Marburg, Freitag, 4. April 1879
XIV
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beschränkungen zweischneidige Schwerter sind, mit welchen nicht bloß der Wucher, sondern auch sehr oft der solide Credit getroffen werden kann. Allein nichtsdestoweniger wurde allseitig anerkannt, daß etwas geschehen muß und deßhalb wurden schließlich die Anträge an eine Commission zur Vorberathung verwiesen. Hoffentlich gelingt es der Commission, gute Vorschläge zu machen. Soll das geschehen, dann ist unseres Erachtens nöthig, daß die Commission vor Allem das eigentliche Gebiet des Wuchers scharf und klar ins Auge faßt, und das ist da« Gebiet des sogenannten Schacherhandels. Dem Urtheil des Richters muß bei Beurtheilung der Wucherfälle ein weiter Spielraum gelassen werden; allein immerhin muß der Richter doch bestimmte Anhaltspunkte für seinen Richterspruch haben. Wir fürchten, daß die allgemeine Bestimmung: gewinnsüchtige Ausbeutung der Roth, des Leichtsinns oder der Unerfahrenheit nicht ausreicht. Wenn gar keine Zinsgrenze bestimmt ist, bei welcher für den Richter die Feststellung der Ausbeutung beginnt, so wird es für ihn schwer halten, die „gewinnsüchtige Absicht" nachzuweisen und sein Strafurtheil zu begründen. Die „gewinnsüchtige Absicht" wird entweder immer geläugnet werden oder man wird sagen: die Absicht zu gewinnen, habe am Ende jeder Geschäftsmann; es fragt sich also, von welcher Grenze ab diese Gewinnsucht als Wucher gerichtlich strafbar ist oder von welcher ab der Richter die Beitreibung der Schuldfor- derung ablehnen kann. Wir glauben deßhalb, daß man, wenn man wirksame Bestimmungen treffen will, die Feststellung einer gewissen Zinsgrenze nicht wird umgehen können. Und ebenso scheint es uns beim Wechsel zu sein. Bleibt die Wechselfähigkeit in ihrer jetzigen Allgemeinheit bestehen, so wird es dem Richter so gut wie unmöglich sein, ein sicheres Fundament für sein Strafurtheil gegen den Wechselwucher zu finden. Wir glauben, daß man auch hier eine bestimmte Grenze ziehen muß. Man muß freilich dem Richter anheimgeben, im einzelnen Falle zu beurtheilen, ob nnd inwieweit sich diese Bestimmungen für die Zins- und Wechselbeschränkungen als Grundlage für ein Strafurtheil anwenden lassen. Mathematisch scharfe Linien lassen sich hier nicht ziehen, aber immerhin müssen Linien da sein, sonst steht der Richter ganz im unbestimmten leeren Raum und weiß nicht, worauf er sein Urtheil bastren soll.
Wir haben früher schon darauf hingewiesen, daß der Wucher durch Strafbestimmungen freilich eben so wenig aus der Welt geschafft werden wird, wie der Diebstahl, Raub und Mord durch das Strafgesetz. Allein das Recht und die Sittlichkeit verlangen, ganz unabhängig von diesem Erfolg, daß Ttrasbestimmungen gegen das Unrecht vorhanden sind. Zur Bekämpfung des Wuchers wird sehr viel geleistet werden können, und zwar in vorbeugender Weise durch Bestimmungen in der Gewerbeordnung; und
wir haben schon früher darauf hingewiesen, daß sehr wirksam sein würde eine heilsame Beschränkung des Hausir- handels, well erfahrungsgemäß die meisten Wuchergeschäfte aus demselben erwachsen. Sodann ist dazu nöthig die Gründung guter, solider Crediteinrichtungen für den kleinen Mann, wie sie die Bauernvereine in Westfalen und die Raifeisen'schen Creditvereine in der Rheinprovinz geschaffen haben. Bor Allem aber ist nöthig, daß das Handwerk und der Bauernstand durch größere Rentabilität ihrer Geschäfte gehoben werden, damit diese Leute, unter welchen die Wucherer zumeist ihr schnödes Gewerbe treiben, nicht so ost in die Rothlage, Geld zu borgen, versetzt werden. Und schließlich kommen wir zu dem, welches schließlich die Hauptsache auf allen Gebieten ist, daß die sittliche Tüchtigkeit des Volke« gehoben werden muß. Dann wird es weniger Wucherer geben und die sittliche Tüchtigkeit, Fleiß, Sparsamkeit wird viele davor behüten, ihre Zuflucht zu den Wucherern zu nehmen. Die Wuchcrfrage hängt also mit vielen anderen Fragen zusammen, aber das schließt nicht aus, sondern fordert, daß mit desto größerem sittlichem Ernste dem schnöden unsittlichen Wucherthum entgegrngetreten werde.
Ttgelbericht.
