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Marburg, Sonntag. 20. Oktober 1878

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/ Eins bet lieblichsten Bilder aus der Jngendgeschichte !722rr- Martin Luthers ist das, wie er als Currendcschüler «t seines Gleichen vor den Thüren der Häuser in Eisenach »eht iind sich mit Singen seinen Unterhalt verdient, und Die Frau Cotta den kleinen Sänger in ihr Haus und an Pren Tisch nimmt. Db dieses Armeschüler-Institut schon dor Einführung der Deformation auch in Marburg bestand, iißt sich wegen Mangels an Nachrichten nicht mittheilen. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts bestand aber ein solches Institut hier, das auch von auswärtigen Knaben frequentirt Darb. Der Eintritt in dasselbige hing von der Erlaubnlß des Stadtrathes ab. War der sich Anbietende für tüchtig Kunden, dann erhielt er ein Zeichen, das ihn berechtigte,

Umfingen ein für allemal ein Ende machte. Namen derSingschüler" lebt jenes Institut fort. Diese Knaben müssen allsonntäglich in erscheinen und da den Gesang helfen führen. Zinsen der Stiftungskapitalieu u. a. werden

andern die Stichwahl in Moulins, wo Gainbetta's Schütz­ing, Vigne, gegen den noch radikaleren DataS durchfiel, z» Bourges tagte am 11. und 12. October eine interna-

und erhalten außerdem noch freien Schulunterricht. In dem sturmbewegten Jahre von 1830 kamen die Singschüler der Pfarr- und St. Ellsabethgemeinde bei der geistlichen Behörde ein, ihnen zu gestatten aufs Neujahr wieder um- zustngen, wurden aber abschlägig beschieden und es er­hielt ein jeder Schüler ein für allemal einen Gulden aus dem Stadt-Armenfond.

4) ««»riehen UN» Hake« »«r virkenmatze« v»n »en «naben »er Schüycuschule in »et Schülerhecke bei Ockers- Hause«.

Auf dem Platze neben dem Pfarrkirchhofe, auf dem jetzt das Kuabenschulgebäude steht, stand bis zum Jahr 1825 ein altes kleineres Gebäude, in welchem die Knaben der lutherischen Stadt-Pfarrgemeinde von 3 Lehrern, dem Rector, Conreetor und Cantor unterrichtet wurden. Diese schule nannte man lateinisch schola civitatis, Stadtschule auch Schützenschule und war zugleich Borbereitungsschule für

tionale Versammlung von 40 katholischen Rechtskundigen, die sich mit den die katholischen Interessen bedrohenden Ge­fahren beschäftigte.

Wie vorher zu erwarten war, hat die englische Re­gierung in der afghanischen Frage nichts überstürzt. Die Vorbereitungen zu dem Kriege werden langsam, aber nach­drücklich fortgesetzt, und Niemand in England entzieht sich der Ueberzeugung, daß angesichts der beleidigenden Haltung des Emirs eine Sühne unbedingt nöthig ist, selbst wenn sie viel Blut und Geld kosten sollte. Durch seinen Bot­schafter in Konstantinopel sucht England die erstrebte Schutz­herrschaft über Kleinasien zu verwirklichen, weigerte sich aber bisher, der Pforte eine finanzielle Unterstützung zu Theil werden zu lassen.

Während die Pforte ununterbrochen mit Layard wegen Durchführung von Reformen in Kleinasien unterhandelt, ist der Rückmarsch der russischen Truppen wieder ins Stocken gekommen. Nach dem Abmarsch der russischen Truppen sollen sich die Mohamedaner großer Ausschreitungen schuldig gemacht haben und die Russen weigern sich nun im In­teresse der angeblich bedrohten christlichen Bevölkerung, die noch besetzten Ortschaften zu räumen. Ueber diesen Punkt finden Verhandlungen zwischen der Pforte und Rußland statt. Der russische Botschafter Fürst Lobanoff ist nach Adrianopel abgereist, um mit dem General Totleben an­geblich wegen der Maßregeln zu berathen, die hinsichtlich der christlichen Flüchtlinge, welche den abziehenden (Solennen der russischen Truppen gefolgt sind, zu ergreifen wären.

