ing-tr. 83
Marburg, Sonnabend, 8. Februar 1879
XIV. Jahrgang
durch Odessa beförderten Militärtransporte werden neuerdings dort desinficirt.
als wahrscheinlich, daß er gleichzeitig dem deutschen Reiche einen guten Dienst geleistet hat."
Der Londoner „Standard" schreibt: „Fürst Bismarck hat die Gelegenheit einer vorübergehenden Verdunkelung seines Ruhms dazu benutzt, die Welt in schlagender Weise daran zu erinnern, daß er der Autor der bedeutendsten terrüoriellen Veränderungen unseres Zeitalters ist, indem er von Oesterreich die Aufhebung des §. 5 des Prager Vertrags erlangte, welcher sein Dasein der Einmischung Napoleons 111. verdankte. Die Bereitwilligkeit Oesterreichs, dem Verlangen des Fürsten zu entsprechen, kann kein Erstaunen erregen, wirst aber immerhin ein bedeutungsvolles Licht auf die gegenseitigen Beziehungen der beiden Höfe. Wer das Gleichgewicht der Mächte in Europa nicht außer Augen gelassen hat, kann sich kaum darüber wundern, daß es Deutschland darum zu thun ist, mit Oesterreich auf gutem Fuße zu leben. Fürst Bismarck hat in seiner derben Weise offen sein Mißtrauen gegen Beust und sein volles Vertrauen in Andrassy kundgethan. Oesterreich konnte nicht anders, als diese vertrauensvollen Gesinnungen zu erwidern. Die Existenz Oesterreichs ist ein permanentes politisches Wunder; für den Untergang bestimmt, kann es nicht sterben. Deutschland allein konnte ihm dem Todesstoß versetzen. Die Existenz Oesterreich-Ungarns ist solch heikler Natur, daß Deutschland und Rußland zusammen, ja Deutschland ganz allein, dieses Reich zerstören konnte. Für die Freiheit Europas und die Erhaltung des Gleichgewichtes der Mächte ist die Erhaltung Oesterreichs in feiner augenblicklichen Stellung von der größten Wichtigkeit. Europa wird mit Freuden alles begrüßen, was dazu beitragen kann, die guten Beziehungen der beiden Staaten zu .befestigen. Manchem Engländer wird die Aushebung des Prager Vertrags-Artikels in einem andern Licht erscheinen, da sie uns an Ereignisse erinnert, welche unserem Nationalstolz nicht gerade sehr schmeicheln. Der fragliche Artikel ist zwar kein englisches Machwerk, allein man erinnert sich doch an die Worte, welche Lord Palmerston im Unterhaus gesprochen, Worte, welche Dänemark eine Hilfe Englands, für den Fall eines Angriffs von Außen, in Aussicht stellten. Heute fällt es freilich Niemanden mehr ein, zu denken, daß England sich zum Verfechter der Rechte der Nord-Schleswiger machen werde. Fürst Bismarck muß die Angelegenheit mit seinen eigenen Genossen und den unversöhnlichen Deputirten Nord - Schleswigs abmachen. Unser Kopenhagener Correspondent sieht in dem Vorgehen Bismarck's einen Act der Rancune; der Fürst hat bei mehr als einer Gelegenheit bewiesen, daß er über derlei persönliche Motive nicht erhaben ist. Es ist jedoch mehr
In dem neuen französischen Ministerium befinden sich drei neue Männer. Herr Le Roher, der Siegelbewahrer, ist geb. 1816, früher Advocat in Lyon, wurde nach dem 4. Sept. General - Procurator dortselbst, und 1871 zum Mitglied der Nationalversammlung erwählt, endlich lebenslänglicher Senator. Der Minister gehört der Reformirten Kirche an. Herr Zules Ferry, Unterrichtsminister, geb. 5. April 1832. Deputirter der Vogesen, seit 8. Febr. 1871. Er war Mitarbeiter des „Temps" und des „Elccteur libre." Ein Artikel von ihm, der unter dem Titel „les grandes manoeuvres electorales“ in dem letzteren Blatte erschien, brachte ihm unter dem Kaiserreiche eine Geldstrafe von 20,000 FrcS. und einen Sitz im gesetzgebenden Körper ein, wohin ihn die Wähler von Paris im Jahre 1869 entsandten. Mitglied der Regierung der nationalen Ver- theidigung, wurde er unter Thiers Gesandter in Athen, und nahm in Folge des 24. Mai seine Entlassung. Herr Lepepere, Minister der Landwirthschaft und des Handels, war vorher Unterstaatssekretär im Ministerium des Innern.
