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xm, Jahrgang

Marburg, Dienstag, 17. December 1878

t. 295

^5; Dpol.

2727

Deutsches Reich.

Berlin, 14. Decbr: Die Ansprache des Kaisers bei dem Empfang der Berliner Communaüehrer lautete: Bei den warmen Gefühlen, wie Sie sie für mich in der eben gehörten Adresse zum Ausdruck gebracht haben, darf ich von der Lehrerschaft der Berliner Gemeindeschulen erwarten, daß dieselben auch der Jugend die Augen öffnen wird über unsere Zeit, in der Widersetzlichkeit gegen die Oberen und Vorgesetzten so weit um sich gegriffen hat, daß sie sich so»' gar gegen den Thron richten konnte. Die Anhänger jener Pattei erreichten hier seit den letzten Jahren die Zahl von 58000. Diese nehme ich von der Million hiesiger Ein» wohner aus, die mir bei meiner Rückkehr einen so herz­lichen Empfang bereitete. Aber nicht blos bei un$ zeigte sich das verderbliche Bestreben jener Partei. Wenn die traurigen Vorfälle, welche mich betroffen haben, dazu bei- gelragen haben, dies unserem Volke zum Bewußtsein zu bringen, so will ich, wie ich schon bei meiner Ankunft aus­gesprochen, gern dafür geblutet haben. Die neue Gesetz­gebung wird, wie ich hoffe, vieles zur Besserung der jetzigen Zustände, die ich schon vor 10 Jahren vorausgesehen, bei­tragen. Vieles muß aber auch in dieser Beziehung durch die Erziehung und den Unterricht der Jugend geschehen. Auf die Quantität des Wissens kommt cs dabei weniger an. Es wird jetzt in den Schulen ja Vieles gelehrt, doch darf das nicht hinteu angcsetzl werden, was für die Er-

TtgeSbericht.

In Bezug auf die Zoll- und Steuerreform im Reiche fen allerlei Gerüchte durch die Zeitungen, welche aber igstenS in ihrer Darstellung in der Regel so dick mit rteifarben überladen sind und nicht selten Wünsche der rteien als Thatsachen behandeln, daß man sie nur mit rückhaltung aufnehmcn kann. So wird jetzt berichtet, Württembergische Negierung habe den förmlichen An- g auf Einführung des Tabaksmonopols gestellt, allein dem Anträge beigegebene Berechnung der Einnahmen - dem Monopol bleibe sehr erheblich hinter früheren artigen Berechnungen zurück und werde sich nicht viel her stellen, als der Ertrag der von Camphausen vorge- lagcnen Gewichtssteuer, wenn deren Sätze noch etwas öht würden. Denn von den Einnahmen aus dem Mo- pol mühten doch auch die Ausgaben und die Verzinsung , Millionen, welche das Reich bei Einführung des Mo- pols an die aufgehobene Privatintustrie als Entschädi- ng zu zahlen haben würde, abgezogen werden. Ande- seitS wird behauptet, die Tabaksenquete-Commission sei cder für Monopol noch für das amerikanische Fabriksteuer- ystem, von welchem man in Amerika selbst nicht viel iffen möge und daS bet unS gar nicht anwendbar wäre, sondern sie würde sich voraussichtlich für eine höhere Ge- »ichtSfteuer entscbeiden. Dagegen wird dann wieder berichtet, er Reichskanzler beharre desto mehr auf dem Tabaksmo-

