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Marburg, Sonntag, so. März 1879
XIV. Jahrgang
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inj eigen nimmt entgegen: He@ipebttion d.Blatte-, sowie d-Annoncen-Bureaux ngn Tb. Dietrich & Co. in gaffel und Hannover; Th.
| Dietrich in Frankfurt a.M.;
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OlittlfkWic Jritinig.
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Politische Woche« -Ueberficht.
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Die erste Woche des neuen- Lebensjahres Sr. Majestät des Kaisers hat mit einer recht betrübenden Erfahrung begonnen. Ein hoffnungsvoller Enkel des Kaisers ist eines gänzlich unerwarteten Todes verblichen. Jene entsetzliche Krankheit, deren Folgen noch kürzlich die Großherzliche Familie in Darmstadt in die tiefste Trauer versetzte, hat auch das junge Leben deS Prinzen Waldemar dahin gerafft, Mit Gottes Hülfe werden hoffentlich die Geschwister des verstorbenen Prinzen vor der Ansteckung bewahrt bleiben. Ueberall wird diese schmerzliche Kunde einen tiefen Eindruck machen und ein herzliches Mitgefühl erregen.
Der Reichstag hat im Laufe der Woche die zweite Lesung deS Reichshaushaltsetats beendigt und ist bereits in die dritte Berathung eingetreten. Von einer großen histo- rischen Bedeutung war die Verhandlung über die Autonomie der Reichslande. Eine bewundernswerthe und hoch erfreuliche Einmüthigkeit beseelte das ganze Haus in dieser Angelegenheit. Die nationalliberale Partei war sichtlich erfreut, wieder einmal mit dem Reichskanzler auf einen gemeinsamen Boden zu stehen. Die Verhandlung machte den Eindruck einer herrlichen Abendrvthe, welche einen ge-
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>« vo witterdrohenden Tag abschließt! Auf diese Verhandlungen tfett tt wird künftig, d. h. nach den Osterferien die Berathung Martti eines Gesetzes über die Landesverfassung von Elsaß-Lothrin- ld frä! gen folgen, dessen Grundzüge indeß schon in der Rede deS
Reichskriegsminister aus Gesundheitsrücksichten genommen hat wird wohl mit Recht als die Einleitung des Rücktritts
fl ftaij Reichskanzlers niedergelegt sind.
DaS glückliche Oesterreich erfreut sich schon wieder einer theilweisen Miuisterkrists. Der Urlaub welchen der
lt. (3 einführung der Todesstrafe gefallen. Die Majorität des Erped Ständeraths hat die Bestimmung der alten Landesverfas-
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zuändern hat im französischen Senat eine sehr frostige Auf-
sung wiederhergestellt nach welcher nur für politische Verbrechen die Todesstrafe ausgeschlossen ist.
Während es den Anschein hat, daß die Verhandlungen zwischen Berlin und Rom eine günstige Wendung im Sinne des Friedensschlusses genommen haben, mehren sich in Frankreich die Anzeichen des bevorstehenden Kulturkampfes. Die französischen Bischöfe, welche die katholische Universität Angers gegründet haben, protestiren in einem geharnischten Manifeste gegen die Vorlagen des französischen Unterrichtsministers und erklären, daß die Katholiken den Kultur-
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irin In der Schweiz ist die Entscheidmtg für die Wieder-
hf kämpf ohne Furcht und Zagen aufnehmen werden. Man darf auf die Entwickelung dieses Kampfes gespannt sein, and <! Wir wagen es nicht, die Chancen desselben im Voraus zu ":i berechnen. — Der Antrag, den Artikel IX. der Verfassung im Sinne der Rückkehr des Parlamentes nach Paris ab-
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nähme gefunden. Immerhin dürfte demselben die Majorität sicher sein. Somit wird Frankreich demnächst zum zweiten Male das Schauspiel eines Verfassungsconventes erleben.