Meldungen der „Polit. Corrcsp." Aus Triest vom 6. d. Der heute aus Konstantinopel mit 29 Passagieren eingetroffene Lloyddampfer „Appollo" wurde zu 24stündiger Beobachtung in Quarantäne gelegt. Ein anderer heute fälliger Llovdampfer, der die thessalische Linie befährt und Salonichi berührt, dürfte eine mehrtägige Quarantäne halten müssen. — Aus Konstantinopel, v. 6. Der Mini- sterrath genehmigte den in seiner Gesammtheit endgültig vereinbarten türkisch-russischen Fricdensvertrag und beschloß dem Sultan die Ratification des Vertrages nach erfolgter Unterzeichnung desselben zu empfehlen. Im Hinblick auf die bevorstehende Räumung Adrianopels seitens der Russen hat die Pforte eine Commission eingesetzt, welche die Rein- stallirung der türkischen Civilverwaltnng in Rumelien vorbereiten soll.
Zwei Schwestern des Sultans Abdul Hamid haben sich kürzlich verlobt, Mediha Sultane mit Nedjib Bey, Mitglied oes Staatsraths, und Naile Sultane mit dem Obersten Mehemed Bey. Die Ceremonie hat im kaiserlichen Palais zu Konstantinopel in Gegenwart des Großveziers und anderer Minister stattgefunden. Wenn die Ueberlicferuna begründet ist, so sind die Männer welche der Sultan zu Gatten der Prinzessinen seiner Familie auSwahlt, nicht die glücklichsten Leute. Dieselben werden die Sclaven jeder Laune ihrer Frauen und ihnen ist die Polygamie untersagt Die männlichen Sprößlinge solcher Ehen werden auf Be-
einen Blick auf die idellen Wurzeln dieser großartigen Erscheinung werfen. Unverkennbar liegen diese in derselben geistigen Region, welcher unsere herrlich- Gralsage entstammt, jene romantische Uebertragung der Aufgabe unseres Herrn und Meisters, „die Werke der Finsterniß zu zerstören und alle Völker zu lehren uiib zu taufen," auf die Helden der Urzeit unseres Continents. Von dem Mont- salva Spaniens, wo die erste Gralburg stand, nahmen die heiligen Streiter der Sage ihren Weg nach dem Jnselreiche Englands und Schottlands, wo König Arthur's Tafelrunde ihren Sitz aufgeschlagen hatte, um von dort aus einen geistigen Siegeszug durch die zu christianisirende Welt zu halten und das heilige Kreuzpanier des Grals überall aufzurichten, wo die Herzen der Menschheit willig waren, sich dem Dienst des Grals zu weihen.
