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.Marburg, Dienstag, 8. April 1879
XIV. Jahrgang
GchMr jfitimii
den HrrzenS-
mit großen ab und warf
Die „Deutsche Volköwirthschastliche Korrespondenz" legt es den Wählen: dringend ans Herz, die Zeit der Reichstagsferien und damit die Anwesenheit der Volksvertreter in ihren Wahlkreisen zu benutzen, um den letzteren nochmals und eindringlich die Lage der einzelnen Industriezweige darzulegen und etwaige Wünsche, die sie noch hegen, vorzutragcn und zu motiviren. Die „D. V. 6." fügt hinzu: Noch heute gibt es eine größere Anzahl von Abgeordneten, welche an die Wandlung der öffentlichen Meinung nicht glauben wollen, und welche immer noch nicht davon durchdrungen sind, wie sehr wir in gewerblicher Beziehung zurückgegangen und wie nvthwendig eine Abhülfe ist. Wir ersuchen unsere Freunde, in dieser Hinsicht nichts zu versäumen und Alles aufzubieten, um den Volksvertretern einen Einblick in die wirklich vorhandenen Nothstände unseres industriellen und gewerblichen Lebens zu verschaffen!"
Lord Beaconsfield als Bolkswirth.
Auch in Großbritannien, dem klassischen Lande des Freihandel- hat sich eine bedeutende Stimme fü£ den Schutzzoll erhoben, die Stimme des gefeierten Staatsmannes Benjamin Disraeli, Lord Beaconsfield. Die Wichtigkeit der Erklärungen Disraeli's liegt in der unumwundenen Anerkennung, welche er einem rationellen Schutz der nationalen Arbeit, der Laudwirthschaft wie der Industrie ange- deihen läßt. Das Zeugniß dieses Mannes ist untrügbar die mächtigste Förderung der von dem Fürsten Bismarck inaugurirten selbstständigen Handelspolitik, denn es verkündet zum mindesten, daß auch England die unhellvollen Folgen des zu radikalen Freihandels einzusehen beginnt und anscheinend zu einer Handelspolitik zurückzukehren gedenkt, welche das Wohl des Landes nicht in einer Ueber- produklion sucht, welche die Produktion anderer Länoer unterdrücken soll, sondern in einen bescheidenen Förderung der nationalen Erwerbszweige, insbesondere der schwer leidenden Laudwirthschaft. Der Reichskanzler ist über diese Kundgebung mit Recht hocherfreut gewesen, denn eine Zustimmungsadresse von England und noch dazu von von so einflußreicher Bedeutung hatte er am wenigsten erwartet.
Sehr bemerkenswerth sind die Bestrebungen der deutschen Freihändler, welche gute Miene zum bösen Spiel machend, die Erklärungen Disraeli's nicht nur abzuschwächen, sondern für sich auszubeuten versuchen. Sie meinen, das Pronunciamento des edlen Lord bestätige nur ihre Voraussetzung, daß Bismarcks Vorgehen das Ausland zu Repressalien veranlassen werde. Allerdings kann das der Fall sein, aber trotzdem wird wenigstens unsere Industrie eristenz- fähig gemacht; sie wird mit dem nationalen Markt zufrieden sein und wieder in die Bahnen der Reellität, der Solidität und der Kunst einlenken, welche der Ruhm der alldeutschen Gewerbe waren. Darin wird sie ihre Prosperität finden und den nationalen Wohlstand fördern, welcher durch die Erzeugnisse einer Schleuderindustrie, wie sie die Con- kurrenz mit der Massenprodullion des Auslandes gezeitigt hatte, geschädigt worden ist. Die Ehre der Arbeit wird wieder siegen, und bessere Preise und Löhne im Gefolge haben. Der Export wird sich dann von selbst finden.
Milliarden sind, wie die Statistik lehrt, durch die lieber« schwemmung mit ausländischen Fabrikaten verloren worden. Den vielen Milliarden gegenüber, welche die-Produktton
alljährlich erzeugt, spielt dieser Verlust keine Rolle: Er darf sich nur nicht alljährlich wiederholen! Der Möglichkeit dieser Wiederholungen entzieht die Bismarck'sche Reform den Boden. Ist aber diese ständige Verlustquelle beseittgt, so werden Landwirthschaft und Industrie sich rasch erholen. Deutschland besitzt alle Hülfömittel zu einer gesunden, natto- nalen Produktion. Wenn wir mit manchen Rohstoffen auf das Ausland angewiesen sind, so braucht dieses auch unsere Produkte und Fabrikate. Es handelt sich um eine Regelung dieser Gegenseitigkeit und es ist rationell, daß dabei die Politik des größtmöglichsten Vortheils für uns maßgebend ist. Die jetzt bekannt gewordenen Vorschläge der Tarifkommission sind nur als mäßige zu bezeichnen. So gering auch der Schutz sein mag, seine Bedeutung liegt im Siege der Principien, liegt darin, daß auf der abschüssigen Bahn des radikalen Freihandels halt geblasen wird. Dasselbe Signal hat Lord Beaconsfield für England ertönen lassen, — und diese hochbedeutende Thatsache vermag keine Sophistik der Freihändler abzuschwächen.