Die Verhandlungen, welche die dänische Regierung in Folge des Traktats vom 11.: October v. I. eingeleitet hatte sind zum Abschluß gediehe«; die dänische Regierung weiß nunmehr, daß Deutschland btt nordschleswig'sche Frage als definitiv abgeschlossen erachtet, ein Resultat, welches Dänemark lediglich seinem eigenen Starrsinn zu verdanken hat.
In England scheint sich das ganze Odium der Mißerfolge in Südafrika auf die Schultern des Lord Chelmsford und des Sir Barthe Freie abzuladen, obgleich diese beiden Herrn doch nur Maschinen in dm Händen des Lord Beakonsfield sind. Die Erfahrung daß ein wilder auf einer sehr niederen Stufe geistiger Entwickelung stehender Volksstamm, seiner kaiserlichen Politik eine so schwere Niederlage bereitet hat, scheint an der Thatkraft des englischen Premierministers zu nagen. UebrigeuS will Lord Chelmsford schon im Juli v. I. auf seinen bedenklichen Gesundheitszustand der sich nunmehr verschlimmert habe, aufmerksam gemacht haben, was allgemein als ein Zugeständniß seiner Unfähigkeit angesehen wird.
Die Schwierigkeiten, welchen die englische Colonialpolitik begegnet, wirken in sehr bedenklicher und lähmender Weise auf die Aktion in Europa zurück. Es ist sehr wahrscheinlich, daß England nunmehr gezwungen sich mit Rußland Über einen Zustand in Ostrumelien zu vereinbaren, welcher über die Abmachungen des Berliner Vertrages hinausgeht, besonders wenn England bei den anderen Mächten nicht diejenige Unterstützung findet auf die es zu rechnen scheint. Und was daö letztere betrifft so ist sehr wenig Hoffnung vorhanden, daß sich besonders Deutschland für specifisch englische oder türkische Jntereffen in da« Zeug zu legen. DaS Verhalten der Türkei war keine-weg danach beschaffen Sympathien bei den anderen Rationen zu erwecken.
In Rußland ist von den Privatgeschäften deS Grafen Schuwaloff sehr wenig mehr die Rede, dagegen scheinen die Staatsangelegenheiten, die er bei dieser Gelegenheit nebenbei wahrnimmt dm besten Fortgang zu nehmen. — Die verbündeten Sozialisten und Revoluttonäre vollführen eine Schreckensthat nach der andern ohne daß es bisher möglich gewesen wäre der Thäter habhaft zu werden ein Beweis daß die Verschwörer in der eingeschüchterten Bevölkerung einen Hinterhalt besitzen.
Tkgeilbericht.
Gestem Abmd 6 Uhr fand in der Kapelle des kron- prinzlichen Palais der Trauergottesdienst für dm verstorbenen Prinzm Waldemar statt, welchen der Prediger PersinS von der Potsdamer Heiligengeistkirche abhielt. Dem Gottes
dienste wohnten das kronprinzliche Paar, Prinz und Prinzessin Friedrich Karl und alle znrn Hofe sowie zur Verwaltung des Haushalts und zur Hausdienerschaft des kron- prinzlichen Paares gehörigen Personen bei.
Gegenüber dem Gerücht, daß der Reichstag sich schon Sonnabend vertagen wolle, hebt die „Rordd. Allg. Ztg." hervor: Es taffe sich eine mehrmonatliche Sessionsdauer nach der Vertagung mit Wahrscheinlichkeit voraussehen und empfehle sich daher, die Osterferien so viel als möglich abzukürzen, vielleicht die 8 Tage vom Mittwoch vor Ostern bis zum folgenden Donnerstag zu beschränken. Jeder weitere Tag müsse m dm Sommermonaten zugelegt werden. Abgesehen von der Frage der Convenienz für die Abgeordneten werde bei verlängerter Vertagung auch die so viel beklagte Ungewißheit Über die Zollverhältnisse eine längere werden. Es werde großer Aufmerksamkeit bedürfen, um die Gegner der Vorlage zu verhindern, den Abschluß der Verhandlungen darüber in gegenwärtiger Session zu hintertreiben. Die Verständigung der Regierungen über den Zolltarif sei so weit gediehen, daß die entsprechende Vorlage mit Ablauf der nächsten Woche dem Reichstage zugehen könne. Für eine ungewöhnlich lange, einige Tage vor Eingang der wichtigsten Vorlage erfolgende Vertagung des Reichstags würde auch der Mehrzahl der Bevölkerung das Verständniß fehlen, zumal an durch den Reichstag zu erledigenden Geschäften auch jetzt schon kein Mangel sei. — Auch die „Nordd. Allg. Ztg." beftätigt, daß dem Bun- deSsrathe in den nächsten Tagen ein Gesetzentwurf betr. die Erwerbung des Raczynki'schm Palais behufs Errichtung des Reichstagsgebäudes zugehen wird.
