XIII Jahrgang.
Marburg, Mittwoch, 13. November 1878
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Heute steht wieder einmal Fürst Bismarck im Vordergründe der Diskussion. Nicht dadurch, daß er selbst etwas Auffälliges gethan oder etwas unterlassen — eine von einem Dritten ausgegangene literarische Publikation rückt den deutschen Reichskanzler, der sich eben nach Varzin zurückgezogen, wieder auf den politischen Schauplatz. Das Buch des Herrn Moritz Busch, des gutmüthigen Leipziger Herrn, der Wohl kaum jemals geträumt hat, er werde noch einmal die politische Welt in Bewegung setzen, und so viel Staub aufwirbeln, deö gemüthlichen sächsischen Literaten, der bis jetzt nur durch stille Feuilletons über den Tabak und den Talmud, über sächsische Burgen u. dergl. sich bemerkbar machte, hat gleich bei seinem Erscheinen außerordentliches Aufsehen erregt.
Nun war man aber zunächst im Urtheil über das Buch, stinen Werth und Zweck sehr befangen. Man wußte, daß Herr Moritz Busch einige Jahre hindurch und namentlich während des deutsch-französischen Krieges als Mitglied des auswärtigen Amtes in der nächsten Umgebung des Fürsten Bismarck sich befand, man wußte, daß alle Mittheilungen über Handlungen und Aeußerungen des Kanzlers Anspruch aus volle Glaubwürdigkeit hatten, und konnte darum nicht annehmen, daß die Veröffentlichung ohne des Fürsten Er- laubniß geschehen. Welchen Zweck verfolgt der Kanzler mit dieser Publikation? so fragte man sich allgemein und war doch um die Antwort sehr verlegen. Welchen Zweck tonnte der Kanzler dabei verfelgcn, durch Veröffentlichung seiner derb-realistischen privaten Aeußerungen über Personen und Einrichtungen, eine Menge mächtiger Persönlichkeiten zu verletzen, zu seinen Gegnern zu machen I
Wie man nun authentisch erfährt, ist die Veröffentlichung ohne Zustimmung des Fürsten Bismarck geschehen und hat ihm eine endlose Reihe von Aergernissen, Verdrießlichkeiten, Correspondenzen und Auseinandersetzungen aus- gebürtet. Vor drei Jahren wurde Busch aus der Umgebung Bismarcks enffernt, als dieser bemerkte wie alle seine Aeußerungen von Busch heimlich notirt wurden. Trotz der stark bismarckfreundlichen Tendenz des Buches ist es doch eine arge Fatalität für den Kanzler und hat eine Reihe von Verstimmungen hervorgerufen, die schwer zu beseitigen sein werden. Das Buch, das nach 20 Jahren werthvolleS Material für die Geschichte unserer Zeit hätte werden müssen, ist heute nur eine für den Reichskanzler sehr peinliche Jndiscretton.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d Blatte», sowie b-Annoncen-Bureaux von G- L- Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Duchhandl. daselbst; Invalidendank in Berlin; W- Thienes in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen.
„Dann schlage ich vor, daß wir uns in meinen Wagen
Tagesbericht.
Der Kronprinz empfing gestern Nachmittag im kron- prinzlichen PalaiS den Fürsten Bismarck zu längerer Audienz. . \ ,
Mt dem in Berlin eingetroffenen CommissariuS des Londoner Generalhostamts ist betreffs des Telegraphen-Ver- kchrö mit England unter dankenswerthem Entgegenkommen der holländischen und belgischen Telegraphen-Verwaltung sowie der betheiligten Kabel-Gesellschaft ein Einverständnis erzielt worden. Die bezügliche Uebereinkuuft tritt am 1. Januar 1879 in Kraft: jedes Wort kostet 30 Pf. ohne Unterschied deS Abgangs- oder Bestimmungsortes, ohne Erhebung einer Grnndtaxe oder des Minimalsatzes, gleichviel, aus welchem Wege tzst Beförderung erfolgt.