Ueber einen gegen den Cultusminister Dr. Falk begangenen Angriff erfährt das „B. Tgbl." folgendes Nähere: Der Cultusminister ging im Thiergarten spazieren, als Dr. Straeter auf ihn zuttat und ihn in durchaus nicht höflicher Weise um eine Anstellung ersuchte. Herr Dr. Falk antwortete selbstverständlich, daß weder Ort noch Gelegenheit geeignet seien, ein solches Ansuchen zu stellen, worauf sich Dr. Straeter einen thätlichen Angriff zu Schulden kommen ließ. Mit den Worten: „Ich bin preußischer Officier, wir sprechen uns noch," entfernte sich dann Dr. Straeter, der jedoch bald auf Veranlassung von Vorübergehenden, welche Zeugen des Vorfalls gewesen, zur Wache sistirt wurde. Nach Feststellung der Personalien erfolgte sodann seine Entlassung. Wie wir hören, ist Dr. Straeter früher Lehrer an einer höheren Mädchenschule gewesen, hat jedoch seine Stellung verloren, weil er eine erwachsene Schülerin geohrfeigt hat. Auch gegen seine eigenen Angehörigen soll er sich zu Exceffm haben hinreißen lassen. Es soll schon früher Gelegenheit genommen worden fein, dm Betreffenden ärztlich beobachten zu lassm. Aus alledem, sowie aus einigen nmerdings ausgestoßmm Drohungen, „daß er Alles niederschießen werde, wenn er keine Stellung erhalte," geht zur Genüge hervor, daß man es mit einem sehr excmtri- schen Mann zu thun hat. Nahrungssorgen sind es übri- gms nicht, welche Dr. Straeter zu diesem Angriffe getrieben haben. Seine Lage wird vielmehr als eine pecuniär sorgenfreie geschildert.
Tagesbericht.
In der Sonnabend-Sitzung des Bundesraths wurden die AnSschußanträge zu den die Tabaksteuer betreffenden Vorlagen in allem Wesentlichen angenommen.
Stellung und grübelte wie er dem Fürsten wünsch des Hofjuden beibringen wolle.
5.
Der alte Oberförster von Brandeis ging Schritten in seinem Arbeitszimmer auf und
von Zeit zu Zeit nichts weniger als liebsame Blicke auf den Junker von Prittwitz, welcher in einem Sessel am Fenster sitzend, lächelnd den stillen Grimm des alten Waid- manne», der sich offenbar in sehr unbehaglicher Stimmung befand, beobachtete.
„Freiherrliche Gnaden scheinen nicht besonders erbaut zu fein, von dem Auftrag, den Sereniffimus durch meine Vermittelung an Ihre Adresse gelangen ließen?" fragte der Junker, als der Oberforstmeister ihm abermals unter seinen buschigen, weißen Augenbraunen hervor, einen jener verdächtigen Seitenblicke znwarf, mit welchen er ihn schon mehrmals beehrt.
„Dm Tmfel auch!" platzte der also Angeredete heraus, indem er plötzlich seine Promenade unterbrach und sich breitspurig vor den Junker hinpflanzte, „wie kann ich erbaut sein, von derlei Geschichten, von denen ich gerade so wenig verstehe, als Ihr, Junker, von der Jägerei."
„Hoho!" antwortete der Junker lachend, „wenn man Euch hört, Herr von Brandeis, so sollte man meinen, die Prittwitze hätten nie verstanden eine Büchse zu spannen oder einer wilden Sau den Genickfang zu geben."
„Faule Fische," entgegnete derb der Alte, „ich sprach von Euch allein, nicht von den Prittwitzen im allgemeinen. O, ich kannte Euren Ohm, dm Hans von Prittvitz! A la bonheur! Ein Waidmann comme il kaut! Habe manche schöne Hetze mit ihm abgehalten! Und dann Herr Bruno
I» Wolfsgrund.
Von Fritz Brentano.
(Fortsetzung.)
„Was hast Du, Haus," fragte et besorgt. „So sah ich Dich nie im Leben."
„Es ist nichts, Vater — nichts," antwortete der junge Jufti, indem er seine Aufregung mühsam niederkämpste und sich erhob. „Der Gedanke, daß Euch Henoch quält — mein leidendes Weib — die ewige Sorge — dies alles macht mich wild. Und dann — bin ich zum Oberforst- meister beschieden, Vater und habe keine Ahnung weshalb; dies ängstigt mich."
„Aengsttgt Dich? und warum? Er ist Dein Vorgesetzter — dienstliche Mittheilungen."
„Nein, die sind es nicht," unterbrach der Förster dm Allen. „Erst vorgestern erhielt ich ausführliche schriftliche Relationen. Gestern aber brachte mir ein reitender Bote Plötzlich die Weisung, mich henke gegen Mittag bei seiner frttherrlichm Gnaden zu melden. Es muß da etwas vor- gefallen sein, ich fühle es an der innem Angst, die mich verzehrt. „Vater, Vater, wenn der Jude geplaudert hätte, wenn jene alte Geschichte zu Ohren deS Oberforstmeisters — am Ende gar schon an den Fürsten gekommen wäre
ich überlebte die Schande nicht!"
