnen, wie wir alle. Uebrigens habe ich auch noch mit bem Kerl abzurechnen, ehe ich von hier weggehe. Er hat mir bie Kehle lang genug zugeschnürt, bis es so weit kam, wie eS ist. Verflucht will ich sein, wenn ich es ihm vergesse! Doch wo bleibt Dein Mann — ich muß ihn sprechen!"
„Mein Mann — o Gott —" rief erschrocken die Försterin, „ich vergaß — gewiß ist etwas vorgefallen! Er ist feit dem frühesten Morgen nach der Stadt, wohin ihn Plötzlich der Oberforstmeister bestellt hat. Er müßte längst zurück fein."
„Pah, Weibersorgen!" lachte der Vagabund. „Er wird sich ben freien Tag redlich zu Nutzen machen. Die schönen Dessauer Schenkmädels--"
»Pfui über Euch!" unterbrach ihn bie Kranke im Ton tiefster Verachtung, unb wenbete ihr Gesicht von bem frechen Blick des Gastes ab. „Doch ich rathe Euch, geht unb laßt Euch nicht wieber im Revier sehen, es gibt ein Unglück, wenn mein Mann Euch trifft."
Der Fremde stierte eine Weile nachsinnend in das Feuer, dessen rothe Glut sein ohnehin von raschem Trunk erhitztes Gesicht mit wahrhaft unheimlichem Widerschein übergoß.
„Du magst Recht haben," sprach er nach langem Schweigen zu der Frau, die ihn ängstlich von ihrem Sessel aus beobachtete, „eß wird vielleicht besser sein, wenn wir