Die am Dimstag stattgehabte erste Spazierfahrt ist Sr. Maj. dem Kaiser sehr gut bekommen. Nach seiner Rückkehr empfing der Kaiser den Fürsten Bismarck, welcher für das Geburtstagsgeschenk Dank abstattete. — Der österreichische Feldmarschall-Lieuteuant Graf Bellegarde ist aus Wien hier eingetroffen.
Telegraphisch wird ferner von gestern aus Berlin gemeldet: Die Tarifcommffsion übergab heute dem Bundes- rathe ihren Bericht, nachdem sie den Tarifgesetzentwurf schon vor mehreren Tagen abgeschlossen und überreicht hatte. Der Bericht enthält die Motive zu dem Zolltarifgesetz sowie zu den einzelnm Tarifposittonen.
Der Bundesrath lehnte in der heutigen Sitzung die Verweisung der Zolltarifvorlage an einen Bundesraths- Ausschuß ab. Die einzelnm Regierungen entwickelten ihre Anträge. Die Erledigung der ganzen Angelegenheit findet in der nächsten Sitzung statt. Der württembergische Antrag in Betreff der Zusammensetzung der Commission für die Gütertarif-Vorlage wurde angenommen.
Bezüglich des Zolltarif-Gesetzentwurfes, in dessen Be- rathung der Bundesrath heute eintritt, und worüber alsbaldige Berathung und Beschlußfaffung im Bundesrathe (nicht nochmalige Vorberathung durch die Ausschüsse) in Aussicht gcnommm ist, schreibt die „Provinzial-Korrespon- dmz": die Regierung ist, wie auch der Präsident des Reichskanzleramts im Reichstage hervorhob, von der dringmden
Die Wucherfreihett.
Am Montag standen die Anträge der Deutschconser- vattven und des CentrumS auf Beschränkung der Wucher- fteiheit und Bekämpfung deS WucherthumS auf der Tagesordnung des Reichstags und wir können mit Befriedigung konstatiren, daß man von keiner Seite den Anträgen pure entgegenzutreten wagte. Selbst die Fortschrittler und Na- ttonalliberalen mußten sich vor der Gewalt der Thatsachen beugen und das entsetzliche Ueberhandnehmen des WucherthumS in den letzten Jahren, wie die Nothwendigkeit, daß etwas dagegen geschehen müsse, zugeben. Aber der fortschrittliche Redner zeigte auch hier wieder die Unfruchtbarkeit seiner Partei, er kritisirtc die gestellten Anträge, keiner war ihm Recht; aber einen besseren wußte er nicht an ihre Stelle zu setzen. Der nationalliberale Redner erkannte wenigstens an, daß durch Bestrafung der wucherischen Ausbeutung der Noth und Unerfahrenheit viel Gutes gestiftet werden könne. Der Antrag des CentrumS will in erster Linie bestimmte Zinssätze gesetzlich feststellen, und Forderungen, welche über 8 Procent hinauSgehen, soll die ge- richttiche Beitreibung versagt werden. Außerdem soll die Wechselfähigkeit auf die in das Handelsregister Eingetra- genen und gewisse Genossenschaften beschränkt werden. Falls aber dieser Antrag nicht angenommen werde, will sich da« Centrum mit einem Zusatz in das Strafgesetzbuch begnügen, wonach die Ausbeutung der Roth, der Unerfahrenheit und des Leichtsinn« in gewinnsüchtiger Absicht mit Gefäng- niß bis zu 1 Jahr und mit Geldstrafe bis zu 3000 Mk. gestraft werden. Der deutsch-conservative Antrag will weder einen bestimmten Zinsfuß festsetzen, noch will er die Wechselfähigkeit beschränken, sondern will nur die gewinnsüchtige Ausbeutung der Noth, der Unerfahrenheit und des Leichtsinns unter Strafe stellen, und deshalb einige neue Bestimmungen in'S Strafgesetzbuch ausgenommen haben. Darin stimmt er also mit dem zweiten Antrag deS Centrums überein, nur sind seine Strafsätze wesentlich niedriger, nur 3 Monat Gefängniß und Geldstrafe bis zu 1500 Mark. Dagegen will er diese Bestimmungen auf die Pfand- und RückkaufShändler ausgedehnt haben.
In der Debatte wurden die Schwierigkeiten her- vorgegehoben, welche sich einem wirksamen Einschreiten gegen den Wucherunfug entgegenstellen, insbesondere wurde darauf hiNgewiesen, daß die Zins- und Wucher-
„Und was gedenken Serenissimus in der Sache zu thun?"