In dm Ordnungen der Templeism, der dm Gral schützenden Ritter der Sagen erkennen wir die Keime, aus welchen sich das Ritterthum der romantischen Periode des früheren Mittelalters entwickelt hat. Die Begeisterung der Kreuzzüge brachte diese Keime zur Entfaltung. Wie schon in den ersten Jahrhunderten des Ehristenthums die sehnsüchtigen Blicke der Gläubiger nach Jerusalem und nach dm übrigen geweihten Stätten des heiligen Landes gerichtet waren und alljährlich Tausende von frommen Pilgern unter mannigfachen Gefahren und Mühseligkeiten zu dem heiligen Grabe walletm, so wurde ganz besonders nach der Eroberung Palästinas durch die rohen Bekenner Mohameds die Theilnahme der ritterlichen Kreise erregt, als viele heim- kchrende Pilger die furchtbaren Mißhandlungen berichteten, welche sie im gelobten Lande auszustehen hatten. Diese Theilnahme steigerte sich bekanntlich zu glühender Begeisterung zunächst in den romanischen Ländern, als im Jahre 1095 Peter von Amiens die Christenheit aufrief, das heilige Land zurückzuerobem. Mit dem Wahlspruche „Gott will
eö" gürteten Fürsten, Ritier und Knechte ihre Schwerter um und sagten der Heimath lebewohl, um mit ihrem Blute den Boden zu erkaufen, auf dem der Heiland gewandelt hatte. Das Zeichm des Kreuzes trugen sie auf den Mänteln und rm Herzm die frohe Zuversicht, vollkommen Ablaß für alle vorigen Sünden zu empfangen. In stürmischem Anlauf eroberte dies erste Kreuzhecr die heilige Stadt im Jahre 1099 und gründete dort nach den Gesetzen der Heimath ein christliches Königreich, in welchem die Grundgedanken der Gralsage auf verschiedenste Weise zum Ausdruck kamen. Das ritterliche Element vertraten in diesem Reiche zunächst die Orden der Templelritter, die Träger edelster llrtraditionm der Vorzeit und der Johanniter aus den romanischen Kreisen hervorgegangen, wobei jebodb drc germanischen Pilger und Kranken vemachlässigt wurden wie dies in den folgenden Kreuzzügen, an welchem sich die deutschen Ritter und Knechte lebhaft betheiligten, schmerzlich empfunden wurde und die Veranlassung dazu gab daß auf Anregung von Lübecker und Bremer Kreuzfahrern unter der Protection des Herzogs Friedrich von Schwaben und aller übrigen im Lager anwesenden deutschen Fürsten zu Accon im ^zahre 1190 ein besonderer deutscher Ritterorden gestistel wurde, in welchen nur Deutsche ausgenommen werden dursten. Mit den Templern und Johannitern hatte der deutsche Orden die allgemeinen Gesetze des Ritterthums zu befolgen,, „mit starkem Arm das Heiligthum des Glaubens zu schützen, der Schwachen und Bedrängten sich anzunehmen und allem Bösen mit unerbittlicher Sttenge entgegen zu treten."
„Gottes Freund und aller Welt Feind" war ihr Wahlspruch. Wer ihrer Genossenschaft thellhaftig werden wollte, mußte durch irgend eine ruhmvolle That sich dieser Ehre würdig gemacht haben, dann wurde er durch drei leichte Schwertstreiche die er knieend, aus der Hand eines älteren
-
»bei
i, Elisahethgrad und Kischeneff nicht vorliegen. Die
isen,
iburz
ritz.
71, Bildung und Cultur in jene Gegenden zu tragen, ou* f providentiell dazu berufen waren, die Gründung 207 ^großen deutschen Kaiserreiches vorbereiten zu helfen.
M das berühmte Schloß zu Marienburg als eine iante 6 r des Marburger Deulschherrenhauses anzusehen, 2iV«> '"ch die Spuren der Meister, welche die Elisabethkirche
>ame
in der ganzen norddeutschen Ebene wieder zu
t-
iten len.
bei
öder.
«., v.,3 e,
15 S
von
H
Kau, takt
'M :ckend,
hei- daß an cnkt auch er- ner- tber eilt [369 >wa), 578. sttzer. lNUN- auk-
s Ergebtiiß der Breslauer Reichstagswahl läßt im ich zum 30. Juli v. I. bei allen Parteien eine erheb- inderbetheiligung erkennen. Die vereinigten libcra- rteien haben es auf 82 pCt., die Sozialdemokraten pCt., die Conservativen auf 77 pCt. der damaligen tmenzahl gebracht. Bedenkt man, daß den Sozialde- »ten, nachdem dieselben ein eigenes Preßorgan schon seit er Zeit nicht mehr Haben, die öffentliche Wahlagi- unmöglich gemacht war, bedenkt man ferner, daß die rlige Wahl als eine Ersatzwahl nach den vorjährigen i vorgenommen wurde, daß also von der fluctuiren- svzialdemokratischen Wählerschaft jedenfalls eine größere l in Breslau nicht mehr anwesend ist, so muß man en, daß die Sozialdemokratie von allen Parteien mit vs der größten Befriedigung auf das erwähnte Er- ß blicken darf. Die Nutzanwendung daraus mag sich selbst ziehen.