Aus Konstantinopel, 18. d. Die internationale Commis­sion für Ostrumelien beschloß, spätestens am 26. ds. in Philippopel zusammenzutreten, um über die Frage der Uebernahme der Finanz-Organisation Ostrumeliens durch die Ottomanische Bank schlüssig zu machen. Die Pforte beschloß die Entsendung einer Militär-Commission in das Rhodopegebirge, um die dortigen Insurgenten zur Nieder- legung der Waffen zu bestimmen. Aus Belgrad, 18. d. Der türkische Delegirte für die Grenzcommission ist hier eiiigetroffeu. Auf Ersuchen Oesterreichs beeilte sich die Re­gierung, die in Serbien weilenden bosnischen Flüchtlinge, deren straffreie Rückkehr zugesichert wurde, in ihre Heimath zu senden.

London, 18. Okta DasReuter'sche Bureau" meldet aus Konstantinopel vom 17. d.: der Sultan theilte gestern Layard mit, er habe ein Schreiben an den Emir von Afghanistan abgeseudet, worin er diesen ersychte, die Dif­ferenzen mit England freundschaftlich auszugleichen. Der Sultan habe aufs neue die Versicherung ertheilt, daß er die vorgeschlagenen Reformen einführen werde.

Belgrad, 18. Okt. Gestern trat unter dem Vor­sitz des Metropoliten die Synode zusammen, gebildet aus bett Bischöfen von Risch, Regotin, Schabatz, Pirot und Ufice.

Konstantinopel, 18. Oktober. Die Uebergabe von Vranja an Serbien und von Kossina an Montenegro ist erfolgt.

letzten Zeile hätten sie bann manchmal gesungen:Auf der Hobestatt wohnt der Jammer." Der Schuster, hierüber entrüstet, habe daun den inzwischen Reißaus nehmenden Knaben anstatt Zahlung Schimpfworte aus dem Fenster reichlich nachgesandt. Im Jahre 1804 wurde nach An­hörung des lutherischen Ministeriums durch einen Beschluß des fürstlichen ConfistoriumS vom 13. September j. I. bett armen Schüler das Umfingen untersagt und die Zahl der 12 Schüler, welche in der Pfarrkirche zu singen hatten, auf 6 herabgesetzt. Trotz des Verbotes sangen die Knaben dennoch zu Weihnachten und Neujahr vor den Thüren, bis die bereits erwähnte westphälische Polizeiverfügung dem

Ehemalige Marburger Gebräuche.

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3. Da» Singe« »er armen Schüler.

nit den armen Schülern in der Stadt umzugehen. Unter en hiesigen Bewohnern fanden sich auch solche, welche das lnrrendeschüler-Jnstitut unterstützten. Zu diesen gehört der im Jahre 1603 verstorbene hiesige Bürger Valentin Werner. In seinem am 8. Juli 1602 hinterlegten Testament legirte tt 1000 Guldenfür tone Bürgerskinder und junge an­gehende Schüler, so umS Brot singen", mit der Bestim­mung, daß die Zinsen dieses Capitals wöchentlich an die atmen Schüler zur Vertheilung kommen sollten. Fünf- iuidzwanzig Albus wurden wöchentlich von dem dritten Hehrer an der Schützenschule, der später den Titel als Kantor und Musikdirector an der Pfarrkirche erhielt, bei dem Stadtkämmerer erhoben und vertheilt. Eine zweite Stiftung vom Jahr 1638 ist von Meinhard Bauer über 100 Gulden Capital und eine dritte vom Jahr 1644 vom Acentiaten Jost Wilhelm Krug über 20 Sutten Capital. Die Zinsen bet Baucrschen Stiftung sollten am Agneten-

Deutsches Reich.

