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Jliaröurg, Freitag, 11. April 1879
XIV.
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OhchMk jfitimii.
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Die Sxped. d. Oberh. Zeitung.
Lharfreitag und Oster«!
Die Christenheit feiert wieder ihre hohen Feste Char- sreitag und Ostern. Diese beiden Feste heißt sie stille stehen vor den beiden größten Thatsachen, welche die Weltgeschickte zu verzeichnen hat, von denen Segensströme aus- gegangelt sind, wie von keinen anderen Ereignissen: vordem Kreuzestode Christi auf Golgatha und vor seiner Auferstehung. Diese beiden Thatsachen bilden den Mittelpunkt der ganzen apostolischen Predigt und des ganzen Christen- thums. Die Apostel fassen den Inhalt ihrer ganzen Verkündigung zusammen in das Worr: Wir wissen nichts anderes, denn Jesurn den Gekreuzigten und Auferftandenen. Das Prophetcnwort: „Er ist um unserer Misselhat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen, durch seine Wunden sind wir geheilet" — enthüllt uns die Bedeutung des Kreuzestodes Christi. Sünde und Sündenschuld! Diese beiden Worte spielen eine furchtbare Rolle im Leben des Menschen und der Menschheit, und so lange eS Sünde giebt, cxistirt auch die große brennende Frage: Wer erlöst mich von der Macht der Sünde? Wer tilgt meine Schuld und giebt mir den Frieden für mein Gewissen? Alle Völker, auch die heidnischen, haben eine Antwort gesucht auf diese Frage — in ihren Religionen, ihren Opfern, ihren Philofophien, ihren größten Dichterwerken. Aber diefe Antwort können nicht Menschen geben, die muß Cott uns geben, und das ist die Bedeutung des Christen- chums, daß wir in ihm diese göttliche Antwort auf diese größten Fragen des Menschenherzens haben. „Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, aus daß Alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben!" Die Auferstehung Christi ist die göttliche Bestätigung des Vcrsöhnungsopfers Christi. Verkündigt uns Eharfreitag die Vergebung der Sünde und die Versöhnung mit Golt, so bringt uns Ostern das neue Leben. — Der furchtbaren Dissonanz: Sünde, Gewissenspein, Tod, stellt das Christenthum die süße Harmonie: Vergebung, Frieden, Leben und Seligkeit gegenüber.
Während alle anderen Religionen sich in äußeren Ceremonien der Goltesverehrung erschöpfen, greift das Chriftenchum in die Herzen der Menschen hinein und schafft da ein neues Leben. Darin liegt die welterneuernde Cullurmacht des Christenthums, Man hat versucht, heidnischen Völkern die äußeren Formen christlicher Cultur zu ass 1 11 '—* '
Im Wolfsgruud.
Von Fritz Brentano.
(Fortsetzung.)
„Mein Vater!" schrie der Förster auf und jetzt erst schien ihm die ganze Tragweite seines Geständnisses klar zu werden, „mein armer Vater — mein Weib — allmächtiger Gott, waS hab' ich gethan!"
Der Oberforstmcistcr hatte sich nach dem Fenster gewendet und' ließ den Schmerz in der Brust des starken Mannes eine Weile austoben, daun aber wandte er sich wieder zu dem verzweiflungsvoll zur Erde stierenden Justi und sprach ernst, fast feierlich:
„Justi, er kann kein gewöhnlicher Verbrecher sem, es muß da etwas ganz besonderes vorgefallen sein, was ihn zu dieser Thal getrieben Hal. Nie hätte sein ehrlicher Vater die Hand dazu geboten, die Geschichte vertuschen zu helfen, wenn sein Sohn nur in frevelhaftem Leichtsinn gehandelt hätte. Mach' er sein Geständniß vollständig, Förster, sag er mir alles, — wie es kam und was ihn dazu getrieben, und ist es so, wie ich glaube annehmen zu dürfen, so will ich meinerseits beim Fürsten mein Mögliches thun, ihm Gnade und Vergessenheit zu erwirken."
