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Marburg, Dienstag, 29. Oktober 1878 /
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„Wenn du das willst, so werde ich dir ein Erlebniß lug meiner Vergangenheit erzählen, dessen Erinnerung vor lllen anderen tief und unauslöschlich sich meinem Gedächt- »iß cingeprazt hat," erwiederte der Savoyarde, faßte hefig die Hand der Zigeunerin und fuhr nach einem langen Klick in'die dunklen Augen, die ihm durch die schwarze Umrahmung der Maske noch düsterer erschienen, mit be- begter Stimme fort: „Schon einmal ist mir auf meinem Lebenswege ein Weib deiner Art, dir zum Verwechseln ähnlich, an gleichem Ort entgegengetreten. Sie bannte ilich mit unwiedcrstehlicher Zaubermacht, sie weissagte mir irr'tzrde höchstes Glück, sie schwur, wenn anders kommen sollte, auch das tiefste Elend mit mir zu tragen! — Sie kt die Zukunft falsch vorhergesagt, es kam anders als P wähnte; ich habe sie verloren — verloren, hörst du.
Erscheint tSalich außer An den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JlluftrtrteS SountagÄblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckorer) bezogen 2‘t Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Psg. sexcl Bestellgebühr). — Jnsertivnsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
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alledem scheint es, daß der letzte Act des große» orientalischen Dramas bald beginnen werde. Wenn der Vorhang aufgezogen wird, wird man erst int Stande sein, die Scene klar zu übersehen — aber auch dann wird freilich wie bisher noch Manches sich hinter den Coulissen abspielen.
Mu Maskenball König Jeromes.
, von E. Sch.
(Fortsetzung.)
Aber Elisabeth dämpfte ihre Erschütterung nieder, sie gedachte an das Wohl ihres Kindes und überwand das unsägliche Weh, das ihr ein augenblickliches Nachdenken über die Unbeständigkeit und Vergeßlichkeit deö menschlichen Herzens bereitet hatte. —
„Du weißt noch nicht Alles," sprach sie nach einer Weile im allen neckischen Ton, „gib mir deine Hand und dann sollst du erst über meine Weisheit erstaunen!"
Jerome, der Elisabeths Bewegung für einen Anflug mädchenhafter Schüchternheit gehalten hatte, hielt ihr jetzt die sorgfälttg gepflegte Hand hin, und sie dachte eben darüber nach, wie sie am geschicktesten diese Linien deuten könne, als der bewußte, elegante Schornsteinfeger zu ihr trat und ihren Gefährten einen Augenblick bei Seite führte.
„Ew. Majestät roerrett schon seit einiger Zeit von der Königin mit größter Sorge gesucht, flüsterte der Kammerherr, ich bemühte mich bis jetzt vergeblich, Ew. Majestät aufzufinden und danke den guten Geistern, daß es endlich keinen andern Augm gelungen ist."
„Ich auch," erwiederte Jerome; „denn sonst wäre die Freude im Keime erstickt. — Aber, mein lieber Baron, Sie stören mich zur ungelegensten Zeit, und ich möchte lieber meine Juwelen,. alÄ das .Pe^rchgeu der nächsten Augenblicke eingebüßt haben." ...
„Ich bedaure unendlich," erwiederte der Kammerherr mit einer tiefen Verbeugung, „aber ich empfehle Ew. Majestät die Fortsetzung jenes Genusses in der nächsten halben Stuude, für deren Ungestörtheit ich dann, wie eben, eifrigst Sorge tragen werde!"