* Berlitt, 18. Oct. Das Todesurtheil gegen den des Raubmordes angeklagten Thürolf ist auf Grund be« vom Justizminister erstatteten Berichtes in Gemäßheit des in diesem Bericht gestellten Antrages in lebenslängliche Zuchthausstrafe umgewandelt worben. Der Antrag des Justizministers auf Umwandlung der Strafe kann nach Lage der Sache nur dadurch begründet fein, daß vom ju­ristischen Standpunkt der Beweis, da» Verbrechen verübt zu haben, gegen Thürolf nicht vollständig geführt ist. I» solchen Fällen ist nicht blos unter der Regierung des jetzigen Königs, sondern wohl jeder Seit die Vollziehung des TodeS- urtheils unterblieben. Der Kronprinz zumal konnte in seiner stellvertretenden Regierung nach der allseitigen Lage der Verhältnffse eine Entschließung gegen den Antrag des Justizministers nicht wohl treffen. Die Frage wegen Verlegung des Oberpräsidiums der Provinz Schleswig- Holstein von Kiel nach Schleswig wird in der Thal, wie mehrere Blätter richtig melden, in der nächsten Sitzung des Staatsministeriums zur Enffcheidung kommen. Was aber die Blätter über die Stellung der einzelnen Minister, be-

Tagesdericht.

In Reichstagskreisen besteht die Hoffnung, daß die Berathung des Socialistengesetzes heute, Sonnabend zum Abschluß gelangen wird. Es ist davon Abstand genommen, zur Berathung des bekannten Antrages Stumm noch eine Sitzung aiizuberaumen, vielmehr wird der Schluß der Session unmittelbar nach der Beendigung der dritten Le­sung des Socialisteligesehes erfolgen, eventuell soll Sonn­abend Abend noch eine Abendsitzung abgehalten werden.

Neu -sie Orient - Nachrichten:

Wien, 18. Okt. Meldungen derPolit. Correspon- denz;" Aus Athen, 17. d. Ministerpräsident KumunduroS stellte in der Kammer die Vertrauensfrage. Der Oppo­sitionsführer TrikupiS dagegen beantragte, den seitens der Regierung geforderten Credit von 12 Millionen zu ver­werfen, bte Armeereserven zu entlassen und alle militäri­schen Vorbereitungen zu sistiren. Die europäische Diplo­matie macht kräftige Anstrengungen, eine Verständigung zwischen Griechenland und der Türkei herbeiznführen. tag und die der Krugschen am Wilhelinstag zur Verthei­lung kommen. Mit den armen Schülern wurde der Kirchengesang m der Pfarrkirche und zu St. Elffabeth, so­wie der Gesang bei Leichenbegängnissen geführt. Beim Umfingen durch die Stadt trug der jüngste die Geldbüchse und ein anderer die Kötze oder den Korb. Die Knaben fangen jedesmal vor einem Hause einen oder zwei Verse eines Liedes und bann gingen sie weiter. War ber Gesang zu Ende, so erschallte der RufSchüler!" Hierauf öfs- nete sich das Fenster und ein in Papier gewickeltes Geld­stück flog auf die Gasse, oder es erschien Jemand aus dem Hanse in der Hausthür und überreichte eine Gabe für den Korb. Die Geldbüchse ber 12 armen Schüler bei der Pfarrkirche wurde monatlich zweimal geleert und der In­halt durch einen der Pfarrkirch-Schullehrer an die Knaben vertheilt. Dazu wurden sie noch von Kopf bis zu Fuß gekleidet: sie trugen Mäniel, Blöcke, Hosen rc. von blauem Tuche und schwarze Hüte. Sämmtliche Kleidungsstücke wurden mit Stiftungszinsen, mit den Geldgeschenken, welche die Knaben mit Singen bei Hochzeiten verdienten, u. a. be­zahlt.

Daß die armen Schüler bei ihren Umgängen sich mit­unter auch Schelmereien erlaubten, läßt sich wohl benfem So wurde z. B. dem Schreiber von einem verstorbenen Freunde, dessen Bruder auch bei den armen Schülern ge­wesen war, Nachstehendes erzählt: Im Anfang dieses Jahrhunderts wohnte auf der Hofstatt ein schuster, Na­mens Jammer, den die Knaben auf ihrem Umgänge mit­unter zu necken pflegten, aber dafür allemal leer auSgingeu. DcS Schusters Lieblingslied fei gewesen: O Seele laß eS gehen, o Seele laß es stehen, wie'S jetzuud geht und steift. Halte liebe Seele still, stille, stille, still, stille, beim denn das ist Gottes Wille. In uusers Hei-zens Kammer wohnt nichts als Noth und Jammer rc., anstatt der

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte», s owie b. Annoncen-Bureaux von G- L- Daube & So. in Frankfurt a. M; Jäger'sche Buchhandlung daselbst; Hermann'sche Buchhandl. daselbst; Jnvalidendank in

Berlin; W. Thiene» in Elberfeld; C. Schlotte in

Bremen.

