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Skr. 77

JRarÖurg, Dienstag, 1. April 1879

xiv Jahrgang

durch die Expedition (Koch'sche

«uvuui, *yiene» ir

Elberfeld: C. Schlotte ir Bremen.

Dem Vernehmen nach hat das Reichsgesundheitsamt sich auf gestellte Anfrage gutachtlich dahin geäußert, daß

Verlauf und gegenwärtig nicht kontagiöse Character der Pestkrankhett gestatten dürfte, in den diesseitigen Sicher- heitsmaßregeln Erleichterungen eintreten zu lassen. Ins­besondere erschiene die Aufhebung des Einfuhrverbot» für sr ausgenommen etwa Lumpen, getragene

Kleider, Abfalle und bergt, als zulässig. Weiter würde die ärztliche Inspektion in den Seehäfen für die aus dem Asowschen und Schwarzen Meere kommenden Provenienzen und bei dem Landverkehr besondere Sicherheitsmaßregeln nur für die aus dem Bezirk kommenden aufrechtzuerhalten sein. Aus dem Bezirk Saratow kommende Personen wurden einer Inspektion nicht weiter unterworfen sein Ueber diese gutachtlichen Aeußerungen wird anderweitig Beschluß zu fassen sein.

DiePolit. Corresp." meldet aus Konstantinopel von gestern: Eine besondere moblle Truppendivision unter dem Commando Nedschib Pascha'ö wird in Rumelien etwa entstehende Unruhen unterdrücken und das Land von Ma­rodeurs reinigen. Mazhar Pascha wurde mit der Ein­führung der englischen Reformen in Kleinasien betraut. DiePolit. Corr." meldet aus Bukarest vom 29. d.: Seitens einer leitenden Großmacht ging der rumänischen

Rcgiemng eine dringliche Rote in Betreff der Wir frage zu.

In Konstantinopel ist der Großvezier Cheireddin wiedei einmal gestürzt und wahrscheinlich wird Said oder Osmar Pascha sein Nachfolger und der Minister des Aeußerr Karatheodory wird ihm wahrscheinlich bald folgen, au Albanien Verschwörung und Aufstand gegen die türkifcht Herrschaft, in Makedonien desgleichen. Die Presse" meldet, die makedonischen Bezirke SereS, Melnik unk Patrosch seien im vollen Aufstand; in Ostrumelien erklärt die europäische Commission, sie könne Art. 19 des Berliner Vertrages nicht ausführen! Das ist die Lage der Dinar auf der Balkanhalbinsel. Eine neue Bestätigung für unser« Ansicht, daß die von der Diplomatie gemachten Ordnungen dem Lande nicht Ruhe und Frieden geben, sondern zu weiteren Aufstanden treiben.

Tagesbericht.

Dem Bundesrathe ging ein Gesetzentwurf wegen Er­höhung der Brausteuer zu, wonach künftig von den zur Bierbereitung verwendeten Stoffen und zwar vom Centner Getreide und Reis 4, vom Centner grüner Stärke, Stärke, Stäickemehl, Kartoffelmehl und Stärkegummi 6, vom Centner Zucker und Zuckerauflösung 6, von allen übrigen Malz­surrogaten 8 Mark erhoben werden soll.

