Einzelbild herunterladen
 

Nr. 2SS

Marburg, Mittwoch, 30. October 1878

xni Jahrgang.

Anreizen nimmt entgegen: Me Expedition d.Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaux von Tb- Dietrich & Co. in Raffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a M.; naafenftein & Vogler m Frankfurt a. M.. Berlin, Leipzig, CSIn rc>; Rudolf Uvffe in Berlin, Frank­furt a. M. ic.

WechrMr jtihiuii.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d Blattes, sowie d. Annoncen-Bureaux von G- L- Daube & Co. in Frankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Duchhandl. daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W- Thienes in Elberfeld: C. Schlotte in Bremen-

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach «sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllnftrtrteS Sonntagsblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 2‘, Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr). — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zelle 10 Pfg.

Für in der Expedition zu «rtdeilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

®£ür die Monate November und Deeember O werden Bestellungen auf die

Blierhesstsche Zeitung

nebst

Jllnstrirtes Sonntagsblatt bei allen Postanstalten sowie in Marburg bei der Expedition entgegengenommen.

Tagesbericht.

Zur Linderung des durch den Ausbruch des gelben Fiebers unter der deutschen Bevölkerung in den Südstaa­ten der amerikanischen Union hervorgerufeiten NothstandeS haben Seme Kaiserliche und Königliche Hoheit der Kron­prinz in Vertretung Seiner Majestät des Kaisers und, Königs, wie der heutige R.- u. St.-A. meldet, mittelst Aller-! höchster Ordre vom 16. d. Mts. einen Beitrag von 3000' Mk. auf den Antrag des Auswärtigen Amtes zu bewilligen geruht. Der Kaiserliche Gesandte in Washington ist von dieser Allerhöchsten Bewilligung auf telegraphischen! Wege in Kenntniß gesetzt worden.

------------------------- :■! 7! .

Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht Bekanntmachungen betreffend das Verbot von folgenden Vereinen: sozialistischer Hrbeiter-Wahlverein in Bochum, Arbeiter-Wahlvereine in Hagen und Langerfeld, sozialdemokratischer Arbeitcr-Wahl- vrrein in Dortmund, allgemeiner deutscher Töpfervcreiu, Verein für Sattler und Berufsgenossen, Deutscher Stell­macherverein und Bund der Glasarbeiter Deutschlands in Dresden, Arbciterbildungs-Verein in Leipzig, Pfälzisch-Ba­discher Preßverein in Mannheim, Metallarbeiter-Gewerks- Gmofseuschaft, vereinigter Klempnerverband - und demokra­tischer Wahlverein in Braunschweig; ferner das von der Kreishauptmannschaft in Zwickau ergangene Verbot der von Most herausgegebenen Druckschrift „Proletarierliederbuch," und endlich das Verbot einer einzelnen Nummer, sowie des ferneren Erscheinens des Leipziger „Vorwärts", des Mann­heimer „Pfälzisch-Badischen Volksblattes" und der in Rostock erschienenen periodischen Druckschrift „Mecklenburg-Pommer- scher Arbeiterfrennd, Organ für das werkthätige Volk."

Die drei richterlichen Mitglieder, welche aus Preußen in die vom Sozialistengesetze vorgesehene Beschwerde-Instanz berufen sind, waren früher Beamte der Staatsanwaltschaft: Herr von Holleben war bis zu seiner im Jahre 1868 er­folgten Berufung an das Obertribunal Ober-Procurator beim Landgericht in Trier, fungirte außerdem als Mitglled'

Eia Maskenball König Jeromes.

von E. Sch.

(Fortsetzung.)

Die alte Marquise hatte sich nicht getäuscht, er war eS wirklich, le Camus, der Schicksalsgenosse Jeröme's, den die Gunst seines Freundes kürzlich in den Grafenstand er­hoben hatte. Auf die vollste und verkappteste Weise be­rührte die alte Marquise nach seiner Zurückkunft all die drückenden Beziehungen seines vergangenen Lebens, deren Kenntniß er außer Jeröme und seiner Schwester von Nie­manden in der Residenz vorauösetzen konnte.