In der Brust des Försters arbeitete eS mächtig. Er warf einen scheuen Blick auf das Gesicht seines Vorgesetzten dessen Augen mit müleidigem Wohlwollen auf ihm ruhten — schon schien cs, als wollten sich seine Lippen zu dem peinlichen Gestäncniß entschließen, aber nur einen Augenblick. Wieder huschten die Schatten verzweiflungs- vvllm Trotzes über seine Züge und eine wllde Entschlos- smheit klang bei jedem Wort, als er antwortete:
„Ich kann nicht! Ich bin ein Dieb gewesen an dem
bringen, ohne das Christenthum; allein hat man dadurch nur unglückliche Karrikaturen geschaffen, und die also verbreitete Cultur hat sich überall nur als übertünchte Gräber erwiesen, hinter deren äußeren Glanz das alte heidnische Verderben fortwuchert. Und in der Geschichte der Christenheit haben wir es ebenfalls erlebt: wenn diese Quelle des neuen Geisteslebens, die von Christi Kreuzestod und Auferstehung ausgeht, verschüttet wurde durch äußeres Formelnlesen, zerfiel die Sittlichkeit und die Cultur. Worin liegt die Bedeutung der Reformation anders als darin, daß sie jene Quelle des Geisteslebens wieder reinigte von dem Schutte menschlicher Weisheit? Ob dieselbe im hierarchischen Priestergewand, oder im weltlichen Professorenfrack einhergeht, bleibt sich gleich. Der weltliche Materialismus unserer Tage ist eben so gefährlich für wahre Cultur, als der hierarchische Materialismus, wie er im 15. und 16. Jahrhundert auf dem päpstlichen Stuhle saß. Oder glaubt man wirklich, daß man wahre Geistescultur und Sittlichkeit aus einer Philosophie herausschlagen könnte, welche den Menschen zum Thiere macht ? Die sittliche und geistige Verwüstung, welche diese entsetzliche Lehre in unserer Zeit angcrichtet hat, gibt die Antwort auf diese Frage, wenn man überhaupt noch einer solchen Antwort bedarf. Denn man sollte denken, die große weltgeschichtliche Thalsache der entsetzlichen Barbarei, welche überall herrscht, wo das Christenthum seine erneuernde Geistesmacht noch nicht hat entfalten können, fei Bestätigung genug dafür, daß es kein Heil giebt außer Christo! Bei der glänzenden Culturwelt der alten heidnifchcn Cultur- völker darf man nie vergeffen, daß dieselbe sich nur erhob auf dem entsetzlichen Piedestal der Sclaverei, in welcher ■> 6 des Volkes schmachtete, um dem einen Sechstel der Reichen den äußeren genußreichen Glanz seiner Cultur zu ermöglichen. Kein Volk der Erde hat sich aus sich selbst zu der Culturstufe der christlichen Völker erhoben. DaS ist der schlagendste Beweis dafür, daß das Christenthum nicht eine Erfindung des Menschen, sondern göttliche Offenbarung ist, sonst müßte eS doch zu irgend einer Zeit und irgend einem Volke gelungen sein, Christenthum und christliche Cultur zu erzeugen. Die Welt hat immer das Christenthum als ihr etwas Fremdes, nicht aus ihr Geborenes bis auf's Blut bekämpft, und doch hat die Weltgeschichte bewiesen, daß dieses bekämpfte Christenthum das Heil der Welt ist. Das ist auch jetzt noch so, unv danach muh man auch die Feindschaft beur- theilen, welche das Christenthum jetzt noch in der Welt erfährt, und wie falsch und thöricht und verderblich jene Richtung ist, welche das Christenthum absolut seines göttlichen Inhalts entkleiden und es zu einem Product menschlicher Weisheit machen will. Möchte unser Volk, welches dem Christenthum seine edelsten Güter verdankt, sich von dieser falschen Weisheit, welche von Gott verurtheilt ist, daß in
Fürsten — ein treuloser Verwalter des mir anvertrauten Gutes — mögen Ew. Gnaden darnach mit mir verfahren."
Auch über die Züge des Oberforstmeister flog eine Wolke des Unmulhs.
„Ist das sein letzte« Wort, Förster Justi?" fragte er fast rauh.
„Es ist es!" entgegnete dieser dumpf.
Noch einmal warf ihm Brandeis einen ernstmahnenden Blick zu, doch der, dem er galt, bemerkte ihn nicht. Die Lippen in finsterem Trotz zusammen gepreßt und die Augen zur Erde gesetckt, so stand HanS Justi da, das Bild eines Mannes, welcher rntschloffen ist, das Aergste über sich ergehen zu lassen.
Rasch trat der Freiherr zu seinem Schreibtisch und warf einige Zeilen zu Papier.
„Ich müßte ihn verhaften lassen, Justi," sprach er, „doch die Schande, daß er durch einen Corpora! aus meinem Haus gebracht wird, will ich ihm und seinem Vater vorläufig noch ersparen. Er begibt sich direct und ohne vorher noch Jemanden zu sprechen, auf die Schloßwache und meldet sich als Arrestant. Dies Papier wird ihm bei dem Offizier als Legitimation dienen. Will er mir versprechen nach meiner Instruction zu handeln?"
„Ich verspreche eS!" antwortete fest der Förster und steckte den ihm dargereichten Zettel zu sich.
„So geh' er," sprach der Oberforstmeister, „und harre er in Geduld, was der Fürst, dem ich Rapport erstatten muß, über ihn beschließen wird. Er wird Zeit haben, darüber nachzudenken, ob er seinem höchsten Herrn umfassendere Mittheilungen machen will, denn Serenissimus sind heute nicht in der Stadt."