Meldungen der „Polit. Corresp " Dr. Riemann tele« graphirt aus Wetlianka vom 27. d., daß das an der Pest erkrankte 10jährige Mädchen zeitweise schon außer dem Bett zubringe und neue Erkrankungen nicht vorgekommen seien. Die Demolirung nnd Verbrennung der verseuchten Häuser dauere fort. Er selbst (Riemann) gehe morgen nach Samianwska in Quarantäne und werde sich alsdann daselbst der Commission anschließen. — Aus Konstantinopel. Die ostrumelische Commission soll erst 8 Tage nach Beendigung ihrer Arbeiten hierher zurückkehren, sich aber nicht auflösen. Der französische Botschafter Fournier reift am 1- April nach Paris ab. — Aus Skutari. Es bestätigt sich, daß die türkische Behörde eine ziemlich weit verzweigte albanesische Verschwörung gegen die Autorität des Sultans entdeckte und dem Ausbruche der, wie es scheint, gefährlichen Bewegung durch die Verhaftung zahlreicher Notablen zuvorkam. Es wird das Eintreffen bedeutender Trup- penverstärkungen behufs Entwaffnung der Albanefm erwartet. — Aus Philippopel. Finanzdirector Schmidt wollte seine Jnspectionsreise bis Burgas ausdehnen; da jedoch
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Der arme Wilm.
Eine Geschiche vorn Neckar.
Treu dem Leben nacherzählt von S. vom Berg.
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Von dem Tage war Wilm nicht mehr der alte frische und fröhliche Bursch, er sprach kaum mehr, er aß fast nichts, er arbeitete stumm vom frühen Morgen bis zum späten
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Ruhe Hingaben, hörte seine Mutter, die ihn angstvoll beobachtete, wie er sich schlaflos auf feinem Lager herumwarf und dabei stöhnte, als ob ihm das Herz brechen wolle. Zmmer finsterer und menschenscheuer wurde er. In die Kirche, die er sonst fleißig und gern besucht hatte, war er nicht mehr zu bringen, und an dem Tage, wo die Mielies irttieu 55erfprU($ HM, brach der offene Wahnsinn bei Wilm au8. labi's Das war die traurige Geschichte, die der Vater erzählte, ber Pfarrer schrieb dem Irrenärzte das Nöthige. Am andern Tage hatten die armen Ettern die schwere Aufgabe, btn Sohn fortzubringen. — Das neue Testament mit den ..Psalmen, das der Pfarrer ihm noch mitgegeben, hielt er auf 1 Karn der Reise unablässig fest in der Hand. Das „Buch", wie er
tt nun nannte, war sein Stecken und Stab, sein Schatten in den Gluthm der schweren Trübsal. Er redete beständig ben einer Wunde, die ihn so sehr brenne; der Böse habe ihn mit einer silbernen Kugel geschossen und verfolge ihn offne Aufhören. Von der Mielies aber kam keine Silbe über seine Lippen, daS durfte Niemand hören. Nur ein- fc'.-'.l'ital, als er meinte, es gäbe Niemand auf ihn acht, sah er
Nt nassen Augen in die Welt hinaus und sang leise
AL ©ott, ich klag Dir meine Noch, Ich bin verwandt bis in den Tod, Und mit ist miffelungen: Ich batr mit ein seins Lieb ausetkorn, Don ihm bin i n verdungen.