Wiederum liegt uns, schreibt dieNordd. Allg. 4tg.", eine stattliche Anzahl Zustimmungsadressen zu der Zoll- und Steuerpolitik des Fürsten-Reichskanzlers aus landwirh- schaftlichen Kreisen vor. Die Adressen unterbreiten dem Fürsten einen Zolltarif, der mit dem auf dem diesjährigen landwirthschaitlichen Kongresse angenommen fast identisch ist, und bitten denselben, diesen Tarif womöglich zur Durch­führung zu bringen. In diesem Sinne sprechen sich aus in der Provinz Ostpreußen der landwirthschaftliche Verein zu Neumischken, aus der Provinz Pommern die landwirth- schafllichen Vereine zu Greifswald und Franzburg; in der Adresfe des ersteren heißt es in dem Begleitschreiben des Grafen Behr-Bandelin vom 20. Mai:In den nächsten Tagen werden die Geschicke der deutschen Landwirthschaft im Reichstage entschieden. Es handelt sich hierbei um die wichtigsten Fragen unserer Existenz und unserer Zukunft. Bleibt die Landwirthschaft auch ferner das Stiefkind in der Ordnung der landwirthschaftlichen Fragen, fährt man fort, die landwirthschaftlichen Erzeugnisse des Auslandes steuer- und Zollfrei, außerdem mittelst Differentialtarifen zu uns einströmen zu lasten, so gehen wir der völligen Verarmung unausbleiblich entgegen. . . . Wir verlangen nichts Unge­rechtes, wir wollen für unsere Familien und Arbeiter ein auskömmliches Dasein, wir wollen für uns und nicht für das Auslauv arbeiten!" Aus der Provinz Brandenburg von den landwirthschaftlichen Vereinen zu Neuhardenberg, Rathstock, Hathenow, Tucheband; aus der Provinz Schlesien von Brennstadt und Eckersdorf (Kreis Sagau), aus der Provinz Schleswig-Holstein von den landwirthschaftlichen Vereinen für das Land Kehdingen, zu Siederstapel, zu Neuenbrok und Borsfleth, zu Gnissau und Hohenhorst; aus der Provinz Hessen von Kirchhain und aus der Pro­vinz Westfalen von Magistrat unv Stadtverordneten zu Hattingen a. d. Ruhr. Von außerpreußischen Ländern liegen Adressen landwirthschafllicher Vereine vor, aus dem Königreich Sachsen von Zedlitz-Borna, Zedlitz ll., Otter­wisch, Großpardau, Lobstädt, Obermylau bei Reichenbach; aus Sachsen-Weimar von Wormstedt, au« Sachsen-Alten- burg von Gößnitz, aus dem Großherzogthum Hessen von Oberleerbach, Hambach, Gaddekau und endlich auS Baiern von den Deutschkonservativen zu Haidt.

DerReichsanzeiger" enthält ein Telegramm de« Professors Hirsch, welches meldet: Die ärztlichen Dele- girten, welche in Samiana ihre Quarantäne abgehalten haben, begeben sich am 30. März nach Astrachan, wo sämmtliche fremden Aerzte Zusammentreffen. In Wetlianka ist kein weiterer Epidemiefall vorgekommen.

Gegenwärttg will sich in Berlin einkonservativer Centtalverein bilden, der nach seinem Statuteine Zu­sammenfassung der konservativen Elemente zu gemeinsamer Thättgkeit, besonders bei den Wahlen, beabsichtigt". Mit­glied kann jeder unbescholtene Bürger werden, der das aktive Wahlrecht zum Reichstage besitzt, sich offen zu kon­servativen Grundsätzen bekennt und demgemäß in der christ­lichen Religion und dem Königthum von Gottes Gnaden die Grundlagen unseres Volkswohles erblickt. Der beglei­tende Aufruf der Vorstandes, zu welchem unter Anderen der Geheime Oberregierungsrath und .Vortragende Rath im General-Telegraphenamt Elsaster, der Chef-Redacteur der Neuen Preußischen Zeitung, Mitglied des Reichstages und des Hauses der Abgeordneten, Freiherr v. Minnigerode, gehören, enthält die zu beachtende Stelle:Gelingt auch jetzt nicht, eine feste Organisation aller Conservativen in Verlin zu Stande zu bringen, wo Zeit und Umstände so überaus günstig sind, dann geschieht es auch nie."

Xnjeigen nimmt entgegen: die Spedition d.vlatte», sowie d.Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Diettich in Frankfurt a.M.; Haasenstein & Bögler in

Deutsches Reich.

