Skr 78.
Marburg, Mittwoch, 2. April 1879
XIV Jahrgang.
Anzeigen nimmt emgegen: He Expedition d.vlatte», sowie d-Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in gaffet und Hannover ; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein it Bögler in Frankfurt a- M. Berlin, Leipzig, Köln rc.; Rudolf Mosie in Berlin, Frank- tun a. A. rc.
GechMche jritmig.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte», sowie d- Annoncen-Bureaux von ®. L- Daube & Co. in Frankfurt a- M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W- ThieneS in Elberfeld: C. Schlotte in Bremen.
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Die Gisenbahnfrage.
Die Lösung der Eisenbahnftage ist durch den Antrag des Reichskanzlers auf allgemeine gesetzliche Regelung des Gütertarifwesens praktisch in Angriff genommen und damit der Weg beschritten, der der allein zum Ziele führende sein wird. Die Eisenbahnen haben für das wirthschaftliche Leben eine außerordentliche Bedeutung gewonnen. Leider wurde dieselben von den nur chr eigenes Interesse, d. h. die Rentabilität ihres Actiencapttals im Auge haltenden Bahngesellschaften vielfach gegen die Interessen unserer deutschen ^oduction ausgenutzt, indem sie dem ausländischen Güterverkehr oft billigere Tarife gewährten als dem inländifchen Verkehr und der deutschen Production. Unsere deutsche Production arbeitet ohnehin unter viel schwierigeren Verhältnissen als die ausländische und wenn sie nun auch noch durch die unumgänglichen Transportmittel vor der ausländischen zurückgefetzt wird, so wird ihre Lage natürlich noch mehr erschwert. Es ist hocherfreulich, daß der Reichskanzler in seiner jetzt eingeschlagmen Zollpolittk überall das Interesse der deutschen Arbeit, als die Norm und Richtschnur in den Vordergrund stellt, gegenüber der internattonalen Freihandelspolitik. So lange Deutschland wie jedes andere Land, für sich einen volkswirthschaftlichen Haushalt bildet, ist diese Politik die allein richttge. Der Verkehr mit den anderen Völkern ist damit natürlich nicht ausgeschlossen. Wir »erben nach wie vor von dem Auslande kaufen, was wir nicht selbst besitzen und nicht selbst producirm können, und an das Ausland verkaufen, was wir im eigenen Lande übrig haben. Soll Ordnung und Gedeihen in unfern wirthschaftlichen Volkshaushalt kommm, dann darf derselbe nicht der internationalen Spekulation und freien Concurrenz Preis gegeben werden, sondern es müsien Ordnungen geschaffen werden, welche jene Spekulation und Concurrenz in Schranken chatten und der beut= schm Arbeit für Licht unb Luft sorgen, baß sie gedeihen kann. Zu diesen Ordnungen gehört neben einer guten Gewerbeordnung und einer den Verhältnissen angepaßten Zollpolittk auch eine den Bedürfnissen des Landes entsprechende Regelung der Verkehrsmittel, insbesondere des Eismbahn- wesms. Nachdem die verschiedenen Staaten sich in den Besitz eines großen Theiles der deutschen Eisenbahnen gesetzt haben, ist das auch leichter, als früher, wo die Bahnen fast alle in den Händen von Privatgesellschaften waren. Hätte man früher die Entwickelung des Eisenbahnwesens voranssehm können, so wäre es bester gewesen, wenn die Staaten von vornherein den Bau der Bahnm in die eigene Hand genommen hätten. Vielleicht würden dann nicht so viele Bahnen gebaut worden sein; aber es wäre vielleicht mehr Plan in das Eisenbahnwesen gekommen. Es war nicht gut für unsere wirthschaftliche Entwickelung und hat sehr viel zu den jetzigen Mißständen beigetragen, daß so
Im Wolfsgnmd. •)
Von Fritz Brentano.
1.