„Ich danke für das mir bewiesene Wohlwollen", ent-
ihrem Materialismus und ihrer Affenphilosophie wie Ne- bukadnezar neben den Thieren des Feldes zu gehen und Gras zu ftessen wie Affen und Ochsen, lossagen und sich an diesen großen christlichen Festtagen darauf besinnen, welche Schätze es in seinem Christenthum besitzt! Der Abfall vom Christenthum hat uns viel Unheil gebracht. Man will diese Wurzel des Verderbens nicht erkennen und sucht die Heilmittel für die Schäden der Zeit hier und da: aber man sinkt dabei immer tiefer ins Verderben hinein; und wenn man nur die Augen ein klein wenig aufmachen wollte, so könnte man überall die Wahrheit mit Händen greifen, daß es kein Heil giebt — für die Menschen wie für die Menschheit als allein in Christo. Möchte diese Wahrheit unserem Volke aufgehen, dann würde Ostern auch für dasselbe wieder ein Auferstehungsfest werden!
Tasiesberich L
Der „Reichsanzeiger" bringt folgende Bekanntmachung: „In neuerer Zeit sind falsche Reichskassenscheine, und zwar in Stücken zu fünfzig, zwanzig und fünf Mark, zum Vorschein gekommen und angehalten worden. Wir sichern demjenigen, welcher, einen Verfertiger oder wissentlichen Verbreiter solcher Falschstücke zuerst errmittelt und der Polizei- oder Gerichtsbehörde dergestalt nachweist, daß der Verbrecher zur Untersuchung oder Strafe gezogen werden kann, eine nach Umständen zu bemessende Belohnung bis auf Höhe von 5000 Mk. zu. Berlin, den 2. April 1879. Reichsschulden-Verwaltung. Löwe. Hering. Rötger."
Ein längerer Artikel der „Prov.-Corresp." über die Aussichten der Finanz- und Zollreform hebt die im deutschen Volke selbst entstandene Bewegung hervor, als deren erstes bedeutsames Ergebniß hervortrete, daß es dem that- kräftigen Vorgehen und dem mächtigen Ansehen des Reichskanzlers gelungen sei, die bisherige Herrschaft der unbedingt freihändlerischen Lehrnieinungen zu brechen und der unbefangenen Erwägung der wirklichen Volksbedürfnisse freieren Raum zu schaffen. Der Artikel schließt: die Wirkung dieser Wandelung im öffentlichen Geiste mußte sich weiter auch auf die eigentlich politischen und parlamentarischen Kreise ausdehnen. In der That scheint in den Stimmungen und Aussichten bezüglich der wirthschaftlichen Pläne des Reichskanzlers auch im Reichstage eine erfreuliche Klärung und Wendung bereits eingetreten zu sein. Von Tag zu Tag wächst die Hoffnung, daß außer den parlamentarischen Gruppen, welche von vornherein die Wirthschafts- und Zollresorm auf ihre Fahne geschrieben, auch ein beträchtlicher Theil der gemäßigten Liberalen an dem wahrhaft nationalen und vvlksfreundljchen Reformwerke sich betheiligen werde.
gegnete jeder weiteren Erörterung ausweichend der Förster, „und empfehle mich zu Gnaden!"
„Noch ein Wort, Justi!" rief der Oberforstmeisier als dieser sich zum Gehen wandte: „Wußte der Hofjud um die Unterschlagung, als ihm dieser das Geld borgte?"
Einen Augenblick zögerte der Förster mit der Antwort, dann sagte er:
„Ich machte ihm in meiner ersten Verzweiflung, als die Entdeckung drohte, Andeutungen, aus denen er schließen mochte--"
„Und wie er zu dem Verbrechen kam, hat er Henoch nicht mitgetheilt?" unterbrach rasch der Oberforstmeister den Sprechenden.
„Nein, das that ich nicht," erwiderte Justi, „niemand — kein Fremder — weiß darum!"
„Gut denn", sprach der Oberforstmeister und winkte, verabschiedend mit der Hand, „auf Wiedersehen."
Ter Förster griff nach Stock und Büchse und verließ das Zimmer. Während er sich stehenden Fußes nach der Schloßwache begab, saß der alte Freiherr an feinem Schreib- . tisch und zerbrach sich vergeblich den Kopf, was wohl den ( Hans Justi damals zur Unterschlagung verleitet haben i mochte.
6.
Wenn man die Hauptstraße Dessau's zu Ende ging und dann in die letzte schmale Seitenstraße links einbog, so fiel das Auge zunächst auf ein altes Gebäude, welches am Eingang der Straße etwas vorsprang vor den übrigen Häusern und so einen scharfen Winkel bildete. Dasselbe machte gerade keinen freundlichen Eindruck, denn es war düster und verräuchert und die Fenster des Erdgeschosses