„Sie hatte für mich zwei Seiten," entgegnete Leopold von Dessau, „eine heitere und eine verteufelt ernste. Was die Erstere betrifft, so möchte ich es gerne sehen, wenn meinem biederen Hofjuden, der auch in meinen leidigen Geldangelegenheiten, Gott weiß, ost genug seinem Namen Ehre gemacht hat, irgend ein lustiger Streich gespielt werden könne, der meinen alten Justi von feiner Schuld, dem He- noch aber trotzdem nicht zum Ziel verhelfen würde. Der Ernst der Sache aber ist, daß ich vorher wissen muß, wie der Förster Justi zu dieser Schuld kam, und dies zu erfahren, wird meine nächste Sorge sein. Und auf welche Art dies geschehen mag, dabei sollt Ihr mir mit Eurer Weisheit rathend zur Seite stehen. Me Wetter, wozu wäret ihr Stubenhocker und Büchergucker auf der Welt, wenn wir Kriegsleute nicht wenigstens in solch diScreten Angelegenheiten einen vernünftigen Plan mit Euch auS- hecken könnten. Kommt mit, Prittwitz, wir wollen drinnen die Sache weiter besprechen."
Und die Beiden verschwanden im Cabinet deS Fürsten.
3.
ES war einige Tage später, als ein einsamer Wanderer auf da« Forsthau« im WolfSgrund zuschritt. Die kräftige Gestalt desselben war in einen einfachen Rock von dunkelgrünem Tuch gehüllt; an den Beinen trug er hohe Kamaschen und auf dem Kopf saß ein schmuckloser Dreispitz während die Hüfte de« rüstig Marschierenden mit einem Hirschfänger umgürtet war.
In der Nähe der Forstbewohnung lungerte in dem weichen Moo«, welche« den Boden gleich einem Teppich
Im WolfSgrund.
Von Fritz Brentano.
t Fortsetzung.)
Diese und andere Gedanken gingen dem Fürsten, der namentlich was die Treue und Lauterkeit seiner Beamten betraf keinen Spaß verstand, im Kopf herum. Er schritt sinnend den Corridor hinab, der zu den Gemächern seiner Gemahlin führte, als ihm ein junger Cavalier begegnete, bei dessen Anblick sogleich die Wolken von seiner Stirn verschwanden und einem fröhlichen Lächeln Platz machten.
„Nun Junker von Prittwitz," rief er dem sich ehrfurchtsvoll Verbeugenden zu, indem er leutselig die Rechte auf die Schulter deS jungen Mannes legte, auf dessen hoher geistvoller Stirne sich Intelligenz und Bildung ausprägten, während um seine seingeschnittenen Lippen ein Zug sinniger Heiterkeit spiette, „nun Junker Prittwitz, was treibt Ihr? Immer noch der edlen Frau Wissenschaft in Liebe und Und Treue ergeben? Ich verwette meinen hochfürstlichen Kopf gegen den Kamaschenknopf eines meiner Grenadiere baß Ihr heute schon wieder mit der ehrbaren, aber, Gott verzeihe mir, grauslichen alten Dame ein zärtliches Rendezvous hattet und einige Stunden über Euren lateinischen, chaldäi- schen hebräischen, und wer weiß, was noch für Folianten brütet, statt Euch ein Pferd zu satteln und in den Herbst- wvrgen hinauszureiten! Wie, was! Hab ich nicht Recht?"
„SereniffimuS haben immer Recht," antwortete lächelnd brr Junker von Prittwitz, ganz besonders aber heute, wo ich wirklich genau so gethan, wie Höchstdieselben zu bemerken geruhten.
„Pah/" fuhr der Fürst lachend fort, „eine schöne
Amourschaft für einen jungen hübschen Cavallier, dem alle Damen des Hofes und die drallstm Bürgermädels ihre Blicke nachsenden; ja, der selbst in den Herzen der Töchter Israels Verwüstungen anrichtet. Oder meint Ihr Prittwitz, ich bemerkte die glühenden Augen nicht, mit welchen Euch jedesmal die Sarah, die Tochter meines Hofjuden, hinter den Gardinen nachschaut, wenn wir die Straße hinabreiten?"
„Bei meinen Ahnen, entgegnete der Junker, „da bemerken Serenissimus mehr als ich, Kenn' ich doch das Mädchen kaum. Ein einziges Mal traf ich sie in der Wechselstube ihres VaterS —
„Der Euch vielleicht auch von dem Wurm erzählte, welcher an seinem Glück nagte," unterbrach lächelnd Leopold von Dessau den Sprechenden.
„Von einem Wurm — nein!" entgegnete verwundert Prittwitz, „aber er hieb mich in einer Geldangelegenheit gewaltig über das Ohr, und ich will nicht ehrlich sein, wenn ich nicht dafür eine kleine Rache an ihm nehme."
„O Prittwitz, Prittwitz," sprach pathetisch der Fürst, „das Schicksal hat sich schon schwerer an ihm gerächt, als Ihr denkt!"
„Serenissimus belieben in Räthselu zu scherzen," erwiderte lächelnd der Junker.
„Nun, des Räthselö Lösung soll Euch nicht vorenchal- ten bleiben," sprach Leopold, faßte seinen Liebling, den Junker, unter dem Arm, und erzählte ihm, die Gallerte auf und ab wandelnd, die Unterredung zwischen seinem Hofjuden Henoch Samson Gauner und dem Leiblakei Justi, welche er eben erlauscht hatte.
Prittwitz hörte aufmerksam zu und fragte, als der Fürst geendet hatte:
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