In einem Vorzimmer des fürstlichen Schlosse« zu Dessau standen zwei Männer in einer eifrigen Unterredung begriffen, die offenbar für den einen derselben nicht besonders erquicklicher Natur war.
Wenigsten« deuteten die gebeugte Haltung und der kummervolle Ausdruck seines Gesichtes darauf hin, daß er sich seinem Partner gegenüber in keiner beneidenöwerthen Lage befand.
Wie wäre dies auch möglich gewesen? War doch der bekümmerte Mann nichts weiter, als der arme fürstliche Leiblakei Justi, wahrend der andere sein Gläubiger und kein geringerer, als Henoch Samson Gauner, der reiche „Hofjud" von Dessau war, bei dem nicht nur der Hof, sondern auch das halbe Ländchen im schwarzen Buch stand.
Nun sind zwar Gläubiger im allgemeinen keine gerngesehene Persönlichkeiten, Henoch aber besaß ein besonderes Talent sich bei seinen Schuldnern verhaßt zu machen. Die Art und Weise wie er gab, die Mittelchen alle, durch deren Anwendung er die höchsten Zinsen herauspreßte, und die merkwürdige Geschicklichkeit, mit welcher er die Schlinge zuzog, die er einem Unvorsichtigen, der sich nicht rechtzeitig zu salviren wußte, um den Hals gelegt hatte, alles dies war bekannt genug, um seinen Namm wett und breit zu einem berüchtigten zu machen.
Doch dies kümmerte ihn wenig — ja, er hatte seine
•) Nachdruck verboten.
planlos gebaut wurde. Es hat sehr viel zur Entwerthung des Geldes und Schädigung unserer Creditverhältniste beige- ttagen, daß in manchen Jahren viele Hunderte von Millionen auf den Eisenbahnbau verwendet und viele Tausende von Arbeitern durch die hohen Löhne beim Eisenbahnbau ihrer früheren landwirthschaftlichm ober inbustriellen Arbeit entzogen würben, während in anderen Jahren wieder nur wmig gebaut und dem enstprechend die Arbeiter wieder entlasten wurden. Welche Unmassen von Capüal an verfehlten Eismbahnbauten verloren gegangen sind, ist bekannt genug. Allein das ist nun geschehen und nicht mehr zu ändern. Soll aber das Volk vor weiterer Schädigung bewahrt bleiben und die Eismbahnm wirklich dem allgemeinen Volkswohlstände dienstbar gemacht werden, dann müssen sie der Privatspeculatton der Acüengesellschaften ab- genommcn und in den Besitz des Staates übergeleitet werden. Dann erst kann auch eine einheitliche Regelung des Tarifwesens durchgesührt werden. Der Staat kann dann auch in den Gegenden Eisenbahnen bauen, welche derselben zur Hebung ihres wirthschaftlichen Wohlstandes dringend bedürfen, aber in denen sich die Bahnen voraussichtlich noch nicht rmttten, und wo also die Privatgesellschaften nicht bauen wollen und auch nicht können, weil ihnen Niemand dazu Geld leihm würde. Wenn der Staat aber Bahnen hat, kann er Alles in Allem rechnen und den Ueberfchuß der gut rentirenben Bahnen jenen Gegenden zukommen lasten. Das Reichseisenbahnproject hat sich als unausführbar erwiesm, weil bie anberen deutschen Staaten außer Preußen auf ihren eigenen Staatsbahnbesitz nicht verzichten wollm; es stt bas aber auch gar nicht nöthig. Was wir brauchen, ist nur eine einheitliche gesetzliche Regelung des Bahnwesms, und das können wir auch dann erreichm, wenn die Staaten im Besitz ihrer Bahnm bleiben und sich mit dmselben nur dem allgemeinen deutschen Eisenbahngesetz unterwerfm, wie sie sich auch z. B. mit ihrer Justiz der allgemeinen deutschen Justizvrdnung unterworfm und doch ihre besondere Justizhoheit behalten habm.