_ Ein jähes Erblassen überflog einen Augenblick die Züge deS Leiblakei's dann aber schüttelte er sein greife« Haupt und sprach:
„Du machst Dir unnütze Sorgen mein Sohn. Weiß doch niemand als Henoch um die Sache und er weiß nicht da» schlimmste. Seiner aber bin ich sicher — vorläufig
Gemeinden, durch gutsherrliche und Patronatsleistungen beschafft. In den Stadtkreisen sind die Aufwendungen für das Volksschulwesen selbstverständlich durchschnittlich höher, als auf dem Lande. Die Staatszuschüne kommen fast ausschließlich den Landkreisen zu Gute. Den Artikel 25, Abs. 3 der preußischen Verfassung, welcher die Unentgeltlichkeit des Volks-Unterrichts ausspricht, haben von den 60 Städten, die über 20,000 Einwohner zählen, bisher 16 zur Wahrheit gemacht, nämlich: Berlin, Breslau, Königsberg t P., Danzig, Altona, Elberfeld, Crefeld, Posen, Erfurt, Kiel, München, Gladbach, Flensburg, Remscheid, Königshütte, Hagen und Nordhausen. Königshütte bedarf indeß schon in diesem Jahre und wahrscheinlich auch für längere Zeit eines ausnahmsweism hohen Zuschusses aus Staatsmitteln, um diese Concessionen aufrecht erhalten zu können. In einigen Gemeinden finden sich neben Volksschulen mit Schulgeld auch unentgeltliche Armenschulen. In den 108 preußischen Gemeinden mit mehr als 10,000 Einwohnern, die für beit Elementar-Unterricht Schulgeld oder eine besondere Abgabe erheben, werden dadurch etwa 1 '/■? Millionen Mark aufgebracht, ein unerheblicher Bruchtheil der eigentlichen Schullast.
Anzeigen nimmt emgcgen: btt @xpebttion d.Blatte», sowie d.Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haafenstein & Vogler in Frankfurt a M., Berlin, Leipzig, Cöln rc.; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. ic
Anzeigen nimmt entgegen die Expeditton d. Blatte» s owie d. Annoncen-Bureaux von G- L- Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. ♦ daselbst; Jnvalidendank in
Berlin; W. Thiene- in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen.
lUrffpIhtltriMt aus das zweite Quartal jpCHlUUUUl.il werden noch fortwährend von der Post angenommen und auf Verlangen die bereits erschienenen Numtnern nachgeliesert.
Die Exped. d. Oberh. Zeitung.
Nach den neuesten Erhebungen beläuft sich der Ge- sammlbetrag der Aufwendungen für das Volksschulwesm in der preußischen Monarchie auf rund 77 '/s Millionm Mark. Davon werden fast 11V2 Millionm Schulgelder, fast 2'/8 Millionen durch Einkünfte aus Schulvermögen und Stiftungen, 523 Millionen durch Staatszuschüsse, abgesehen von den persönlichen und Alterszulagen, gedeckt. Der Rest von 58'/s Millionen wird durch Beiträge der
wenigstens", fügte er zögern hinzu und erzählte dem Förster die Unterredung, welche er vor einigen Tagen mit dem Hofjuden gehabt und in welcher ihm dieser eine lange Frist in Aussicht gestellt hatte. „Was aber die Bedingung betrifft, welche er mir stellte," schloß der Alte, „nun, so will ich in Gottes Namen einmal versuchen, was meine geringe Persönlichkeit bei Serenissimus vermag. Es hat ja schon mancher etwas auf diesem Wege burchgesetzt, warum sollte es nicht auch einem alten treuen Diener gelingen, der nie um eine Gunst für sich ober andere gebettelt hat. 9änt, mein Sohn, was meinst Du dazu?"
Die Züge des Försters hatten sich während der Mittheilung seines Vaters etwas aufgehellt. Fiel es ihm doch wie ein Stein vom Herzen, als er aus derselben entnahm, daß er von dieser Seite wenigstens nichts zu befürchtm hatte.
„Ich danke Euch, Vater," antwortete er tief athmend, „unb ich trete jetzt den Weg zum Oberforstmeister mit leichterem Herzen an."
„Willst Du nichts zu Dir nehmen, vorher, Hans?" fragte der Alte. „Du bist weit marschirt unb sicher hungrig."
„Nein, Vater," crtoiberte, der Förster, „ist nicht von Nöthen. Ich nahm unterwegs einen Imbiß, den die Anne mir einpackte. Doch es ist Zeit, gehabt Euch wohl einstweilen; nach der Audienz bei feiner freiherrlichen Gnaden sehen wir uns nochmals."
Die beiben Männer drückten sich kräfttg die Hand. Der Förster aber warf feine Büchse über die Schulter unb ging hinaus, um sich bei feinem Vorgesetzten, dem Ober» forftmeifter, Frecher von Brandeis zu melben.
Der Leiblakai sah noch lange seinem Sohn durch bas Fenster nach, bann versank er wieder in feine sinnende
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