„Eh bien, mein lieber Baron, Sie haben Recht," sprach Jerome rasch entschlossen, beurlauben wir uns fünfzehn Minuten vom idyllischen Glück und tragen wir eine viertel Stunde die königliche Last! — Melden Sie der
Der „Reichsanzeiger" publrcirt die Ernennung deö Ministers Grafen zu Eulenburg zum Vorsitzenden der Beschwerdekommission, sowie des Unterstaatssecretärs Bitter zu seinem Stellvertreter. Außerdem veröfientlicht der „Reichsanzeiger" die von der Regierung von Schleswig auf Grund des Socialistengesetzes gegen die Volksvereine „Arbeiter-Sängerbund" und „Bildungsverein für Arbeiter" in Flensburg und den socialdemokratischen Wahlverein in Rendsburg ergangenen Verbote; ferner das Verbot der Leipziger Kreishauptmaiinschaft gegen die Druckschrift „Die Religion der Socialdemokrasie."
Es war in den Blättern davon die Rede, unser hochbetagter Kaiser werde, um sich die Last der Regierungsge- schäfte zu erleichtern, künftig «inen Theil derselben dem Kronprinzen überlassen und sich selbst namentlich nnr die militärischen und diplomatischen Angelegenheiten Vorbehalten. Indessen hat eine solche Thciluiig ihre Schwierigkeiten und man . ist schon wieder davon zurückgekommen, wenn der Gedanke überhaupt irt Erwägung gezogen sein sollte. Der Kaiser fühlt sich auch so sehr wieder gekräftigt, daß er schon daran dachte, bereits in Wiesbaden wieder sich den Regierungsgeschäften zu unterziehen. Indessen hat Se. Majestät sich schließlich dafür entschieden, erst in Berlin die Negierung zu übernehmen. Mit dem Gange der Dinge in Berlin während seiner Abwesenheit ist der Kaiser nicht sehr zufrieden. Er hatte gehofft, sein schweres Leiden sei ihm durch die Vorsehung auferlegt, um dem deutschen Volke eine heilsatne Warnung zu geben und eine 'Wendung zum Besseren herbeizuführen. Einigermaßen ist es ja auch geschehen, aber auch nicht in dem Maße, wie der Kaiser gehofft hatte; namentlich ließen ihn die Wahlen in Berlin unbefriedigt. Auch fand er bei den Verhandlungen über das Socialistengesetz, daß die Socialdemokraten und theilweise auch die Ultramontancu einen fast zu freien Spielraum gehabt, um ihre Galle gegen die bestehende Ordnung der Dinge auszulassen. So wird von verschiedenen Seiten gleichmäßig berichtet, und es scheint, daß der Kaiser wünscht, daß aus seinen Ansichten kein Hehl gemacht werde.
Bekanntlich werden Gesetze gegeben, um umgangen zu
!n,eigen nimmt emgegen: rte Expedition d.Blatte-, owied.Annomen-Bureaux j
Tb- Dietrich 4 Co. w i Mel und Hannover; Ib. g ßietrid) iw Fran kfurt a.Ai.; I iflflftnltein 4 Bögler in s tanffurt a M., Berlin,
i eipzig. Cöln ic.; Rudolf - Refft in Berlin, Frankfurt a. Ai. rc.