Tagesbericht.
Am Mittwoch wird stch der Bundesrath mit der Zolltarifvorlage beschäftigen und zunächst über die geschäftliche Behandlung derselben beschließen; in die materielle Be- rathung wird am Mittwoch noch nicht eingetreten. Die Meinung der Vertreter der Mittelstaaten im Bundesrathe schließt sich wesentlich den Anschauungm des Reichskanzlers über möglichst schnelle Behandlung an und geht dahin, daß noch vor Ostern die Vorlage für den Reichstag fertigt gestellt werde. In der Sitzung am Mittwoch wird jedm- falls bie schleunigste Form für Feststellung ber Vorlage festgesetzt werben. Die Plmarberathung berselben im Bundesrathe wird von einer großen Anzahl der Bundesraths-
Stunden, wo es ihn mtt einer gewisten Genugthuung erfüllte.
Er war in der Schule des Elmds und der Verachtung aufgewachsm, war als Junge hungernd und frierend mit dem schweren Waarmbündel von Ort zu Ort gezogen, hatte sich von rohen Bauern beleidigen und wegjagen lasten und war doch immer wieder gekommen, der geduldige, zähe — kluge Henoch.
Und bald hätte er neben seinem Hausirhandel da ein Geschäftchen gemacht, und dort ein Geschäftchen, bald war ihm hier ein Bauer ein Sümmchen Geld schuldig, bald dort, und wenn er nicht zahleü konnte, so wandelte Henoch eines TageS mit einer Kuh aus dem Haus des Schuldners, um vielleicht eine Woche später demselben Mann ein anderes Thier, natürlich wieder auf Borg, in den Stall zu liefern, bis die Schuld wuchs und wuchs und der gerupfte Gimpel an einem schönen Morgen mit Schrecken bemerkte, daß nicht mchr er, sondern Henoch der Herr in Hau« und Stall war.
Und auch sein AeußereS spiegelte treulich die Ausbreitung seines Handels und Wandels wieder. Sein gekrümmter Rücken richtete sich mehr und mehr in die Höhe, während bagegen schon mancher Rücken dcmüthiger Schuldner stch vor ihm krümmte, wenn er an gewissen Verfalltagen in die Häuser und Hütten kam, um sein „Bischen Schwerverdientes" einzutreiben. Hatte er früher etwas darin gesucht, so abgerissen und ärmlich wie möglich auszusehm, so hiett er jetzt auf feine Garderobe, besonders seit er sich in der Stadt festgesaugt hatte, und bereits, wenn auch noch heimlich, Offziere und Hofherrn zu feinen Kunden zählte.
Baruch Ascher, der reiche Goldwechrler, glaubte feinen
Vertreter für zweckentsprechend erachtet, nachdem bereits zwi- schm der Reichsregierung und den Einzelregiemngen ein Meinungsaustausch über die Vorlage stattgefunden hat. Die Hanfastädte haltm, wie bekannt, an ihrem Standpunkt fest. — Am Mittwoch gelangt auch die Vorlage betreffe Regelung des Gütertarifwesens zur Abstimmung und hat der württembergische Anttag, die vom Reichskanzler gewünschte Commission aus Bundesrathsmttgliedem und Sachverständigen zusammmzusetzen, die Zustimmung des Reichskanzlers gefunden und dürfte wohl angenommen werden.
Der „Staatsanzeiger" publicttt die Ernennung des Ministers Friedenthal zum Minffter für Landwirthschaft, Domänen und Forstm, und des Ministers Maybach zum Minister der öffentlichm Arbeitm; letzterer wird mit der einstweiligen Fortführung der Verwaltung des Ministeriums für Handel und Gewerbe beauftragt. Ferner publicirt das amtliche Blatt die Versetzung der Geh. Regierungsräthe Lüders und Wehrmpfmnig zum Kultusministerium.