Nicht wenig erstaunte deshalb le CamuS über die Laune des Zufalls, die, wie er oft im Vertrauen zu seiner Schwe­ster sagte, die Einzige war, welche ihm durch ihre tollen seine Vergangenheit berührenden Einfälle daS strahlende Glück deS neuen Lebens verbittere.

Elisabeth verhielt sich bei diesem Getpräch mehr schweig­sam, ihre Seele war von anderen Regungen als denen einer momentanen Nachelust erfüllt, sie mußte unwillkürlich denken, ob sie stark gewesen sei, ihr besseres Selbst zu be­haupten, wenn sie plötzlich aus dem engen Kreise des bür­gerlichen Lebens in die glänzende Sphäre der Herrschaft versetzt worden wäre.

Ein liebendes Herz ist eine Fundgrube mildernder Aus­flüchte. — Elisabeth beantwortete die Fragen ihres Innern mit nein — und fand in dieser Unvollkommenheit ihres eigenen Wesens eine Entschuldigung für den treulosen, doch immer noch innig geliebten Gemahl.

König Jeröme war, nachdem er die reizende Zigeunerin verlassen, schnell zu seiner Gemahlin in ein angrenzendes Cabinet geeilt, welche als Schäferin gekleidet war, und in dieser Hülle einen recht niedlichen Anblick darbot.

Die Königin, welche ihre gefürchtete Nebenbuhlerin, Sera-

des Disciplinarhofes für die Vergehen der nicht-richterlichen^ Beamten vom Jahre 1870—1876 und ist gegenwärtig^ noch Mitglied des Bundesamtes für das Heimatswesen. Obertribunalrath Hahn war bis zum Jahre 1864 Staats­anwalt in Breslau, Strehlen und Ratibor, wurde Rath beim oftpreußischcn Tribunal in Königsberg und im Jahre 1871 znm Obertribunalrath befördert. Derselbe ist außer­dem Mitglied des Gerichtshofes zur Entscheidung der Com- petenzconflikte und richterliches Mitglied deö Reichs-Eisen- bahnamteS. -Herr Delius war vor seiner im Jahre 1863 erfolgten Ernennung zum Rach am Appellationsgericht in Hamm ebenfalls Staatsanwalt und zwar in Heiligenftadt, wurde im Jahre 1868 zum Direttor der Untersuchungs- Abtheilung des Stadtgerichts zu Berlin befördert und im Jahre 1873 an das Obertribunal berufen. Derselbe ist ebenfalls Mitglied des Disciplinarhofes für die Vergehen nicht-richterlicher Beamten und fungitt außerdem als Vor­sitzender der Commission des Strafgefängnisses bei Berlin, der er in seiner früheren amtlichen Stellung als Direktor der Criminal-Abtheilung des Stadtgerichts ressortmäßig an­gehörte, in welcher Stellung er als außerordentliches Mit­glied und zugleich als Vorsitzender verblieben ist.

Wie die in Teschen erscheinende „Silesia" mütheilt, hat die deutsche Kaiserin Augusta dem Herrn Fürstbischof von Breslau zum 25jährigen Bischofsjubiläum ein Ecce homo= Bild in kostbarer Einfassung, zu übersenden die Gnade ge­habt. Am vergangenen Montag traf auch die Herzogin von Ratibor zur Gratulation ein. Dr. Förster feierte sein Jubiläum vor wenigen Tagen in Johannisberg, wo er — in dem österreichischen Theil des Bisthums — lebt, nachdem er als Fürstbischof von Breslau vom kirchlichen Gerichtshof abgesetzt worden. >

Da» „Wiener Telegr.-Corr.-Bureau" meldet aus Rom vom 28. d.: In Folge des Beschlusses der deutschen Re­gierung betreffs Auflösung von Vereinen hat die päpstliche Regierung an den deutschen Clerus Instruktionen gesendet, worin demselben empfohlen wird, der gedachten Maßregel keinen Widerstand entgegen zu setzen, rein religiöse Vereine aber bis zum Ausgange der eingeleiteten Verhandlungen aufrecht zu erhalten.