Berlin, 29. März. Die Kaiserin begab sich heute Vormittag mit den Mitgliedern der königlichen Familie, be» Botschaftern, Staatsministern, Generalfelbmarschällen Generalen bet Infanterie unb ber Cavallerie, General­adjutanten, Flügeladjutanten und den obersten Hofchargen mit Exttazug nach Potsdam, wo die Beisetzungsfeier des Prinzen Waldemar in der Friedenskirche programmmäßig um 11 Vt Uhr stattfand. Nach Beendigung der Beisetzungs- felerlichkeiten verweilten die höchsten Herrschaften kurze -feit bet ber Frau Erbprinzestin von Meiningen unb kehrten um 1272 Uhr per Exttazug nach Berlin zurück. Die kronpnnzliche Familie trifft einige Stunben später hier ein. Heute Vormittag 10 Uhr hat bie anberweittge Wahl eines Pfarrers bet St. Zacobi-Gemeinbe stattgefunben Von 44 gültigen Stimmen erhielt Oberprebiger Werner von Guben 42, ArchidiaconuS Distelhof 2 Stimmen. So- mtt ist Werner gewählt. DieKreuzzeitung" bemerkt hierzu: ber Gewählte ist bekanntlich ein sehr thätiges Mit­glied des Protestantenvereins; bie Wahl wirb jedenfalls klrchlicherseits angefochten werden. Von dem Chef der Landesaufnahme, Generallieutenant v. Morozowicz wurde vorgestern Mittag 12 Uhr, im Beisein mehrerer Offiziere des Generalstabes und vieler höherer technischer rc. Beam­ten der Königlichen Sternwarte derNormal-Höhepunkt" für die preußischen Staaten übergeben. Der Normal- hohe-Punkt bildet einen schwarzen Strich auf einer Tafel bon Milchglas, welche letztere wiederum in einen Syenitblock eingelassen ist. Dieser ist von einem Granitpfeiler, der zur Sternwarte gehört, umschlossen. Dieser Normal-Höhepunkt bestndet sich 37 Meter überNormal-Null", welches iden- ttsch ist mit dem Amsterdamer Pegel. Die Stelle an wel- cher sich ber Punkt befindet, liegt vis-a-vis der Charlotten-

Auzeigen nimmt entgegen die Expedition b. Blattes sowie d. Annoncen-Bureau; von G. L- Daube & Co. j, Frankfurt a. M; Jäger'sch, Buchhandlung daselbst Hermann'sche Buchhandl

(Olinljcffifdic jfitniiji ... ......

Frankfurt a M., Berlin, Leipzig, Cöln rc.; Rudolf Stoffe in Berlin, Frank­furt a. Äi. ic.

Der arme Wilm.

Eine Geschiche vom Neckar. Treu dem Leben nacherzählt von D. vom Berg.

(Schluß.:

Daß ihr Wilm noch nicht ganz geheilt sei, hatten die Eltern bald herausgefunden. Die Mutter hatte ihn am Morgen gefragt:Aber Wilm, warum bist Du denn m Pantoffeln, hierher gelaufen und hast Deine Koppe nicht mitgebracht und das schöne Buch, das Dir unser Herr Pfarrer geschenkt hat?"Ei Mutter", antwortete er,die Stiefel konnte ich nicht bekommen unb die Kappe mochte ich nicht, bie wat vergiftet, aber mein Buch habe ich mitgenommen.*

Also ganz klar waten seine Gedanken noch nicht, aber sonst wat er ruhig und vernünftig und machte sich sofort an seine gewohnte Arbeit. Für ganz unge­fährlich mußte ihn auch der Irrenarzt halten, denn nach­dem ber Pfatter ihn von bem - Sachverhalt unterrichtet hatte, überfanbte derselbe der Gemeinde die Bescheinigung, daß er den jungen Mann hiermit einstweilen entlasse.

So konnte denn Wilm unbehindert sein früheres Leben wieder aufnehmen, und er that das mit großem Eifer. Von seiner früheren Munterkeit wat ihm nichts geblie­ben, ja er vermied alles Sprechen so viel als möglich; schweigsam, rastlos arbeitete er vom Morgen bis Abend. Als es wieder Frühling geworden wat, übernahm et die Arbeit an einer großen Strecke Wald ganz allein, es schien ihm am wohlsten zu sein, wenn er ganz einsam mit seinen Gedanken wat. Da sah er keinen Menschen von früh bis spät als die Mutter, bie ihm Mittags fein Essen