,Müßte fle, mit Wem sie spricht und wie tief ihre Sorte mein Lebensschicksal berühren!" dachte der kö- ligliche Savoyarde, und dann sprach er gedankenvoll und ICl Hit bewegter Stimme: „Ja, du hast Recht, ich bin trotz '28d6 »einer Jugend weit in der Well herumzekommen, ich habe t )vhe und Niedere, Könige uno Bettler kennen gelernt." ---- „So gib mir etwas von deinen Erlebnissen zum Besten iti> laß den Kopf nicht so hängen! Hier ist nicht der )rt, ein trüber Gast zu sein, König Jerome will eure eitere Gesellschaft um sich sehen, und wenn du seinen Sunsch recht lustig erfüllst, so werde ich dir auch später ine glückliche Zukunft voraus verkünden!" sprach die Zl- eunerin und hob mit einer anmuthigen Bewegung daö rrgcneigte Haupt ihres Gefährten ein stein wenig in die
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Konstantinopel als eine sehr ernste bezeichnet. Und da« ist sie in der That. Die Pforte wird schwerlich allein im Stande sein, die Gefahr, welche ihr droht, zurückzuweisen; denn es läßt sich vermuthen, daß diesmal auch Griechenland nicht unthätig bleiben wird, nachdem die Pforte hinlänglich gezeigt hat, daß sie gutwillig sich den Beschlüssen des Berliner Congreffes in Bezug auf eine Gebietsabtretung an Griechenland nicht fügt. Wie im vorigen Jahre der nördliche Theil der Balkanhalbiusel gegen die Pforte unter Rußlands Führung in Waffen stand, so scheint sich jetzt eine gleiche Erhebung des südlichen TheileS vorznbe- reiten — und das Ende dürfte wohl ein gänzlicher Zusammenbruch der europäischen Türkei sein — wenn nicht die Antipathie zwischen Rußland und Griechenland oder zwischen Slawen und Griechen die Pforte noch für eine kurze Zeit rettet. Bekanntlich hatten die Russen zu dem von ihnen geschaffenen Neu-Bulgarien auch einen großen, Theil des von Griechen bewohnten Maccdoniens geschlagen, wie denn überhaupt Rußland nie einer Stärkung des griechischen Elements auf der Balkauhalbinsel günstig gewesen ist. Es fragt sich deshalb, wie ftch die Griechen bei dem jetzigen Aufstand verhalten,.welche Bedingungen sie stehlen und welche Bedingungen ihnen Rußland gewähren wird. Die Cst'iechM wird die Behandlung, welche Serbien und MumätziM seitens der Russen erfahren haben- vorsichtig mache». Es ist deshalb, wenn sie sich überhaupt an der Sache betheiligen, wohl.anzunehmen, daß sie auf eigene Hand Vorgehen und sich nicht, tote Rumänien, unter russi-, scheu Oberbefehl stellen toerdcn. Es kommt aber gerade für Griechenland sehr viel darauf .an, wie sich England zu der ganzen neuen Bewegung stellen wird; denn mit seiner Flotte kann England die Griechen, im Zaume halteu. Wird England für die Pforte das Schwert ergreifen oder wird es sic ihrem durch ihre eigene Hartnäckigkeit gegen die Bestimmungen des Berliner Vertrages selbst hervorgerufenen Schicksale überlasten2 Das ist die Frage, an welcher jetzt Alles hängt? Für England scheint sich die Sache aber dadurch besser gestaltet zu haben, als es, wie man glaubt, ^Frankreich auf seiner Seite hat. Es soll nämlich in Voraussicht, daß: die Türkenherrschaft nicht zu halten sei, mit Frankreich einen Vertrag abgeschlossen haben, welcher Frankreich seine» alten Einfluß in Syrien und Palestina garan- tirt unddie Verwaltung der nordafrikanischen Länder regu- lirt. In Frankreich aber ist in Voraussicht der Dinge, die da kommen werden, in der letzten Zeit in den Marine- Arsenalen außerordentlich gerüstet worden. Die Spitze dieses Vertrages ist jedenfalls gegen Rußland gerichtet, aber schwerlich wie im Krimkriege zur Aufrechterhaltung der europäischen Türkei, sottdern zur Zurückdrängung russischer Ansprüche bei der Theiluug der untergehenden Türkei. Nach
schöne Maske! und da du willst, daß ich lustig und nicht traurig sein soll, so bedarf ich gerade heute einen Ersatz für meinen Verlust; ich habe dich dazu ersehen, denn du bist vom Seheidel bis zur Fußzehe ihr Ebenbild! — Dürfte ich mir einmal die Maske ein wenig lüften," sparch der Savoyarde nach einem momentanen Schweigen und rückte seiner Gefährtin etwas näher — „der Anbick würde mir sicher die Vergangenheit wieder ganz zur Gegenwart machen. —
„sind mich um die Zukunft meiger schönen Aufgabe berauben," siel die Zigeunerin rasch «ein und wehrte des Savoyarden Hand zurück, die sich bereits anschickte, das Band der Maske zu lösen.