Zum Verständniß des britisch-afghanischen Konflikt ist es vor Allem nothwendig, die Beschwerden des Emirs Schir Ali von Afghanistan gegen die anglo-indische Re­gierung zu kennen. Einer ganz kürzlich in England von Phil. Robinson erschienenen Gelegenheitsschrift entnehmen wir die folgende Zusammstellung der Beschwerden, welche Schir W thells offen und seit längerer Zeit gegen die Regie­

rung des Vizekönigs von Anglo-Jndim formulirt hat, theils die eigentlichen Motive seiner Handlungsweise sind- Sie werfen ein klares, allerdings auch eigenthümliches Licht auf die Verhältnisse, welche sich dort vorbereiten, und sind vielleicht auch unseren Lesern willkommen.

Schir Ali ist der vierte Sohn des früheren Emir's DHost Mohamed und wurde von seinem Vater 1863 zum legitimen Erben seiner Herrschaft bestimmt, als solcher auch von Lord Lawrence englischerseits anerkannt. Kaum hatte er aber den Thron bestiegen, als zwei seiner älteren Brü­der, Afzul-Khan und Azim-Khan, nacheinander ihm die Herrschaft streitig machten. Der ausbrechende Kampf ent­schied gegen Schir-Ali, der sich durch die Flucht nach Tur­kestan retten mußte. Nacheinander erkannte nun Lord Law­rence erst Afzul- und dann Azim-Khan als rechtsmäßige Herrscher von Afghanistan an, bis Aacub-Khan, der älteste Sohn Schir Ali'S, ihm seine Krone wiebergewann, Afznl- unb Azim-Khan starben und nur noch ein Sohn Afzul's, Abdulrhaman, als Flüchtling in Rußland und von Ruß­land pensionirt lebt noch, aber so genau bewacht wird, daß er der Herrschaft seines Oheims Schi, Mi nicht gefährlich werden kann, was den Emir zu besonderem Danke gegen Rußland verpflichtet. Kaum hattte Aacub-Khan für feinen Vater gesiegt, so erfolgte die Anerkennung Schir Ali'S von Seiten der Regierung von Kalkutta ebenso schnell, als sie für die de facto Regierungen Afzul Khan's und Azim Khan's erfolgt war. Diese Bereitwilligkeit zur Anerken­nung seiner Brüder, die Schir Ali nur als Rebellen be­trachten konnte, hat der Emir nie vergessen können und sogar 1869 auf dem Durbar zu Umballa gegen den da­maligen Vizekönig Lord Mayo mit Bitterkeit zur Sprache gebracht, so daß man ihn nur durch den außerordentlichen Glanz seiner Aufnahme dort und säst königliche Ehrenbe­zeugungen beruhigen konnte. .. - - -

Weiter fühlt er sich durch den Schiedsrichterspruch ge­kränkt, nach welchem die anglo-indische Regierung die zwi­schen Kabul und Persim ftreitige Provinz SeistLn Persien zusprach, ebmso durch die Zurücksetzung, daß er auf der Konferenz in Peschawar 1876 nicht zugelassen wurde, ja sein Gesandter nicht zu Worte kommen durfte, und endlich durch die Besetzung von Quettah, diesem ^ugang zu Af­ghanistan. Für diese letzte Beschwerde, so'empfindlich und auch gefahrdrohend sie ihm sein mag, fehlt ihm allerdings jeder rechtliche Grund, denn Quettah gehört zu Khelat, nicht zu Afghanistan.

Unerschütterlich hat Schir W sich daher stets geweigert, einen englischen Gesandten, Residenten, Agenten oder Mili- tairbevollmächtigten in Kabul zu empfangen, um so mehr, da erfahrungsmäßig allen solchen Sendungen unausbleib­lich die mglische Einmischung in die inneren Angelegenhei-

phine le Camus, erkannt und in dem eleganten Schorn­steinfeger ihren Gemahl vermuthet hatte, war bis vor wenigen Minuten von den peinlichsten Gefühlen erfüllt gewesen.