Namen der Staatsregierung" gesprochen und Herr Windt« horst hat sicherlichim Namen der Ceutrum-partei" ge­sprochen, und aus beiden Erklärungen geht hervor, daß die Gegner unverändert auf demselben Standpunkt ver­harren, den sie im Kampfe inne gehabt haben. Wenn man über die Debatten nicht Bericht liest, sondern sie mit anhört und ansteht, so gewinnt man die Ucbcrzeugung, daß bei der Aufregung, die sich in den Reden der Ultramon­tanen kund giebt und die ohne Frage durch die scharfen Aus­drücke des Ministers immer gestachelt werden muß, ein gut Theil persönliche Erbitterung gegen den Mann zu Tage tritt, der nun einmal der Vorfechter deS Kultur­kampfes ist. DaS sieht man so recht, wenn im Ressort eines anderen Ministers der Culturkampf auflaucht. Beim Etat des Ministeriums des Innern tourte er ja auch provocirt; da hatte der Abg. Windlhorst aber sofort eine ruhige Sprachweist und ließ die Aeußerungen des Mi­nisters Grafen zu'Eulenburg gelten. Es ist daher, so lange diese harten Steine sich an einander reiben, kaum zu erwarten, daß ein Friede, oder ein annehmbarer modus vivendi zu Stande kommt, und zu bedauern ist dabei am meisten unsere evangelische Landeskirche, welche man in mißverstandenen Gleichheitsdrang mit in diesen verhäng- nißvollen Kampf hineingezogcn hat. Die Liberalen sind natürlich voller Jubel; sie haben bisher lange genug ihrer Angst um die Stellung des CultnsministerS durch daS ewige Wiederaufwärmen von Gerüchten Ausdruck gegeben, nach welchen derselbe auf seiner Entlassung bestehe. Jetzt schöpfen sie aus seiner jüngsten Rede die Ueberzeugung, daß er fest steht. Hat Herr Falk dem Centrum vorge­worfen, daß es den Frieden nicht wolle, so bemerkt die Germania" dazu:Tas katholische Volk erkennt nun­mehr klar und deutlich aus Thaten die Lage, die man ihm durch allerlei trügerische Versicherungen zu verschleiern suchte. Die Thal redet lauter als die Worte: Man will keinen Frieden, den die Kirche, ohne sich selbst und ehre Grundsätze aufzugcben, eingehcn kann; wenn man von Frieden redet, s» meint man jenen traurigen Zustand, den der selige Hermann v. Matinckcodt treffend denKirch­hofsfrieden genannt hat. DiesenKirchhofsfrieden" bietet man der Kirche auch heute an. Sie kann ihn nicht an­nehmen; das weiß man; und darum bedeutet der gestrige Tag nicht Frieden, sondern Kampf." So beschuldigt man sich gegenseitig. Daß dadurch für den Frieden Stim­mung gemacht wird, kann natürlich Niemand glauben.

DiePol. Corresp." meldet aus Konstantinopel: Der Abschluß einer neuen englisch-türkischen Convention wird als unnlittelbar bevorstehend betrachtet. Einem Gerücht zufolge, sollen nicht nur mehrere Flottenstationen England eingeräumt werden, sondern auch einige strategische Punkte der Türkei sollen dauernd von englischen Landtruppen be­setzt werden. Tie diplomatische Action bezüglich Grie­chenlands ist plötzlich ganz sistirt worden. Achmed Mukhtar bleibt vorerst in Janina. Auch die Verhandlungen mit Rußland wegen des definitiven Friedensvertrages sind mo­mentan unterbrochen. '

eigen nimmt entgegen: Expedition d.BlatteS, ikd.Ännoncen-Burraux Td- Dtetrich L So. tn el und Hannover;

tttvid) in Frankfurt aM.; (enftein & Vogler in ntfurt a. M., Berlin, ipzig. 66ln K.; Rudolf Jfle in Berlin, Frank- furt a. M. ic.

Regierungsseitig werden die Arbeiten zur Ausführung : btt Justizgesetze derart beschleunigt, daß dieselben bis zum ; L April 1879 beendigt sind. Von den getroffenen Per- «»nalveränderungen sollen dir Betheiligten bis zu diesem 1 Zeitpunkt benachrichtigt werden.

1 Es ist ausgefallen, daß sich die studentischen Kreise so venig um den sie speziell interessirenden Gesetzentwurf, be- 1 treffend die akademische DiSciplin, zu kümmern scheinen, vor zehn Jahren herrschte sauf vielen deutschen Univcrst- äten, wenigstens auf allen größeren, eine sehr lebhafte Be­legung, welche sich gegen die bestehende Universitäts-GerichtS- barteit richtete. Dieselbe wird nun freilich in Folge der SieichSjustiz-Gesetze zum größten Theil in Wegfall kommen, Her es bleibt immer noch genug bestehen, um die Oppo­sition derer herauszufordern, welche meinen, daß der Grund­satz, welchen der dem Landtage vorgelegte Gesetzentwurf als $ 1 an die Spitze stellt:Die Eigenschaft eines Studi- Nnden begründet keine Ausnahme von den Bestimmungen les allgemeinen Rechts" auch mit Consequenz durchgeführt Verden müsse.