ImeiaeH nimmt emgegen: ieErpeditioud.Blatte», Lgü d.Annoncen-Bureaur on Tb- Dietrich & So. in lofltl und Hannover; TH. gurich in Frantsurl a.M.; - ,, istnftein L Vogler in . -j tffurt e- M., Berlin, ^jig, Cöln rc.; Rudolf Rgffe in Berlin, Frank­furt a. M. ic

Unseres Kaisers Genesung schreitet in durchaus erfreu- cher Weise fort, doch sind die Aerzte der Meinung, daß s noch nicht rathsam sei, wenn Kaiser Wilhelm jetzt schon »jeder die Last der RegierungS-Geschäfte auf sich nehmen Me. Es ist demnach angcorbnet worden, daß derselbe Mk. ch vorerst nach Wiesbaden begeben solle, während die Kai- irin in Koblenz verbleibt. Für den Aufenthalt in Wies- adm ist eine längere Zeit ins Ange gefaßt. Der Reichs- ag beschäftigte sich im Verlaufe der verflossenen Woche mit er Weiterberathung deS Sozialisten - Gesetzes in zweiter lefung und beendigte am Mittwoch dieselbe bis auf einige saragraphen, die nach der Sitzung durch Compromiß-An- räge der beiden conservativen nutz der nationalliberalen raktion ihre Erledigung fanden. Freitag fand die dritte iesung statt. Dem preußischen Kultusministerium liegt «genblicklich ein Entwurf zu einer Reform des Mcdiziual- »eseus zur Berathung vor. Am 14. October verließ die iorvettePrinz Adalbert," auf welcher Prinz Heinrich, der »eite Sohn unseres Kronprinzen, eine zweijährige Uebungs- chtt unternehmen wird, den Hafen von Kiel.

In U n g a r n hat nach langem Verhandeln TiSza cinsi- veilen bas durch Szell's Rücktritt erledigte Finanzministerium bernommen, während Freiherr v. Wenckheim an seiner Stelle Minister des Innern geworden ist. Das Ministerium tisza wird nunmehr die Geschäfte bis zum Zusammentritt «s Parlaments, welches eine endgültige Entscheidung treffen suß, fortft'chren. In Oesterreich ist v. Prelis mit der Bilbung eines parlamentarischen Ministeriums beauftragt ovrden, bock ist es noch nicht gewiß, ob er diese Aufgabe Md lösen können. DaS letzte türkische Rundschreiben hat n Oesterreich einen sehr ungünstigen Eindruck gemacht und «r Pforte selbst bei ihren Freunden geschadet. Es ist be- AtS ein Antwortschreiben ergangen und der Inhalt beS- klben ist nicht weniger scharf als derjenige der türkischen lote. In den besetzten Gebieten Bosniens und ber Her­zegowina sind Kämpfe von größerer Bedeutung nicht mehr rorgetommen, so daß die österreichische Regierung bereits >ie Demobilisirung von vier Divisionen und einer Brigade «schloffen hat. Diese Truppentheile sollen sogleich in ihre

__ Ilten Garnisonen zurückkehren.

Am 11. Oktober verschied plötzlich, obwohl feit Jahren eidend, in Lancey an der Grenze feines Heimathlanbes a Savoyen, der Bischof von Orleans, Msgr. Dupanloup. Vas zweite Ereigniß der Woche in Frankreich ist nicht 9 BambettaS Rede in Grenoble, die ungewöhnlich zahm war,

CMdbeint täalicb außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchenllichen BeilageIlluftrirteS SauntagSblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf».

. .. i Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.