brachte, hörte keinen Laut, als das Rauschen des Windes in den Tannen, den Kuckuk in ber Ferne, bie Drossel im höchsten Baumwipfel, unb tief auS bem Thale herauf, »o bet Strom majestätisch fließt unb bie buntbewimpel­ten Schiffe ziehen, ben süßen lockenden Amselschlag. Unter feine Altersgenossen ging er nicht mehr, nach ber Mielies fragte er nie, selbst bie Kirche hatte er den ersten Winter über gemieden. Aber am Palmsonntage früh besuchte er ben Pfarrer unb sagte ihm mit seinem feierlichen Ernst in Spraye unb Blick,:Heute hat ber Heiland seinen Einzug m Jerusalem gehalten, da will ich auch wieder meinen

tnr die Kirche halten",' unb von diesem Tage an fehlte er fetten beim Gottesdienste. Das neue Testament patte er auch im Walde beständig bei sich, und wenn er sich «n wenig Rast gönnte, laß er darin.

So that er den Sommer über eine Rottatbeit, an wacher eigentlich zwei Männer zu thun gehabt hätten. Aber als der Winter kam, wat auch seine Kraft zu Ende. Et fing an zu kränkeln, zu husten, ward schwächet und schwächer. Batt» konnte er das Erkerstübchen im elterlichen Hause, da« et sich mit dem verdienten Gelde hübsch eingerichtet hatte, nicht mehr verlassen. Es ging schnell abwärts mit seinen Kräf­ten. Die Mutter und die Geschwister pflegten ihn Tag und Nacht so gut sie konnten, auch der Atzt besuchte ihn öfters, aber nichts konnte seinen Weg zur Vollendung und Erlösung mehr aufhalten. Et selbst wat sich über seinen Zustand ganz klar und sah fernem Ende mit sehnsüchtigem Verlangen entgegen. Seine Mutter kam manchmal ins Pfarrhaus um ihm ein wenig Wein zu holen, was seine einzige Er-' quickung war.Q Herr Pfarrer", sagte sie bann,wie wirb mir« so schwer ihn herzugeben, ich mein schier, baS Hetz wollt mir brechen und ich könnts nimmer anshalten.

Wenn ich aber zu ihm sage:O Wllm, baß Du so jung schon sterben mußt!" bann sagt er:Ach Mutter, wein boch nicht, bentt doch wie viel dunkle Stunden ich in bem1 Jammetthale gehabt habe, wie gut wirb mir bie Ruhe t^un." Dann geh ich in ben Wald hinter unferm Häusel unb schrei unter freiem Himmel zu bem über uns, bann' wirb mir« wieber leichter".

Er hat noch viel gelitten, ber arme Wilm, ehe er fein' müdes Haupt und Herz zur Ruhe legen konnte. Als ber' Walb wieder in voller Frühlingspracht stand, da gab ihm ber Pfarrer bie letzte Wegzehr unb segnete ihn zum Ster-' ben ein, unb dann ist er ruhig und friedlich eingeschlafen. Da rückten sie nach unserer Bauern feierlicher Sitte, bie! betn Tobten noch bie höchste Ehre erweist, in seiner Eltern Stube ben großen Eßtisch von seiner sonst unwandelbarer! Stelle und bereiteten ihm da ben letzten Ehrenplatz. So ruhte er noch zwei Tage mitten unter den Seinen unb ttefste Sabbathstille herrschte im Hause. Da wirb kein Thier zur Arbeit aus bem Stalle genommen, alles ruht unb feiert mit bem Tobten.

Die Kirschenallee, bie durch Wilms Heimathdörfchen fuhrt, stand in voller Blüthe, als seine Altersgenossen ihn den langen Weg durch den Wald bis zum Kirchhof trugen, wo schon seine Urgroßeltern ruhen, und wo seine Eltern' und Geschwister auch einst ruhen werben. O es ist so viel schöner, auf dem Laube zu sterben unb begraben zu werben, als in ben großen, kalten, theilnamlosen Stabten. Hwr war wohl kein Haus in ber ganzen Gemeinde, gleich­viel ob arm ober reich, aus welchem nicht wenigstens eines bem einfachen Sarge folgte. Da läuteten alle Glocken unb st« fangen bie alten schönen Lieber unb beteten bie alten theuern Sprüche und legten ihn in seine Heimatherbe und