Wohl selten ist nach den stenographischen Berichten des Reichstags eine so große Nachfrage gewesen, wie nach den Berichten von der letzten Session. Dieselben sind fast vollständig vergriffen und von allen Seiten treffen noch immer Bestellungen darauf ein. Insbesondere haben auch die auswärtigen Regierungen durch ihre Berliner Vertretungen eine Anzahl von Exemplaren aller auf das Sozialistengesetz bezüglichen Drucksachen des Reichstags sich übermitteln lassen.
Nachdem gestern in Berlin verkündeten Urtheilsspruch wurde gegen den Redakteur der früheren „Neuen Freien Presse", Pulkrabeck, auf 4 Jahre, und gegen Guido Weiß, Herausgeber der „Waage", auf 6 Monate Eefäugniß erkannt.
„Welche Jvee! Wir sollen uns in eine alte, baufällige Post-Chaise setzen, damit unsere Herren Bedienten sich in diesem bequemen Wagen ausbreiten könnten?"
„Aber die Berline ist so schwer, daß wir unterwegs stecken bleiben werden," meinte de Lourmel.
„Gott bewahre, die vier Normänwer werden sie schon fortbringen. Uns sieh' nur, wie gut sie in den Federn hängt! AllonS, sträube dich nicht länger, denn es nützt ja doch nichts. Unsere Leute können in Deinem Wagen nachfahren und Du fährst in dem meinigen."
Es ließ sich nichts dagegen einwenden; de Lourmel erkannte, daß er nachgeben müsse und setzte sich ein.
Nachdem auch der Chevalier in dem Wagen Platz genommen hatte, der, trotz veS vielen Handgepäckes, noch für zwei Personen Raum gehabt hatte, rasselte im nächsten Momente die schwerfällige Maschine, vom zweiten Wagen mit den beiven Kammervienern gefolgt, über das damals noch ziemlich holprige Pflaster.
Der Chevalier d'Acigny, ein junger, reicher Cavalier, immer munter und guter Dinge, keck, unternehmend, gewandt im Umgänge, elegant in seinen Manieren, fast stutzerhaft in seinem Anzuge, scheinbar verweiglicht rote eine Salonpuppe und doch im Staude, sich mit Leichtigkeit in alle Beschwerden eines Feldzuges zu sinken, war einer jener charmanten Offiziere des vorigen Jahrhunderts, die mit gepuderter Perrücke uild mit Spitzeumachetten sich eben so kühn in das blutigste Schlachtgetümmel stürzten und eine feindliche Batterie zu erobern verstanden, als fie in
teieigen nimmt entgegen: Expedition d.Blatte», ied-Annoncen-Bureaux Tb. Dietrich & Co. in fiel und Hannover; Th. "rich in Frankfurt a.M.;
fenftein & Logier m rt a- M., Berlin, ip>ig, Mn 1C.; Rudolf fie in Berlin, Frankfurt a. M. re.
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setzen," sagte der Graf. „Er ist zwar nicht so wie dieser, dafür aber um so leichter, so daß wir damit von der Stelle kommen.„
„Um Gotteswillen, wo denkst Du hin?" rief
resultate der Adreßdebatte gerade entgegengesetztes Votum abgeben werde. —
Die Occupationspolitik ist übrigens viel populärer als die Abstimmung des Abgeordnetenhauses es vermuthen läßt. Am interessantesten in dieser Beziehung ist jedenfalls eine Stimme aus dem Wahlbezirke des Dr. Herbst, des viel- jährigen Führers der Linken. DaS politische Cafino der deutschen Verfassungsfreunde in Schuckenau, dem Wahlbezirke deS genannten Abgeordneten, hat nämlich in seiner Sitzung unterm 5. d. M. unter Hochrufen auf Se. Majestät den Kaiser folgende Resolution beschlossen: „Die blei- bcnde Befitzergreifung der occupirten Länder Bosnien und der Herzegowina ist im Interesse der Monarchie, der Ehre der kaiserlichen Armee und aus handelspolitischen Rücksichten sehr wünschenswerth." Ein Beweis, wie sehr oft jene professionsmäßigen Parlamentarier in Gefahr gerathen, Uebereinstimmung und Fühlung mit, ihren Wählern zu verlieren !