Im Irrenhaus verbrachte Wilm feine Zeit in guter Pflege. Die Tobsucht ließt sehr bald nach und ging in ruhige Schwermuth über, so daß man ihm ziemliche Freiheit lassen konnte. Das arbeitlose Zusammensein mit den andern Irren war ihm das Schwerste und er dantte den Wärtern herzlich, wenn sie ihn zu einer Arbeit im Garten oder Holzstall riefen. Aber immer trug er sein Buch bei sich und hätte sich lieber Alles nehmSn lassen als diesen seinen Trost. Nach einigen Wochen schrieb er an seinen Pfarrer folgenden Brief:
Lieber Herr Pfarrer! Ich weiß noch Alles wie es gekommen ist. Erst war ich ganz fröhlich, dann bin ich ganz traurig geworden. Da tarnen die vielen Menschen in die Stube und haben mich festgehalten. Ich habe weinen müssen, wenn ich die Mutter ansah. Es hat mir das Herz abgedrückt, so schwer war mir«. Da hat der Heiland mich gesegnet, da ist mirs leichter gewordm, aber fortgemußt hab ich doch. Nun lese ich was mein Heiland spricht alle Tage und Stunde. Das tröstet mich. Das Buch geb ich nicht her. Die Andem haben- schön haben wollen, aber ich geb- nicht auS ber Hand. Ich danke Ihnen vielmals. Sie sind doch mein lieber Hirte, der mich nicht verläßt. Den 23. Psalm kann ich auswendig, den bete ich alle Tage. Tausend Grüße an die Mutter.
Wilm.
So vergingen vielleicht dreiviertel Jahre, da kam eine« Morgens Wilms Mutter wieder ins Pfarrhaus mit der
Kunde, ihr Sohn fei da. Er war am Abend vorher, als es schon dunkel war, ganz müde und erschöpft, in Hausschuhen und ohne Mütze angekommen, hatte sie alle herzlich gegrüßt und war so glücklich gewesen, wieder daheim zu sein. Auf ihre erstaunten Fragen, wie er so plötzlich daher komme, hatte er ruhig erzählt er habe es in der Irrenanstalt nicht mehr ausgehalten. DaS Eingesperrtsein und die Arbeitslosigkeit waren ihm entsetzliche Qualen gewesen, und da man ihn noch nicht entlaffen wollte, hatte er auf Flucht gesonnen. Den schönen Park, der die Anstalt umgab, begrenzte eine hohe Mauer, die den meisten Kranken wohl unübersteiglich scheinen mochte, aber für Wilm, der sich in den hcimathlichen Wäldern tüchtig im Klettern geübt hatte, gab eS noch Mittel hinüber zu kommen. Er suchte sich einen Baum auS, ber im Gebüsch ziemlich nahe an ber Parkmauer ftanb, erkletterte denselben und gelangte auS dessen Aestm unbemerkt ans die Mauer, und von derselben haerab mit halsbrechendem Sprunge ins freie Feld. Gott hat seine Hand über ihn gehalten, baß er unverletzt blieb. Nun flüchtete er so schnell als möglich in ben nahen Wald und wanderte fort, vom frühen Morgen bis zum späten Abend, über Berg und Thal. Die Gegend ist ungemein waldreich. Es muß den Burschen ein gewisser Instinkt geleitet haben, so wie den Bogel, ber, bem Käfig entflohen, auch geraben Weges ber Heimctth Milt, durch Gegenden, die er nie gesehen hat. So war er ben ganzen Tag geroanbert, alle Dörfer unb Menschen verrneibenb, ohne Speise unb Trank, nur vorn heißen Heimweh getrieben unb kam glücklich, wenn auch tobtmüde, bei Vater unb Mutter an.
(Schluß folgt.)