Meldung der „Politischen Corresp." aus Konstantinopel vom 30. ds.: Die Botschafter setzen ihre Bemühungen fort, der Pforte bas Project ber gemischten Occupation Ostrn- meliens plausibel zu machen unb betonen vorzugsweise das Argument, daß dies die sicherste Gewähr für das Verbleiben Ostrumeliens unter der Souverainetät des Sultans ohne Gefahr weiterer Verwicklungen bilde. Die Pforte ist noch unschlüssig. Die internationale Commission zu Philippopel beendigte die Berathung des Statuts und begibt sich nach Konstantinopel, wo sie die Revision des Statuts vornehmen wird. Der griechische Gesandte KonduriotiS ist nach Athen berufen.
Deutsches Reich.
## Berlin, 31. März. Heute ist ber von ausführlichen Motiven begleitete Bericht ber Zolltarif-Kommission bem Bundesrathe zugegangen; morgen wird die Kommission auch den ihr vom Bundesrath nachträglich überwiesenen Gesetzentwurf, Erhebung einer statistischen Gebühr auf Waaren, dem Bundesrath wiederum zustellen. ES befinden sich dann sämmtliche, die Finanz- unb Zollpolitik behandelnden Gesetzvorlagen, welche bem Reichstag in dieser Session zugehen sollm, in ben Händen des Bundesraths; nämlich bas Tabak-Steuergesetz, bas Gesetz über bie Erhebung ber Brausteuer unb ber Zoll-Taris nebst bem Gesetzentwurf über bie Erhebung ber statistischen Gebühr. Der Gesetzentwurf über die Besteuerung des Tabaks und derjenige über die Erhebung der Brausteuer unterliegen bereits der Erörterung im BundeSrath. Was den Zolltarif anlangt, fo ist derselbe schon vor einigen Tagen den verbündeten Regierungen mitgetijeUt worden; es kann daher
Sinnen nicht trauen zu dürfen, als eines Tages Henoch in fein verräuchertes Comptoir trat, ihn um eine Unterredung in bem geheiligten Hinterstübchen ersuchte, unb ihn bort um bie Hand seiner Tochter Rebecca bat.
„Seib ihr ebbes meschugge?" fragte er ironisch ben Werber, ben er immer noch vor sich sah, wie er ihn hundertmal gesehen hatte, als ben kleinen, schmutzig-gelben Jungen, mit ben nach allen Seiten lanernben Augen unb bem Waarenbündelchen auf bem Rucken.
Aber biefer war durchaus nicht meschugge. Er war auf diese ober eine ähnliche Antwort vorbereitet unb holte aus ber Tasche seines braunen Rockes eine großmächtige, mit einem Lederriemen sechsfach umschnürte Brieftasche hervor, öffnete dieselbe und breitete vor Baruch eine große Anzahl Papiere auf den Tisch.
Der Anblick des dickleibigen, ledernen Ungeheuers mußte auf diesen schon eine gewisse Wirkung geübt habm, denn er betrachtete sich nochmals feinen Mann, setzte bann seinen Nasenklemmer auf unb prüfte sorgfältig unb mit einer Kennermiene bie vor ihn gelegten Schriftstücke. Jnbesfen aber schaute beten Eigenthümer harmlos an bie Decke des Gemaches, als ob ihm bie Sache ba unten gar nichts an- gehe unb ihn das bort oben hängende Spinngewebe außerordentlich intereffire.
Nach einer, in tiefem gegenseitigen Schweigen verbrachten Viertelstunde, währmd welcher Baruch Ascher von Zett zu Zett über die Papiere weg einen Blick der Bewunderung auf feinen jugendlichen Gesellschafter warf, der immer noch emsig die Maschen des Netzes an der Decke ftubirte, öffnete ber GoldwechSler bie Thür unb rief feinem draußen beschäftigten Meschores zu:
„MoseS, gch' hole eine Flasche Wem unb zwei Gläser."