^oj^wertheilten Restes der Türkei geworden sei. Der Red- «t erklärte, daß eine Partei welche Millionen für einige
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Was die handelspolitischen Beziehungm zwischen Oesterreich und Deutschland betrifft, so haben sich in Oesterreich gegenüber der veränderten Lage in Deutschland zwei Parteien gebildet. Während die Mehrzahl der Handelskammern sich für die provisorische Verlängerung des Handelsvertrages ausspricht, wollen die enffchiedenen Schutzzöllner,
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einem Salon das stolze Herz einer koketten Schönen zube- siegen wußten.
Er war mit einem Worte ein liebenwürdiger, heiterer Charatter, vielleicht etwas unbesonnen und nicht immer discret, allein unter allen Umständen in der Freundschaft treu wie Gold, wenn auch in der Liebe flatterhaft und von weitem Gewissen.
Als vorzüglicher Gesellschafter erzählte er seinem Freunde mit der Beredsamkeit, , zu der der Gegenstand ihn begeisterte, einige seiner neuesten Abenteuer, die er während seines jüngsten Urlaubes in Versailles und Paris erlebt hatte, al» er plötzlich bemerkte, daß er keinen Zuhörer mehr habe da Graf de Lourmel sanft die Augen geschlossen und sich einem süßen Schlummer überlassen hatte.
Im ersten Momente wollte der Chevalier sich ärgern, aber es fiel ihm ein, daß sein Freund eine Courierreise gemacht habe, demnach todtmüde sein müßte und wohl zu entschuldigen sei, wenn ihn selbst die interessantesten Hos- geschichten nicht mehr wach halten konnten.
Im Ganzen hielt der Chevalier cs für das Beste, dem Beispiele seines Freundes zu folgen und so drückte er sich denn in feine Ecke und lag, wie das rückweise Sinkenlassen des Kopfes bewies, ebenfalls in Morpheus Armen.
Das Reisen war zu jener Zeit eine beschwerliche Sache. Damals gab es noch keine Eisenbahnen und die Landstraßen befanden sich in einem Zustande, daß das Fahren eine wahre Marter wurde. Auch die Gegend bot keinen erfreulichen Anblick. Ueberall zeigten sich die Spuren des Krieges; hier verbrannte Dörfer, da brachliegende Felder, oder vernichtete Erndten, und nirgends mehr Menschen, sondern nur wandelnde, von Hunger und Elend erschöpfte Gerippe.
Selbst d' Acigny, der Leichtfertige, bei dem traurige Eiudrücke nie lange Bestand hatten, tottrbt über diese fvrt-
hi nach dem Französischen des A. Fi6v<5e, von Rudolph
_ Graf de Lourmel warf sich in seinen Reisenwagen, der lietha draußen vor dem Hotel seines Oheims auf ihn wartete, vtd gab seinem Kammerdiener, Sylvain, Befehl, in die r * ?ue St. Horrors zu fahren und dort vor dem Hause ;er^ seines Freundes Acigny halten zu lassen.
V Der Chevalier d'Acigny diente, gleich de Lourmel, als 'CI£ iapitain im Regimentt Auvergne, befand sich zur Zeit als be- [8 Glaubt abwechselnd in Paris und Versailles und mußte tan gleichfalls in Kassel einrücken. Die beiden Freunde hatten beschlossen, die Reise gemeinschaftlich zu machen.
Der innere Hofraum deö Hotels, welchen Henry, der Nr dem Hause anszestiegen war, nun'betrat, bot einen Äußerst belebten Anblick. Ein halbes Dutzend Lakaien «epackten mit allen möglichen Koffern und Schachteln von ...... Äen Größen und Formen eine elegante, mit vier kräftigen Werden von normannischer Rare bespannte Berline.