züglich der «Sitzung der Zolltarifcommission am Dien- schreibt die „Nordd. Allg. Ztg.": Verhandlungen im einer Beralhung haben nicht stattgefunden. Ebenso n keine Beschlüsse gefaßt. Der Regierungspräsident ötticher wohnte der vorgestrigen Sitzung nicht bei.
itlheilungen über seine Rückkehr von Schleswig sind ändet.
Me«.
^vn Zusammenhänge zwischen Marburg und Marien- kchaher nachzuforfchen, erscheint uns daher als eine M Aufgabe, welcher auch unser hiesiger Freundeskreis peinige Aufmerksamkeit schenken dürfte.
L71 die wunderbaren Erfolge zu erklären, welche neben Mbanaitern und Templern der deutsche Ritterorden ^chältnißmäßig kurzer Zeit erzielte, um insbesondere Mächtigen Einfluß zu verstehen, welchen er auf die ^Ung des deutfchen Reiches erlangte, müssen wir zunächst jj'.^er Güte des Herrn Verfassers verdanken wir es, dielen kfvereffanken Vortrag im Original unfern Lesern mittheilen (Anm. b. Red.)
Tagesbericht.
ürst Bismarck begab sich gestern Nachmittag 4 Uhr s kaiserliche Palais und verblieb daselbst bis kurz Uhr.
jedem ibe zu r eint damit ueruug llspruih
ffak,
ich? n
1879- |
kitt.L
<b.9} 1
Bestellungen auf die Dberhessische Zeitung und deren Gratis-Beilage
5;6ud Marienburg und Marburg.
Pf. ftii trag des RegierungL- und Bauraths Cuno über den tamenhaug von Marburg und Marienburg, des deul- Ritterordens und des preutzischen KönigthumS. Vom .. _ "Punkte eines pietistischen Baumeisters angesehen. Ge- " m * tat Verein für GeschichtS- und Aiterthumskunde zu em -ö»1! Wiesbaden*).
cerf- «eigen nimmt entgegen: trtrAV Äipedttion d.Blattes, Pqc" »11 d.Äniwncen-Bureaux |3b7 , M. Dietrich & Co. in M und Hannover; Th.
^"fach in Frankfurt a.M.; unter ftsenstein & Vogler in äste m »itfun a- M., Berlin ■ ei jjiia, 661n ic.; Rudolf ;JCfr A m Berlin, Frank- erksam " furt a. M. -c.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte«, sowie d. Annoncen-Bureaux von G. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. ♦ daselbst; Jnvalidendank in
Berlin; W. Thienes in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen.
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS Sonntagsblatt" durch die Expedition lKock'sche Buchdruckerert bezogen 2t ^ark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. lexcl. Bestellgebühr). — Jnsertionsgedühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg
Für in der Expedition zu ertbeilenbe Auskunst und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.
^ttritt ein Baumeister vom Ostseestrande den Boden — ■ Marburg, so wird sein Herz freudig bewegt, wenn er ttablsk übliche Elisabethkirche anfchaut und den Hos der da- )errn ? K gelegenen Comthurei der Deutschherren durchschreitet, ie 1 »vn hier aus zogen einst die braven Ritter des deut-
[3* Ordens nach dem fernen Preußenlande, ,um christ-
fllustrirtcS Sonntagsblatt chm von fämmtlichen Postanstalten (auf dem cke on den Landpostboten) angenommen.
2 Der „Reichsanzeiger" bringt ein amtliches Telegramm . 2 E Odessa von gestern, welches besagt, daß neue Mel- 1 sjw ® bezüglich der Pest-Epidemie aus Rostoff, Taganrog -krinoslav, Choritz, Mariapol, Berdiansk, Kertsch, Ni- ,1.. iss, Elisabethgrad und Kischeneff nicht vorliegen. Die