„Laß uns Beide so die wenigen Stunden vereint genießen, das Geheimnißvolle hat einen eigenen Reiz, und die Alles erforschende Polizei König Jewme's hat nicht nöthig, Sr. Majestät ein neues Vergehen gegen die vorge- schriebenc Ballordnung zu melden!" —
„Du scheinst die Könige und auch den jungen König, unseren Gastgeber, sehr zu scheuen," sprach Jerome und ließ sein Murmelthier einige lustige Sprünge machen.
„Bewahre, nein," antwortete die Zigeunerin, „aber ich suche die Könige auch nicht, ihr Umgang stört bei unseres. Gleichen stets die harmlose Gemächlichkeit, die nun einmal nicht der glänzendste Stein in den Kronen der Erde ist!"
„Wie glücklich bin ich, daß ich ein Savoyarde bin; denn sonst wäre cs mir nimmer gelungen, schöne Maske, deine Gunst zu erringen und deiner geistvollen Worte zu' lauschen, die einen König beglücken könnten," sprach Jerome mit sichtbarer Bewegung und legte seine Hand leise um den schönen Nacken seiner räthselhaften Genossin. • •
Bei dieser Berührung überflrllhete den Nacken ein leichtes Roth, ein flüchtiges Beben durchzog die stolze Erscheinung und einen Moment versagte ihr die Lippe das Wort.
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sie orientalische Frage wir- wieder brennend.
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Auf der Balkanhalbinsel hat man bis jetzt wenig davon emerkt, daß in Berlin der orientalische Friede geschlossen st. Derselbe steht -bis jetzt blos auf dem Papier und der »nze Berliner Fricdenscvttgreß hat nur die Bedeutung, daß t den Ausbruch des Krieges zwischen England und Ruß- and wenigstens bisher verhütet hat. Auf tote lange, das st freüiefy eine heikle Frage. Auf der Balkanhatbinsel selbst ch-Zch der.Kriegszustand bis. jetzt noch nicht in deg Frie- mHnstand verwandelt. Im Gegentheil ist daselbst inzwischen ßerMs ein neuer Krieg geführt worden zwischen Oesterreich jttnft dm aufständischen Bosniake», welche sich der österrcichi- chql Oeeupation widersetzten; die Russe« stehm nock) inpner- mit. 200,000 Manu bei Adrianopel, der Friede zwischen ßhiM und der Türkei ist noch immer nicht unterzeichnet unfe” sie haben neulich erst erklärt, sie würden das Land nicht lebet räumen, bis der Sultan ihre Friedensbedittgungcn genehmigt habe. Um das Maß voll zu machen, ist nun in wn letzten Tagen der Aufstand in Rumelien und Mace- >o«tn aus's Neue ausgebrochen, und die Pforte beschuldigt tu einem Rundschreiben die in Südbulgarien bestehenden, den slawischen Comitö's unterstützten, Comite s, das heißt mit nnbeteh Worten die Russe«, daß sie den Ausstand ge- schiftt hätten.
Auch in einem cm ben russischen Gesandten Lobanoff gesichteten Schreiben erhebt die Pforte diese Beschuldigung uub fordert die Russen auf, den unter, ihren Augen ent« lHdmeu Aufstand zu unterdrücken. Sie scheutt aber selbst licht anzunehmen, daß die Russen das thun . werden und märtet vielmehr, daß gnch die. Russen die Feindseligkeiten »ieber aufnehmen und gegen Konstantinopel marfchircn »erden. In Konstantinopel bereitet man sich deshalb in Aer Eile auf eine russische Belagerung vor. Der Sultan i»t den englischen Gesandten gefragt, ob Ettglaud der Pforte ctive Unterstützung in dem wieder ausbrecheuden Kriege eisten werde. In London haben in den letzten Tagen mehr- Ahe Ministerberathungen stattgefunden und der englische fwanzminister hat in einer öffentlichen Rede die Lage in