F Der Chevalier d'Acigny stand auf dem Perron und Äerwachte in eigener Person die Vorbereitungen feiner kreise. Kaum war er aber seines Freundes ansichtig ge- fcotben, als er mit einem einzigen Satze über die vier over t-S/j" fünf Stufen herabsprang und mit offenen Armen dem Grafen entgegeneilte.
’ i t „Du bist pünktlich, sagte er; „aber Du siehst, ich 6m $ nicht minder und wir könnten uns also einsetzen, wenn tie Burschen mit dem Packen fertig wären."
Aeigny'S Kammerdiener versicherte, daß in mindestens Ntt Minuten Alles in Ordnung sein würde.
Nachdem das österreichische Abgeordnetenhaus am 5. d. Rts. die Adreßdebatte zum Abschluß gebracht hatte, wurde ie Reichsvertretung durch kaiserliche Entschließung bis auf fferes vertagt. Die Adresse, welche gegen die Orient- itik des Grafen Andrassy gerichtet ist, wurde mit 160 m 170 Stimmen angenommen. Mehr noch als für Grafen Andrassy war die Verhandlung ein Gerichts- für die Mehrheit des Hauses. Der Führer der Rcchts- ci, Graf Hohenwart schilderte in ruhiger, dafür aber m so einschneidenderer Rede die vollständige Zersetzung der; großen Partei der Majorität, die Calamität, daß sich auf dm Plätzen der Regierung Niemand befinde, der berufen »äre, die große Action Oesterreichs in den occupirten Pro- fl'I'alJwn zu vertreten;; ■ er constatirte die traurige Thatsache, ' daß, während in allen civilisirten Staaten der Welt bei, ’ einer großen Action nach Außen, die Stürme im Innern schweigen, in Oesterreich gerade jene Partei Zank und Zwie- tracht auf ihre Fahne geschrieben habe, welche sich zum I Hott der Verfassung anfwarf. Graf Hohenwart beleuchtete. wü schlagenden Argumenten die Nothweudigkeit der Occu- swtion, betonte, daß die Erhaltung der Türkei nie das Ziel unserer Politik gewesen sein konnte, daß der Berliner Congreß ember die Türkei auö den europäischen Staaten gestrichen habe, und der Sultan nun mehr der Massenverwalter des noch
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feicttagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS SonutagSblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 2b Wart, durch die Postämter deS Deutsche» Reiches 2 Mark 50 Ps,. (excl. Bestellgebühr). — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Ws«.
Für in der Expedition zu ertbeilende Auskunft und Annahme von Adrefien werden 25 Pf«, berechnet.
Lite Eisenbahnunternehmmtgen, ja selbst für einzelne Fa- rpnreiF^ unb Handelsfirmen verwenden, vor wenigen Jahren ’amufi 80 Millionen Jur nothleidende Firmen bewilligen ■p tote, wohl da Geld haben wird, wo eS sich um die Auf- äisch« ttchtechaltung der Machtstellung der Monarchie handelt.
, Jedenfalls mußte es merkwürdig erscheinen, daß auf die scharfen Ausführungen des Grafen Hohenwart gegen i den Adreßentwurf keiner der hervorragenden Führer der sinken auch nur mit einem Worte erwiderte und der Ab- grorbnete Hausner, eine« der drei Mitglieder des kleinen Polen-Clubs, der einzige war, welcher eine Widerlegung Jderfuchte. Der Club der Linken beschränkte sich in Beant- tertung der Rede des Grafen Hohenwart fast lediglich auf tit Abstimmung. Nach diesem Abstimmungsresultate und Achdem der Reichsrath für die nächste Zeit den Berathun- M der Delegationen Raum gemacht, liegt nunmehr die ktzte Entscheidung über die Orientpolitik des Grafen An- drassy bei diesen Körperschaften. Hierüber stehen, soweit such dies bisher, hauptsächlich nach den Wahlen in die Delegationen, übersehen läßt, die Chancen bedeutend anders als im Abgeordnetenhaufe deS ReichsratheS, und es ist mehr tts wahrscheinlich, daß hier die Majorität eine dem End-