Als sich ihr aber der Kammerherr mit diplomatischer Klugheit zu entdecken gewußt hatte, wandelten sich jene Ge­fühle in's Gegentheil um, und sie that ihrem geliebten Ge­mahl im Jmtern tausendmal Abbitte, daß sie eine Weile an seiner zarten Rücksicht und oft versicherten Treue zwei­feln konnte.

Königin Katharina wat eine zu gute und harmlose Natur, als daß ihr der Gedanke ax eine Uebetlistung ge­kommen wäre — sie machte ihrem Gemahl über seine Ent­fernung nicht den geringsten Vorwurf und gestattete mit wohlwollendem Herzen, daß der König sich nach einigen Liebkosungen wieder in fein Ankleidekabinet begab, obgleich es ihr eine Herzensfreude bereitet haben würde, wenn sie gerade jetzt einmal an feiner Seite die Säle hätte durch­wandern können.

Wohlwcißlich hütete sich aber Jerome, dies zu thun; er fürchtete, an der Seite seiner Gemahlin erkannt zu Wer­den, welche Folge ihn natürlich um die pikante und harm­lose Fortsetzung jener vielversprechenden Mianz gebracht haben Würde.

So lange als möglich wollte et feine wahre Gestalt vor der anziehenden Zigeunerin verdecken, und erst, wenn et feines vollständigen Sieges gewiß war, den König von Dem Besitz ergreifen lassen, was sich die Liebenswürdigkeit des Menschen im deutungsvollen Wortspiel erworben hatte.

Schnell warf Jeröme den Murmelthierkasten, der dazu bestimmt gewesen war, die Aufmerksamkeit der Versammlung auf's Höchste zu erregen, bei Seite und vertauschte sein Savoyardenkleid mit einem aus rother und weißer Seide bestehenden Matrosettgewande, welches, wie das erste, be­

rechnet war, die Schönheiten seiner jugendlichen Gestalt recht erkenntlich hervorzuheben.

Nachdem der König das Abbild derselben noch einmal wohlgefällig im Spiegel betrachtet hatte, eilte er in den großen Saal zurück, in welchem er nach langem vergeb­lichen Suchen endlich den Gegenstand seiner Sehnsucht am Arme des Türken erkannte.

In diesem Augenblicke trat ein Führer mit zwei ver­kleideten Bären in den Saal, welche durch ihre possirlichen Stellungen alsbald die Aufmerksamkeit aller Masken auf sich lentten. Es bildete sich schnell ein Kreis um die amü­sante Gruppe, und der Zufall wollte eS, daß die Zigeunerin und bet Matrose neben einander zu stehen kamen. Jerome hatte schon hin und her gesonnen, wie er sich seiner Er­wählten, ohne erkannt zu werden, nähern könne, und dankte dem Einfall jener Personen, der ihm die erwünschte Ge- legenhett so leicht ergreifbar zuführte.

Elisabeth, welche anfangs nicht auf ihre Umgebung ge­achtet hatte, lentte plötzlich ihren Blick zur Seite und er­kannte im Momente den neu Vermummten, der eine tiefe, absichtlich steife Verbeugung vor ihr machte.

„Lasse die Maske der Verstellung fallen," flüsterte sie ihm leise zu; „denn auch in dieser prächtigen Hülle und ttvtz der fremden Begrüßung erkeime ich meinen armen Savoyarden!"

„Jetzt vertraue ich deiner Kunst und deiner Treue," antwortete der Matrose — und nachdem er ihre Hand er­faßt hatte, — fuhr er flüsternd fort: „Komm, löse aber auch dein Versprechen, gib mir deine weisheitsvollen Zu- - kunstsauffchlüsse; denn ich bin aufs Höchste gespannt!"

„Jetzt geht es nicht," erwiederte Elisabeth, „die gehei­men Angeber des Königs würden ein Complot gegen sein Leben vermuthen, wenn wir beide uns allein entfernen würden."