Der Fortgang, welchen die Etatsberathungen im Abge- »rdnetenhause nehmen, verspricht uns eine Session von un­gewöhnlich langer Dauer. Der Etat des Ministeriums des Innern hat lange nicht so viel Zeit erfordert wie in der gegenwärtigen Session, obwohl bis jetzt nur die dauernden Iiusgaben zur Verhandlung gelangt sind. Die größten bchwierigkeiten werden erst beim Etat des Kultusministeriums lervortreten. Wir können also nicht absehen, wann die Mitt Berathung zum Abschluß gelangen wird. Wir fürch- trn aber, daß wohl der Januar größtcntheils hierdurch ab- serbirt werden wird. ES wäre wohl zu wünschen, daß »an sich etwa« Enthaltsamkeit mindestens in geringfügigen Dingen auferlegen möchte. Da der Landtag mit Aufgaben den der größten Dringlichkeit, wir verweisen nur auf die Justizgesetze, befaßt ist. Wenn man nun die gegenwär­tigen Berichte der Versammlung liest mit: Heiterkeit, große Heiterkeit, allgemeine Heiterkeit, Gelächter rechts, Gelächter 8nkS, Gelächter im Centrum, so sollte man meinen, eS handle sich um die Sitzung eines Carnevalvereins und nicht nm die des hohen Hauses der Abgeordneten der preußischen Monarchie. Und noch dazu die Dinge, über die man lacht! Jede Behauptung, die zwischen den verschiedenen Patteien »ehr oder weniger undiScutirbar ist, wird von der gegne- ttschen Pattei einfach ausgelacht. Man bekommt im Lande den solchen Berichten den Eindruck, als ob unsere Abge- erdneten manchmal weniger von der Würde und dem Ernste ihrer Stellung, als von der Aufregung und Leidenschaft beherrscht wären und daS ist dem Ansehen des Landtages keineswegs förderlich.

! Für die Beendigung des CnlturkampfeS in Preußen haben die TiScufsionen am letzten Mittwoch im preußischen Landtage wieder manche Hoffnung vernichtet, Minister Falk, von deffen Erklärungen wir an anderer Stelle be- tichtrt haben hat zu verschiedenen Malen ausdrücklichim

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Statte« sowie d-Lnnoncen-Bureaux von G. L- Taub« * Co. in Frankfurt a. M; Jägerische Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchtzandl. daselbst: Jaoalideudauk in

Berlin; W- Thiene« in Elberfeld:. Schlotte ie

Bremen.

zithnng von besonderer Wichtigkeit ist. Dahin gehört vor allen Dingen Religion. Ihre wichtige und schwere Auf­gabe ist daher, die Jugend in der wahren Gottesfurcht zu unterweisen und mit Achtung vor den heiligen Gütern zu erfüllen. Nachdem der Kaiser den Wunsch ausgesprochen, daß durch die Wirksamkeit in der Schule die Uebelstände welche nach der CivilstandSgesetzgebung in Berlin wie in allen größeren Städten zu Tage getreten, gebessert wer­den mochten, schloß der Kaiser seine Ansprache mit den Worten:Theilen Sie nun, was ich Ihnen gesagt, auch allen Ihren College» mit." Bei dem am Dienstag stattgehabten Empfange dxr Berliner Geistlichkeit erwiderte der Kaiser auf die BegrüßungSanrede deS General- Supetintendenten Brückner mit einer Ansprache, worin er hervorhob, daß allerdings in der Berliner Geistlichkeit Manches vorgekvmmen sei, was ihm mißfallen habe; doch habe er die Treue und Anhänglichkeit ter gesamm« ten hiesigen Geistlichkeit nie bezweifelt und nehme er gern die erneute Versicherung derselben entgegen. Zur Lage übergehend, bemerkte der Kaiser ungefähr, die großen Städte glichen einem Schwamme, der Alles aussauge. Zahl­reiche Menschen strömten aus den kleineren Städten und vom Lande, wo in Folge deffen die Arbeitskräfte fehlten, nach Berlin, um hier Glück und Reichthum zu finden. Die Meisten würden enttäuscht und dadurch unzufrieden und mißmuthig. Daraus ettläre sich im Wesentlichen da« rapide Anwachsen der Sozialdemokratie. Der Kaiser ging sodann auf die letzten mtb vorletzten Reichstagswahlen in Berlin und auf die Betheiligung der Sozialdemokratie da­ran ein und schloß seine Ansprache etwa folgendermaßen: es sei jetzt eine Aera, in der man die Fürsten zu beseitigen strebe, in der irrigen Hoffnung, dadurch bessere Zustäno« zu erzielen. Ihm selbst sei ja aller Voraussicht nach nur noch eine kurze Spanne.Zeit zugemessen; in dieser stehe sein Leden in Gottes Hand. Die verbrecherische Richtung der Zeit werde ihn nie hindern, rote bisher so auch ferner seine Pflicht zu thun. Der Kaiser hat dem Geheimen Ober-Regierung«rath Dr. Hahn in Folge der Ueberreichung des zweiten Bande« des BuchesFürst Bismarck" ein huld­volles Schreiben zugehen lassen, in dessen Eingang der Be­friedigung Ausdruck gegeben ist, daß der Verfasfer so eifrig bemüht gewesen sei, die Fortsetzung des Werkes zu beschlen- nigen.Ich halte es für wichtig," sagte Sc. Majestät, dieses wohlgeordnete Material über die vom Fürsten Bis­marck in bedeutsamer Zeit bethätigte Wirksamkeit gerade jetzt der Oeffentlichkeit darzubieten, und kann nur wünschen, daß man sich in weiten Kreisen mit dem Studium desselben beschäftige." Am Schluffe des allerhöchsten Schreibens ist noch ausgesprochen, daß Se. Majestät mit besonderem In­teresse von der dem Buche angefügten Sammlung von denkwürdigen Aeußerungm des Fürsten BiSntarck Kenntniß genommen habe.

Köln, 14. Dezember. DieKöln. VolkSztg." schreibt: Gestern Abend wurden wir durch die Mittheilung über­rascht, daß cieKölnische Volkszeitung" in den Reichslan­den Elsaß und Lothringm durch die Post nicht mehr auS- gegeben werden darf. Eine amtliche Notificatton fettens einer politischen Behörde ist uns nicht zugegangen. Wir standen plötzlich der vollendeten Thaisache gegenüber und man hat uns nicht einmal die Möglichkeit gelassen, unseren reichsländischen Abonnenten von dieser Maßregel Kenntniß zu geben."

Malchin, 44. Dezbr. Beide mecklenburgische Regie- rangen beantragen die Einsetzung einer Deputation behufs Verhandlungen zum Zwecke der demnächstigen Wiederauf­nahme der Berathungen über Modification der Landesvew sasfung.

Dresden, 12. Dezbr. Die Kgl. Kreishauptmannschaft zu Zwickau hat folgende Verordnung, die körperliche Züch­tigung als Disziplinarmittel betreffend, erlaffen:In den von den Verwaltungsbehörden in letzter Zeit über das Bettel- und Vagabundenwesen erstatteten Bettchten ist viel­fach darüber geklagt worden, daß mit Besettigung de« Mittels der körperlichen- Züchtigung die wirksamste Hand­habe gegen gewisse Kategorien von Vagabunden hinwegge- fallen sei. Das kgl. Ministerium des Innern hat deshalb angeordnet, darauf aufmerksam zu machen, daß, wenn auch körperliche Züchtigung als Strafe aufgehoben sei, damit noch nicht deren Anwendung als Disciplinarmaßregel gegen Tetinitte in Gefängnissen und ZwangSarbeushäusern abge» schnitten sei. Solches wird rc. zur Nachachtung bekannt gegeben."

Weimar, 13. Dezbr. Im Hofe des hiesigen Unter­suchungsgerichts hat gestern eine Hinrichtung mit dem Fallbeil stattgefunden. Der Landwirlh Voigtritter au

flrfcbeint täglich außer an den Werktagen nach Sann- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilag«JlnftrirteS Lannta,»blatt" durch die Expedition lKach'fche Buchdruckerei) bezogen 2-, Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pf». (ejcl. Bestellgebühr). JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile M Pf«. Für in der Expedition zu errbeilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 85 Pf». berechnet.